Zehn Komponistinnen über 100 – Eine Hommage zum Internationalen Weltfrauentag

Komponistinnenschlüssel (created by Carlotta Rabea Joachim)
Komponistinnenschlüssel (created by Carlotta Rabea Joachim)
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Komponistinnenschlüssel (created by Carlotta Rabea Joachim)

Über die Frage „Wie alt sind Sie eigentlich?“ spricht man eigentlich nicht. Aber über Komponistinnen spricht (und schreibt) man. Ich jedenfalls. Aus Spaß an der Freud‘ habe ich mich auf die Suche nach den zehn ältesten Komponistinnen gemacht. Das ist selbstredend als Ehrerbietung zu verstehen. Nicht nur am Internationalen Weltfrauentag… Fangen wir also an.

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Platz 10
100 Jahre und 244 Tage: Wally Karveno
(* 14. Oktober 1914 in Berlin; † 15. Juli 2015 in Paris)

Über das Leben der Komponistin und Pianistin Wally Karveno gibt es nur wenige Informationen. Bei YouTube trifft man auf ein Video aus dem Jahr 2011. Hier spielt die damals 97-Jährige in einem Schwarzwälder Kurhaus Klavier. Der Clip ist von wirklich schlechter Qualität – und irgendwie bin ich ohnehin nicht so der Fan von „Look how this old Lady plays the piano“-Videos. Deshalb verlinke ich hier nicht. Denn sie hätte mehr Anerkennung verdient als die Zurschaustellung ihrer Rest-Fähigkeiten (die erstaunlich gewesen sein mögen).

Karveno wurde wenige Monate nach Beginn des Ersten Weltkriegs in Berlin geboren. Mit 13 Jahren spielte sie bereits das Klavierkonzert von Robert Schumann. Später arbeitete sie offenbar als Korrepetitorin an der Staatsoper Berlin und am Stadttheater Bern. Auf der Seite des Vereins „Musik auf der Hoehe“ habe ich noch folgende Informationen über Karveno gefunden: „Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde sie in Limoges als vermeintliche deutsche Spionin verhaftet, aber nach sechs Wochen wieder entlassen. Danach wurden sie und ihre Schwester als Deutsche im Lager Gurs [Pyrenäen] interniert. Nach der Niederlage Frankreichs und der Etablierung der Vichy-Regierung kehrte sie mit ihrer Familie nach Limoges zurück und arbeitete dort bis Kriegsende als Klavierlehrerin und Organistin. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde sie französische Staatsbürgerin, zog wieder nach Paris, heiratete, bekam drei Kinder und erwarb sich als Klavierlehrerin, Pianistin und Komponistin einen guten Ruf in der französischen Musikwelt. Sie konzertierte als Klaviersolistin in Frankreich, Deutschland, den Beneluxländern und auch mehrmals in den USA, wo sie unter anderem den Solopart in dem von ihr komponierten ‚Concertino‘ für Klavier und Orchester übernahm. Sie wurde für ihre Verdienste um das Musikleben Frankreichs mit den Orden ‚Les palmes academiques‘ und ‚L’ordre national du mérite‘ ausgezeichnet.“

Am 15. Juli 2015 starb sie mit 100 Jahren in Paris.

Platz 9
101 Jahre und 359 Tage: Elsa Respighi
(* 24. März 1894 in Rom; † 17. März 1996 in Rom)

Elsa Olivieri-Sangiacomo wurde 1894 in Rom geboren. Sie galt früh als hervorragende Sopranistin und schrieb sich im Jahr 1915 – begleitend zu ihrem Gesangsunterricht – für ein Kompositionsstudium bei Ottorino Respighi (1879-1936) an der Accademia Santa Cecilia in Rom ein. Die 21-jährige Sängerin und Komponistin und der 36-jährige Komponist und Dirigent verliebten sich ineinander und heirateten 1919. Nach dem Tod ihres Mannes im Jahr 1936 engagierte sich Elsa Respighi durch Gründung von Initiativen für die musikalische Bildung in ihrem Heimatland, stand fortan aber vor allem als Botschafterin für das Fortleben des Oeuvres Ottorino Respighis.

Nun gut. Es waren andere Zeiten.

Respighi komponierte drei Opern und vor allem Werke für Sopran und Orchester, die sie mit ihrem dirigierenden Mann als Sopranistin im Team aufführen konnte. Elsa Respighis Werke sind erfrischend reizvoll von der musikalischen Exotismus-Faszination des frühen 20. Jahrhunderts geprägt. Man höre beispielsweise das dritte Lied („La muerte del Payador“) aus den „3 Canzoni su testi spagnoli“ aus dem Jahr 1917. Ein Liebes- und Abschiedslied in Kombination. Eine Lautenimitation im Klavier. Debussy lugt ein wenig – ja, genau: exotistisch – zum (traurig angesungenen) Fenster hinein. Bald kommt eine zweite Oberstimme im Klavier hinzu; wie die Ergänzung zum Gesang, wie ein Duett, bei dem die eine Stimme textlos mitsummt…

Platz 8
102 Jahre und 261 Tage: Grete von Zieritz
(* 10. März 1899 in Wien; † 26. November 2001 in Berlin)

Grete von Zieritz‘ Vater arbeitete beim Österreichisch-Ungarischen Heer als Offizier – und so zog die Familie von Wien nach Innsbruck, nach Lemberg (damals k. u. k.) und schließlich nach Graz. Man kam nicht umhin, die junge Grete als „Wunderkind am Klavier“ zu betiteln; doch bald entschloss sie sich ganz bewusst für eine Laufbahn als Komponistin und ging nach Berlin, um bei Franz Schreker zu studieren. Bereits vor Beendigung ihres Studiums bei Schreker (1931) wurde Zieritz mit Preisen ausgezeichnet und erhielt lukrative Kompositionsaufträge, pflegte intensive Kontakte zu Kolleg*innen in mehreren Ländern des Ostblocks, schuf dementsprechend politische Werke, setzte sich für den internationalen Friedensprozess ein – und konnte bis ins hohe Alter hinein komponieren.

Mit ihren „Japanischen Liedern“ hatte von Zieritz 1919 ihren ersten Erfolg eingefahren. Die Triangel schnalzt, der Sopran ergeht sich in erotischsten Girlanden. Post-Wagnerscher Wahnsinn mit interessanter Beethoven-(!)-Zwischenklangsdramatik, die schließlich in herrlichste Exotismusklangflächenverschiebungen mündet. Ganz seltsame, tolle Musik.

Platz 7
103 Jahre und 81 Tage: Adele Bloesch-Stöcker
(* 21. Juni 1875 in Gummersbach; † 10. September 1978 in Winterthur)

Adele Bloesch-Stöcker wurde 1875 in Gummersbach geboren – noch bevor der dortige weltbekannte Handball-Verein VFL Gummersbach (1923) gegründet wurde. Bloesch-Stöcker machte sich vor allem als Geigensolistin einen Namen, komponierte ein großes Violinkonzert – und musizierte beispielsweise zusammen mit dem Schweizer Dirigenten und Komponisten Othmar Schoeck. Von Bloesch-Stöckers Werken habe ich (natürlich?) keine Aufnahme gefunden.

Schade. Dafür wurde Bloesch-Stöcker, die sich für das sperrige Oeuvre Max Regers interessierte und 1973 eine Reger-Biographie veröffentlichte, 103 Jahre und 81 Tage alt.

Platz 6
103 Jahre und 217 Tage: Anny Roth-Dalbert
(* 12. Oktober 1900 in Bern; † 16. Mai 2004 in Scuol, Schweiz)

Anny Roth-Dalbert, Jahrgang 1900, stammt aus Bern, begann als Organistin – studierte aber noch Klavier, Musiktheorie, Dirigieren und Gesang in Zürich. Dort war seit 1915 der aus Italien vertriebene Ferrucio Busoni ansässig, von dem Roth-Dalbert angeblich auch in Komposition unterrichtet wurde. Später war Roth-Dalbert als Organistin und Klavierpädagogin im Engadin tätig. Sie starb mit 103 Jahren am 16. Mai 2004 in Scuol im Schweizer Kanton Graubünden.

Auch von Anny Roth-Dalbert gibt es keine ernstzunehmenden Aufnahmen (geschweige denn leicht zugängliches Notenmaterial).

Platz 5
104 Jahre und 30 Tage: Matilde Capuis
(* 1. Januar 1913 in Neapel; † 31. Januar 2017 in Turin)

Erfreulicheres dafür angesichts der Komponistin Matilde Capuis, die am Neujahrstag 1913 in Neapel das Licht der Welt erblickte. Nach Studien in Florenz erhielt sie bald eine Dozentinnenstelle für Musiktheorie und Komposition in Turin, wo sie am letzten Januartag 2017 im Alter von 104 Jahren starb.

1975 entstand ihre Komposition „Concentus brevis“: ein Konzert für Oboe und Streichorchester, das – merkwürdig traurig (an)getrieben – zunächst den Anschein entrückten Neo-Barocks vermittelt. (Erst 1977 legte Alfred Schnittke sein erstes „Concerto grosso“ vor. Capuis war also schneller.) Affirmative Musik ist das dabei auf keinen Fall. Nein, hier wird eine ganz individuelle Geschichte erzählt, in der die Oboe nur als eine von vielen Erzähler*innen fungiert.

Platz 4
104 Jahre und 184 Tage: Margaret Ruthven Lang
(* 27. November 1867 in Boston; † 29. Mai 1972 in Boston)

Die 1867 in Boston geborene und 1972 ebendort verstorbene Margaret Ruthven Lang wurde stolze 104 Jahre alt. Ihr Vater war ein musikalisches Multitalent und hatte einst bei Franz Liszt Klavierunterricht genossen. Margaret Ruthven Lang studierte Violine und Komposition in München und Boston. Im Alter von 26 Jahren kam sie – die im Laufe ihres Lebens über 200 Lieder komponierte – zu der (späten) Ehre, die erste Frau zu sein, von der ein sinfonisches Werk von einem der großen US-amerikanischen Orchester uraufgeführt wurde: 1893 erklang Langs „Dramatic Ouverture“ mit dem Boston Symphony Orchestra unter der Leitung von Arthur Nikisch. (Aufnahmen? Richtig geraten: Fehlanzeige.)

1899 entstand Langs Klavierwerk „Revery“. Mit dem Titel erinnert die Komponistin einerseits an die deutsche Hochromantik eines Robert Schumanns („Träumerei“ aus den „Kinderszenen“). Allerdings knüpft Lang eher an die Klavierkompositionspraxis der französischen Spätromantik (Fauré) sowie beim „Impressionisten“ Debussy an. Da wird auch mal ein Phrasenende rudimentär wiederholt – an Brahms erinnernd. Doch subtile Dissonanzreibungen wecken unser Interesse. (Oder meines jedenfalls.) Mehr als nur „gute“ Musik!

Platz 3
107 Jahre und 165 Tage: Amy Patterson
(* 16. Juli 1912 in San Miguel de Tucumán, Argentinien; † 28. Dezember 2019 in Salta, Argentinien)

Im argentinischen San Miguel de Tucumán wurde am 16. Juli 1912 Amy Patterson geboren. Nach Anfängen am Klavier und an der Violine wurde sie zu einer der bekanntesten Komponistinnen ihres Heimatlandes. Trotzdem finde ich kaum Informationen über ihre kompositorischen Werke – oder gar eine Auswahl von Aufnahmen. Sehr merkwürdig…

Patterson wurde stolze 107 Jahre alt.

Platz 2
107 Jahre und 345 Tage: Rosa Rio
(* 2. Juni 1902 in New Orleans; † 13. Mai 2010 in Sun City Center, Florida)

Die 1902 in New Orleans geborene Rosa Rio machte vor allem als Pianistin und Organistin von sich reden. Nebenbei schrieb sie Kompositionen für den Film und zahlreiche Gebrauchsmusiken für diverse Medien. Noch in ihren eigenen 90er Jahren begeisterte Rosa Rio als Stummfilmbegleiterin an der Orgel, wovon ein pompöses Video zeugt…

Rosa Rio starb am 13. Mai 2010 im Alter von fast 108 Jahren in Florida.

Platz 1
111 Jahre und 78 Tage: Cecilia Seghizzi
(* 5. September 1908 in Görz, Italien; † 22. November 2019 in Görz, Italien)

Cecilia Seghizzi kam am 5. September 1908 in Gorizia (Görz, Venetien) zur Welt. Im Ersten Weltkrieg flüchtete Seghizzi mit ihrer Familie nach Österreich und studierte nach dem Krieg Violine in Mailand. Bald stieg das Interesse am Verfertigen eigener Kompositionen. Ihr Stil sei von der Musik von Komponisten wie Paul Hindemith und dem Neoklassizismus beeinflusst, so liest man. Zudem habe sie zahlreiche Kirchenmusiken geschrieben, sich als Malerin betätigt und ihr musikalisches Wissen als Lehrende vermittelt.

Zumindest eine kleine Auswahl ihrer Werke findet man als Aufnahmen bei YouTube. Ihr 1951 komponiertes Lied „Nina nana“ klingt allerdings weniger neoklassizistisch noch nach Hindemithscher „Neuer Sachlichkeit“. (Höchstens wie eine ganz eigene Mischung beider besagter „Klangwelten“.) Von beeindruckender (und gekonnter) Sprödigkeit spult sich das Lied herrlich antriebslos ab; völlig zwischen Wachen und Schlafen angesiedelt. Da schwingen möglicherweise französische Vorbilder (Satie und Debussy) mit… Seghizzi sollte man entdecken!

Nicht nur, weil sie als „älteste Komponistin der Welt“ in die Geschichte einging. Cecilia Seghizzi starb am 22. November 2019 in ihrem Geburtsort im Alter von 111 Jahren und 78 Tagen.

Arno Lücker wuchs in der Nähe von Hannover auf, studierte Musikwissenschaft und Philosophie in Hannover, Freiburg - und Berlin, wo er seit 2003 lebt. Er arbeitet als Autor (2020 erschien sein Buch »op. 111 – Beethovens letzte Klaviersonate Takt für Takt«, 2023 sein Buch »250 Komponistinnen«), Moderator, Dramaturg, Pianist, Komponist und Musik-Satiriker. Seit 2004 erscheinen regelmäßig Beiträge von ihm in der TITANIC. Arno Lücker ist Bad-Blog-Autor der ersten Stunde, Fan von Hannover 96 und den Toronto Blue Jays.

3 Antworten

  1. Schöne und witzige Initiative! Vielen Dank !
    Eine Aufnahme vom Adele Blöschs Violinkonzert hat Patricia Kopatschinskaia gemacht. Dort nachfragen: https://en.patriciakopatchinskaja.com/contact
    Falls es nicht klappt: zurück zu mir: minder@liebefeld.ch
    Freundliche und feministische Grüsse in die Runde, Irène

  2. Gisela Nauck sagt:

    Interessant, was es so alles gab und vergessen ist. Warum bleiben nur so wenige übrig, und darunter natürlich fast keine Frauen … Und das wird so weiter gehen, ich meine, dass so viel vergessen wird. Immerhin gibt es inzwischen so tolle Initiativen wie die Fesivals „Heroines of Sound“ von Bettina Wackernagel… Danke, Arno für diesen Beitrag zum Sozialistischen Weltfrauentag (den die Nazis durch den Muttertag ersetzt hatten).

  3. Interessant! Leider nicht so gut recherchiert!
    Zitat: ‚Auch von Anny Roth-Dalbert gibt es keine ernstzunehmenden Aufnahmen (geschweige denn leicht zugängliches Notenmaterial).‘
    Antwort: Es gibt zum 100ten Geburtstag von Anny eine sehr schöne CD mit Klavierwerken und der ‚Ode an das Engadin‘.
    Noten gibt es beim Certosa Verlag.