Wichtig, wichtiger, am wichtigsten

 

Wichtig, wichtiger, am wichtigsten

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Im Moment ist es schwer, bei den vielen Kampagnen für die Kunst und Kultur den Überblick zu behalten. Ich kenne Künstlerinnen, deren Namen auf gleich dutzenden von Initiativen auftauchen, die allesamt propagieren, die aller- aber auch wirklich allerwichtigste Agenda zu haben. Es gibt Kampagnen, die einfach nur auf die Situation der Künstlerinnen aufmerksam machen wollen („Ohne Kunst und Kultur wird es still“), Kampagnen, die die finanzielle Unterstützung verbessern wollen („Kulturinitiative 21“) und Kampagnen, die polternd Klagen in Gang setzen wollen, um die schnellstmögliche Öffnung der Künstlergarderobe von Christian Gerhaher zu erzwingen („Aufstehen für die Kunst“).

Da ist es schwer, den Überblick zu behalten. Im Dschungel der Förderprogramme (bei denen oft nicht klar ist, ob und wie manche Gelder dann auch wieder möglicherweise zurückgefordert werden), trauen sich manche Selbstständigen gar nicht, die Gelder überhaupt erst zu beantragen. Das ist genau wie beim Impfen – alle wollen geimpft werden, gleichzeitig vergammeln ganze Lager von Impfstoff.

Es ist leicht, sich über diese Verwirrungen zu mokieren. Wie schwer muss es aber sein, angesichts einer vollkommen unklaren Situation (wie schlimm wird die dritte und womöglich vierte Welle? Werden die Impfungen anschlagen? Wann genau wird wie geöffnet und wie lange?) überhaupt irgendwelche Aktionen zu koordinieren! Ich beneide die Verantwortlichen nicht – ständig müssen sie ein bisschen raten, was die nächsten Schritte sein könnten. Fehler werden gemacht, Ungerechtigkeiten entstehen. Dass wir alle möglichst bald wieder Normalität wollen, sollte klar sein, aber wie die richtige Balance finden, wie vernünftig abwägen?

Ganz ohne Kampagnen wird es vermutlich nicht gehen, denn man muss immer Mal wieder ins kollektive Gedächtnis bringen, was während dieser Krise von unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen geleistet wird. Mitarbeiter von Krankenhäusern und Pflegeheimen, die vielen zu Hause unterrichtenden Eltern, Impfhelfer und freiwillige Contact-Tracer – sie leisten enormes, ebenso wie die, die einfach zu Hause bleiben und Rücksicht auf ihre Mitmenschen nehmen. Dazu gehören auch wir Künstler*innen – wir leisten Verzicht, weil wir helfen wollen. Wir sind alle – von der Verkäuferin im Supermarkt bis zum Lieferservice-Boten bis zur Konzertpianistin – Teil einer großen solidarischen Anstrengung, die unser Land so fordert wie noch keine Krise nach dem 2. Weltkrieg.

Solidarität ist immer ein schnell im Mund geführter Begriff, wird aber meist missverstanden. Für viele ist Solidarität nicht etwas, das sie leisten, sondern etwas, das sie erwarten. So funktioniert aber Solidarität nicht. Alle, die jetzt argumentieren, dass zum Beispiel Kunst und Kultur über anderen Dingen stehen und bevorzugt behandelt werden sollten, verstehen Solidarität nur in die eine Richtung. Dahinter liegt eine große und tiefe Unsicherheit über die eigene Relevanz.

Dass zum Beispiel die klassische Musik in einer tiefen Sinnkrise steckt, weil sie sich dem Neuen nach wie vor verweigert und lieber immer dieselben abgetakelten Schlachtschiffe des klassischen Repertoires in immer gleichen Festivals und Wettbewerben abfeiert, war schon lange vor Corona klar. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sich dieses Problem ausweitet – jetzt, in der Krise, zeigt es gnadenloser als je sein wahres Gesicht. Es ist das Gesicht des #onlyme, das Gesicht der Eifersucht auf Fitnessstudios und Friseure (man lacht eigentlich, wenn man das liest, aber leider stimmt es), das Gesicht des blanken Hasses auf alles, was ein bisschen früher öffnen darf oder – Gott bewahre –  womöglich schon offen ist. All dies wird (leider auch bei einigen Prominenten) immer wieder auch begleitet von Hineinsteigern in Pandemieleugnungen und Flirten mit dem rechten politischen Rand. Das ist Kultur in ihrer hässlichsten und borniertesten, ja abgefucktesten Form.

Soll das wirklich unser Aushängeschild nach außen sein? Präsentieren wir uns so „solidarisch“, wenn wir auf Verteilungskämpfen beharren? Ausgerechnet jetzt?

Es gibt einen großen Unterschied, ob man sagt „hilf mir bitte“ oder ob man sagt „hilf mir, weil ich viel wichtiger als die/der bin“. Letzteres ist abscheulich – niemand ist „wichtiger“, es gibt nur dringendere und weniger dringende Hilfe. Wir dürfen also nie damit argumentieren, wie wichtig wir sind, sondern allein damit, wie dringend wir Hilfe brauchen. Und da beschleicht mich das untrügliche Gefühl, dass wir gerade im Wiederaufbau der Kulturszene nach Corona wahrscheinlich dringender Hilfe brauchen werden als jetzt im Moment.

Jetzt im Moment sind im Bereich Musik vor allem die Soloselbstständigen betroffen, d.h. diejenigen, die nicht etwa eine Anstellung an einem Opernhaus oder bei einem Orchester haben oder berühmt und etabliert sind, sondern die, die in der freien Szene agieren. Für diese wie auch zum Beispiel Berufsanfänger oder Studienabgänger stellt sich die Situation momentan dramatisch dar, ebenso wie für alle Dienstleister und Nutznießer der Veranstaltungsbranche generell, damit also auch z.B. Caterer, Gaststätten und Hotels. „Aufstehen für die Musikstudenten“ oder „Aufstehen für die Operngarderobieren“ wäre also eigentlich dringender. Die Frage kann aber nicht sein, wer von allen mit der Kultur verknüpften oder von der Kultur abhängigen Branchen jetzt als erstes „öffnet“, denn alle hängen in gegenseitiger Abhängigkeit zusammen. Es heißt also: alle oder keiner, nicht „einer vor allen“.

Würde man jetzt eine Sondergenehmigung erzwingen, Theater und Spielorte als einzige vorrangig zu öffnen, wäre nicht viel gewonnen. Einerseits wäre jedem klar, dass der Konzertbetrieb nur eingeschränkt durchführbar wäre (mit sehr geringen Auslastungen aufgrund von Infektionsverhinderungsmaßnahmen), andererseits wäre dieser Betrieb auch nicht sehr prickelnd, wenn gleichzeitig alles geschlossen wäre. Die Frage wäre auch, wie viele Menschen das tatsächlich nutzen würden, es gibt nicht wenige, die argumentieren, dass sie zwar sehr gerne in Konzerte gehen, aber dann am liebsten in „richtige“ Konzerte, nicht in gehemmte Veranstaltungen, bei denen alle 10 Meter voneinander wegsitzen und man danach noch nicht einmal etwas zusammen trinken darf.

Dass es dem klassisch-elitären Konzertbetrieb der Gerhahers und Widmanns im Alleingang gelingen könne, das Kulturleben dieses Landes wieder zu befeuern und glorreich eine neue Liebe und Verehrung der Hochkultur einzuleiten, von der noch kommende Generationen schwärmen werden, ist ein zwar hübscher, aber leider sehr unrealistischer Gedanke. Denn „Aufstehen für die Kunst“ agiert mit der Klagedrohung ein bisschen wie Nationen mit Atombomben – die Androhung der Benutzung ist wirksamer als die Benutzung.

Ist die Klage nämlich erfolgreich, erzwingen zwar einige Spielorte ihren Spielbetrieb (viele werden aus Verantwortungsbewusstsein weiterhin geschlossen bleiben), aber man wird sich dann fragen „so what?“, denn das reicht natürlich lange nicht, um das Kulturleben in Gang zu setzen. Dazu braucht es dann eben doch noch ein bisschen mehr, außer man sieht sich nur als Nabel der Welt.

Und wenn die Klage KEINEN Erfolg hat, verpufft eh die ganze aufgebaute Energie und das Ganze hat vielleicht eher therapeutischen Charakter gehabt. Das ist beides nicht sehr befriedigend.

Da halte ich mich ehrlich gesagt lieber an die eher praktisch orientierten Initiativen wie zum Beispiel die unter anderem von Smudo von den Fantastischen Vier initiierte „Luca“-App. Die ist gleich schon von ihrer Idee her solidarisch, denn sie nützt allen Arten von Veranstaltungen, nicht nur denen, in denen klassische Musik erklingt. Das mag auch alles nicht so gelingen wie geplant, aber es wäre auf jeden Fall schön, wenn es gelänge und ist tatsächlich besser als Däumchen drehen.

Und wenn wir nach der Corona-Krise „Klassik“ ein wenig neu denken, ein wenig gerechter, ein wenig weniger elitär, ein wenig neugieriger, ein wenig zukunftsgewandter, ein wenig, nun ja, solidarischer…dann wäre auch viel gewonnen.

Nutzen wir die Stunde.

Moritz Eggert

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8 Antworten

  1. Lieber Moritz Eggert,
    ich bin ein bisschen verwirrt – als Mitglied einer der genannten Initiativen. Wenn ich Sie richtig verstehe, geht es Ihnen um Entsolidarisierung im Allgemeinen und „Aufstehen für die Kunst“ im Besonderen. Als Teil der Kulturinitiative21 sehe ich unser Anliegen hier gar nicht wirklich angesprochen, in dem es ja um Details der nun wirklich fehlgeplanten Coronahilfen und der Forderungen nach einer praktikablen Lösungen für Solo-Selbstständige geht. Für die Kritik, um die es Ihnen zu gehen scheint, wäre die undifferenziert-gleichmachende Diffamierung aller Kultur-in-Corona-Initiativen zum Einstieg des Beitrages nicht nötig. Weitergelesen irritiert mich der Eindruck, dass hier eine umfassendere Solidarität eingefordert wird, die gleichzeitig ein Verständnis mit der schweren Position der Politik einschließt – und hier wird es sehr widersprüchlich, denn die Coronahilfen des Bundes waren in weiten Teilen noch so schlecht geplant und durchgeführt, dass jüngst sogar die verpflichtete Steuerberaterzunft ihre Mitarbeit unter Verweis auf Arbeitsaufwand und Rechtsunsicherheit verweigerte – ganz zu schweigen von den vielen Kolleginnen, deren Lebensunterhalt trotz beantragter Hilfen nicht gesichert ist bei berechtigten Sorgen vor kommenden Rückzahlungsforderungen. Ihr Blogbeitrag liest sich hier für mich hier paradox – einerseits wird auf das Schicksal der Soloselbstständigen verwiesen aber um verständnisvolles Abwarten gebeten – was mir nach den Erfahrungen des letzten Jahres schwierig scheint. Natürlich muss auch hier differenziert werden – zwischen den zum Teil eben herausragenden Bemühungen einzelner Bundesländer und dem langen konsequenten Mauern in der Bundespolitik echten Zuschüssen (Unternehmerselbstbehalt in Coronahilfen) gegenüber. Ihrem Fazit „Nutzen wir die Stunde“ kann ich mich uneingeschränkt anschließen – jedoch täten gerade hier ein paar Konkretisierungen not und Konsequenzen, die sich aus den vorangegangen Widersprüchen ziehen ließen: dass es für die Misere der Soloselbstständigen eben dringend andere Lösungen braucht, entweder über eine niederschwellig zugängliche Arbeitslosenversicherung für Selbstständige oder ein an die KSK angegliedertes System nach französischem Vorbild oder einfach eine allgemeinzugängliche dauerhafte Reform von HartzIV, die den Begriff „Grundsicherung“ dann auch wirklich verdienen würde. Wie die Stunde allerdings genutzt werden solle und von wem, nach dem im Beginn in Bausch und Bogen alle derzeitigen politischen Akteuere aus der Kultur für wichtigtuerische Selbstdarstellerinnen erklärt wurden, ist mir grad noch schleierhaft.

    • Christoph Goldstein sagt:

      Wie wäre es denn, wenn sich die Soloselbstständigen branchenübergreifend (!) zusammenschließen? Im Sinne von Gewerkschaften; da gibt es viele Vorbilder. genug Leute wären es. Theoretisch. Aber es ist wie bei den Altenpflegerinnen und Altenpflegern; die kriegen es auch nicht hin sich zu organisieren; was auch daran liegt, dass es vielen ihrer Zunft schlicht und einfach egal ist. Und das ist im Bereich der sog. „Klassischen Musik“ auch so; bloß da komtm dazu, dass viele zu hochnäsig sind für so etwas; leider.

  2. ECHTE SOLIDARITÄT wäre nun, wenn alle Musiker, deren Löhne und Renten in dieser schweren Krise vom Staat voll und ganz weiter bezahlt werden, monatlich etwa 20% davon freiwillig in eine Solidaritätskasse einzahlen würden. Dieses Geld würde dann nach einem gerechten Verteilungsschlüssel an die freiberuflichen Kollegen ausgezahlt werden. (Denn diese habe auch zuvor über Jahre hinweg – durch die Steuerlast – diese Löhne mitfinanziert.) So könnten alle Künstler gut durch die Krise kommen und wir Kulturschaffenden würden den anderen „Zünften“ beweisen, dass wir das Wort „Kultur“ (auch im Sinne von Vernunft, Humanität, Mitgefühl, Nächstenliebe etc.) zu Recht in unserem Namen führen.

  3. Florian Ganslmeier sagt:

    Ich denke, man kann über die Initiative „Aufstehen für die Kunst“, die dort geforderte Abkoppelung der Öffnungen von Kulturstätten von Inzidenzzahlen, die Begründung eines Sonderrechts aus der Verfassung und den Klageweg als Strategie sehr wohl unterschiedlicher Meinung sein. Und in der benachbarten „Florestan“-Initiative sitzen Leute mit an der Spitze, die jeden persönlich beleidigen, der sich nicht in einem Polizeistaat wähnt. Meine Haltung dazu habe ich mehrfach klar gemacht, sie war und ist in der Sache nicht weit entfernt von der Moritz Eggerts. Das Problem ist ein anderes: Die Spaltung, die Moritz Eggert jetzt nachschiebt, die moralische und ethische Keule gegenüber namentlich genannten Kollegen, die persönliche und wohlfeile Attacke gegenüber Künstlern, die eine solche Initiative aus Gründen, die mit einem Mindestmaß an dialektischem Denken durchaus auch nachvollziehbar wären, unterstützen, und vor allem die immer wieder bei jedem Thema geschwungene moralische Keule schmeckt auch hier, wie so oft, schal. Es ist offenbar zu schön und verführerisch, sich im Recht zu fühlen, auf moralisch untadeligem Terrain, als dass man die polemische Attitüde gegenüber Kollegen mal stecken lassen könnte. Diesen dauerausgestellten, sorgsam lackierten „aufrechten“ Zorn finde ich, ob gegenüber „den“ Haas, Widmanns, Dusapins oder Gerhahers, einfach schwierig. Und er spiegelt sich im Netz, dem Ort für populistische Schenkelklopfereien, auch in der Häme mancher einschlägiger Claqueure.

  4. Sonia G.Y. sagt:

    Die effektivste Maßnahme gegen Covid ist Impfung. Nun wackelt diese Hoffnung hierzulande. Nicht nur allein wegen Impfstoffmangel, sondern auch wegen Organisationsproblemen. Seltsam nur, dass die Deutschen einmal als Organisationsmeister galten. In den USA sind bereits gut 100 Millionen BürgerInnen und Bürger geimpft. Also fast 1/3 ihrer gesamten Bevölkerung. Was machen die besser als die Deutschen. Ein amerikanisches Familienmitglied meinerseits hat mir berichtet, wie einfach dort einen Impftermin zu bekommen ist. Auch mehrere zu beantragt ist erlaubt. Nach einigen Tagen dann wird man benachrichtigt. Auch eine Terminumbuchung soll problemlos sein. Im Impfzentrum braucht man nur die Terminsbestätigung zu zeigen und das Impfeinwilligungspapier zu unterschreiben. Für andere Dokumente interessiert sich keiner. Die Amis sagen, der Oberarm ist wichtig, nicht Papier. In DE scheint es umgekehrt zu sein. Eine Ärztin beim Impfgipfel hat sich neulich beschwert, in Impfzentren müsse man 6-mal unterschreiben. Solch sinnlose Bürokratie verursacht auch zusätzlichen Stau. In sozial schwachen Viertel in US Städten benötigt man nicht mal eine Terminbuchung, sondern steht einfach in der Schlange. Hierzulande hat die Regierung einfach vergessen, sich um solche prekäre Viertel zu kümmern, obwohl dort die Infiziertenzahl wesentlich höher liegt als woanders.

    Auf Dauer wird der Lockdown u.a. einen massiven wirtschaftlichen Schaden hinterlassen. Inzwischen keimen in vielen Leuten wohl Gedanken auf, warum sich 90% der BürgerInnen sich opfern sollen für ein Paar Prozent Disziplinloser oder sonstiger Verweigerer. Auch viele meinen, dass ein kollektiver Lockdown inakzeptabel sei. Trotzdem schein DE im Moment keine andere Wahl zu haben als genereller Lockdown aufgrund marschierenden Mutationen.

  5. Sonia G.Y. sagt:

    Forget it!

  1. 5. März 2021

    […] Wichtig, wichtiger, am wichtigsten […]

  2. 15. März 2021

    […] Öffnungs-Aktivisten der Klassik hat Komponist Moritz Eggert nicht zu einer Oper, aber zu einer eigenen Reflexion inspiriert (auch, weil er mehrfach aufgefordert wurde, angebliche Fehler in seinem damals hier […]

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