Ultra in Schweden, ein Reisetagebuch in drei Teilen (3)

Göteborg aus der Ferne

 

Die Möglichkeit eines Schärengartens

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Nach dem Lauf hatte ich zwei Tage in Göteborg. Einen Teil davon verbrachte ich im Bett, um mich zu regenerieren, aber dann zog es mich natürlich doch hinaus. Meine schwedischen Bekannten hatten mehr oder weniger einstimmig geraten, bei einigermaßen schönem Wetter eine Tour des westlich von Göteborg gelegenen Schärengartens zu machen.

 

„Schären“ sind so eine skandinavische Geschichte – einige Regionen kennen komplexe Inselsysteme, bestehend aus Inseln unterschiedlichster Größe, die küstennah eine Art apartes Labyrinth erzeugen. Da die Schweden gerne ihre Ruhe haben, sind diese Inseln auch beliebte Wohnorte, so sind zum Beispiel die Göteborger Schärengärten quasi Teil des Stadtgebiets und die zwischen den Inseln verkehrenden Fähren sind Teil des öffentlichen Nahverkehrs und werden von den Anwohnern wie S-Bahnen genutzt. Tatsächlich ist es spannend zu sehen, wie effizient dieser Schiffsverkehr funktioniert – die Fähren sind sehr schnell und fahren bis spät in die Nacht.

 

In Göteborg kann man sich entscheiden, den südlichen oder nördlichen Schärengarten zu besuchen. Beide haben jeweils ihren eigenen Charakter. Ich entschied mich für den südlichen, denn wo sonst kann man auf der Welt einen Ort finden, an dem es sowohl eine Insel namens „Knarrholmen“ als auch „Karholmen“ gibt?

 

Auf der Reise zur zentralsten Insel, Styrsö, kam ich schon an vielen kleinen Inseln vorbei, auf denen zum Teil nur eine Handvoll Häuser zu sehen waren. Auf den meisten Inseln gibt es keine Autos, allenfalls kleine Minifahrzeuge, die aussehen wie Golfkarts, oder noch nicht Mal die. Eine schöne Vorstellung – man kann überall laufen, ohne von stinkenden Ungetümen bedroht zu werden, das hat auf jeden Fall was!

Houellebecqs feuchter Traum

Ich bin schon immer von Inseln fasziniert gewesen und habe schon viele Stunden damit verbracht mir vorzustellen, wie das Leben auf einer Insel wäre. Wie würde es sich zum Beispiel anfühlen, auf Lummerland zu wohnen, einer Insel „mit zwei Bergen“, einer vollkommen sinnlosen Eisenbahnlinie und immer denselben 5 Menschen? Würde man irgendwann einen Inselkoller bekommen?

 

Mit meiner Frau verbrachte ich einmal Urlaub auf einer Malediveninsel, die ungefähr so groß wie ein Fußballplatz war. Teile der Hotelunterkünfte waren aufs Wasser gebaut, und wenn man schlief, gluckste es unter einem, während Tintenfische sich den Lichtern näherten, die unter den Holzpfählen angebracht waren. Eine Welle, und man wäre weg, leider in den Malediven eine gar nicht so unrealistische Vorstellung inzwischen. Nachts lag ich oft wach deswegen. Wir hatten eine sehr schöne Zeit, ohne auch nur ein einziges Mal mit den anderen Gästen zu sprechen. So nah man sich auf dieser Insel war, jeder blieb für sich.

 

Auch bei Zombieapokalypsen sind Inseln beliebte Zufluchtsorte, wobei geduldige Untote natürlich auch zu Fuß unter Wasser eine Insel erreichen können und man ständig auf der Hut sein muss. Auch neigen Menschen auf einer Insel anscheinend dazu, irgendwann verrückt zu werden, vielleicht, weil kein Mensch eine Insel ist. Sie bauen dann seltsame glotzende Steinstatuen wie auf der Osterinsel, oder machen grausame Experimente mit Mischwesen aus Tieren und Menschen, wie einst H.G. Wells‘ Dr. Moreau. Ich wünschte, man könnte Attila Hildmann eine solche Insel zur Verfügung stellen, vielleicht wäre er dann endlich glücklich. Am besten ganz weit weg.

 

Styrsö ist dagegen ein idyllischer Ort, der ein bisschen aussieht wie „The Village“ in der legendären englischen Fernsehserie „The Prisoner“. Die schwedischen Wohnhäuser sehen immer sehr nett aus, ein bisschen wie die Villa Kunterbunt, als Material dominiert Holz. Alles ist ordentlich, sauber und gepflegt. Styrsö ist mit 1300 Einwohnern eine der großen Inseln, es ist eine Art Miniaturwelt, in der es alles gibt, was es in Göteborg gibt, aber jeweils nur einmal.

 

Es gibt einen einzigen Tennisplatz, einen einzigen Supermarkt, ein Café und eine einzige größere Straße, die um die ganze Insel geht, vorbei an einer großen historischen Pension, die ein bisschen aussieht wie eine kleine Version des Overlook-Hotels aus „The Shining“. Es gibt sogar einen kleinen Zoo, in dem allerdings vor allem hässliche kleine Hunde zu leben scheinen. Die Insel wird durchzogen von malerischen Waldwegen, die alle auf eine Anhöhe führen, die eine bronzezeitliche Ansammlung von Hügelgräbern beherbergt („Stora Rös“). Wie immer in Schweden, ist man sofort allein, wenn man ein paar Schritte in die Natur geht. Es ist auch ein Land, in dem man sofort gegrüßt wird, wenn man jemandem begegnet, einfach, weil es so wahnsinnig selten ist (bis auf die hektische „Midsommar“-Zeit, wo alle die Sonne feiern wollen). Das ist auch auf Styrsö so.

Blick vom Hügelgrab, kein Grabunhold in Sicht

Ich machte einen Abstecher auf die benachbarte Insel Bränno, die ein bisschen die neuzeitliche Kehrseite der Styrsöschen Inselidylle darstellt. Hier dominieren eher hässliche Funktionsbauten, die die Familien beherbergen, die in einem der vielen Hafenbetriebe arbeiten. Am Hafen steht ein geistig Behinderter, der in einer ihm eigenen Sprache spricht und blaffend laut lacht. Die anderen Inselbewohner scheinen ihn zu kennen und behandeln ihn liebevoll. Am Hafen gibt es Aushänge, in denen der Bürgermeister die winzige Bevölkerung über anstehende Maßnahmen informiert. Der Bürgermeister ist wahrscheinlich auch jedermanns Nachbar, und wenn er sich in seinen Garten mit einem Megafon stellen würde, könnte jeder auf der Insel ihn hören. Vielleicht wäre Trump hier ein glücklicher Inselpräsident, er wäre ständig im Mittelpunkt und alle müssten ihm ständig zuhören.

 

Mich zog es dann noch nach Vrango, einfach, weil es die südlichste und weit entfernteste Insel ist. Wer in Vrango wohnt, will wirklich seine Ruhe haben, dachte ich mir. Vielleicht ziehe ich mal nach Vrango, konnte also nicht schaden, sich das Mal anzuschauen.

 

Vrango ist beschaulicher, viel kleiner als Styrsö. Im Grunde gibt es eine Anlegestelle, einen Hafen, ein paar verstreute Häuser, die sich um eine Art Platz versammeln, auf dem ein paar Jugendliche mit Handys auf einer Schaukel sitzen, ein Aussichtspunkt für Lotsen, ein Strand mit (manchmal) Seehunden, das war’s. Also Lummerland in echt, quasi. Fehlt nur noch die Eisenbahn.

 

Nachdem die Fähre angelegt hatte und recht viele Menschen ausgestiegen waren, passierte etwas Erstaunliches: innerhalb von Sekunden verschwanden alle auf magische Weise. Es war wie ein Zaubertrick – Ich habe sie noch nicht einmal in die Häuser gehen sehen, sie waren einfach weg! Hier in Vrango flaniert wohl niemand gedankenverloren durch die Straßen, denn man hat diese wahrscheinlich schon Millionenmal gesehen und ist lieber zuhause. Man geht schnellen Schrittes zu seinem Ziel, man trödelt nicht. Inselhektik.

 

Sicherlich kennen sich hier alle auf Vrango. Es gibt Zeichen einer starken religiösen Gemeinschaft: Auf der Insel entdeckte ich nicht weniger als 3 Kirchen, wirklich mehr als genug für die Handvoll Menschen, die hier leben. Ich stelle mir vor, wie es wäre, hier Teil einer Gemeinde zu sein. Man würde sich jeden Tag beim Gottesdienst sehen, denn wäre man nicht da, wüsste es gleich die ganze Insel. Mit immer denselben Menschen würde man die immer gleichen Lieder singen, während der Pfarrer sie auf einer alten Farfisa-Orgel begleitet. Jeder kennt jeden, und alle wissen alles. Abends sitzt man auf seiner Veranda, mit einem Glas Aquavit, und grüßt die Nachbarn, die einen zurückgrüßen. Ist es Hölle oder Paradies? Ich kann mich nicht entscheiden. Die Einsamkeit hat – vor allem für Komponisten – etwas Verlockendes, aber sie ist auch erbarmungslos. Man kann nur hierher, wenn man so viel zu erzählen hat, dass man die Ruhe braucht, um es aufzuschreiben.

Eine hektische Straßenszene in Schweden

Manchmal träume ich davon, in einem Leuchtturm zu leben, einsam an der Küste, mit Blick auf das weite Meer. Manchmal ist das aber auch ein Alptraum, und ich träume doch lieber von einem Platz, auf dem sich hunderte von Menschen drängen, Kinder spielen, eine Mariachi-Kapelle musiziert, die Alten Boule spielen oder auf Bänken sitzen und schwatzen. Die ganze Stadt ist auf den Beinen bis spät in die Nacht, Cafés säumen den Platz und die Menschen essen, trinken, lachen und reden. Niemand ist je einsam.

 

Oder anders gesagt: Vrango ist wie Corona, aber der Platz in meinen Träumen ist die Zeit danach, die wir alle ersehnen.

 

Wenn es diesen Platz wieder gibt, weiß ich wieder, was ich komponieren möchte.

 

Moritz Eggert

Komponistenhäuschen mit eigenem Strand

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