Minenfeld Musik: Daniel Barenboim und das Königsheil

Musik kann ein Minenfeld sein: in etlichen Werken hangelt man sich von Sforzato zu Sforzatissimo. Die MusikerInnen geben alles, werden von DirigentInnen ermuntert, jede Akzentmine stilgerecht in die Akustik platzen zu lassen, als sei es selbst beim hundertsten Mal wie zum ersten Mal. Dies wie jede Interpretation von notierter, komponierter Musik erfolgt kollegial zwischen den MusikerInnen und den vor ihnen stehenden DirigentInnen – im besten Fall sind nicht nur die MusikerInnen das Orchester, gemeinsam ist man das Orchester.

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DirigentInnen leiten die Interpretation an, programmieren gemeinsam mit der Intendanz die Werke einer Spielzeit und mit den OrchestersprecherInnen fällen alle gemeinsam wichtige Personalentscheidungen. Wiederum im besten Fall hat das Orchester das größte Gewicht bei dem Pro und Kontra bei der Neuberufung und Vertragsverlängerung ihrer Chef-DirigentInnen. Soweit widerspiegelt das Miteinander und Zusammenkommen eines Orchesters die repräsentativ-parlamentarische Demokratie.

Es gibt DirigentInnen, wie z.B. Daniel Barenboim, die das gesellschaftliche und humanitäre Miteinander und Zusammenkommen über die Grenzen und Weltkonflikte hinweg propagieren und für ihren Friedenswillen besonders in den westlichen Demokratien gefeiert werden, als deren KulturbotschafterInnen sie künstlerisch wie kulturpolitisch wahrgenommen werden. Gelingt es, einen Einblick in das Tun und Lassen von DirigentInnen in Bezug auf ihren Umgang mit den MusikerInnen und administrativen MitarbeiterInnen zu erhalten, wie es just das VAN-Magazin eröffnete, sieht es für jene demokratisch-repräsentativen Strukturen des Miteinanders und Zusammenkommens eines Orchesters schlecht aus. Das entschuldigt man mit Gerede von Hierarchien und der Notwendigkeit autoritativen Gebarens eines/einer Orchesterchefs/chefin, damit diese Person mit ihrer Genialität der Kunst dient. Und im Extremfall wird das Kunstmachen zu absoluter Monarchie erklärt.

Gewaltige Widersprüche! Genialität und Absolutismus vertragen sich nicht, auch wenn sie sich vielleicht mal bedingten: ein Original-Genie der Aufklärung entdeckte in sich die Freiheit zum Widerspruch, zur eigenen Entscheidung und zur Rebellion in Kunst oder Leben, um die mit dem Königsheil Gesalbten als einfache Menschen zu entlarven. So sollte das Original-Genie aus der Masse der Untertanen diesen ebenbürtig sein, den Standesgenossen einen Weg aus dem Jammertal in die Gleichberechtigung aufzeigen, in dem man sich und seine Qualitäten entdeckt und positiv einsetzt und zur Schau stellt.

Die Zeiten des Absolutismus bzw. der konstitutionellen Standesmonarchie sind in Deutschland längst passé. So eigentlich auch für DirigentInnen, zumal sie nicht mehr durch Monarchen, sondern VolksverterterInnen legitimiert, von KünstlerInnen und Administration eines Orchesters mit ausgesucht, gewählt werden. Auch weil Kunst als Kunst alles kann und darf, ist sie kein Freifahrtschein für über-soziales Verhalten ihres Leitungspersonals. Aber dieses scheint sich leider manchmal für Wesen höherer Art zu halten.

Als Vor-Musikstudent erhielt ich Cellounterricht bei einem Mitglied der Münchener Philharmoniker. Das war ca. 1990. Einmal musste ich auf ihn warten und konnte eine denkwürdige Szenerie beobachten: im Foyer des Backstage-Bereiches begegneten sich GMD Sergiu Celibidache und der als Pianist gastierende Daniel Barenboim. Man würde erwarten, dass sie sich die Hand schütteln, umarmen. Barenboim aber schien förmlich niederzuknien und küsste die Rechte Celibidaches. Sie tauschten dann noch Höflichkeiten aus und gingen ihres Weges.

Ähnliche Momente erlebte ich nicht wieder. Während des Kompositionsstudiums allerdings lernte ich, wie diese „musikalisch-apostolische Sukzession“ eingelernt wurde. Man sagte immer wieder, dieser sei enorm begabt, dieser besonders musikalisch, dieser eher besonders musikantisch – immer damit verbunden, Hierarchie zu schaffen, die vielleicht auch anspornen sollte, doch auch ausschliessen sollte. Man wollte dem allzu sehr glauben. Doch setzte sich letztlich der durch, der sich dem Lehrer am ehesten unterwarf.

Glaube und Unterwerfung unter das „Genie“, das hebelt letztlich jede demokratische Willensbildung, Entscheidung und Widerrede aus. Denn natürlich ist immer jemand besser als die oder der Andere. Wie man im Falle Barenboims als Orchesterchef sieht, gehört für ihn wohl enorm viel Arbeit dazu. Klar, denn von nichts kommt nichts. Man kann das wie in seinem Falle dann auf den ganzen Apparat übertragen. Wobei Konzentration zu fordern auch zu den Aufgaben eines Dirigenten gehören muss.

Aber auch die Fürsorge, ob man alle überfordert, ob man sich und seine innere Angespanntheit am Orchester abarbeitet oder ob man auch mal kurz den Mut hat zu sagen, dass man heute vielleicht etwas seltsam drauf sein könnte, weil man die Nacht durchgemacht habe. Aber nichts dergleichen! Bevor man Schwäche zeigt, verbreitet man Angst. Das darf man ja auch, denn schliesslich trägt man an und in sich das Königsheil der künstlerisch-apostolischen Sukzession!

Leider gibt es immer noch viel zu viele MusikkritikerInnen, die diesen Genialitätsskult befeuern bzw. es als Versündigung abtun, wenn das profane Verhalten eines „Genies“ in der Kritik steht, wo es doch genau Aufgabe des Genies wäre, das Allzumenschliche anderer Machthaber, ja, das eigene Allzumenschliche sich und den Anderen einzugestehen. So widerfuhr es der Recherche des VAN-Magazins durch Eleonore Büning im NDR-Interview. Oder Rene Pape griff auf Facebook frontal Manuel Brug für seinen „Rumpelstilzchen“-Ausspruch an. Dann wird betont, wie viel man dem Dirigenten persönlich verdanke. Das soll gar nicht ausgeschlossen sein. Das schliesst aber die berühmte Kehrseite der Medaille aus, nivelliert die Erlebnisse Anderer. Immerhin äußerte sich inzwischen der ehemalige Pauker der Staatskapelle, der nun an Staatsoper in München wirkt, sinngemäß, dass der Berliner Job nur mit ärztlicher Begleitung zu überleben war – als Münchner Pauker bei Kirill Petrenko wird es wohl niemand wagen, dem Kollegen die existentielle wie künstlerische Kompetenz abzusprechen.

Solange diese Anderen, nennen wir sie Opfer, brüsk und massiv angegangen werden, wird sich kaum einer trauen, ihren oder seinen Namen zu offenbaren. Denn sie werden entweder ignoriert oder mundtot gemacht oder können ihren Job bei der Staatskapelle Berlin oder assoziierten Unternehmen vergessen, die mit dem Umfeld Barenboims im Kontakt stehen. Somit spielen diesen Umstand nivellierende KritikerInnen und KünstlerInnen genau das Spiel der unterdrückenden KulturmachthaberInnen mit: was nicht ans Licht kommt, kann es nicht geben und was nicht namentlich aufgetischt wird, kann nur eine Kampagne sein – obwohl das VAN-Magazin deutlich macht, dass es seine Quellen kennt und schützt.

Unterm Strich versäumten Berlin und der Bund, die Strukturen von Staatskapelle, Staatsoper und Opern GmbH transparent zu halten. Statt an die Staatsoper, band man Millionenzusagen an die Person Barenboim. Statt eines starken Intendanten wie z.B. Nikolaus Bachler, ließ man künstlerisch wirkende Intendanten wie Peter Mussbach in der Versenkung verschwinden, passte sich zuletzt Jürgen Flimm des Usancen des Langzeit-GMD Barenboim an, ist sein Nachfolger zwar Festspiel-erfahren, aber weit von der langjährigen Leitungserfahrung eines Schlachtschiffs Staatsoper entfernt, gab es Interregnums – man verzeihe diesen monarchischen Begriff – von guten Administratoren, die aber dem GMD keinen mächtigen Akzent entgegensetzen konnten.

Wobei wir wieder beim Minenfeld Musik wären. Letztlich wäre zu wünschen, Barenboim wird eine Art Ehren-GMD und Berlin sieht sich nach NachfolgerInnen um. Da wird vielleicht nicht sofort der Kulturbotschafter und erfolgreiche Pianist dabei sein. Aber wer die Ohren und Augen offen hält, findet in allen Alterstufen enormes Potential, das dirigieren kann. Das allerdings ebenfalls auch modern, repräsentativ-demokratisch agieren und Personal anleiten kann und das Wort Fürsorge lebt.

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