Die längsten Sätze bei Adorno

Theodor W. Adorno mochte es ausufernd. Aus diesem Grund mussten wir hier im Bad Blog of Musick Adorno bereits in zwei Folgen (I und II) in einfache Sprache übersetzen. Doch abgesehen von der Textverständlichkeit: Wie lang sind eigentlich die längsten Sätze des Adorno-Gesamtwerkes?

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Um das herauszufinden habe ich die Texte aller 19 Bände der Adorno-Gesamtausgabe in das Eingabefenster bei Textalyser hineinkopiert und ausgewertet.

Das spannende vielleicht nicht ganz uninteressante Ergebnis: Adorno Sätze sind zwar häufig recht lang, aber lang ist Adorno auch dann, wenn er andere zitiert. Denn in zwei von fünf Fällen handelt es sich bei dem jeweiligen Satz des jeweiligen Bandes der Gesamtausgabe um einen Satz, der gar nicht von Adorno stammt, sondern nur von ihm zitiert wird.

Platz 5
Noten zur Literatur
824 Zeichen (inklusive Leerzeichen)
124 Worte

„Denn wenn diese Riten auch souverän durchgeführt wurden, so setzten sie und damit auch Madame Swann ihre Ehre darein, huldvoll dem Morgen, dem Frühling, der Sonne sich anzupassen, die mir ihrerseits gar nicht genügend geschmeichelt schienen, daß eine so elegante Frau sich herabließ, von ihnen Kenntnis zu nehmen, ihretwegen für den Tag ein Kleid von lichterem, leichterem Stoff ausgewählt hatte, das durch die weitere Rundung von Kragen und Ärmelstulpen der möglichen Feuchtigkeit am Halse und am Handgelenk Rechnung trug, und den ganzen Extraaufwand einer großen Dame trieb, die in heiterer Bereitwilligkeit sich aufs Land begibt, um ganz gewöhnliche Leute zu besuchen, die jedermann, selbst das Volk gut kennt, und dennoch Wert darauf legt, bei dieser Gelegenheit eine für den Landaufenthalt geeignete Toilette zu tragen.“
(Anmerkung: Satz ist von Proust und wird von Adorno zitiert.)

Platz 4
Musikalische Schriften V
839 Zeichen (inklusive Leerzeichen)
112 Worte

„Dann hat, nach dem gleichen Schema, Schönberg die Ausdrucksmusik des privaten bürgerlichen Individuums, lediglich ihre eigenen Konsequenzen verfolgend, zur Aufhebung gebracht und eine andere Musik an ihre Stelle gesetzt, der zwar unmittelbare gesellschaftliche Funktionen nicht zukommen, ja die die letzte Kommunikation mit der Hörerschaft durchschnitten hat, die aber einmal an immanent-musikalischer Qualität, dann an dialektischer Aufklärung des Materials alle andere Musik der Zeit hinter sich zurückläßt und eine so vollkommene rationale Durchkonstruktion darbietet, daß sie mit der gegenwärtigen gesellschaftlichen Verfassung schlechterdings unvereinbar ist, die denn auch in all ihren kritischen Repräsentanten unbewußt sich zur Wehr setzt und die Natur wider den Angriff des Bewußtseins zu Hilfe ruft, den sie bei Schönberg erfuhr. Mit ihm hat, zum ersten Male vielleicht in der Geschichte der Musik, Bewußtsein das musikalische Naturmaterial ergriffen und beherrscht es.“

Platz 3
Negative Dialektik. Jargon der Eigentlichkeit
904 Zeichen (inklusive Leerzeichen)
127 Worte

„Also entspringt das Gesetz, anderer Glückseligkeit zu befördern, nicht von der Voraussetzung, daß dieses ein Object für jedes seine Willkür sei, sondern blos daraus, daß die Form der Allgemeinheit, die die Vernunft als Bedingung bedarf, einer Maxime der Selbstliebe die objective Gültigkeit eines Gesetzes zu geben, der Bestimmungsgrund des Willens wird, und also war das Object (anderer Glückseligkeit) nicht der Bestimmungsgrund des reinen Willens, sondern die bloße gesetzliche Form war es allein, dadurch ich meine auf Neigung gegründete Maxime einschränkte, um ihr die Allgemeinheit eines Gesetzes zu verschaffen und sie so der reinen praktischen Vernunft angemessen zu machen, aus welcher Einschränkung, und nicht dem Zusatz einer äußeren Triebfeder, alsdann der Begriff der Verbindlichkeit, die Maxime meiner Selbstliebe auch auf die Glückseligkeit anderer zu erweitern, allein entspringen konnte.“
(Anmerkung: Satz ist von Kant und wird von Adorno zitiert.)

Platz 2
Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente
997 Zeichen (inklusive Leerzeichen)
153 Worte

„Der Mörder aber, der Totschläger, die vertierten Kolosse, die von den Machthabern, legalen und illegalen, großen und kleinen, als ihre Nachrichter im Verborgenen verwendet werden, die gewalttätigen Männer, die gleich da sind, wenn es einen zu erledigen gibt, die Lyncher und Klanmitglieder, der starke Kamerad, der aufsteht, wenn sich einer mausig macht, die furchtbaren Gestalten, denen immer jeder sogleich ausgeliefert ist, wenn die schützende Hand der Macht von ihm sich abzieht, wenn er Geld und Stellung verliert, alle die Werwölfe, die im Dunkel der Geschichte existieren und die Angst wachhalten, ohne die es keine Herrschaft gäbe: in ihnen ist die Haßliebe gegen den Körper kraß und unmittelbar, sie schänden, was sie anrühren, sie vernichten, was sie im Licht sehen, und diese Vernichtung ist die Ranküne für die Verdinglichung, sie wiederholen in blinder Wut am lebendigen Objekt, was sie nicht mehr ungeschehen machen können: die Spaltung des Lebens in den Geist und seinen Gegenstand.“

Platz 1
Philosophische Frühschriften
1027 Zeichen (inklusive Leerzeichen)
128 Worte

„Zugleich mußten wir die Unrechtmäßigkeit des Anspruchs der Lehren vom Unbewußten einsehen, die Transzendentalphilosophie zu kritisieren und irgendwelche Geltung unabhängig von den Befunden der Transzendentalphilosophie zu behaupten, da die Lehren vom Unbewußten nicht allein die Gültigkeit der – nur in transzendentaler Analyse aufweisbaren – transzendentalen Faktoren notwendig voraussetzen, sondern ihrerseits an ontologische Bedingungen geknüpft sind, die der transzendentalen Kritik verfallen, während die kritische Behauptung der Lehre vom Unbewußten gegen die Transzendentalphilosophie ja gerade dahin geht, daß die ontologisch-rationalistischen Bestandteile des transzendentalen Idealismus eliminiert und womöglich durch das fließende Leben selber ersetzt werden müßten, obwohl dies fließende Leben – wenn man mit dem suspekten Begriff durchaus operieren will – nichts anderes ist als die zeitliche Folge der Erlebnisse eines persönlichen Bewußtseins, also eine sehr wohl der transzendentalen Analyse zugängliche Tatsache.“

Arno Lücker wurde 1979 in Braunschweig geboren. Seit 2003 lebt er in Berlin. Dort arbeitet er als Moderator und Dramaturg. Er ist Künstlerischer Leiter der Astronomie-Musik-Reihe "Himmlische Partituren" im Zeiss-Großplanetarium Berlin, arbeitet von Berlin aus für das Brucknerhaus Linz, schreibt Programmtexte für zahlreiche Orchester (Wiener Philharmoniker, New York Philharmonic), macht Konzerteinführungen in der Elbphilharmonie Hamburg, der Kölner Philharmonie und anderswo. Außerdem ist er Bad-Blog-Autor der ersten Stunde und arbeitet als Kurator für die Musikstreaming-App IDAGIO.

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Arno Lücker

Arno Lücker wurde 1979 in Braunschweig geboren. Seit 2003 lebt er in Berlin. Dort arbeitet er als Moderator und Dramaturg. Er ist Künstlerischer Leiter der Astronomie-Musik-Reihe "Himmlische Partituren" im Zeiss-Großplanetarium Berlin, arbeitet von Berlin aus für das Brucknerhaus Linz, schreibt Programmtexte für zahlreiche Orchester (Wiener Philharmoniker, New York Philharmonic), macht Konzerteinführungen in der Elbphilharmonie Hamburg, der Kölner Philharmonie und anderswo. Außerdem ist er Bad-Blog-Autor der ersten Stunde und arbeitet als Kurator für die Musikstreaming-App IDAGIO.

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