Ein IMPULS fürs Weitersprechen…oder: AfD kontra Neue Musik

Ein IMPULS fürs Weitersprechen…AfD kontra Neue Musik

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Immer wieder habe ich Kontakt mit Kollegen aus der Neuen Musik, die angesichts der Flüchtlingskrise Ängste hegen, die an einen großen Niedergang unserer Kultur glauben, die überall “linksliberale” Verschwörungen vermuten und Merkel für die Antichristin halten. Immer wieder versuche ich mit diesen Kollegen ins Gespräch zu kommen, denn Ängste und Frustrationen muss man ernst nehmen, auch wenn man sie selber nicht teilt.

Viele dieser Kollegen sind Komponisten – sie schreiben mir Mails aus der südamerikanischen Diaspora (“ich habe Deutschland verlassen, weil es bald untergehen wird”) oder warnen mich mahnend aus der inneren Emigration. Aber natürlich wollen auch diese Kollegen das, was wir alle als Komponisten wollen: gespielt werden. Aufgeführt werden.

Merken sie, dass sie mit der Wahl der “Protestpartei” ihrer Wahl an ihrem eigenen Ast sägen, nämlich am dem Teil unserer Kultur, der tatsächlich offen gegenüber dem Neuen (zum Beispiel Neuer Musik) ist?

Aktuelles Beispiel hierfür ist die Gefährdung des IMPULS-Festivals, einer Initiative, die seit vielen Jahren mit seinem Intendanten Hans Rotman sehr erfolgreich die Kräfte hervorragender ostdeutscher Orchester bündelt, um Neue Musik zu präsentieren. Trotz momentan nicht schlecht gefüllter Staatskassen, trotz zahlreicher positiver Statements unzähliger Politiker, trotz Solidaritätsbekundungen, Publikumszuspruch und überregionalem Erfolg (nachzulesen hier) soll dieses Festival nun von Kulturministerium so gekürzt werden, dass es nicht mehr lebensfähig ist, und zwar um 60%.

Hierbei wurde unter anderem skurrilerweise der Vorwurf laut (von Kulturminister Robra), es gäbe ja „zu wenige“ Uraufführungen im Festival, “zu wenig” zeitgenössische Musik, was ungefähr so absurd ist wie Helmut Lachenmann vorzuwerfen, er hätte in Stuttgart und in internationalen Meisterkursen bisher zu wenig Kompositionsstudenten unterrichtet.

Tatsächlich ist die Bilanz des Festivals exzellent: 500 Werke von 150 Komponisten wurden aufgeführt, darunter 20 aus dem Festivalland Sachsen-Anhalt, was angesichts der Internationalität des Festivals sogar überproportional ist. 80% dieser Werke waren zeitgenössisch. IMPULS fördert dezidiert die Verbreitung von Neuer Musik, unterstützt die Orchester bei der Erstellung neuartiger Programme und erzeugt zahllose Chancen für den Nachwuchs. Und ja, unter diesen Komponisten (und Dirigenten) sind auch viele Frauen. Und ja, es gibt auch den Wunsch, aktuelle Themen zu behandeln (zum Beispiel den Krieg in Syrien oder Warlords), und es gehen auch Kompositionsaufträge an Komponisten aus Ländern, die normalerweise eher nicht in der Neuen Musik vertreten sind (so führte gerade eine 17-jährige deutsche Geigerin ein Violinkonzert eines kurdischen Komponisten auf).

Und sehr schnell ist dann eben auch die AfD zur Stelle, die dem Festival unterstellt, „linke kulturelle Experimente auf Kosten des Steuerzahlers“ zu betreiben. Hier der Auszug aus der Rede von Daniel Rausch, AfD

Manch ein verblendeter Kollege mag angesichts des Programms von IMPULS diesem infamen Satz trotzig zustimmen, vielleicht auch aus Frust, selber noch nicht in diesem Festival aufgeführt worden zu sein. Doch dieser Frust erzeugt Solidarität mit einem gefräßigen Ungeheuer, das – wenn man es einmal aus seinem Sack gelassen hast – schnell zum Allesfresser wird. Und dieser Allesfresser wird dann auch die Pfründe fressen, die man sich durch allzu willfährige Assoziation erhofft.

Das trifft ganz besonders auf Neue (und übrigens auch klassische) Musik zu. Will man wirklich denen applaudieren und diejenigen wählen, die staatlich geförderte Kultur am liebsten abschaffen würden, wenn diese ihnen nicht genehm oder politisch konform ist?

Denn denken wir doch Mal genau nach: kann nicht so gut wie alles, was diesen selbst ernannten Sittenwächtern nicht passt, zu einem “linken kulturellen Experiment“ deklariert werden? Denn diese Hetzparole ist eine Unterstellung, die schnell zur Hand ist, eine Art neuer „Entartete Kunst“-Begriff, der genau wie damals alles, was nicht passt, in einen Hasstopf wirft.

Jedes Museum mit zeitgenössischen Werken, jede Stadtbücherei mit öffentlichen Lesungen, jedes Programmkino mit Kunstfilmen, jede Kunst am Bau, Straßenfeste, Open Airs….absolut ALLES kann auch ein angeblich „linkes kulturelles Experiment“ sein, wenn man es niedermachen will. Und jedesmal wenn wir zustimmen, verlieren wir ein Stück unserer Freiheit, immer mehr, bis nichts mehr übrig ist, und wir in einer Welt leben, in der wir ursprünglich gar nicht leben wollten.

Absolut jedes Neue-Musik-Festival in Deutschland kann ohne weiteres als solches „Experiment auf Kosten des Steuerzahlers“ deklariert werden, selbst wenn gar keine „Linken” dahinterstehen. Denn all diese Festivals (und natürlich auch das IMPULS-Festival) sind Ausdruck einer weltoffenen und kulturfreundlichen Gesellschaft, nicht etwa einer politischen Richtung. Und überall in Deutschland können sich Politiker unterschiedlichster Parteien – egal ob von der CDU/CSU, SPD, den Grünen wie Liberalen, den Linken wie Konservativen – dazu bekennen, solche Initiativen zu unterstützen und sich zu ihnen bekennen, und dies meistens auch gemeinsam. Nur die AfD will das nicht. Würde die AfD entscheiden, gäbe es überhaupt keine Neue Musik „auf Kosten des Steuerzahlers“, und all die Kollegen aus der klassischen/Neuen Musik, die sie jetzt noch wählen, wären von einem auf den nächsten Tag arbeitslos.

Nicht nur deswegen, sondern auch wegen seiner außerordentlich guten Arbeit, sollte man Hans Rotman und sein IMPULS-Festival leidenschaftlich unterstützen.

Wehret den Anfängen.

Moritz Eggert

Und hier detaillierte Infos zum Festival:

IMPULS 2008-2017: „Neue Musik lecker machen“
Die glanzvolle Zeit der Barock- und Bauhausära prägen die kulturelle Landschaft Sachsen-Anhalts. Um musikalische Weichen auch für die Zukunft zu stellen, entstand unter Schirmherrschaft von Kultusminister Jan Hendrik Olbertz 2007 und in Trägerschaft des Landesmusikrates Sachsen-Anhalt das IMPULS Festival für Neue Musik.

Die Positionierung eines neuen Festivals für zeitgenössische Musik in einem Land ohne große Metropolen war eine echte Herausforderung.

Landesweite Zusammenarbeit mit Fokus auf Vermittlung der Neuen Musik war die Antwort.
Der unkonventionelle Satz des niederländischen Intendanten Hans Rotman „Neue Musik lecker machen“ sowie die viele besondere Konzertformate weckten zunehmend Interesse und Aufmerksamkeit.

Statt wie bei den meisten Festivals üblich hoch spezialisierte Ensembles von außen einzuladen, setzt IMPULS auf den Aufbau eines Netzwerkes mit den eigenen Orchestern im Bundesland, den MDR Klangkörpern, Schulen und Hochschulen und dem Bauhaus Dessau. So konnte die Neue Musik mit den vorhandenen Ressourcen einem größtmöglichen und breiten Publikum vermittelt und erschlossen werden. Inzwischen haben die Orchester in Magdeburg, Halle, Dessau, Wernigerode und Halberstadt IMPULS sogar in den festen ABO-Reihen aufgenommen. Damit hat ausgerechnet Sachsen-Anhalt mit IMPULS ein Alleinstellungsmerkmal bekommen: kein anderes Bundesland hat eine derartige Zusammenarbeit für Neue Musik wo Austausch vor Konkurrenz gesetzt wird. In dieser einzigartigen regionalen Zusammenarbeit liegt gerade die überregionale Bedeutung.

Das IMPULS-Festival ist ein Landesfestival. Die durchschnittlich 25 Veranstaltungen pro Jahr wurden bis jetzt in Magdeburg, Halle, Dessau, Halberstadt, Wernigerode, Schönebeck, Stendal, Bitterfeld, Weferlingen, Kalbe, Köthen, Michaelstein, Eisleben, Leipzig, Berlin und Brüssel durchgeführt.

Die Finanzierung
In 2008 und 2009 bekam das Festival eine Basis-Zuwendung vom Kultusministerium in Höhe von 250.000 Euro. 2010-2012 würde die Förderung zurückgeführt auf 200.000 Euro. Ab 2013-2017 wurde diese weiter abgesenkt auf 150.000 Euro. Für 2018 ist diese nur noch 100.000 Euro.
Eine Absenkung seit 2008 um 60%.
Aus anderen Bereichen des Kultusministerium (Förderung Jugend) bekam das Festival zusätzlich für die IMPULS Jugendprojekte 2013, 47.000 Euro, 2014-2015 35.000 Euro, 2016 20.000 Euro und 2017 15.000 Euro. Der kontinuierliche Rückgang der Zuwendung konnte aufgefangen werden durch höhere Einnahmen und Akquise von Drittmittel. 2008 noch in Höhe von 40.000 Euro konnten diese Einnahmen 2017 auf 127.000 Euro gesteigert werden. Eine Steigerung um das Dreifache.

Der Zuspruch
Bei dem Start 2008 wurden ca. 2.000 Zuschauer erreicht. 2015 waren das schon fast 9.000 Zuschauer. Eine Steigerung um das Vierfache.
Berichtet wurde vom Deutschland Funk, MDR, RBB, ZDF und ARD.
Aufgeführt wurden ca. 500 Werken von 20 in Sachsen-Anhalt wohnenden Komponisten und von 130 deutschen und anderen internationalen Komponisten mit 71 Solisten, 50 Dirigenten, 20 Klangkörper und 200 Jugendlichen in ganz Sachsen-Anhalt.

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Moritz Eggert

Komponist

3 Antworten

  1. Typisch ist ja auch am Beispiel des AfD-Beitrags, dass die Argumentation immer chaotisch ist. Deshalb kann man dem auch nichts wirklich entgegensetzen.
    Das heißt es:

    „Ich finde es gut, wenn neue Konzepte ausprobiert werden, wenn junge Künstler und junge Musiker aus aller Herren Länder zusammen spielen. Ich finde es gut, wenn junge Dirigenten und Komponisten neue Stücke vortragen.“

    Der Vorwurf lautet dann simpel:

    „Aber eines finde ich nicht gut: wenn diese jungen Leute von einem Intendanten politisch verführt werden.“

    Angenommen, dem würde man zustimmen, also das wäre irgendwie sinnvoll belegbar, dann hieße das ja nur, dass man den Intendanten austauschen müsste, nicht aber das Festival plattmachen müsse. Doch das ist ja das Ziel! Der Intendant wird vorgeschoben, damit man sich des Festivals entledigen kann. Und damit steht man ja wieder im Widerspruch zum ersten Satz (oben).
    Es ist ja wirklich nichts Neues, dass den Vertreterinnen der AfD keine konsistentes logisch-nachvollziehbares Denken eigen ist. In der Debatte wird dann der „Verdächtige“ selbst zitiert und daraus vermeintlich ein Argument gedreht. Was es dann aber auch nicht, sondern wieder zum ersten Satz der AfDlers in Konflikt steht.

    Es ist mühsam, das als „politisches Agieren“ auszuhalten. Das nervt ungemein. Und es ist nicht mal produktiv. Und wenn man sich dagegen wendet, muss man sich anhören, man würde Meinungen unterdrücken. Aber es ist eben so: Nicht alles, was gesagt wird, ist einen Meinung, und nicht alles, was eine Meinung ist, ist zwingend eben evident. Aber egal. Kann man nachlesen bei Adorno: Meinung Wahn Gesellschaft

    „Heute ist es vollends problematisch, der bloßen Meinung im Namen von Wahrheit zu opponieren, weil zwischen jener und der Realität eine fatale Wahlverwandtschaft sich herstellt, die dann wiederum der Verstocktheit der Meinung zugute kommt. Sicherlich ist die Meinung der Närrin, die ihr Bett im Schlafzimmer anders aufstellen läßt, um sich vor der Gefahr bösartiger Strahlungen zu schützen, pathogen. Aber die Gefahr von Strahlen in der atomverseuchten Welt ist so angewachsen, daß ihre Sorge nachträglich von derselben Vernunft honoriert wird, der ihr psychotischer Charakter sich entzieht. Die objektive Welt nähert sich dem Bild, das der Verfolgungswahn von ihr entwirft. Davor bleibt der Begriff des Verfolgungswahns, und die pathische Meinung insgesamt, nicht geschützt. Wer heute noch das Pathogene der Realität mit den traditionellen Kategorien des Menschenverstandes zu begreifen hofft, verfällt der gleichen Irrationalität, vor der er sich durch seine Treue zum gesunden Menschenverstand zu sichern einbildet.“ [Band 10: Kulturkritik und Gesellschaft I/II: Meinung Wahn Gesellschaft. Theodor W. Adorno: Gesammelte Schriften, S. 8374 (vgl. GS 10.2, S. 590)

  2. Adorno hat halt doch manchmal Recht :-) Aber wie umständlich er es wieder ausdrückt…

  3. Michael Binder sagt:

    Wir wollen aber auch keine „braunen kulurellen Experimente auf Kosten des Steuerzahlers“.

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