Brauchen wir eine Humorpolizei? Carlotta Joachim spricht über den Hope-Shred.

Die „Affäre Hope“ ist inzwischen pressetechnisch regelrecht explodiert – so sehr, dass man schon fast vergisst, um was es ursprünglich eigentlich Mal ging. Schon erstaunlich, wenn man bedenkt, von wie wenigen Leuten der Shred eigentlich bisher gesehen bzw. gehört wurde. Inzwischen gibt es ein kurzes Statement von Hope, aber nach wie vor keine Antwort auf meinen offenen Brief – weder vom Konzerthaus Berlin, von der Deutschen Grammophon, noch von Hope selber. Eigentlich schade.
Daher ist es vielleicht an der Zeit, dass die Mitautorin des Originalshreds – die bisher aufgrund fehlender beruflicher Konsequenzen für sie wenig in der Presse genannt wurde – auch einmal zu Wort kommt, Carlotta Joachim:

Als wir den Skandal-Shred heruntersägten und -klimperten, hatten wir wahnsinnigen Spaß an unserem zugegebenermaßen albernen Anarchismus und unserer Frechheit, vergleichbar mit der stillen Freude eines Dackels, der ein Denkmal anpinkelt.

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Natürlich war uns klar, dass unser Humor auch Empörung und Kopfschütteln auslösen würde. So etwas gefällt mir – genau, wie ich mich amüsiere, wenn ich von allen möglichen Leuten empört zurechtgewiesen werde, nur weil ich sage, dass ich Mozart nicht ausstehen kann.
Jemand hat mir mal gesagt: „Du hast es gut, wenn es dir schlecht geht, hast du deine Trösterin, die Geige!“. Ich war völlig entsetzt und habe in etwa zurückgegiftet: „Nee, meine Geige ist ein Stück Holz, und die Haare meines Bogens sind knapp oberhalb eines Pferdearschlochs aus dem zugehörigen Schimmelhengst herausgewachsen, der sicherlich sehr gestunken und unschuldige Stuten täglich sexuell belästigt hat. Außerdem hat er drei süße Delfinbabies totgetrampelt.“ Die Person bescheinigte mir, dass ich verrückt sei. Ist es stattdessen weniger verrückt, das Geigespielen als ein Mysterium darzustellen und sich selbst als genial, ist es nicht etwas psychotisch, von dem „Zauber“ irgendeiner mittelmäßigen Musik zu schwadronieren, ist es nicht peinlich, Liebesgeschichten zwischen Mensch und Instrument zu erzählen, wie die von einer Geigerin, die als Kind zum Einschlafen ihre Geige brauchte? Stellt euch mal vor, ein Zahnarzt würde so von seinen Instrumenten reden.

Man kann sowohl meine Frechheit als auch die gewollte Romantik der Verzauberungsfraktion unangemessen finden. Es ist reine Geschmackssache. (Hier und auch oben meine ich nicht Daniel Hope, sondern allgemeine Tendenzen in der Rezeption der klassischen Musik, sie hat meistens etwas Museales.)

Womit wir überhaupt nicht gerechnet haben, was den Shred betrifft: Damit, dass jemand nicht nur empört, sondern auch ernsthaft verletzt reagieren könnte. DAS hatten wir nicht gewollt.

Das Ganze war nicht als PR-Aktion gedacht, obwohl es jetzt danach aussieht. Im Gegensatz zu meinen bisherigen privaten Erfahrungen mit missglückten Witzen, folgt diese Geschichte einem völlig anderen Drehbuch. Plötzlich erscheinen lauter selbsternannte Moral- und Humorpolizisten. Sie sammeln Holz für den öffentlichen Scheiterhaufen. Dabei steht es ihnen nicht zu, darüber zu befinden, was lustig ist und was nicht und ob wir unwiderruflich abgeurteilt werden müssen oder weiterhin Protagonisten der Klassikszene bleiben dürfen.
So scheint es auch andersherum gegen Daniel Hope zu passieren.

Ständig werden wir nun gefragt, ob es den Shred noch gibt und ob wir ihn nicht zeigen könnten. Der Shred hat Daniel Hope verletzt, das sollten wir alle respektieren, statt ihm einen Humor aufzuzwingen, den er nicht teilt. Man muss den Shred nicht sehen, um zu beurteilen, ob die Konsequenzen für Arno Lücker am Konzerthaus gerechtfertigt sind oder nicht. Die Lustigkeit oder Unlustigkeit unseres Shreds sollte damit nichts zu tun haben. Wir haben weder die englischen Kronjuwelen geklaut, noch Pornos mit behinderten, hochbegabten Geigen-Kindern oder schwarzen, homosexuellen Ziegen zu Mozarts kleiner Nachtmusik gedreht.

Wir haben einen Shred produziert, der Daniel Hope verletzt hat, und wir haben ihn sofort gelöscht.

Arno Lücker hat sich bereits entschuldigt. An dieser Stelle bitte auch ich Daniel Hope um Entschuldigung.

Carlotta Joachim

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Moritz Eggert

Komponist

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