Charles Dutoit II: zwei weitere prominente Frauen beschuldigen ihn der sexuellen Belästigung

Fiona Allen, Geschäftsführerin und Künstlerische Leiterin des Hippodrome-Theaters in Birmingham (UK) und die Straßburger Sopranistin Anne-Sophie Schmidt beschuldigen seit Anfang des Jahres den Schweizer Dirigenten Charles Dutoit, sie vor ca. 20 Jahren sexuell belästigt zu haben. Damit treten nun zwei weitere mutmassliche Opfer des Dirigenten neben die anderen vier Frauen, die ihn letzten Monat der sexuellen Belästigung ziehen, auch im Zuge des Outings der mutmasslichen Opfer der Levine-Affäre.

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Besonders prekär: zuerst beendete das Boston Symphony Orchestra zu Levine seine Beziehungen, nun wiederholte es dies im Falle Dutoits. Zusätzlich dazu versagte 1997 im Falle Fiona Allens nicht nur das Bostoner Orchester, sondern auch das Tanglewood Festival. Die Australierin Fiona Allen absolvierte damals als 30-Järhige dort ein Praktikum.

Sie sagt, dass eine ihrer Aufgaben war, den Gastdirigenten, wie Dutoit es mit dem Boston Symphony Orchestra war, Partituren und Dokumente in die Garderobe zu legen. Dem Boston Globe sagte sie, dass nach wenigen Minuten im Raume Dutoit begann sie zu begrapschen.

Sie war darüber sehr verwundert, da sie sich mit einer Körpergröße von ca. 183 cm für relativ unangreifbar hielt. Dutoit habe sie gegen die Wand manövriert und ihre Brüste angefasst. Sie war vor allem vom Anspruchsdenken Dutoits geschockt: „Es war wie dieses dekorative Objekt, dass seine Garderobe betreten hatte, so dass er sich ermächtigt fühlte, es zu berühren.“

Das Fatale: unmittelbar danach, leider schon zu spät, wurde sie vom Manager Ray Wellbaum des Boston Symphony Orchestra informiert, dass sie Dutoits Garderobe nur zu zweit betreten solle. Sie wundert sich, dass es nicht die Regel war, Dutoit als mutmasslichen Täter zu feuern, sondern dass man „Vorsichtsmassnahmen“ ergriff, um potentielle Opfer vor ihm zu schützen. Das Orchester kündigte nun an, die Vorwürfe zu prüfen. Dutoit hat sich hierzu wie zu dem anderen Fall nicht geäußert.

Ich behaupte, dass 1997 Fiona Allen eben nur eine auswechselbare Hilfskraft war. So gab man dem berühmten Dirigenten den Vorzug. Wäre sie heute noch irgendwo ganz unten im Musikleben beschäftigt, würden die negativen Kommentare ihr gegenüber noch krasser ausfallen, wie z.B. auf Slippedisc. In Deutschland, so könnte man es frei interpretieren, wird von den hohen Rängen des Musiklebens nicht einmal veritablen, im Leben stehende Künstlerinnen und Dozentinnen geglaubt, obwohl es manches Gericht durchaus tut.

Natürlich gilt für jeden nicht endgültig Verurteilten oder Angeklagten – Dutoit ist momentan wohl nicht einmal Letzteres – die Unschuldsvermutung, ist vielleicht sogar je nach US-Bundesstaat mit Verjährung zu rechnen. Dennoch sind die Institutionen in Amerika und Britannien in der Sache sehr vorsichtig und lassen alle Beziehungen deutliche ruhen, was in Deutschland manchmal besonders im Musikleben gar nicht zu passieren scheint.

Wie gesagt, auch Fiona Allens Vorwürfe sind erst einmal nur mutmassliche Beschuldigungen. Doch nimmt man sie als Leiterin eines großen britischen Theaters sehr ernst. Sie hatte damals übrigens Wellbaum nicht von den Ereignissen berichtet, da sie schon das Gefühl hatte, man würde unter der Hand gegen die möglichen sexuellen Ausfälle von Herrn Dutoit was unternehmen.

Andererseits fühlte sie sich wie das letzte Glied in der Kette des Orchesters und gerade durch die „Vorsichtsmaßnahmen“ allein gelassen. Für sie war Tanglewood, wie für viele junge Künstler, ein Traumjob. Nach dem mutmasslichen Vorfall verlor sie – ich sage zurecht – jeden Respekt vor Weihestätten wie dieser: „Dutoit war ein großer Kassenmagnet. Und der war ihnen wichtiger als Ethik. Die Moral war am Boden.“

Der andere Fall sind die mutmasslichen Vorwürfe der französischen Sopranistin Anne-Sophie Schmidt. Sie sang unter anderem an der Bastille Oper in Paris, an der Berliner Staatsoper, in Toulouse, Nancy, Toronto, Teatro Reggio di Torino, an den Opernhäusern in Malaga, Sevilla und Madrid, Hauptrollen in Figaros Hochzeit, Boris Godunow, Johanna auf dem Scheiterhaufen, die Blanche in den Dialogen der Karmeliterinnen oder die Lustige Witwe. Eine schöne, nachahmungswürdige internationale Karriere.

1993 sang sie laut ihrem Interview mit dem „Journal L’Alsace“ die Mélisande in Debussys Oper „Pélleas et Melisande“ unter Charles Dutoit am Théâtre des Champs-Élysées. Während der Proben im Pariser Rundfung mit dem Orchestre national de France begann Dutoit mutmasslich sie verbal und schriftlich per Anrufbeantworter und Briefen sie sexuell zu umwerben, was sie abwies, da sie in einer Beziehung lebte.

Daraufhin soll Dutoit sie vor dem Orchester erniedrigt haben, versuchte sie zu brechen. Irgendwann kreuzten sich ihre Wege auf dem Gang, er drückte sie gegen die Wand und soll sie gewaltsam berührt und geküsst haben. Sie konnte sich wohl wehren und wegrennen. Sie ließ dann ihren Freund kommen, der sie versuchte, auf Schritt und Tritt zu beschützen.

Dutoit beschimpfte sie wohl öffentlich weiter. Ihr Agent bestätigte ihr dann, dass Dutoit alle weiter mit ihr geplanten Engagements kündigte, wie er wohl sagte, weil sie Dutoits Avancen abgelehnt hatte. Auch ihr Auftritt als Mélisande wurde gecancelt, sie hatte damals das Gefühl, ihre Karriere sei dadurch nachhaltig ruiniert worden.

Ihr Agent riet ihr, nichts davon an die Öffentlichkeit zu tragen. Nach den amerikanischen und britischen Fällen, sei sie die erste in Frankreich, die sich über ihre mutmasslichen Erlebnisse mit Dutoit öffentlich äusserte. In Frankreich sei das Musikleben machistisch – wie es auch hier ein Deutschland einem vorkommen mag, wage ich zu sagen, s. letzter Absatz – , wo solche Vorfälle im Klassikbereich unter den Teppich gekehrt würden. Dennoch gäbe es viele männliche Künstler, die sich in Leitungsfunktionen absolut korrekt verhalten würden.

Davon abgesehen sei es nach wie vor solche mutmasslichen Vorfälle ans Licht der Öffentlichkeit zu bringen, da den mutmasslichen Opfern immer eine Mitschuld vorgeworfen würde. Da sie nicht mehr an Häusern singt, könne sie nun darüber reden. Eine Bekannte von ihr hat ähnliches erlebt und traute sich nur anonym ans Licht, wie man es auch in Deutschland kennt. Würde sie das öffentlich tun, würde sie nicht mehr engagiert.

Für sie ist klar, dass Dutoits Karriere nun enden sollte, ja, dass sich das ganze Musikleben öffnet: in 90ern wussten Alle davon, doch keiner traute sich Dutoit oder ähnlich agierende Herren zu feuern. Heute löst man alle Verträge, obwohl man es eben eigentlich längst wusste, solange es nur keine Wellen schlägt.

So kommt es einem auch hier vor: weitermachen, obwohl man als öffentlich-rechtliche Institution sehr vorsichtig agieren sollte, auch wenn es bereits mehrere schwebende Urteile und ein neues Verfahren gibt. Mit Müh‘ und Not korrigiert man vielleicht Webeiten in Hinblick ruhende Ämter, aber erst nach Protesten. Die Hysterie in Amerika ist einerseits sehr gefährlich, da es nicht einmal Anklagen gibt.

Aber man schützt sich, ja, das Wording ist so, dass sich Orchester X mit Dirigent Y geeinigt habe, dass der Dirigent es selbst vorgeschlagen habe, die Engagements vorerst ruhen zu lassen. Hier bei uns davon keine Spur in solchen oder ähnlichen Fällen. The show must go on – davon haben sich die Angelsachsen und Amerikaner weidlich getrennt, natürlich nur, wenn was an die Öffentlichkeit kommt. Nicht diese Hysterie, aber diese aktuelle Vorsicht sollte man gerade bei so schlimmen Vorwürfen wie sexuellen Vergehen und Verbrechen üben. Der deutsche Fall meint übrigens den besagten mit den akademischen Leserbriefen. Manchmal erinnert mich diese öffentliche, deutsche Treue an Hans Pfitzner und seine Briefe an den als Kriegsverbrecher inhaftierten Hans Frank nach 1945, wie Justiz und Opfer von berühmten Literaten bezweifelt werden, gar nicht so unähnlich. Jene Akademie führt Pfitzner übrigens immer noch in ihrem Nekrolog. Gott sei Dank wurden seine Frank-Briefe erst posthum bekannt. Und private Solidarität ist zwar durchaus sehr honorig, öffentlich-halbinstitutionelle dagegen sehr, sehr unvorsichtig.

Alexander Strauch.
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