F*ck Tradition – Gegenrede an Siegfried Matthus

Max Weber verband Tradition mit der Monarchie. Gustav Mahler verstand darunter gedankenlose Anarchie: „Tradition ist Schlamperei.“ Der Bayer denkt an Trachtenverein, der Brandenburger an ewigen märkischen Sand im Getriebe. Siegfried Matthus will mit seinem Ruf nach Tradition Sand vor die Räder des „FuckYou1falt“-Waggons des Musikrats streuen. Und streut doch daneben. Er fordert mal wieder „Unterricht in Kulturtradition“. Was sich erst wie ein Weckruf anhört, könnte im schlimmsten Fall zur endgültigen Musealisierung klassischer Musik führen. Gerade weil er es mit einer vehementen Ablehnung der Popkultur verbindet, würde solch ein Unterrichtskonzept dazu führen, dass in der Massenkultur Verhaftete verstaubte Klassik einmotten würden, wenn man sie darüber abstimmen lassen würde.

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Was ist der Mehrwert davon, Mozart, Beethoven, Schubert, Schumann und Brahms zu Göttern zu erklären und losgelöst von Kontexten einfach als wichtige Halbgötter der inländischen Kultur zu präsentieren? Das fühlt sich am Ende wie die Gipsbüstenshow einer Walhalla an. Wer seine kulturellen und historischen Pappenheimer in ihrem Wirken in ihrer Zeit und deren Folgen kennt, dem mag sowas ein heiteres Wiedersehen bescheren. Wer erfährt, wie konsumistisch und dümmlich sein Musikgeschmack eigentlich sei, der wirft vielleicht bald diese Köpfe von der Brüstung als sei es Spielzeug eines syrischen Extremistenhaufens. Denn reine Bewunderungslehre ist am Ende kulturelle Leere wie am Ende des Faschismus oder Kommunismus, was ja mitunter ein Grund des siechenden Kulturwissens z.B. in Brandenburg sein mag, wo es zu Weihnachten kaum noch das Bescherkind, sondern neuzeitliche Paraden der Weihnachtsmänner gibt als sei alles fest in Coca-Cola-Hand.

Was spricht eigentlich gegen einen ordentlichen Musik-, Kunst- und Sprachenunterricht? Nicht dass dies der weiseste Ratschlag wäre. Das Singen klassischen und heutigen Liedguts ist doch wunderbar: zuerst Lady Gagas Paparazzi, dann ein wenig Wissen über Mozarts Rauswurf aus dem Salzburger bischöflichen Haushalt. Und als Höhepunkt wunderbar fäkalische Kanons Mozarts. Aber hier fängt es schon an und schaltet gleich zu Matthus um: bitte nicht die gesäuberten Texte, nein, Arschlecken wortwörtlich. Zu meiner Schulzeit war das fein säuberlich aus dem Schulgesangsbuch getilgt, so wie sich Jahre später in meinem verhauenem Schulmusikstudium eine Musikpädagogikprofessorin über die Zeile „wo ich nebst einer wilden Sau steh’“ aus einem Kanon auf ein Morgensterngedicht mokierte. Zurecht also der Titel „FuckYou1Falt“!

Die Engstirnigkeit, die Klassik und Kulturbildung abwürgt, beginnt nämlich nicht im ewigen merkantilen Gedudel in Aufzügen und auf Christkindlmärkten, worauf, da gehe ich mit Herrn Matthus d’accord, gerne im Unterricht aufgeklärt werde, also z.B. darauf hingewiesen wird, welche Lappen Bieber oder eine x-beliebig aktuelle Boygroup im neuesten Video trägt oder fast nicht anhat und wie es die hörende und sehende Jugend im Konsumrausch kopiert. Wer aber meint, ein „blicket auf, all ihr reuig Zarten“ würde junge Leute für Mahlers oder Schumanns Faustvertonungen begeistern, der oder die irrt. Das mag der pädagogische Impetus sein, wobei ich mich da im rein pädagogischen Ethos auf „reuig zart“ beschränken würde: mit großem Herz und Verständnis für die Traditiönchen der Teenies das Aufkeimen und Wachsen der Traditiönchen der Klassiker zu Traditionen der Kultur oder anderer vergangener Meister aus den Nöten und Freuden ihrer Zeit heraus mit guten Beispielen der Jetztzeit verknüpft ins kollektive Bewusstsein zurückrufen.

Denn wir Kultursüchtigen, uns erscheint es ja selbstverständlich, dass de Vitry, Couperin, Purcell, Smetana und Sibelius, um mal aus dem salbadernden Germaneneigenlob herauszukommen, genauso wichtig wie Webern, Partch, Lucier und Griséy sind. Insofern wir nicht Spätberufene sind, sind wir vielleicht gar nicht in der Lage, die Meister anderen zu vermitteln. Ja, vielleicht genügt unser Feuer dafür – doch Sonderlinge bleiben wir. Und wie die Alten Sonderlinge waren, so sollte man das nicht als Ausgangspunkt zum Werben um Verständnis nehmen, es sei denn, man führt für Bruckner und Messiaen das Fach „inklusorische Komponistenkunde“ ein. Nein, das volle Leben von damals nach Heute transferieren, tolle Lehrmaterialien dazu, das ist der Weg. Und eben ganz einfach mal wieder richtigen Musik-, Kunst- und Sprachenunterricht wagen.

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Alexander Strauch.
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