Wärme und Menschlichkeit – Neue Musik in Weimar, Frühjahr 2016

Heute mal purer Kitsch, wie Limonaden-Schnürlregen und Katzenfotos! Ich bin immer wieder baff, wie herzlich die Akteure der zeitgenössischen Musik in Mitteldeutschland miteinander umgehen. Egal ob Musiker, Komponist, Technik, Administration: grundsätzlich sind alle zuvorkommend und interessiert aneinander. Die Unterschiede der musikalischen Herkunft oder ästhetischen Positionen werden sehr wohl benannt und auch mal deutlich ausgetragen. Auch hier geht man sich mal einige Zeit aus dem Wege. Dennoch rauft man sich wieder zusammen und begegnet sich erneut auf Augenhöhe. Ja, man entwickelt Gemeinsamkeiten mit Menschen, wo man als typisch süddeutscher Mensch aus dem Musikmoloch München Jahrzehnte nicht aufeinander zugehen würde. Die Thüringer reiben sich dann immer ganz erstaunt die Augen, wenn sie von den grösseren finanziellen Sicherheiten und Möglichkeiten Süddeutschlands hören und trösten einen trotzdem höchst liebevoll, wenn man von seiner lieben Not mit der eigenen Musikszene berichtet, den weiten Wegen und hohen Hierarchien, die es zwar auch im Brätelland gibt, aber dennoch nach dem gegenseitigen Austausch miteinander selbst den Thüringern schwieriger als in Mitteldeutschland erscheinen.

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Eben eine Wärme und Menschlichkeit, die uns hier unten manchmal nur der Fön spendet, wenn die Gräben von der Sonne überscheint werden und man wieder zu sich kommt. Man verstehe mich nicht falsch, ich habe viele liebe Kollegen hier, die mich gerne aushalten und die ich gerne aushalte, wir eigentlich auch wie Thüringer zueinander sind. Verteilen wir uns aber in Süddeutschland, sind wir in den Prärien und Steppen der viermal so grossen Bundesländer Bayern und Baden-Württemberg schnell Einzelkämpfer und treten manchmal unerbittlich gegeneinander an. Hinter den sieben Bergen des Thüringer Waldes aber zwingt die Enge wie die Lieblichkeit der Landschaft, ohne den hartkantigen Alpenblick wie hier im Süden, wieder zusammen, was hier unten auseinanderdriften würde.

Ein breiter Komponist (ich), eine drahtige Sabrina Ma und der elanvolle GMD Markus L. Frank

Ein breiter Komponist (ich), eine drahtige Sabrina Ma und der elanvolle GMD Markus L. Frank

Anlass meines Mitwirkens bei den 17. Weimarer Frühjahrstagen war die Aufführung meines Marimbakonzertes „Ascenseur“ in einer Neufassung, das 2007 der formidable Jobst Liebrecht mit seinem Marzahner-Hellersdorfer Berliner Jugendsinfonieorchester aus der Taufe hob. War damals ein Schüler der uns allen bekannten Hans-Werner-Henze-Musikschule der Solist, war es diesmal Sabrina Ma, eine wundervolle, internationale Künstlerin mit Schwerpunkt Berlin. Sie verzauberte mich wie alle meine Kollegen des Orchester/Marimba-Projekts. Auf den eineinhalbstündigen Fahrten von Weimar nach Sondershausen kam ich endlich mit meinem bayerischen Kollegen Hubert Hoche mal ins Gespräch. Ich kenne ihn zwar schon länger, aber hier hatten wir die Ruhe, um über unsere Eindrücke des Projekts und unser beider musikalisches Leben im weiteren Sinne zu palavern.

Wenn wir dann in Sondershausen endlich am Konzerthaus ankamen, das aussieht wie eine kleine Fabrik, in der Gartenzwerge liebevoll produziert werden, waren wir auf das Loh-Orchester gespannt. Waren die ersten Proben ein richtiges Kennenlernen von Musikern und unseren Stücken, so steigerte sich das knapp 50-köpfige Orchester von Termin zu Termin mit gewaltigen Schritten, so dass man das mit der Gartenzwergfabrik schnell vergass und eher an ein Elfenheim dachte. Unter der Leitung von Markus L. Frank wurde das Ensemble immer mehr aus der Reserve gelockt, hörte man bei der Ankunft die einzelnen Stimmgruppen ewig vor der Probe intensiv zusammen Stellen aus unseren beiden Konzerten üben, wie man es so hautnah nur selten bei unseren süddeutschen Orchestern erleben kann: aus bangen Fragezeichen wurden wackere Ausrufezeichen!

Mit uns hatten auch die drei Finalisten des Orchesterwettbewerbs ihre Proben: Steven Heelein mit Nachheuler, Sumio Kobayashi mit Requiems und Thorsten Hansen mit Trames wohnten die gesamte Probenzeit im nachts vollkommen leeren Sondershausen, wogegen Weimar wie eine Weltstadt wirkte. Jeder der drei hatte sich mit seinem Stück ambitionierte Aufgaben gestellt, die mal aufgingen, mal supereigene Ansätze zeigten, die garantiert uns noch einiges von ihnen demnächst hören lassen werden. Mich persönlich faszinierte am meisten Thorsten Hansen. Mit seinem expressionistischen Stil mag er ein wenig aus dem jetzt üblichen Rahmen fallen. Aber seine orchestralen Klangideen, sein Tonhöhenumgang, seine Übergangsgestaltungen – da ist viel Potential drin, das nach Grossform lechzt – aber bitte keine Riesengrossform a la Donaueschingen vor ein paar Jährchen!

Wie üblich gab es einen Reigen vieler Kammermusiken in den anderen Konzerten, so dass ich Komponisten aus der ganzen Republik wiedersah! Nach inspirierenden E-Gitarren, Jugendensembles, Teichmännern, Kotos, Carines und koreanischen Zupf- und Streichwunderwaffen nahmen die Abende bei Bratwurst und Hirschgulasch mit Kontroversen und Einigkeiten über das Gehörte immer erst weit nach Mitternacht ein Ende. Wer morgens blasse Gestalten am Goetheplatz wahrnahm, hatte zu 50% einen Frühjahrstage-Mitwirkenden vor sich. Die Farbe kam dann nachmittags wieder ins Gesicht.

Der Hammer war der Abschlussabend mit ungewöhnlich guten Beiträgen zum Kammermusikwettbewerb von Sonja Mutic und Fredrik Zeller sowie Ivan Gonzalez Escuder, hervorragend klar vom via-nova-Ensemble, bestehend aus Daniel Gutierrez (Violoncello), Lukas Fischer (Klavier), Neza Torkar (Akkordeon) und Nikita Geller (Violine), interpretiert. Den lieben Fredrik Zeller hatte ich ewig nicht mehr gehört oder gesehen. Ein entspannter Mensch, ganz bei sich, der einfach nur noch macht, was er will. Meinen vollen Respekt dafür! Das führt zwar dazu, dass man dann nicht mehr permanent zwischen Eclat und Ultraschall vernommen wird oder auf der Biennale oder in der Bayerischen Akademie der Schönen Künste präsent ist. Aber es lässt einen unabhängig und eigenständig jenseits der Machtzentren agieren. So sei Werbung für ihn gemacht: bald werden der BR-Sinfonieorchester Bratscher Klaus-Peter Werani und der feine Akkordeonis Kai Wangler ein Stück von ihm hier in München aufführen. Aber eben erst, wenn Fredrik es für seine Freunde fertig hat, ohne Vorgaben, ohne Zwänge! Wie schön, wenn das hier im Süden immer in so flachen Hierarchien laufen könnte. Aber Fredrik gibt mir da grosse Hoffnungen, dass es vermehrt so möglich sein wird.

Einen Wermutstropfen gab es allerdings doch: eigentlich wollte ich sonntags die Nachmittagsvorstellung der Gutenberg-Oper am Theater Erfurt von Volker David Kirchner in der Regie meiner Freundin Martina Veh ansehen. Aber mein Jurorendasein auch für den Kammermusikwettbewerb band mich an Weimar. Aber viel trauriger als dieses emotionale, selbstreferentielle Gedöhns: die letzte geplante Aufführung dieser überregional gepriesenen Opernproduktion wird gestrichen, da so wenig Publikum in Erfurt Interesse an Neuem zeigt. Wo hier in München Uraufführungen der Staatsoper knallhart ausverkauft sind, wird man an den thüringischen Opernhäusern bald als Solist seine eigene Gage mitbringen müssen, so klamm werden die runtergespart. Denn die thüringischen Kulturpolitiker wissen nicht, was sie tun: diese zwergenhafte, warme Wunderwelt, die feinste Geschmeide an Tonkunst auch heute noch hervorbringt, wird trockengelegt, als wären die Orks im tolkienschen Moria, die die dortige Zwergenwelt zerstörten, im Hier und Jetzt Wirklichkeit geworden.

So lasst uns für bessere Zeiten beten! Hier wie in Thüringen. Denn manchmal bleibt selbst Atheisten nichts anderes übrig, wenn, egal ob in Mitteldeutschland oder Bayern, von oben ein rauer, globaler Wind auf die angeblich so unwichtigen Zwerge der Neuen Musik bläst. Immerhin sind wir schon unten und kennen uns da gut aus und strahlen uns mit dem Lächeln unserer Freunde warm!

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