Copy and Paste.

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Copy and Paste

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Gerade übe ich zwei Stücke von György Kurtag, einem ja durchaus spielenswerten Komponisten. Wie bei Kurtag häufig sind es kurze, komprimierte Sätze eher minimalistischen Charakters. Wie minimalistisch stellte ich beim Üben schnell fest: Kurtag verwendet in einem Satz jedes der beiden Stücke exakt den gleichen Klavierpart! So als ob er ihn einfach aus dem einen Stück herausgeschnitten und in das andere eingefügt hat (wen es interessiert, es handelt sich um die Passacagliabegleitung aus „Hommage a R.Sch“ (gerne im Musikerjargon auch „Hommage Arsch“ genannt) und den 6 Stücken für Posaune und Klavier).

So ein Erlebnis habe ich nicht das erste Mal. So stellte ich zum Beispiel einmal fest, dass der Klavierpart in den „Hölderlin-Fragmenten“ für Bariton und Klavier von Rihm und seinem „Klavierstück Nr.6 (Bagatellen) teilweise identisch ist. David Lang wiederum ging noch einen Schritt weiter: Seine Kurzoper „Judith und Holofernes“ besteht aus exakt derselben Musik wie sein Stück „Are you experienced?“, nur leicht uminstrumentiert und ohne den Sprecherpart.

Nun bin ich vielleicht altmodisch oder habe eine übertriebene Arbeitsethik, aber irgendwie hinterlassen solche Entdeckungen bei mir immer gemischte Gefühle. Ja ich weiß, spätestens seit Stockhausen und Rihm spricht man bei Komponisten nicht mehr von einzelnen Werken, sondern von „Werkkomplexen“, und da darf und soll sich alles aufeinander beziehen und durchdringen. Da sich eh keine alte Sau ständig alle Stücke hintereinander anhört, wird damit gewährleistet, dass sie durch die ständigen Selbstzitate immer ihr „Trademark“ haben, also immer der aktuelle eigene musikalische Stil korrekt abgebildet ist. Hier gibt es auch eine Parallele zur Kunstwelt, in der ähnliche Ideen gerne ganze Bilderserien befeuern, da man dann einfach mehr Geld verdienen kann als mit Unikaten.

Und klar, es wird dann immer das Beispiel von Bach gebracht, der ja auch mal eine alte Kantate unter neuem Titel benutzte, um sein wöchentliches Pensum überhaupt noch bewältigen zu können. Und bei Mozart wiederholen sich ja auch Melodien. Und bei Schubert. Und, und, und.

Wer aber genauer hinschaut, wird merken, dass Bach sehr wohl zwischen seinen „handwerklichen“ Aufgaben (zu denen die wöchentliche Kantatenkomposition sicher gehörte) und seinen ambitionierteren Werken zu unterscheiden wusste. Bei letzteren strebte er definitiv höchstmögliche Qualität und Individualität des Ausdrucks an. Und die Wiederholungen bei Mozart und Schubert sind zum Teil eher intuitiv, einer ähnlichen Stilistik geschuldet oder schlicht und einfach unabsichtlich. Wir können davon ausgehen, dass weder Mozart noch Schubert aufgrund ihrer jeweiligen Lebenssituation ständig ihren gesamten Werkkatalog als Bibliothek verfügbar hatten. Interessant sind zum Beispiel auch die kleinen Ungenauigkeiten bei Sonatenreprisen beider Komponisten, die eindeutig belegen, dass die Themen aus der Erinnerung geholt und nicht etwa noch einmal abgeschrieben wurden. Und wenn in einer tonalen Tonsprache mit einer überschaubaren Varianz von Akkorden und Melodien etwas mal gleich klingt, kann es auch einfach mal Zufall sein, wie zahllose unbeabsichtigte Plagiatsfälle in der Popmusik zeigen.

Mit den Mitteln heutiger Technik sind die Möglichkeiten des „Copy and Paste“ – Prinzips aber ins Unermessliche gestiegen. In den 80er Jahren wurde gerne noch mit kopierten Partiturschnipseln und Uhu gearbeitet (wenn man mal bei den Verlagen nachfragt, ist man erstaunt, wie viele Orchesterstücke eigentlich eher Kollagen immer desselben Materials sind), inzwischen reichen wenige Klicks bei Sibelius, um komplexeste Passagen auf simple Weise anderswo einzufügen, zu transponieren oder gar zu transformieren. Man kann davon ausgehen, dass diese Features sehr, sehr viel genutzt werden, vor allem von jungen Komponisten, die eine möglichst große Ausbeute bei Wettbewerben erhoffen. Früher fiel es nämlich schon mal auf, wenn in einem Streichtrio plötzlich in der Bratschenstimme stand: „mit Klavier koordinieren“, auch wenn gar kein Klavier mitspielt. Wiederverwertung halt, man hatte einfach ein anderes Stück zerschnitten und in mehrere Stücke aufgeteilt.

Nichts gegen Wiederverwertung und Recycling – die Frage ist aber doch: Wie viel Recycling brauchen wir eigentlich in einer mit Musik ohnehin schon zugemüllten Welt? Müssen wir wirklich den allgemeinen Uraufführungswahn damit befeuern, dass wir uns gar nicht mehr so richtig bemühen und einfach dasselbe Stück immer wieder verkaufen? Brauchen wir überhaupt unambitionierte Musik, wenn es doch schon so viel davon gibt? Müssen wir in der freien Kunst dieselben Gesetze befolgen, die aus Musik ein Produkt macht, das „abgeliefert“ wird? Gerade deswegen ist ja das Beispiel mit Kurtag so erschütternd – hier ist ein Komponist, der ohnehin schon erfreulich zurückhaltend ist mit seinem Werkausstoß und lieber auf Qualität als auf Masse setzt. Und dann muss der auch kopieren?

Bearbeitungen sind da irgendwie etwas anderes, denn diese sind ja als solche gekennzeichnet und betreiben keinen Etikettenschwindel. Und klar, hier ist der Komponist vornehmlich „Handwerker“, der etwas für eine andere Aufführungssituation passend macht. Aber man denkt dann eben auch nicht, dass hier etwas genuin Originelles geschaffen wurde.

Ich bin kein Moralapostel und auch nicht scheinheilig, dennoch kann ich wahrheitsgemäß sagen, dass ich noch nie ein Stück zweitverwertet habe. Und das aus einem ganz einfachen Grund: es macht mir keinen Spaß. Für mich besteht der Spaß beim Komponieren vornehmlich im Erfinden, das hält mich bei der Stange, das interessiert mich. Jedes Stück braucht auch seine eigenen Lösungen, braucht seinen eigenen Ton. Für mich ist es nicht dasselbe, eine Hommage an Robert Schumann für Trio oder ein Stück für Posaune und Klavier zu schreiben. In gewisser Weise bin ich auch zu faul, bei mir selber abzuschreiben. Ich finde es ehrlich gesagt wesentlich mühsamer, bei mir selber die richtige Stelle in einem anderen Stück herauszusuchen und diese dann dort einzufügen wo es passt – schneller geht es, etwas Neues zu erfinden.

Allerdings gibt es Arten von Musik, bei denen man gar nicht merkt, ob hier und dort was eingefügt wurde, denn es ist ab einer gewissen Komplexität eh wurscht. Oder ab einer gewissen Textmasse. Vielleicht schaut man heutzutage auch generell nicht mehr so genau hin, weil es eh viel zu viel von allem gibt.

Gerade übe ich übrigens zwei Stücke von György Kurtag, einem ja durchaus spielenswerten Komponisten. Wie bei Kurtag häufig sind es kurze, komprimierte Sätze eher minimalistischen Charakters. Wie minimalistisch stellte ich beim Üben schnell fest: Kurtag verwendet in einem Satz jedes der beiden Stücke exakt den gleichen Klavierpart! So als ob er ihn einfach aus dem einen Stück herausgeschnitten und in das andere eingefügt hat (wen es interessiert, es handelt sich um die Passacagliabegleitung aus „Hommage a R.Sch“ (gerne im Musikerjargon auch „Hommage Arsch“ genannt) und den 6 Stücken für Posaune und Klavier).

So ein Erlebnis habe ich nicht das erste Mal. So stellte ich zum Beispiel einmal fest, dass der Klavierpart in den „Hölderlin-Fragmenten“ für Bariton und Klavier von Rihm und seinem „Klavierstück Nr.6 (Bagatellen) teilweise identisch ist. David Lang wiederum ging noch einen Schritt weiter: Seine Kurzoper „Judith und Holofernes“ besteht aus exakt derselben Musik wie sein Stück „Are you experienced?“, nur leicht uminstrumentiert und ohne den Sprecherpart.

Nun bin ich vielleicht altmodisch oder habe eine übertriebene Arbeitsethik, aber irgendwie hinterlassen solche Entdeckungen bei mir immer gemischte Gefühle. Ja ich weiß, spätestens seit Stockhausen und Rihm spricht man bei Komponisten nicht mehr von einzelnen Werken, sondern von „Werkkomplexen“, und da darf und soll sich alles aufeinander beziehen und durchdringen. Da sich eh keine alte Sau ständig alle Stücke hintereinander anhört, wird damit gewährleistet, dass sie durch die ständigen Selbstzitate immer ihr „Trademark“ haben, also immer der aktuelle eigene musikalische Stil korrekt abgebildet ist. Hier gibt es auch eine Parallele zur Kunstwelt, in der ähnliche Ideen gerne ganze Bilderserien befeuern, da man dann einfach mehr Geld verdienen kann als mit Unikaten.

Und klar, es wird dann immer das Beispiel von Bach gebracht, der ja auch mal eine alte Kantate unter neuem Titel benutzte, um sein wöchentliches Pensum überhaupt noch bewältigen zu können. Und bei Mozart wiederholen sich ja auch Melodien. Und bei Schubert. Und, und, und.

Wer aber genauer hinschaut, wird merken, dass Bach sehr wohl zwischen seinen „handwerklichen“ Aufgaben (zu denen die wöchentliche Kantatenkomposition sicher gehörte) und seinen ambitionierteren Werken zu unterscheiden wusste. Bei letzteren strebte er definitiv höchstmögliche Qualität und Individualität des Ausdrucks an. Und die Wiederholungen bei Mozart und Schubert sind zum Teil eher intuitiv, einer ähnlichen Stilistik geschuldet oder schlicht und einfach unabsichtlich. Wir können davon ausgehen, dass weder Mozart noch Schubert aufgrund ihrer jeweiligen Lebenssituation ständig ihren gesamten Werkkatalog als Bibliothek verfügbar hatten. Interessant sind zum Beispiel auch die kleinen Ungenauigkeiten bei Sonatenreprisen beider Komponisten, die eindeutig belegen, dass die Themen aus der Erinnerung geholt und nicht etwa noch einmal abgeschrieben wurden. Und wenn in einer tonalen Tonsprache mit einer überschaubaren Varianz von Akkorden und Melodien etwas mal gleich klingt, kann es auch einfach mal Zufall sein, wie zahllose unbeabsichtigte Plagiatsfälle in der Popmusik zeigen.

Mit den Mitteln heutiger Technik sind die Möglichkeiten des „Copy and Paste“ – Prinzips aber ins Unermessliche gestiegen. In den 80er Jahren wurde gerne noch mit kopierten Partiturschnipseln und Uhu gearbeitet (wenn man mal bei den Verlagen nachfragt, ist man erstaunt, wie viele Orchesterstücke eigentlich eher Kollagen immer desselben Materials sind), inzwischen reichen wenige Klicks bei Sibelius, um komplexeste Passagen auf simple Weise anderswo einzufügen, zu transponieren oder gar zu transformieren. Man kann davon ausgehen, dass diese Features sehr, sehr viel genutzt werden, vor allem von jungen Komponisten, die eine möglichst große Ausbeute bei Wettbewerben erhoffen. Früher fiel es nämlich schon mal auf, wenn in einem Streichtrio plötzlich in der Bratschenstimme stand: „mit Klavier koordinieren“, auch wenn gar kein Klavier mitspielt. Wiederverwertung halt, man hatte einfach ein anderes Stück zerschnitten und in mehrere Stücke aufgeteilt.

Nichts gegen Wiederverwertung und Recycling – die Frage ist aber doch: Wie viel Recycling brauchen wir eigentlich in einer mit Musik ohnehin schon zugemüllten Welt? Müssen wir wirklich den allgemeinen Uraufführungswahn damit befeuern, dass wir uns gar nicht mehr so richtig bemühen und einfach dasselbe Stück immer wieder verkaufen? Brauchen wir überhaupt unambitionierte Musik, wenn es doch schon so viel davon gibt? Müssen wir in der freien Kunst dieselben Gesetze befolgen, die aus Musik ein Produkt macht, das „abgeliefert“ wird? Gerade deswegen ist ja das Beispiel mit Kurtag so erschütternd – hier ist ein Komponist, der ohnehin schon erfreulich zurückhaltend ist mit seinem Werkausstoß und lieber auf Qualität als auf Masse setzt. Und dann muss der auch kopieren?

Bearbeitungen sind da irgendwie etwas anderes, denn diese sind ja als solche gekennzeichnet und betreiben keinen Etikettenschwindel. Und klar, hier ist der Komponist vornehmlich „Handwerker“, der etwas für eine andere Aufführungssituation passend macht. Aber man denkt dann eben auch nicht, dass hier etwas genuin Originelles geschaffen wurde.

Ich bin kein Moralapostel und auch nicht scheinheilig, dennoch kann ich wahrheitsgemäß sagen, dass ich noch nie ein Stück zweitverwertet habe. Und das aus einem ganz einfachen Grund: es macht mir keinen Spaß. Für mich besteht der Spaß beim Komponieren vornehmlich im Erfinden, das hält mich bei der Stange, das interessiert mich. Jedes Stück braucht auch seine eigenen Lösungen, braucht seinen eigenen Ton. Für mich ist es nicht dasselbe, eine Hommage an Robert Schumann für Trio oder ein Stück für Posaune und Klavier zu schreiben. In gewisser Weise bin ich auch zu faul, bei mir selber abzuschreiben. Ich finde es ehrlich gesagt wesentlich mühsamer, bei mir selber die richtige Stelle in einem anderen Stück herauszusuchen und diese dann dort einzufügen wo es passt – schneller geht es, etwas Neues zu erfinden.

Allerdings gibt es Arten von Musik, bei denen man gar nicht merkt, ob hier und dort was eingefügt wurde, denn es ist ab einer gewissen Komplexität eh wurscht. Oder ab einer gewissen Textmasse. Vielleicht schaut man heutzutage auch generell nicht mehr so genau hin, weil es eh viel zu viel von allem gibt.

Gerade übe ich übrigens zwei Stücke von György Kurtag, einem ja durchaus spielenswerten Komponisten. Wie bei Kurtag häufig sind es kurze, komprimierte Sätze eher minimalistischen Charakters. Wie minimalistisch stellte ich beim Üben schnell fest: Kurtag verwendet in einem Satz jedes der beiden Stücke exakt den gleichen Klavierpart! So als ob er ihn einfach aus dem einen Stück herausgeschnitten und in das andere eingefügt hat (wen es interessiert, es handelt sich um die Passacagliabegleitung aus „Hommage a R.Sch“ (gerne im Musikerjargon auch „Hommage Arsch“ genannt) und den 6 Stücken für Posaune und Klavier).

So ein Erlebnis habe ich nicht das erste Mal. So stellte ich zum Beispiel einmal fest, dass der Klavierpart in den „Hölderlin-Fragmenten“ für Bariton und Klavier von Rihm und seinem „Klavierstück Nr.6 (Bagatellen) teilweise identisch ist. David Lang wiederum ging noch einen Schritt weiter: Seine Kurzoper „Judith und Holofernes“ besteht aus exakt derselben Musik wie sein Stück „Are you experienced?“, nur leicht uminstrumentiert und ohne den Sprecherpart.

Nun bin ich vielleicht altmodisch oder habe eine übertriebene Arbeitsethik, aber irgendwie hinterlassen solche Entdeckungen bei mir immer gemischte Gefühle. Ja ich weiß, spätestens seit Stockhausen und Rihm spricht man bei Komponisten nicht mehr von einzelnen Werken, sondern von „Werkkomplexen“, und da darf und soll sich alles aufeinander beziehen und durchdringen. Da sich eh keine alte Sau ständig alle Stücke hintereinander anhört, wird damit gewährleistet, dass sie durch die ständigen Selbstzitate immer ihr „Trademark“ haben, also immer der aktuelle eigene musikalische Stil korrekt abgebildet ist. Hier gibt es auch eine Parallele zur Kunstwelt, in der ähnliche Ideen gerne ganze Bilderserien befeuern, da man dann einfach mehr Geld verdienen kann als mit Unikaten.

Und klar, es wird dann immer das Beispiel von Bach gebracht, der ja auch mal eine alte Kantate unter neuem Titel benutzte, um sein wöchentliches Pensum überhaupt noch bewältigen zu können. Und bei Mozart wiederholen sich ja auch Melodien. Und bei Schubert. Und, und, und.

Wer aber genauer hinschaut, wird merken, dass Bach sehr wohl zwischen seinen „handwerklichen“ Aufgaben (zu denen die wöchentliche Kantatenkomposition sicher gehörte) und seinen ambitionierteren Werken zu unterscheiden wusste. Bei letzteren strebte er definitiv höchstmögliche Qualität und Individualität des Ausdrucks an. Und die Wiederholungen bei Mozart und Schubert sind zum Teil eher intuitiv, einer ähnlichen Stilistik geschuldet oder schlicht und einfach unabsichtlich. Wir können davon ausgehen, dass weder Mozart noch Schubert aufgrund ihrer jeweiligen Lebenssituation ständig ihren gesamten Werkkatalog als Bibliothek verfügbar hatten. Interessant sind zum Beispiel auch die kleinen Ungenauigkeiten bei Sonatenreprisen beider Komponisten, die eindeutig belegen, dass die Themen aus der Erinnerung geholt und nicht etwa noch einmal abgeschrieben wurden. Und wenn in einer tonalen Tonsprache mit einer überschaubaren Varianz von Akkorden und Melodien etwas mal gleich klingt, kann es auch einfach mal Zufall sein, wie zahllose unbeabsichtigte Plagiatsfälle in der Popmusik zeigen.

Mit den Mitteln heutiger Technik sind die Möglichkeiten des „Copy and Paste“ – Prinzips aber ins Unermessliche gestiegen. In den 80er Jahren wurde gerne noch mit kopierten Partiturschnipseln und Uhu gearbeitet (wenn man mal bei den Verlagen nachfragt, ist man erstaunt, wie viele Orchesterstücke eigentlich eher Kollagen immer desselben Materials sind), inzwischen reichen wenige Klicks bei Sibelius, um komplexeste Passagen auf simple Weise anderswo einzufügen, zu transponieren oder gar zu transformieren. Man kann davon ausgehen, dass diese Features sehr, sehr viel genutzt werden, vor allem von jungen Komponisten, die eine möglichst große Ausbeute bei Wettbewerben erhoffen. Früher fiel es nämlich schon mal auf, wenn in einem Streichtrio plötzlich in der Bratschenstimme stand: „mit Klavier koordinieren“, auch wenn gar kein Klavier mitspielt. Wiederverwertung halt, man hatte einfach ein anderes Stück zerschnitten und in mehrere Stücke aufgeteilt.

Nichts gegen Wiederverwertung und Recycling – die Frage ist aber doch: Wie viel Recycling brauchen wir eigentlich in einer mit Musik ohnehin schon zugemüllten Welt? Müssen wir wirklich den allgemeinen Uraufführungswahn damit befeuern, dass wir uns gar nicht mehr so richtig bemühen und einfach dasselbe Stück immer wieder verkaufen? Brauchen wir überhaupt unambitionierte Musik, wenn es doch schon so viel davon gibt? Müssen wir in der freien Kunst dieselben Gesetze befolgen, die aus Musik ein Produkt macht, das „abgeliefert“ wird? Gerade deswegen ist ja das Beispiel mit Kurtag so erschütternd – hier ist ein Komponist, der ohnehin schon erfreulich zurückhaltend ist mit seinem Werkausstoß und lieber auf Qualität als auf Masse setzt. Und dann muss der auch kopieren?

Bearbeitungen sind da irgendwie etwas anderes, denn diese sind ja als solche gekennzeichnet und betreiben keinen Etikettenschwindel. Und klar, hier ist der Komponist vornehmlich „Handwerker“, der etwas für eine andere Aufführungssituation passend macht. Aber man denkt dann eben auch nicht, dass hier etwas genuin Originelles geschaffen wurde.

Ich bin kein Moralapostel und auch nicht scheinheilig, dennoch kann ich wahrheitsgemäß sagen, dass ich noch nie ein Stück zweitverwertet habe. Und das aus einem ganz einfachen Grund: es macht mir keinen Spaß. Für mich besteht der Spaß beim Komponieren vornehmlich im Erfinden, das hält mich bei der Stange, das interessiert mich. Jedes Stück braucht auch seine eigenen Lösungen, braucht seinen eigenen Ton. Für mich ist es nicht dasselbe, eine Hommage an Robert Schumann für Trio oder ein Stück für Posaune und Klavier zu schreiben. In gewisser Weise bin ich auch zu faul, bei mir selber abzuschreiben. Ich finde es ehrlich gesagt wesentlich mühsamer, bei mir selber die richtige Stelle in einem anderen Stück herauszusuchen und diese dann dort einzufügen wo es passt – schneller geht es, etwas Neues zu erfinden.

Allerdings gibt es Arten von Musik, bei denen man gar nicht merkt, ob hier und dort was eingefügt wurde, denn es ist ab einer gewissen Komplexität eh wurscht. Oder ab einer gewissen Textmasse. Vielleicht schaut man heutzutage auch generell nicht mehr so genau hin, weil es eh viel zu viel von allem gibt.

Oder doch?

Moritz Eggert

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9 Antworten

  1. Max Nyffeler sagt:

    Wir müssen wohl auch in dieser Hinsicht Abschied nehmen von den alten Vorstellungen, Komponieren sei ein individueller Prozess. Die Digitalisierung als globale Maschine erlaubt jedem die serielle Produktion von gedanklichem Plastikschrott, der dann beschönigend „musikalisches Material“ genannt wird. Wer kein ernsthafter Künstler ist, nutzt diese Möglichkeiten, um auf sich aufmerksam zu machen und müllt damit die Welt zu, wie du richtig schreibst. Die anderen, ernsthaften Komponisten wird es sicher immer geben, aber sie stehen leider im Schatten der seriellen Produzenten. Schade, dass auch ein „analoger“ Komponist wie Kurtág, der so viel Wert auf Einzigartigkeit legt, copy/paste macht.
    PS: Schön demonstriert, das Prinzip, mit der Dreifachversion des Textes!

  2. @Moritz: Interessant finde ich die von dir hergestellte gedankliche Verbindung von musikalischer Komplexität und der Gelegenheit zum kompositorischen Selbstzitat. Ist ja vollkommen richtig: Je unübersichtlicher eine musikalische Textur ist, desto besser lässt darin etwas zweitverwerten. Das nährt natürlich – Postminimalist, der ich bin – meinen Zweifel an der intellektuellen Redlichkeit komplexistischer Ästhetik.

    Das Witzige dabei ist, dass gerade die Komplexisten (und andere Traditionsmodernisten) dem (Post-)Minimalismus (und dem Neuen Konzeptualismus sowieso) gerne Redundanz sowie digitale Versklavtheit vorwerfen. Unter dem Licht deines obenstehenden Artikels scheint aber – zumindest gelegentlich – manchmal ja eher das Gegenteil der Fall zu sein ;-)

  3. knopfspiel sagt:

    Meines Erachtens muss man unterscheiden zwischen wiederverwerteten Material und wiederverwerteten Stücken… die Frage ist, gibt es zu dem Material noch etwas neues zu sagen, etwas hinzuzufügen?

    Ich verwende seit Jahren ständig immer wieder die selben Motive – nicht, weil ich faul wäre, sondern weil diese mit einer bestimmten Bedeutung aufgeladen sind. Das ist meist so verborgen, dass es nur auffällt, wenn man die Stücke sehr genau kennt. Insofern kann man nicht von einer copy-paste-Ästhetik sprechen…

    Ich kenne das Gefühl des Ärgers, wenn man ein Stück in recycelter Form noch mal hört, obwohl man etwas neues erwartet hatte. Wenn das aber explizit angegeben ist, stört es mich nicht – man mag sogar eine gewisse eigene Ästhetik daraus nehmen, etwas auf verschiedene Weisen immer wieder neu zu sagen.

  4. Bin mit Moritz Eggert einverstanden, wenn es sich um leere Wiederholungen handelt, die nur dazu da sind, musikalisch Raum auszufüllen oder „zuzumüllen“ wie er sich so schön ausdrückt. Denke aber auch, dass die Wiederholung als bewusst eingesetztes Mittel ein sehr wichtiges Element der musikalisch – architektonischen Gestaltung ist. Man denke nur an das Ritonell in der Renaissance oder dem Frühbarock, die Reprisen in den barocken Concerti, in den klassischen Instrumentalkonzerten, Sonaten oder Symphonien oder an das Rondo. Allerdings weist C.Ph.E. Bach daraufhin, die Reprisen durch improvisierte Läufe, Triller oder andere Verzierungen zu verändern, um sie nicht langweilig erscheinen zu lassen – ein Aspekt der heute im Routinebetrieb leider nur wenig beachtet wird.

    Interessant sind Wiederholungen ganzer Teile oder Themen/Motive auf anderen Tonstufen, etwa um einen halben oder einen ganzen Ton höher, etwa von As-Dur nach A-Dur oder B-Dur: Eine Technik, die von Wagner, Bruckner oder Mahler häufig verwendet wird. Dadurch erscheint das schon Gesagte gleichsam gesteigert nochmals intensiviert.

    Bach, wie auch Brahms, sind Meister darin, aus immer gleichem Material (etwa den Figuren) immer Neues zu schaffen. Dass Bachs Kantaten zu seinen weniger ambitionierten Werken zählen sollen, nur weil es Auftragskompositionen waren, (was bei Bach aber fast bei allen Werken der Fall ist) kann ich nicht nachvollziehen, denn gerade hier experimentiert er am meisten mit dem neuen dramatischen Stil und ist völlig inspiriert und unkonventionell.

    Hier ein Link zu einer Kantate, bei welcher im ersten Teil das Sterbeglöckchen durch die repetierenden hohen Töne des Flauto Traverso originell dargestellt ist. Die Kantate heisst: Liebster Gott, wenn werd ich sterben.

    http://petrucci.mus.auth.gr/imglnks/usimg/b/b9/IMSLP00727-BWV0008.pdf

  5. Max Nyffeler sagt:

    Interessante Gedanken, die ich voll unterschreiben kann. Aber ich glaube, etwas dürfen wir nicht vergessen: Das bis vor wenigen Jahrzehnten geltende Originalitäts-Paradigma ist eine Frucht des 18./19. Jh. und der Aufwertung des Subjekts in der sich entfaltenden bürgerlichen Gesellschaft. Bis zu Bachs Zeit galten noch andere Regeln. Heute wird das Subjekt aus verschiedenen Gründen wieder abgebaut (die hysterische Überbetonung des Individualismus und Partikularismus („Différance“) durch die Medien ist vermutlich eher eine Zerfallserscheinung und kein Beweis für eine „Rettung des Subjekts“). In der heutigen Situation, in der alles ins Rutschen gerät, sind auch Wiederholungen meistens nicht mehr das Resultat einer subjektiven Entscheidung im Dienst einer stimmigen Form, sondern bloße Anhäufungen und Wiedervwertungen von Material. Der Computer liefert das alles mit 2-3 Klicks, dazu braucht es keine geistigen Kämpfe à la Beethoven mehr. Man sollte aber am überlieferten Subjektbegriff festhalten, allerdings ohne seine Verabsolutierung im 19. Jh. und frühen 20. Jh. (auch der hysterische „O-Mensch“-Subjektkult des Expressionismus war letztlich eine Zerfallserscheinung im Umfeld des 1. WK), um ihn zu weiterzuentwickeln und zu schützen sowohl vor den Attacken der inhumanen Ideologen als auch vor der Entleerung durch die Manipulationen der digitalen Ära. (Die inhumanen Ideologen soll man bekämpfen, die Digitalisierung jedoch nutzbar machen für eine humane Zukunft.)

  6. Sehr interessant: Ja, es sind alles Zerfallserscheinungen, die wir heute erleben.
    Der PC transponiert die Stimmen: gut, es ist erst einmal eine Hilfe. Aber die Jüngeren sehen dann keinen Sinn mehr darin, selbst Stimmen zu transponieren und verlernen es. Dadurch geht ein Kulturgut verloren, das vielleicht wertvoller ist als der kurzfristige Zeitgewinn. Dieses Beispiel könnte man auf Vieles übertragen. Irgendwann verlernen wir alles und der PC komponiert für uns.

    P.S: Leider wurde mein Link zu IMSLP zur Partitur der Bach – Kantate nicht durchgestellt. Vielleicht kann die Redaktion helfen?

  7. Vielen Dank Herr Hufner.

    Vielleicht ist mit der repetierenden Figur der Flöte in der Bach – Kantate auch das Laufwerk einer Uhr gemeint das unablässig abläuft: Unsere Lebenszeit. Auch die metrisch immer gleiche Einteilung der Zeit durch die Achtel der Streicher (siehe Partitur im Link oben) ist wohl eine Allegorie der unerbittlich dahinfliehenden Zeit:

    http://www.youtube.com/watch?v=dKMRNuCKHlM

  8. peh sagt:

    Till Knipper hat sehr schön nachgewiesen, wie Klaus Huber seine Werke „rekompostiert“ und bei Boulez lässt sich meines Wissens „ähnliches“ (ha! witz!) nachweisen.
    Klage um Klage „Rekomposition“ in Klaus Hubers Spätwerk
    Musik-Texte 123, Dezember 2009