Berlin – quo vadis Solistenensemble Kaleidoskop und Zeitgenössische Oper Berlin?

Vor ein, zwei Jahren bangte die freie Neue Musik Szene mit ihren kleineren Projekten, dass sie durch das neue Musicboard kaum noch Mittel erhalten würde. Moritz berichtete erst vorgestern von der Konzertreihe Unerhörte Musik, vielleicht kann unser Berliner Badblog-Büro auch zu den folgenden Fällen etwas kommentieren oder gar schreiben: Jetzt geht es älteren und jüngeren Ensembles vorerst an den Kragen, die sich mit ihren einzigartigen Aufführungsformen zwischen Konzert und Theater bewegen wie zum Beispiel das Solistenensemble Kaleidoskop oder die wie ein Phönix aus der Asche sich in immerimmer wieder neuen Formen des Musiktheaters zeigende Zeitgenössische Oper Berlin (ZOB). Beide Ensembles bezogen bisher vor allem Förderung aus der Basis- und Spielstättenförderung für Theater des Berliner Senats. Das soll nach Entscheidung der zuständigen Jury für 2015 und 2016 erst einmal nicht mehr der Fall sein, was auch der Tanztheatertruppe Rubato nach Jahrzehnten Förderung die Luft zum Atmen nimmt. Nun ist es nicht Absicht der Jury z.B. Kaleidoskop und der Zeitgenössischen Oper auch diese zu nehmen. Es tut sich vielmehr ein Graben zwischen dem Erfolg der Projekte und der möglichen Fördersummen auf.

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Wer wächst, gerät manchmal in Gefahr, bei öffentlichen Hauptförderern wie eben dem Berliner Senat Projekte einzureichen, die selbst mit diesen Mitteln nicht einmal zur Hälfte gedeckt sind, also auch bei Zusage ein veritables Restrisiko bleibt, ob man die weiteren Mittel eintreibt, ohne alle Kosten plötzlich um 2/3 kürzen zu müssen und es auch überhaupt zu können. Da bleibt einer Jury nur, den einen untergehen zu lassen, um wenigstens den anderen mit geringerem Etat unterfinanzieren zu können und somit erst einmal auch ausserhalb Berlins Dinge mit nicht einer Strahlkraft wie die ZOB oder Kaleidoskop zu fördern. Dennoch muss sich die Jury ein wenig Kritik anhören!

So erscheint es bei Kaleidoskop doch ein wenig mutlos, wenn man sich auf angeblich zurückgegangene künstlerische Qualität beruft und im gleichen Absatz den Erfolg mit der Nennung von Einladungen zu grossen Festivals doch wieder hinten herum bestätigt. Auch wenn man damit vor allem seine Unzuständigkeit für ausserhalb Berlins stattfindende Auftritte verdeutlichen will, so entstehen diese Projekte doch vor allem in und für Berlin und sollten dort auch über kurz oder lang gezeigt werden. In den Erläuterungen zur ZOB gesteht man das Scheitern des gesamten Systems der Musikförderung des Berliner Senats ein, da zu wenig Mittel für künstlerische Kontinuität auf hohem Niveau vorhanden seien. Strenggenommen wäre der Jury eigentlich nur der Rücktritt geblieben, denn mancher Intendant trat ja zurück, wenn er solche Entscheidungen mittragen soll. Ärgerlich ist zudem, dass die Konzeptförderung, welche dort erwähnt wird, gerade auch für vier Jahre abgeschlossen wurde, wie die Berliner Zeitung schreibt.

Das setzt, so nichts passiert, ZOB wie Kaleidoskop für vier Jahre unter Wasser, da nun erst einmal Anträge dort formal ausgeschlossen sind. Wird somit eine der ersten Amtshandlungen des neuen Kulturstaatssekretärs Tim Renners sein müssen, diese beiden und andere Truppen zu retten? Denn es sei daran erinnert, dass die ZOB es bis auf Internationale Festivals brachte, wie zum Beispiel die Münchener Opernbiennale, dass sie mit operare ein Forum für junge Musiktheaterkünstler entwickelte, welches inzwischen vielfach nachgeahmt wird, dass mit „Ankunft: Neue Musik“ ein ebenfalls einzigartiges neues Format der zeitgenössischen Musik im öffentlichen Raum entwickelt wurde.

Im Falle des Solistenensembles Kaleidoskop reicht das Kurzzeitgedächtnis zu wissen, dass diese jungen Leute um Michael Rauter und Daniella Strasfogel wie aus dem Nichts kamen, um wahnsinnig aufregende Konzepte zwischen alter und neuer Musik, Theater und Musik zu entwickeln, die nicht nur graue Theorie für Spezialisten blieben, sondern Tausende begeisterten wie z.B. zur Wiedereröffnung des Neuen Museums gemeinsam mit Sasha Waltz, mit der man eine Zeit lang Tür an Tür probte. Dieses solitäre Ereignis schien auch Tom Tykwer in seinem Film „Drei“ zu inspirieren, auch wenn dort zu einem ähnlichen Museumsspektakel dann ein Chor singt. Wie es auch um die versteckte Film-Hommage gestellt sein mag: wenn ZOB und Kaleidoskop und die Kulturverwaltung keine Lösung finden, fallen Projekte aus, müssen Räume gekündigt werden, wird Personal entlassen werden, ja, könnten sich die Truppen auch auflösen, gerade Kaleidoskop mit seinen inspirierten jungen KünstlerInnen könnte Berlin verlassen, würde die ZOB dann eben mit kleineren Projekten einen Winterschlaf machen.

Aber eben auch Berlin selbst würde etwas fehlen. Das scheint in der Masse nicht immer gleich aufzufallen. Doch gerade von aussen betrachtet, aus der heimlichen Hauptstadt heraus, würde erst einmal neben den anderen Leuchttürmen ensemble mosaik oder Kammerensemble Neue Musik ein riesiges Loch entstehen. Also schleunigst diese Truppen direkt institutionell fördern und die neuen und alten Mittel dick erhöhen. Denn Kultur, auch schwierige, ist Berlins bester Gradmesser für seine Bekanntheit als Stadt der Gründer und Künstler. Wird das Panel der Grünen zur Musikförderung mehr als eine Liebeserklärung werden? Man darf gespannt sein, wie es weiter geht. Ich wünsche allen Betroffenen das Beste!

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