Alternative Komponistenbiografien: Robert (Robbi) Schumann

"Robbi Schumann beim Hören von Iron Maiden" (Zeichnung von Klara Wick, 1997)

Robert Schumann wurde 1968 in Zwickau (Bezirk Karl-Marx-Stadt) geboren, als Sohn des Grubenarbeiters August Schumann und der Kantinenköchin Johanna (geborene Schnabel).
Von seinen Eltern bekam Robert (genannt Robbi) schon früh eine Liebe zu den Künsten vermittelt. Sein Vater wollte eigentlich Buchhändler werden, hatte aber einen anderen Beruf ergreifen müssen, seine Mutter wiederum liebte die Musik und hatte im Kirchenchor gesungen. Später sollte Schumann sagen, dass es ihm eigentlich an nichts gefehlt habe.

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Schumanns Kindheit war zuerst einmal unauffällig. Wie viele Kinder seiner Generation wurde er Jungpionier und begeisterte sich für die Helden des Kommmunismus. Heimlich las er jedoch „verbotene“ Literatur (zum Beispiel Karl May) und träumte von Reisen in ferne Länder. Er brachte sich – größtenteils autodidaktisch – Gitarre bei und schrieb kleine Lieder die auch gelegentlich bei Schulkonzerten aufgeführt wurden.

Als sein Vater starb, war Schumann 16 Jahre alt. Obwohl seine älteren Brüder ebenfals im Steinkohlewerk „Karl Marx“ arbeiteten, zog es Schumann nicht dorthin. Es begann eine rebellische Zeit in der der als „schwierig“ geltende Schumann immer wieder die Schule wechseln musste. Seine Interessen waren vielfältig – so gründete er zum Beispiel einen Club für Science-Fiction-Literatur, der sich wöchentlich traf und sich mit den neuesten Entwicklungen des Genres beschäftigte. Schumann gab eine Vereinszeitung heraus und produzierte kleine Hörspiele, die er selber schrieb. Zunehmend begann er sich auch für „westliche“ Musik zu interessieren, im speziellen für Heavy Metal.

Aus eigenem Antrieb zog er 1986 nach Leipzig und begann eine Lehre im Kombinat „Rosa Luxemburg“. Seine eigentliches Interesse galt aber zunehmend der Musik, speziell den Gruppen Motörhead, Black Sabbath und Iron Maiden. Als ihm ein Freund ein Drumset lieh, begann er fanatisch darauf zu üben und träumte davon, mit einer ostdeutschen Heavy-Metal-Band berühmt zu werden. Als der Bandleader seiner ostdeutschen Lieblingsband „Formel 1“ 1988 einen Ausreiseantrag stellte, brach für Schumann eine Welt zusammen. Er begann im Schlaf Stimmen zu hören (er nannte sie „Angels“), die ihm scheinbar befahlen, eine neue Form von schlagzeugdominierten Metal zu kreieren. Schuman begann fanatisch Double-Bass-Drum-Techniken in seiner Kellerwohnung zu üben, zum Teil ohne Unterbrechung bis spät in die Nacht. Er konstruierte spezielle Fitnessgeräte, die ihm eine größere Muskelabhängigkeit beider Beine garantieren sollten. Mindesteins einmal war die Polizei zu Besuch, dennoch übte Schumann ohne Unterlass weiter bis er 1988 einen kompletten körperlichen Zusammenbruch erlitt und ins Krankenhaus eingeliefert wurde.

Noch im Krankenhaus stellte er einen Ausreiseantrag, der allerdings erfolglos blieb. Im folgenden Jahr war Schumann stetigen Repressalien ausgesetzt, die Wende kam für ihn daher fast zu spät, wurde aber von ihm begeistert begrüßt. Da er den Kontakt zu seiner Familie abgebrochen hatte, riß er umgehend seine Zelte im Osten ab und bestieg einen zufälligen Zug in den Westen, der ihn nach Düsseldorf brachte. Nach einigen Wochen als Obdachloser fand Schumann eine Anstellung als Tellerwäscher in einem Nobelhotel. In seiner Freizeit suchte er Kontakt zu lokalen Bands, stellte aber schnell fest, dass eine psychische Blockade verhinderte, dass er einen regelmäßigen Beat schlagen konnte. Stattdessen versuchte er sich zunehmend als Autor mehrerer Heavy-Metal-Fanzines und als Band-Manager.

Schnell machte er sich einen Namen in der Szene. Als seine erfolgreichste Band erwies sich die Formation „John Ball“, die er intensiv – auch als Gelegenheitskomponist – betreute. Mit ihrem ersten Album „Chrysleriana“ erlangten sie 1993 den ersten Platz in den deutschen Heavy-Metal-Charts, was nicht zuletzt den ungewöhnlich ambitionierten Kompositionen zu verdanken war. Schon bald konnte Schumann seinen Job aufgeben und alleine vom Band Management leben. Auch die Folgealben von „John Ball“ waren große Erfolge, vor allem die EP „Carnivore“ und die LP „Pilgrimage of the Dark Rose“.

Nach einer kurzen unglücklichen Affäre mit einer Slowenierin die sich als Model ausgab, aber vor allem eine Aufenthaltsgenehmigung durch Heirat mit einem Deutschen anstrebte (ihr widmete er später die scherzhaft gemeinte E-Bass-Komposition „A(r)SCH-Variationen“) lernte Schumann 1994 die Kunststudentin Klara Wick kennen, die bei Jörg Immendorf studierte. Schnell erlag er dem Charme dieser faszinierenden aber auch gefährdeten Frau und tauchte ein in eine Welt aus Drogen, Sex-Orgien und Exzessen. Schumann war in dieser Welt trotz seiner angeborenen Schüchternheit ein schillernder Exot, schon bald war seine abgewetzte Lederjacke viel-imitierter Kult unter jungen Kunststudenten.

Trotz äußeren Erfolges – inzwischen hatte Schumann ein eigenes Metal-Label gegründet und managte Bands aus dem In-und Ausland – wurden immer mehr psychische Probleme bemerkbar, die eventuell durch harten Drogenkonsum gefördert wurden. So entwickelte Schumann zunehmend eine spezielle obsessive Form von Internetsucht – er begann sein Leben immer besessener und bis ins kleinste Detail zu dokumentieren, zuerst auf seiner privaten Homepage (auf der er 1996 eine „Klara-Kam“ installierte, die seine meist leicht bekleidete Freundin beim Malen und manchmal auch anderen Tätigkeiten filmte), dann später auch auf sozialen Netzwerken. Auf seinem Rechner wurden nach seinem Tod Fotos von jedem einzelnen Tag seines Lebens zwischen 1996-2012 gefunden, ebenso Notizen über die Anzahl und Häufigkeit von Geschlechtsverkehr mit seiner Geliebten (später auch mit Prostituierten).

Die Beziehung zu Klara, die sich zunehmend als ernst zu nehmende und erfolgreiche Malerin aus dem Kreis um Immendorf etablierte, litt zunehmend. Als sie 2002 den schwedischen abstrakten Maler J. Abrahamsen kennenlernte verließ sie ihn und zog nach New York.

Schumann schien nach außen unberührt von dieser Entwicklung, privat wurden seine Obsessionen aber immer krankhafter. Inzwischen war er zum krankhaften Internetstalker geworden, verbrachte viel Zeit mit Flamewars auf den gängigen Fanforen des Heavy Metal (hierbei benutzte er mindestens drei verschiedene Tarnidentitäten, um seine vielen Feinde zu verwirren) oder prügelte sich mit Punks am Bahnhof von Düsseldorf. Sein erspartes Geld schmolz zunehmend dahin. Im Mai des Jahres 2010 entmündigte ihn sein Kompanion des Labels „Early Songs“ und meldete den Konkurs an.

Schumann flog aus seiner Wohnung und lebte die folgenden Jahre erneut als Obdachloser in Düsseldorf. Eine Zeitlang führte er noch mittels eine geklauten Laptops Tagebuch, dann wurde dieser gestohlen und man weiß wenig über seine letzten Jahre. Als sicher gilt, dass er sich vermutlich 2012 an einer verunreinigten Spritze mit dem AIDS-Virus ansteckte. Da ihm die Mittel und auch die psychische Stabilität fehlten, den Virus entsprechend zu bekämpfen, verschlechterte sich sein Gesundheitszustand zunehmend. 2012 wurde er halb ertrunken und mit einer gesetzten Heroinspritze am Rheinufer gefunden und in die Notaufnahe eingeliefert. Im Dezember 2013 floh er erneut aus einem Krankenhaus und wurde ein paar Tage später wieder von der Polizei eingesammelt. Nach Silvester begann er zunehmend die Nahrungsaufnahme zu verweigern. Ende März 2014 verstarb Robert Schumann.

Zu seinem Tod schrieb Ozzy Osbourne auf Twitter: „He was a crazy son of a bitch motherfucker. All hell hail Robbi!“

Moritz Eggert

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