Der letzte (?) Tweet.

Von der prekären Situation des Theaters Dessau haben wir auf diesen Seiten schon oft gelesen. Dort spitzt sich die Situation jetzt dramatisch zu – die Landesregierung in Magdeburg hat verkündet, 3 Millionen Euro zu streichen, die komplette Schließung der Sparten Theater und Ballett ist für 2016 angesetzt. Dass das Haus in den letzten Jahren trotz der schwierigen Umstände dennoch tolles Theater gemacht hat, ist der Energie und dem Optimismus der Beteiligten zu verdanken.

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Die Politiker, allen voran Kultusminister Stephan Dorgerloh (SPD) und Ministerpräsident Haseloff (CDU) (die für die Kürzungen verantwortlich sind), haben für viele Bürger (die größtenteils hinter dem Theater stehen) und Betroffene schon längst jede Glaubwürdigkeit verloren. So brachte Haseloff es sogar fertig, sich aktuell bei einer Festrede zur Eröffnung der Kurt-Weill-Festspiele damit zu brüsten, dass man ja ab jetzt mehr Geld für Kultur ausgeben würde…ohne das Theater und dessen massive Etatkürzungen auch nur mit einem Wort zu erwähnen. Die beim Festakt anwesenden Künstler des Theaters empfanden dies natürlich als Provokation.

Immerhin: Die Kurt-Weill-Festspiele sind bis 2019 gesichert (was auch auf der Kippe stand). Diese haben sich entschieden, Antony Hermus und seine Anhaltische Philharmonie zu „Artists in Residence“ zu deklarieren. Das Theater bedankte sich mit einer auf die politische Situation zugeschneiderten Version der „Beggar’s Opera“ (nomen est omen). Vor dem Festakt des Kurt-Weill-Festes wurden Protestplakate gegen die Kürzungen dann auch gleich erst einmal vom Dessauer Ordnungsamt entfernt, denn so viel Meinungsfreiheit sollte dann doch nicht sein in Dessau, der Heimat des Bauhauses.

Antony Hermus ist den Protest gewissermaßen gewohnt – in seiner holländischen Heimat geht es ja im Moment auch um den Erhalt der vormals so stolzen holländischen Musikkultur, auch wenn einige großartige Ensembles dem „Paradigmenwechsel“ schon zum Opfer gefallen sind. So organisierte das Anhaltische Theater Dessau bisher Protestaktionen wie „die Posaunen von Jericho“ in Magdeburg, veranstaltete ein Protestcamp vor dem Kultusministerium und band gemeinsam mit über 2000 Dessauer Bürgern bei der Aktion „Pflöcke einschlagen“ das Theater symbolisch in der Stadt fest.

Nun hat er sich von einer Aktion des holländischen Metropole-Orkest anregen lassen – diese veranstalteten eine „Tweetphony“, auch als Protest gegen massive Kürzungen. Die Dessauer Version, initiiert von Antony Hermus heißt nun „Tweetfonie“. Hier die Details, heute geht es schon los und kann live im Internet verfolgt werden:

PRESSEBERICHT TWEETFONIE

Wer Anhaltisches Theater Dessau – Kurt Weill Fest 2014 Was »Tweetfonie« – Ein Twitter-Konzert der Anhaltischen Philharmonie Wann und Wo Musikalische Twitter-Aktion am 02.03.2014, 0-24 Uhr Tweetfonie-Konzert [im Rahmen des Kurt Weill Fest 2014] am 03.03.2014 um 13 Uhr und um 19 Uhr im Bauhaus Dessau sowie online auf www.tweetfonie.de

»Tweetfonie« Ein weltweites Twitter-Konzert zum Kurt Weill Fest 2014 am 3. März 2014, 13 und 19 Uhr auf der Bauhausbühne Dessau und als Online-Stream

Am 2. März können Menschen weltweit ihre Melodie für die Anhaltische Philharmonie twittern! Es wurde bereits im südafrikanischen Radio angekündigt, zahlreiche Länder Europas sind neugierig und auch in Lateinamerika spricht man schon darüber: die »Tweetfonie«. Nur noch wenige Tage, dann startet in Dessau dieses außergewöhnliche weltweite Musikprojekt! Generalmusikdirektor Antony Hermus und die Anhaltische Philharmonie sind beim Dessauer Kurt Weill Fest 2014 »ARTISTS-IN-RESIDENCE« und werden sich dem Festspielthema »AUFBRUCH – Weill & die Medien« in ganz besonderer Weise widmen. In Anknüpfung an das Projekt des holländischen Metropole Orkest von 2012 werden sie mit »Tweetfonie« ein spannendes Twitter-Konzert geben.

Dieses wird am 3. März im Rahmen des Kurt Weill Fest 2014 live im Bauhaus sowie als Online-Stream weltweit zu sehen und zu hören sein und das Konzerterleben auf spannende Weise mit der Welt der Neuen Medien verknüpfen. Was beim Tweetfonie-Konzert gespielt wird, können Menschen auf der ganzen Welt bestimmen. Alles was sie dafür brauchen, ist ein Computer und einen Twitteraccount. Musikliebhaber und Neugierige sind aufgerufen, am Sonntag, den 2. März ihre eigenen Melodieideen an die Anhaltische Philharmonie zu twittern.

Auf der eigens konzipierten Webseite www.tweetfonie.de kann man schon jetzt ganz einfach eigene kurze Melodien komponieren und in einem digitalen Notenbuch abspeichern. Am 2. März von 0-24 Uhr (übrigens auch der Geburtstag von Kurt Weill), also einen Tag vor dem großen Tweetfonie-Konzert, kann man seine Melodieideen über seinen persönlichen Twitter-Account versenden. Diese wurden zuvor automatisch in einen Code aus Buchstaben und Zahlen umgewandelt. Dann geht alles ganz schnell: Per Zufall ausgewählte Tweets werden innerhalb weniger Stunden von internationalen Komponisten und Arrangeuren zu vollständigen Kompositionen für das gesamte Orchester arrangiert. Renommierte Komponisten aus den USA, England, Frankreich, Deutschland und anderen Ländern haben dafür bereits zugesagt.

Die entstandenen Werke werden per Internet nach Dessau gesendet und dort der Anhaltischen Philharmonie auf die Pulte gelegt. Bereits am 3. März erklingen sie unter der Leitung von GMD Antony Hermus als großes Orchesterwerk. Das Tweetfonie-Konzert ist um 13 und um 19 Uhr live im Bauhaus Dessau sowie als Stream im Internet zu erleben und erreicht so ein weltweites Publikum. Damit die Twitterer auch sehen und hören können, ob ihr Tweet ausgewählt und live gespielt wurde, werden ebenso am 3. März kleine Videoclips jedes einzelnen vom Orchester gespielten Tweets bei Youtube hochgeladen und über den Twitter-Account von Tweetfonie (twitter.com/tweetfonie2014) an die jeweiligen Twitternutzer zurückgeschickt. Eine spannende Unternehmung!

Wie »Tweetfonie« funktioniert, veranschaulicht auch ein Video-Clip, der auf der Webseite www.tweetfonie.de zu sehen ist. »Tweetfonie« ist eine Kooperation des Anhaltischen Theaters Dessau mit dem Kurt Weill Fest, dem IMPULS Festival für Neue Musik in Sachsen-Anhalt und der Stiftung Bauhaus Dessau. »Tweetfonie« entstand nach einer Idee von Havas Worldwide Amsterdam für das Metropole Orkest. Das Metropole Orkest war durch angedrohte Streichung öffentlicher Gelder in seiner Existenz bedroht und veranstaltete 2012 die »Tweetphony« (so der Titel im Original), um auf diese prekäre Situation weltweit aufmerksam zu machen. Das Anhaltische Theater befindet sich momentan in einer ähnlichen Situation, da die Kürzung von Landeszuweisungen in Höhe von 3 Millionen Euro den Erhalt des Theaters in seiner derzeitigen Form massiv bedroht.

»Tweetfonie« Musikalische Twitter-Aktion 2. März 2014, 0-24 Uhr auf www.tweetfonie.de und twitter.com Konzert »Tweetfonie« 3. März 2014, 13 Uhr & 19 Uhr (Dauer jeweils ca. 3 Stunden) Bauhaus Dessau, Bauhausbühne und live als Online-Stream unter www.tweetfonie.de Weitere Informationen auch auf: www.tweetfonie.de twitter.com/Tweetfonie2014 www.youtube.com/tweetfonie www.anhaltisches-theater.de www.kurt-weill-fest.de

Man kann dieser Aktion nur möglichst viel Erfolg und Publicity wünschen. Und hoffen, dass es etwas bewirkt: Dem Metropole-Orkest wurden nämlich in quasi letzter Minute Mittel bis 2017 bewilligt.
Auch hier also: Der Kampf geht weiter.

Moritz Eggert

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