The shades of N.Y.C. – Bil Smith und das Laboratorium des Hurz

Neue Musik im Internet ist unterhaltsamer als Neue Musik im Konzertsaal. Dies trifft unter anderem auf das Verbreitungswerk eines wohl in New York anzutreffenden Menschen zu. Jeder im Internet Neue-Musik-Aktive könnte ihm bereits begegnet sein: Bil Smith. Wer ihn dort nicht antrifft, begegnet ihm in sozialen Netzwerken. Smith definiert sich als einen mit konzeptuellen Ästhetiken arbeitenden Komponisten, zählt als Ausgangspunkte einiges von Dada bis John Cage auf. Ich definiere Smith als einen Blender. Wie seine Persönlichkeit gelagert ist, kann ich nur mutmassen. Fakt ist, dass Bil Smith sich die vermeintliche Unerklärbarkeit und unterstellte Unfasslichkeit von Neuer Musik zu eigen macht, um ganz real Fremdes als Eigenes auszugeben. Damit erzeugt er ein hermetisches System, das ihn als Autoren ausgibt. Über seine Seiten bilsmithcomposer.brandyourself.com, soundmorphology.blogspot und Laboratorie New Music kommuniziert er Aufführungen, die wohl so niemals stattfanden, Aufnahmen, die wohl aus Fremdmaterial entstanden, wissenschaftliches Beiwerk, das von anderen Seiten stammt und liefert Kritiken von Rezensenten, die diese Texte nicht verfasst haben dürften.

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Er schaffte es unter Rubrik „Augenmusik“ zuletzt sogar auf die Seiten des „kulturtechno“. Das sind Bestandteile seines „Misstrauens gegenüber traditionellen Notationstechniken“. Diese Grafiken sind aber einerseits aus Überlagerungen von nicht selbst verfassten Notentexten entstanden, wie z.B. „Syree“ Material von Richard Barrett verwenden soll, und stellen solch absurde Klänge und Instrumentenumfänge dar, die selbst bei extremst erweiterter Spieltechnik nicht möglich sind, es sei denn auf elektronischen Emulationen. Von der dadaistischen Seite aus betrachtet, könnte man dies als eine Kritik an übertrieben ausziselierten, traditionell notierten Partituren betrachten. Beispielhaft steht dafür eines seiner neueren „Werke“ namens „Dreams and Anxieties in the Dune-Like Fragments of Her Body“. Bevor er dem Titel die Besetzung folgen lässt, schiebt er wichtigtuerisch die Bemerkung „Commissioned Work“ ein, angeblich ein Auftrag der „Dassault Aviation“, wie er in einem Posting in der Facebook-Gruppe „JukeBoxx New Music“ (man muss auf Facebook Mitglied sein, um dies dort lesen zu können) verkündet, eines Unternehmens für Luxusjets. Wenn diese Firma das Notat dieses „Stückes“ ernst nehmen würde, fielen alle ihre Jets vom Himmel: im 29/10-Takt spielen Sopran-Saxofon und Fagott 128tel-Notenwerte, spielen über die Grenzen der Akkolade hinaus, als sei es ein Skriptfehler des Programms. Das ist hübsch anzusehen, ergibt aber keinen musikalischen Sinn, auch keinen konzeptuellen, so sehr Nativismus und Neurokonstruktivismus bemüht werden.

Wie man an dem ersten Beispiel sieht, werden Begriffe und Notation sinnlos zusammengeklebt, auf dass dem die Interessierten auf dem Leim gehen, so wie es ja tatsächlich immer wieder im Musikbetrieb geschieht. Hier sind die Textbausteine lieblos und unachtsam aneinandergereiht, so dass der Absatz zu „Neurokonstruktivismus“ schlicht zweimal kommt. Ausserdem ist er von der Seite philosotroll.com geklaut. Ein weiterer Text zu Bruno Maderna verfährt ähnlich verschleiernd: Der erste Teil ist aus einer CD-Besprechung eines Thom Jurek übernommen, der grosse Hauptteil stammt von Christoph Neidhöfer auf Music Theory Online, den Smith nicht als Autor nennt, aber im Untertitel unter „Serial Arrays with Christoph Neidhöfer“ anführt. Ein anderer Text zu Bernard Parmegiani benutzt ohne Nennung des Urhebers aus einem Text auf thewire.co.uk von Rahma Khazam. Nur wenn es um Esoterik glaubt man, Bil Smith sei zu eigenen Sätzen fähig – aber auch dies ist aus dem Text eines David J. Chalmers abgekupfert, wie man mich gerade informierte.

Apropos the wire magazin: dieses, die Detroit Free Press und The Copenhagen Post hätten sein fünfstündiges Stück „A Reclamation of Horatiu Radulescu’s String Quartet Number Four“ besprochen, wie er auf Laboratorie New Music verkündet. Nichts ist davon in einer Internet-Suchmaschine ausser in Verweisen auf das Bil-Smith-Homepage-Imperium selbst zu finden. Genauso sieht es mit Recherchen nach aktuellen Aufführungen aus. Man findet einiges auf Soundcloud und Youtube, wobei es sich bei genauerem Hinhören um designtes, fremdes Klangmaterial handelt, beim Betrachten der Wellenformen des Audiofiles auf Soundcloud recht schematisch zusammengeschustert.

Soll man im Falle von Bil Smith von einem Betrüger oder Verarscher sprechen? Der messiehafte Ernst, mit dem das Alles zusammengetragen ist, legt eher medizinische Bezeichnungen nahe. Es bleibt der Spass über einige gutmeinende Interessierte der Neuen-Musik-Online-Szene, die darauf hereinfallen.

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7 Antworten

  1. Wponader sagt:

    Ein spannendes Feld, das als musikalisches Gegenstück zu gigantischen Luftblasen-Milliarden von Investment Hedgefonds zu interpretieren ist: das Zeitalter der Fassade, der hintergrundlosen Vortäuschung, des Bluffs!

  2. Dies alles liest als Puberschrott, also was tut es auf einem Blog über Musik?

  3. Lieber Herr Borstlap, könnten Sie mir das Wort „Puberschrott“ erklären und seine Bedeutung zu diesem Text? Ich erinnere mich nur an „Pubertätspolizisten“ als Neologismus in der deutschen Synchronisation des Filmes „Wonder Boys“…

  4. ‚Schrott‘ = alles, was im Kielwasser von Duchamp, Cage, Pollock und Xenakis als Kunst / Hochkultur presentiert wurde statt innerhalb eines separaten Bereichs; ‚Puber‘ = die Qualifikation eines unreifes Versuches, ein Produkt den Anschein eines Aktes zu geben, der im breiteren Musikleben von kulturhungrigen Erwachsene als wertvoller Zeitvertreib betrachtet werden kann. Das Artikel informiert über ein derartiges Verfahren dass, dachte ich, – trotz seiner Unterhaltungsgehalt – nichts mit Musik als Kunstform zu tun hat.

    Ist das Zusammenkleben einzelnen Worte nicht eine alte Deutsche Tradition, so etwa wie ‚Nachkriegsschuldbewältingungsmusik‘ auf Stockhausen und Lachenmann angewand wurde? Nun, ich hoffe einiges an Erklärung beigetragen zu haben…

  5. knopfspiel sagt:

    Meiner Ansicht nach ist es unmöglich, in der Kunst selbst durch Kunst zu betrügen. Was immer jemand tut, wenn er es als Kunst aufgefasst haben möchte, kann man das akzeptieren. Es muss deswegen ja nicht gut sein, kann ja auch grottenschlechte Kunst sein.

    Mich haben die Notations-Spielereien auf Kulturtechno mit der Zeit so genervt, dass ich dort momentan nicht mehr mitlese. Aber Kunst ist das, jawohl, mir gefällt es bloß nicht so richtig. (Was aber in dem Fall eher an der Quantität lag)

    ‘Schrott’ = alles, was im Kielwasser von Duchamp, Cage, Pollock und Xenakis als Kunst / Hochkultur presentiert wurde statt innerhalb eines separaten Bereichs;

    Das finde ich jetzt aber auch schon ganz schön überheblich. Hochkultur produziert auch sehr viel Schrott. Jede aktive Kunstszene produziert Schrott. Das Schöne dabei ist doch, dass unter alledem Schrott hin und wieder auch was sehr tolles dabei herauskommt.

    Ich produzier jedenfalls mal weiter meinen Schrott, egal obs Musik ist oder Fiktion. Mir muss es gefallen, das genügt.

  6. Ist es nicht eher überheblich seinen Schrott a priori als Kunst zu betrachten? Die Geschichte zeigt, dass Aspiration und Ambition zu grossen Leistungen stimulieren. Aber es ist wahr dass die Zeit die beste Kunst herausfiltert, deshalb sollen wir versuchen das Beste zu geben.

  7. knopfspiel sagt:

    Naja, ich denke, das Problem ist, dass „Kunst“ unterschiedlich definiert wird. Im Sinne einer allgemeinen Einteilung finde ich es nützlicher, den Kunstbegriff weit zu fassen – und vor allem, ihn nicht mit einem Qualitätsurteil zu verbinden.

    Ich weiß, dass die meisten Leute, wenn sie „Kunst“ sagen, implizit meinen, dass sie das so bezeichnete für gut halten. Das finde ich aber ungünstig. Es verleitet dazu, zu Werken, die man nicht mag, zu sagen „Das ist doch keine Kunst!“ und die daraus entstehenden Debatten finde ich ehrlich gesagt lächerlich bzw. unproduktiv.

    Mich hat irritiert, dass die Namen Pollock, Xenakis, Duchamp und Cage genannt wurden, offenbar als Negativbeispiele. Das finde ich nun wirklich absurd, denn die halte ich auch qualitativ alle für wesentlich besser und interessanter als 90% der Kunstmusik, die mir in Neue-Musik-Konzerten über den Weg läuft.