Peter und der Rolf – Education für Erwachsene I

Gestern noch schrieb ich über Kassetten, in denen die Biographien von Komponisten für Kinder erzählt werden – mit einem meines Erachtens viel zu krassen Fokus auf das Thema „Krankheit und Tod“. Heute fiel mir eklatant auf, dass es im klassischen Musikbetrieb eigentlich zu wenig Education für Erwachsene gibt. Ich beobachte immer wieder, dass Erwachsene es lieben, klassische Musik vermittelt zu bekommen wie Kinder (weil sie beispielsweise diese Kinder-Kassetten gerne hören). Wir können es meinetwegen das „Sendung-mit-der-Maus-Phänomen“ nennen. Die alte Leier: Sonntag, 11.30 Uhr, erstes Programm: Während Gabi (39) und Uwe (42) „Sendung mit der Maus“ schauen und sich freudig erregt erklären lassen, wie die Zahnpasta in die Tube kommt und warum die so erstaunlich einheitliche Streifen macht, sitzt Kevin (7) vor’m Adorno und liest noch einmal den herrlich abgründigen Beginn der „Ästhetischen Theorie“ (vor allem die Stelle, wo er mit dem Messer in die Küche kommt und sie so: „Hallooo? Nee, ne? Ich glaub‘ das jetzt nicht!“ Und er so: *stech!*).

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Beispiel I
In meiner Reihe „2 x hören“ am Konzerthaus Berlin kommen diejenigen „Erklärungsmodule“ am besten an, in denen ich beispielsweise musikalische Phänomene anhand von Kinderliedern erläutere. Neulich erst: die vielen Kanon-Stellen in Bartóks viertem Streichquartett: Wie vermittle ich, wie leicht es bei einem nicht tonalen Kanon ist, mit „Dichte“ und „Weite“ (also: Auflockerung des Satzes) zu spielen? Ich habe das Armida Quartett erst einmal „Bruder Jakob“ „im Original“ (C-Dur) spielen lassen – und dann jeweils den Einsatz der zweiten Stimme um eine Viertel nach vorne verschoben (mit Grafik auf großer Leinwand). Bis die zweite Violine schon auf der zweiten Note der ersten Geige einsetzte. (Das Ergebnis klang bei dieser „dichtesten Version“ dann übrigens wie Terry Rileys „In C“). Dann habe ich bei einer anderen Stelle (wer es genau wissen will: 1. Satz, ab Takt 104) das Cello beginnen lassen und die Bratsche, die eigentlich auf der achten Achtel des Cellos einsetzen sollte, gebeten: „Beginne doch einfach mal irgendwo – wo du willst!“ Frage ins Publikum nach dem Klangergebnis „Hätten Sie es gemerkt?“ Kopfschütteln, weil das ja klar ist: Mit einem nicht tonalen Kanon kann man sehr frei und spielerisch umgehen.

Okay, „2 x hören“ ist „Education Entertainment für Erwachsene“ – aber die „kindliche Ebene“, auf der ich das Werk des Abends zwischen den zwei Interpretationen analytisch behandele, ist zu verblüffend erfolgreich; ohne das Publikum zu langweilen oder zu unterschätzen.

Beispiel II
Erwachsene lieben klassische-Musik-Education für Kinder! Vielleicht brauchen wir gar keine Erwachsenen-Education, sondern nur eine einzige für alle? Ich bin mir sicher, würde man vor einem klassischen Sinfoniekonzert zwei verschiedene Einführungen anbieten: eine „korrekte Einführung“ und eine „spielerische Einführung“ – die Leute würden mit großer Mehrheit die verspielte Einführung wählen. Aber: Es darf halt nicht das Wort „Kinder“ draufstehen. Die Erwachsenen schämen sich nämlich häufig. Und allgemein herrscht ja im Handeln von Konzertbesuchern absolutes Einverständnis mit Umgebung und Ablauf des Ganzen. Da fügt man sich und geht mit seinem Hermann oder seiner Waltraud natürlich in die „korrekte Einführung“ – sofern geschrieben steht, diese sei ausdrücklich „für Erwachsene“ und die andere „für Kinder“…

Wir alle wissen: Bernstein war ein großartiger Musikvermittler. In einem Programmtext vor einigen Wochen habe ich verzichtet, beim Schreiben über Mahlers vierte Sinfonie den Adorno rauszuholen (den ich sehr mag, wenn er über Mahler schreibt!). Da der Text für das Programmheft einer Festival-Hommage an Leonard Bernstein entstand, habe ich einfach ein paar Sequenzen eines Kinder-Konzertes übersetzt, das Bernstein in seiner Reihe „Young People’s Concerts“ am 7. Februar 1960 in der Carnegie Hall mit den New York Philharmonics gab und der vierten Sinfonie Mahlers widmete, den er in den 1960er Jahren überhaupt wieder bekannt machte. Ich hoffe, es ist für alle in Ordnung, wenn ich diesen Abschnitt hier zitiere.

Meine These lautet: Erwachsene hören sich viel lieber an, wie Bernstein über Mahlers Vierte sprach – als irgendeinen wissenschaftlichen Programmtext darüber zu lesen…

„Hallo, meine lieben jungen Freunde! Es ist schön, euch nach so langer Zeit wieder zu sehen – nach der langen Tour durch Europa und Russland, die wir letzten Sommer gemacht haben. Wir haben an euch gedacht – und hoffen, dass ihr unsere Konzerte so vermisst habt, wie wir euch vermisst haben. Wir wollen euch ein fröhliches Willkommensgeschenk machen – und euch deshalb eine fröhliche Musik spielen!“

[Bernstein wendet sich rasch dem Orchester zu und dirigiert den Beginn des ersten Satzes – Bedächtig, nicht eilen – bis zu Takt 38. Zwei orientalisch klingende Flöten zirpen, darunter rascheln Schellen. Zwei andere Flöten und zwei Klarinetten gesellen sich hinzu. Streicher setzen ein. Die ersten Geigen spielen eine Melodie; fast an Mozart erinnernd. Tiefe Streicher kommen dem Ganzen kontrastierend mit einem aufwärts gerichteten, punktierten Motiv entgegen. Das erste Horn gibt einen schnoddrigen Kommentar ab. Bald wird alles noch bunter – bis hin zu einer Stelle, bei der wir glauben, die Klarinetten „Es tanzt ein Bi-Ba-Butzemann“ spielen zu hören.]

[Bernstein bricht vor Takt 38 ab, will gleich mit seiner Moderation fortfahren, doch wird von kurzem, überraschend heftigem Applaus unterbrochen.]

„Ich wette, hier in der Carnegie Hall befindet sich keine Person, die weiß, von wem diese Musik ist! Vielleicht wissen ein paar von euch, weil ihr im Programmheft nachgeschaut habt [lächelt], dass es heute um einen Komponisten geht, der Gustav Mahler heißt. Aber wer ist dieser Mahler? Hat irgendeiner hier mal von ihm gehört? Ich wette nicht – oder nur ein paar sehr wenige von euch. Mahler ist halt nicht einer dieser großen, populären Komponistennamen wie Beethoven oder Gershwin oder Ravel. […]

„Nun, es gibt einige Leute, die sagen, Mahler wäre ein hervorragender Dirigent, aber weniger ein hervorragender Komponist gewesen. Manche sagen, seine eigene Musik würde so klingen wie die Musik der Komponisten, die er gerne dirigierte. Also wie Schubert, Mozart und Wagner und all die anderen Komponisten aus der deutschen Musiktradition, aus der Mahler selbst hervorging. Manche sagen, er hätte sich beim Komponieren an die Musik seiner Vorbilder erinnert und sie daher in seiner eigenen Musik immer nur imitiert. Als Dirigent habe man seinen Kopf ja eh so voller Musik von anderen Komponisten, da könne man ja gar nicht etwas wirklich Eigenes schreiben. Natürlich stimme ich dem ganz und gar nicht zu! Mahlers Musik ist nicht nur grandios, sondern auch sehr originell. Und ich bin sicher, dass ihr das auch finndet, wenn ihr Mahlers Musik hört. Ich gebe zu, dass ich das Problem kenne, beides zu sein – Dirigent und Komponist. Man hat nie genug Zeit und Energie, wirklich beides zu leben. Genau deswegen fühle ich mich Mahler so nahe. […] Mahler war aber nicht nur deswegen eine zwiegespaltene Persönlichkeit. Er war zwiegespalten in seiner ganzen Existenz als Musiker!“

„Heute wollen wir uns ein Bild machen von diesem ‚doppelten Mahler‘, indem wir seine Musik hören und uns dabei konzentrieren, wie dieser Zwiespalt in Mahler in seiner Musik zum Ausdruck kommt. Schauen wir uns beispielsweise diese ‚fröhliche Musik‘ an, die wir euch am Anfang gespielt haben: den Beginn des ersten Satzes von Mahlers vierter Sinfonie. Erinnert ihr euch an diesen ‚Merry-Christmas‘-Glöckchen-Beginn?“

[Lässt den ersten Takt mit den Flöten-Vorschlägen und den Schellen spielen.]

„Und könnt ihr euch auch an diese anschließende glückselige Melodie erinnern, die wie Mozart klingt?“

[Dirigiert das Orchester bis Takt 7.]

„Und habt ihr auch noch diese andere lustige Melodie im Ohr, die so beseelt daher kommt, als wenn ihr ein fröhliches Liedchen pfeifen würdet und euch über die ganze Welt erhaben fühlt?“

[Lässt die „Bi-Ba-Butzemann“-Melodie der Klarinetten wiederholen.]

„Ihr werdet es kaum glauben: Der Mann, der diese fröhlich-glückselige Musik schrieb, war einer der unglücklichsten Menschen aller Zeiten! Und der Grund, warum er so unglücklich war, war nämlich genau diese Zwiegespaltenheit in ihm selbst. In dieser einerseits so entzückend lustigen Sinfonie werdet ihr auch immer eine Stimme des Weinens hören – die Stimme des anderen Mahler. Als würde jemandem das Herz gebrochen werden. Und zwar ganz plötzlich, inmitten fröhlichster Musik! […]“

„Jetzt werdet ihr vielleicht sagen: Gibt es nicht bei jedem Komponisten unterschiedliche, wechselnde Stimmungen wie ‚fröhlich‘ und ‚traurig‘ in der Musik – bei Mozart, Beethoven oder Bach? Ja – aber kein Komponist geht von der einen Stimmung so schnell in die andere über wie Mahler! Wenn Mahlers Musik traurig ist, dann ist das nicht irgendeine Traurigkeit. Es ist die absolute, maximale Traurigkeit – wie bei einem weinenden Kind. Und wenn seine Musik fröhlich ist, dann ist es ebenso die totale, alles durchdringende Fröhlichkeit eines Kindes. Das ist eines der entscheidenden Teile zur Vervollständigung des Mahler-Puzzles. Er ist wie ein Kind! Seine Gefühle sind extrem übertrieben, ungefähr so wie bei Jugendlichen.“

Morgen möchte ich ein paar Gedanken zur Nivellierung von Erwachsenen- und Kinder-Education hinzufügen.

Arno Lücker wurde 1979 in Braunschweig geboren. Seit 2003 lebt er in Berlin. Dort arbeitet er als Moderator und Dramaturg. Er ist Künstlerischer Leiter der Astronomie-Musik-Reihe "Himmlische Partituren" im Zeiss-Großplanetarium Berlin, arbeitete für das Konzerthaus Berlin, das Brucknerhaus Linz und viele andere, schreibt Programmtexte für zahlreiche Orchester (Wiener Philharmoniker, New York Philharmonic), macht Konzerteinführungen in der Elbphilharmonie Hamburg, der Kölner Philharmonie und anderswo. Außerdem ist er Bad-Blog-Autor der ersten Stunde und arbeitet als Kurator für die Musikstreaming-App IDAGIO.

1 Antwort

  1. 31. Januar 2014

    […] standen an dieser Stelle ein paar Überlegungen zu der Frage, ob wir überhaupt eine dezidierte Erwachsenen-Education im Bereich klassischer […]