Die Zukunft ist grau. Grauhaarig. Ein Interview.

Die Musikergarderobe der Zukunft? Foto: Moritz Eggert

Die langsame Überalterung des Konzertpublikums wurde zum ersten Mal Anfang des letzten Jahrhunderts von Paul Hindemith festgestellt. Seitdem sind die damaligen Grauhaarigen weggestorben und wurden sukzessive bis heute durch noch ältere Grauhaarige ersetzt. Inzwischen sind auch schon die Musiker auf der Bühne vornehmlich grauhaarig (zum Beispiel ich).

Das Durchschnittsalter des Klassik-Konzertpublikums liegt momentan bei ca. 73 Jahren, bei André Rieu-Konzerten bei 84 Jahren. Tendenz steigend. Der Frauenanteil liegt ca. bei 50%, bei Auftritten von Christian Thielemann allerdings deutlich höher, da dann immer Julia Spinola dazu kommt.

Neulich hatte in einem Konzert von Peter Schöne und mir ein Zuschauer einen Schlaganfall oder etwas ähnlich schlimmes. Auf jeden Fall brach er plötzlich zusammen und wir mussten das Konzert für 20 Minuten unterbrechen bis der Notarzt kam.

Es ist klar, dass solche Ereignisse rein statistisch immer häufiger bei Klassik-Konzerten auftreten werden.

Nun ist die Ausbildung gefordert.

Ein Interview mit Prof. Sascha Dehndorf, dem medizinischen Sonderbeauftragten der Musikhochschule München:


BAD BLOG: Herr Dehndorf, beschreiben Sie bitte, was Ihre Aufgabe hier ist.

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Dehndorf: Seit einigen Jahren wurde hier in München eine spezielle Professur eingerichtet, um junge Muksikstudenten auf mögliche Ernstfälle im Konzertbetrieb genügend vorzubereiten.

BB: Wie sieht diese Ausbildung aus?

Dehndorf: Nun, zuerst einmal frischen wir die rudimentäre Erste-Hilfe-Ausbildung auf, die normalerweise vereinzelt zu Schulzeiten stattfand. Aber das ist natürlich nicht genug. Wir bilden die Studenten gezielt auf einen Ernstfall aus, wobei die häufigsten 3 Todesursachen bei Klassikkonzerten – Schlaganfall, Herzstillstand und Gehirnversagen – natürlich ganz vorne auf der Liste sind. Selbstverständlich können wir die Musikstudenten nicht zu Ärzten ausbilden, aber sie sollten schon die Grundbegriffe von dem kennen, was in einem solchen Fall zu tun ist: Stabile Seitenlage zum Beispiel, den Kopf vorsichtig beim Transport halten, etc. Zunehmend blenden wir gleichzeitig unwichtigere Fächer wie Tonsatz oder Formenlehre aus.

BB: Warum ausgerechnet die Musikstudenten? Reicht es nicht, wenn Ärzte im Saal sind?

Dehndorf: Nun, es ist ja so, dass die statistische Chance, dass ein Arzt im Publikum ist, durchaus hoch ist. Nur ist dieser Arzt dann meistens selber schon im Ruhestand, sonst hätte er ja gar keine Zeit, ins Konzert zu gehen. Viele der Ärzte im Publikum leiden selber an Vergreisung oder diversen Alterskrankheiten wie Parkinson oder paranoiden Wahnvorstellungen. Ganz fatal wird es, wenn ein Arzt sich meldet, es sich aber dann rausstellt, dass er wegen seines Handicaps gar nicht zu einer richtigen Notbehandlung in der Lage ist, oder sogar falsche Massnahmen ergreift. Gerade neulich starb in Lüdenscheid ein Besucher, weil ihm ein verwirrter Arzt ausversehen bei falsch angewendeter Seitenlage das Genick brach.

BB: Ich verstehe immer noch nicht, was haben die Musikstudenten damit zu tun?

Dehndorf: Nun, zuerst einmal haben Sie einen großen Bonus: Sie sind meistens noch recht jung! Selbst bei beharrlicher Verlängerung des Studiums auf 20 Semester sind sie ja immer noch meistens unter 30 Jahren, wenn sie die Hochschule verlassen. Und dann stehen sie – hoffentlich – auf den Konzertpodien dieses Landes, zumindest diejenigen, die es irgendwie schaffen, Berufsmusiker zu werden. Und selbst wenn nicht, auch einem zukünftigen Hobbymusiker schadet zusätzliches Wissen hier sicher nicht! Die spielen ja dann auch viel in Altersheimen und so.

BB: Aber warum….?

Dehndorf: Stellen Sie sich doch ein typisches Konzert heute vor! Normalerweise besteht ein Altersunterschied von mindestens 40 Jahren von den klassischen Muksikern zu denen im Publikum. Wenn nun etwas passiert, sind Sanitäter nur bei Konzerten in sehr großen Sälen in der Nähe, und selbst die müssen meistens noch hereinlaufen. Da ist jemand auf der Bühne einfach näher dran und kann schneller reagieren!

BB: Der Musiker also nicht nur als Seelen- sondern auch als Lebensretter? Ganz sprichwörtlich?

Dehndorf: Ganz genau! Und stellen Sie sich vor, was das auch an Prestigegewinn bringt! Mein erster Schüler – damals unterrichtete ich noch am Mozarteum – war zum Beispiel Martin Grubinger. Neulich spielte er den Walkürenritt in einer Bearbeitung für Marimabaphon und Pupskissen in einer Stadthalle als direkt vor ihm in der ersten Reihe der Bürgermeister sich an einem Hustenbobnbon verschluckte – Grubinger handelte schnell und bedacht – er sprang direkt zu dem Mann, packte ihn mit aller Kraft von hinten und führte ein perfektes Heimlich-Manöver aus. Der Hustenbonbon flog 10 Meter weit, da zahlte sich Grubingers Body-Building-Training aus! Hätte er nicht sofort agiert, wäre der Mann jetzt tot. Nun ist Grubinger ein Held – ein gefundenes Fressen für seine PR-Abteilung. Und ein Erfolg für unser Konzept!

BB: Mit welchen Problemen ist in Zukunft in den Konzertsälen zu rechnen?

Dehndorf: Abgesehen von den schon beschriebenen „großen Drei“ Schlaganfall, Herzschlag und Kreislaufversagen (wir kürzen das SHK ab) wird zunehmend Alzheimer ein Problem werden. Viele Familien schieben ja inzwischen ihre alten Leute gar nicht mehr ins Altersheim ab, da das einfach zu teuer geworden ist. Da ist ein Ticket für ein Klassikkonzert einfach billiger. Und die werden sogar noch staatlich subventioniert! Manche spekulieren auch darauf, dass der Opa beim Bolero vor lauter Aufregung abnippelt. Das finde ich unmenschlich!

BB: Fürwahr….

Dehndorf: Aber Alzheimer ist schon schlimm genug: Viele alte Menschen wissen gar nicht mehr, dass sie sich in einem Konzertsaal befinden und dass ihnen nur noch die selben drei Stücke vorgesetzt werden. Manche fangen an, in die Hose zu machen, oder ihre Nachbarn zu belästigen. Weil gerade Demenzpatienten oft handgreiflich werden können, machen unsere Studenten auch eine Kung-Fu-Ausbildung, damit sie sich im Notfall zur Wehr setzen können.

BB: Das klingt ja alles ziemlich deprimierend….

Dehndorf: Ist es auch. Aber irgendwie ist scheinbar mit Klassik noch irgendwie Geld zu machen, verstehe ich ja auch nicht. Aber irgendwann löst sich das ganze Problem von selbst.

BB: Wieso?

Dehndorf: Irgendwann kann sich keiner mehr erinnern, was klassische Musik überhaupt ist. Dann werde ich nicht mehr gebraucht. Schade, aber dann mache ich eben was anderes.

BB: Wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Das Interview führte Moritz Eggert.

Moritz Eggert
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Moritz Eggert

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4 Antworten

  1. BruhaaaaaAA!

    Selten so gelacht.

  2. Liebe mehr oder weniger silbrig melierte Klassiker,

    kleiner Trost: bei Jazz-Konzerten, Stones-im-Müngerdorfer-Stadion, Howard-Carpendales 1200. Aschiedskonzert, Hansi Hinterseers Schlittschuhlauf auf dem Schmalzsee, gar Udo Lindenberg und Scorpions und selbst beim „Tatort“ ist der Altersdurchschnitt auch nicht anders.

    Die Wa(h)re „Jugendkultur“ zeichnet sich dagegen vor allem durch äußerst schnellen Durchsatz, Ex- und Hopp-Verbrauch und weitgehenden Verzicht auf Nachhaltigkeit aus.

    Meine Kinder (13 – 17) können sich schon an den „King of Pop“ Michael Jackson kaum mehr erinnern…

  3. Hans sagt:

    Speaking of „King of Pop“

    Wußtet ihr eigentlich, dass MTV in den 80er Jahren vertraglich das Senderecht der Musik von Michael Jackson nur unter der Bedingung gegeben wurde, dass jedes mal, wenn der Name „Michael Jackson“ fällt, er mit dem Zusatz „the king of pop“ versehen sein mußte?

    Das wurde auch mal vergessen, da durfte MTV noch mal nachdrehen um einer Vertragsstrafe zu entgehen.

    Quelle: Adam Curry, damaliger VJ auf MTV in seiner Show „No Agenda“, die genaue Folge weiß ich jetzt gerade nicht…

    Jajaja… die Popwelt.

    Best,
    Hans