Peter und der Rolf – Education für Erwachsene II

Gestern standen an dieser Stelle ein paar Überlegungen zu der Frage, ob wir überhaupt eine dezidierte Erwachsenen-Education im Bereich klassischer Musik brauchen. Meine Vermutung: Erwachsenen bekommen Phänomene der klassischen Musik gerne einfach erklärt – so wie es bei Kinder-Projekten geschieht. Im Education-Bereich für Kinder gibt es naturgemäß einen viel höheren Grad an Verspieltheit, den auch Erwachsene lieben. Warum also nicht mehr Spiel und Buntheit auf dem Feld der Erwachsenen-Education? Es folgen drei weitere Beispiele.

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Beispiel III
Bei einigen Kinder-Education-Projekten bekommen Kinder die Möglichkeit, mittendrin im spielenden Orchester zu sitzen. Wer selbst ein Orchesterinstrument gespielt hat, weiß, wie anders es klingt, wie emotional, wie lustig so eine Erfahrung sein kann. Warum dürfen nur Kinder diese Erfahrung machen? Warum immer diese starre Bühnen-Zuschauerraum-Situation in unseren Konzertsälen? Hier zeigt sich: Auch der Erwachsene will Kind sein, will direkt neben der Bassposaune platziert werden oder sich in die warm tönende Bratschengruppe setzen. Ich fordere zahlreiche „Mittendrin“-Projekte – für Rita, für Elise, für Waltraud, Jochen, Norbert und Rolf. Kevin: Go home! Heute sind Mami und Papi dran!

Beispiel IV
Vor ein paar Monaten habe ich eine Einführung zu einem Konzert mit Tschaikowskys sechster Sinfonie gemacht. Ich liebe diese Sinfonie, habe sie zuletzt vor ein paar Tagen selbst in einem Orchester auf dem Kontrabass gespielt (die Hornhaut meiner Hände ist Zeuge). Ich wollte den 5/4-Takt des zweiten Satzes in der Einführung aktiv zum Thema machen. Also habe ich das Publikum animiert, mitzuzählen; habe vor den Beginn des Musikbeispieles von CD fünf Metronom-Schläge geschnitten, damit der Beginn leichter fällt. Das Publikum hat großartig mitgemacht. Und ich bin sicher: Alle, die bei meiner Einführung waren, haben sich nachher live im Saal den Spaß gemacht und den Fünfer-Takt innerlich mitgezählt.
Fazit: Auch Erwachsene wollen „mitmachen“, nicht nur passiv belehrt werden. Mehr Mitmach-Beispiele für Erwachsene! Ohne Fremdschämen natürlich!

Beispiel V
Gerne spiele ich bei Konzerteinführungen Auszüge aus den jeweiligen Orchesterwerken des Abends auf dem Klavier – und verändere die Werke leicht; flechte beim Beginn des langsamen Satzes von Bruckners neunter Sinfonie den Beginn des Tristan-Vorspiels ein (es sind teilweise die gleichen chromatischen Melodie-Töne!); oder ich thematisiere in dem vierten Satz von Mahlers Dritter das angebliche „La-Paloma“-Zitat; spiele erst das Mahler-Original, dann „La Paloma“ – dann beides zusammen, überlagert. Ja, Werke dürfen verändert werden!
Fazit: Auch Erwachsene wollen Verspieltheit, wollen spielerisch Musik vermittelt bekommen. Ich fordere mehr Musikspielplätze für Erwachsene! „Dürfen nur von Kindern ab 34 Jahren betreten werden!“ „Kinder haften für ihre Eltern“ und so weiter…

So, reicht.

Author profile

Arno Lücker wurde 1979 in Braunschweig geboren. Seit 2003 lebt er in Berlin. Dort arbeitet er als Moderator und Dramaturg. Er ist Künstlerischer Leiter der Astronomie-Musik-Reihe "Himmlische Partituren" im Zeiss-Großplanetarium Berlin, arbeitet von Berlin aus für das Brucknerhaus Linz, schreibt Programmtexte für zahlreiche Orchester (Wiener Philharmoniker, New York Philharmonic), macht Konzerteinführungen in der Elbphilharmonie Hamburg, der Kölner Philharmonie und anderswo. Außerdem ist er Bad-Blog-Autor der ersten Stunde und arbeitet als Kurator für die Musikstreaming-App IDAGIO.

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