Klassische Musik – ein rein optisches Phänomen

Ich schreibe aktuell an einem Artikel über die Frage „Was ist klassische Musik?“ – und habe prompt keine Lust auf eine historisch Begriffsherleitung und den ganzen Zipp und Zapp. Ich mag es, wenn wir aktuell sind. Was ist „klassische Musik“ hier und jetzt? Was hält Oma Lehmann in der Fußgängerzone für „klassische Musik“? Und wie wird „klassische Musik“ im TV transportiert? Denn Oma Lehmann und Peter Müller von nebenan schauen den ganzen Tag TV. Und das geht nicht spurlos an denen vorüber.

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Irgendwie ist bei mir gerade die Zeit der neuen Thesen angebrochen. Obwohl das Jahr noch das alte ist. Was mich dabei – man verzeihe mir diesen ehrlich intimen Einblick – bewegt: ich will über die Phänomene immer authentisch kommunizieren, ehrlich sein. Es geht mir überhaupt nicht darum, was einzelne „seriöse“ Musikwissenschaftler und ihre Bücher und Artikel sagen (also doch, auch, aber nicht in diesem Augenblick…). Es geht um Lebenswelten, um das, was echt passiert – und was mehr Leute bewegt als irgendwelche Nerds an irgendwelchen Unis…

Daraus resultiert ehrlicherweise, dass man bei seiner eigenen Lebenswelt anfängt… Beispiel: Immer, wenn ich Boxkämpfe im TV live anschaue, was ich gerne tue, spielt vorher ein weibliches, hübsches Streichquartett die Nationalhymnen der beiden Kontrahenten und traditionellerweise – das mag ich total beim Boxen, weil es einzigartig ist! – die Hymne des Landes, aus dem der Ringrichter kommt. Dass das im Grunde immer so ist, hängt vermutlich damit zusammen, dass diese Veranstaltungen wohl komplett von Sauerland Event – dem absoluten Marktführer in Sachen Boxen in Deutschland – organisiert werden. Das ist halt bei denen einfach so. Das bekommt man dann in diesem Paket so angeboten.

Da sitzen also diese vier hübschen, streichenden Damen auf einer Extra-Bühne und spielen die Nationalhymnen. Natürlich ist das nicht live. Das ist Playback. Seit geraumer Zeit habe ich aber die Vermutung, dass das noch nicht einmal von echten Geigerinnen und Geigern in einem Studio eingespielt wurde. Hört mal beim nächsten Box-Kampf vorher zu! Das ist ein gesampeltes Streichquartett! Ernsthafte Theorie jetzt! Bitte aufschreiben!

Ist ja klar: vier Damen, die nur hübsch sein brauchen. Und vier Streichinstrumente, die sagen sollen: Hier, so ein bisschen „kulturell“ und ernst können selbst wir beim Boxen! Und es merkt ja keiner (außer meiner Wenigkeit, haha!), dass die nicht nur nicht live spielen, sondern dass das „Blüh’n im Gla-hanze“, das wir da hören, niemals echtes Tageslicht (blöde Formulierung jetzt) gesehen hat!

Und genau das meine ich: Klassische Musik ist heute ein fast rein optisches Phänomen geworden.

Wir kennen das, diesen Trend meine ich. Das hat vor gefühlt etwa zwanzig Jahren schon begonnen. Eine Rockband macht mal ein Projekt mit einem klassischen Orchester. „Rock goes Classic“ oder so hieß das damals meistens. Die schrecklichen Scorpions haben das beispielsweise mal versucht. Und eigentlich egal, wer das gemacht hat: im Hintergrund sitzt dann beim Live-Auftritt in der Tat ein ganzes klassisches Sinfonieorchester; und die bewegen sich auch – aber: MAN HÖRT VON DENEN NICHTS! Also: entweder wenig, nur zwischendurch oder am Ende mal kurz etwas – oder tatsächlich: nichts! Ja, das ist so! Schaut nicht so komisch!

Man hört das Schlagzeug, die Gitarre, den E-Bass und den Gesang der Band. Das Orchester sitzt nur dahinter und spielt (irgendetwas). Das meine ich. „Klassischer Anstrich“ – aber völlig ohne (klangliche) Auswirkung.

Ich behaupte, Gedankenexperiment jetzt: Angela Merkel könnte irgendeine Ansprache halten zu irgendeinem feierlichen Zweck: dahinter sitzt ein Sinfonieorchester; spielbereit (um zu irgendwelchen Jahrestagen irgendeinen getragenen langsamen Sinfoniesatz oder so beizutragen). 98 Prozent der Leute im Saal würden gar nicht merken, wenn das Orchester nicht spielt. Es geht einzig und allein darum, dass die da sitzen – und Feierlichkeit und Ernsthaftigkeit verbreiten. Aber halt: rein optisch!

Meiner Ansicht nach ist es übrigens extrem unangesagt, über Kollegen wie David Garrett und Co zu lästern. Warum denn? David Garrett ist – was ich so gehört habe – ein extrem netter und lustiger Kerl, dem ich seinen Erfolg von Herzen gönne. Und er macht seine Sache wirklich gut. Ich habe im TV mal eine Show von ihm teilweise verfolgt. Und das war verdammt gut gemacht. Dramaturgisch und technisch: wirklich top!

Ob einem das ästhetisch gefällt: eine komplett andere Sache.

Aber witzigerweise ist es ja bei diesen Klassikstars, die dann auf „goes Rock“ machen, so, dass der klassische Klang eines klassischen Sinfonieorchesters bei ihnen immer weniger eine Rolle spielt. In der Vordergrund rücken Synthesizer, Drumset, Gitarren und E-Bass. Das klassische Orchester ist noch da, quasi als mahnendes Symbol der Herkunft des Künstlers, es spielt auch, aber man hört es nicht, weil man es nicht hören soll. Weil der Klang eines klassischen Sinfonieorchesters bei 99 Prozent der Bevölkerung als langweilig, uninteressant, zu gebildet und irgendwie anstrengend (weil: man muss ja zuhören und so) gilt.

Das klassische Sinfonieorchester, ich fasse zusammen, ist heute zu einem fast optischen Dienstleister geworden. Es reicht im Grunde aus, zu gucken – hören wollen nur sehr wenige. Aber Männer im Frack, die große, blitzende Trompeten (oder so) halten: das hat was! Aber nur zu bestimmten Anlässen bitte; und nur auf bestimmten Spartenkanälen (arte, 3Sat). Auf den eigentlichen Sound darf das keine Auswirkung haben.

Ehrlich jetzt: das wollte ich schon lange mal gesagt haben. Und ich weiß nicht, ob ich es deutlich gemacht habe.

Mein Vorsatz für 2014 daher: deutlicher sein – und (noch) besser zuhören!

Author profile

Arno Lücker wurde 1979 in Braunschweig geboren. Seit 2003 lebt er in Berlin. Dort arbeitet er als Moderator und Dramaturg. Er ist Künstlerischer Leiter der Astronomie-Musik-Reihe "Himmlische Partituren" im Zeiss-Großplanetarium Berlin, arbeitet von Berlin aus für das Brucknerhaus Linz, schreibt Programmtexte für zahlreiche Orchester (Wiener Philharmoniker, New York Philharmonic), macht Konzerteinführungen in der Elbphilharmonie Hamburg, der Kölner Philharmonie und anderswo. Außerdem ist er Bad-Blog-Autor der ersten Stunde und arbeitet als Kurator für die Musikstreaming-App IDAGIO.

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3 Antworten

  1. Strieder sagt:

    Liegt vielleicht auch daran, das Klassik langweiliger Scheiss ist. Neue Musik muss her! Gibt’s immerhin schon seit 1906 und ist überhaupt nicht langweilig!

  2. Mino sagt:

    haha, habe selten so über einen Blog Beitrag gelacht xD…
    Die Person, die das geschrieben hat, hat so wie es aussieht bloß zwei Beispiele gefunden, bei denen er vermutet, dass das Orchester/Quartett nicht spielt und es nicht mal mit Sicherheit weiß. So weit ich weiß, sind Nationalhymnen keine klassische Musik, just saying.
    Wenn ein Orchester bei einer Aufführung nicht spielen würde, wozu wäre das Orchester dann überhaupt entstanden… Ich denke auch nicht, dass, wenn das Orchester echt wäre, einer der Mitglieder es über sich ergehen lassen würde, einfach so zu tun, als ob er spielen würde, obwohl er ja an einer Uni dafür studiert hat. Musik macht man aus Leidenschaft und nicht um so rumzusitzen und schauzupielern.

    Ich bin 17 Jahre alt und mag Klassische Musik und spiele es vor allem gerne auf dem Klavier (es ist anspruchsvoll und ist oft eine Herausforderung, ein ganzes Stück fertig zuspielen), btw ich kenne auch einige andere Leute in meinem Alter, die Classic mögen und wir sind keineswegs „Nerds“, was auch immer du im Beitrag mit „Nerd“ gemeint haben magst.

    Klassiche Musik ist ja auch ein eigenes Genre in der Musikwelt, wie Rock, Pop oder Rap… whatever.
    Ich stehe nicht wirklich auf Rap, aber dafür mehr auf Punk, Latin etwas Pop und ach ja auch Klassische Musik.

    Es ist dumm, einfach zu sagen, dass ein bestimmtes Genre scheiße ist, nur weil man damit nichts anfangen kann.

  1. 26. Januar 2015

    […] Ich zitiere aus meinem Bad-Blog-Artikel “Klassische Musik. Ein rein optisches Phänomen” vom 31. Dezember 2013: […]