Die grünen „Zensur-Ministerien“ Baden-Württembergs

In Baden-Württemberg werden unter grün-rot nicht nur Orchester zwangsfusioniert und sollen Musikhochschulen in ihrer Substanz jenseits einfacher Sparauflagen aufgelöst oder bar jeglicher Tradition verändert werden. Jetzt wird die Aufführung von gesellschaftskritischer Neuer Musik zu Preisverleihungen an einen gesellschaftskritischen Autor unterbunden werden: Rainald Goetz soll am 16.11.2013 den Schiller-Preis des Landes Baden-Württemberg erhalten. Die Umrahmung sollte eine Band-Fassung von Johannes Kreidlers Charts-Music sein. Dieses Stück zeichnet musikalisch die fallenden Aktienkurse der Bankenkrise nach, schaffte es in Top-Charts des Internets, wurde sogar in Kultursendungen des öffentlich-rechtlichen deutschen Fernsehens prominent vorgestellt.

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Nun scheint dies ausgerechnet den von GRÜNEN geleiteten Ministerien ungeeignet für die anstehende Preisfeier, wirkten beide von den Ministerinnen Theresia Bauer (Kunstministerium) und Silke Krebs (Staatsministerium) verantworteten Ministerien auf eine Änderung des Rahmenprogramms hin, wie die Feierorganisatoren Johannes Kreidler mitteilten, der dafür eine uraufzuführende Instrumentalversion erstellte. Somit wird selbst aktuelles Schaffen verhindert, eben wohl zensiert, wie man es sich nur zu Zeiten von Edmund Stoiber oder Franz-Joseph Strauss in Bayern vorstellen konnte, als Luigi Nonos Musik für Staatsakte für unerwünscht erklärt wurde. Gegen diesen Eingriff in die Autonomie der grundgesetzlich garantierten Kunst kann man nur aufs Heftigste protestieren!

Dies setzt das gesellschaftskritische Wirken von Goetz und Kreidler auf eine absurde Art und Weise herab, wo man doch gerade Goetz für seinen gesellschaftskritischen Mut ehren möchte. Und es ist eines Friedrich Schillers absolut unwürdig. Sollte man den Preis nicht besser ganz aus Baden-Württemberg auslagern, wie Schiller selbst aus dem Ländle floh? Die Ungeschicklichkeit v.a. des Ministeriums Bauer in kulturellen Dingen ist so schillernd, dass dieses peinliche i-Tüpfelchen Grund genug für einen Personalwechsel an der Spitze des Kunstministeriums sein sollte. In den Kommentarspalten kann man seine Unterstützung zum Ausdruck bringen. Hier der Wortlaut des ungehörigen Schreibens der Organisatoren an Johannes Kreidler:

„Lieber Herr Kreidler,

bitte verzeihen Sie, dass ich mich noch nicht auf Ihre Mail gemeldet habe. Wir hatten in den vergangenen Wochen mehrere Gespräche mit dem Kunst- und Staatsministerium. Unser Hochschulprogramm war in der Anlage „zu progressiv“. Beide Ministerien haben inhaltlich in den Programmablauf eingegriffen, sodass jetzt eine vollkommen andere Programmkonzeption und nur noch ein inhaltliche Hülse unseres ursprünglichen Goetz-Programmes vorliegt. Ich bedauere das persönlich sehr, bitte Sie aber um Ihr Verständnis.

Mit besten Grüßen, XXXXXXX“

Komponist*in

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12 Antworten

  1. Ludwig Abraham sagt:

    Kurze Zwischenfrage:
    Wenn der Preis vom Land verliehen wird, dann kann doch das Land, bzw. nach der heutigen Organisationsform das dafür zuständige Ministerium, auch darüber entscheiden welches Programm im Rahmen der Verleihung gezeigt wird. Wo ist denn das Zensur? Wer verbietet denn hier gerade Kunst? Nicht das ich irgendwie den Grünen nahestehen würde, für mich sind die auch nicht links, besonders nicht in Süddeutschland und deren Programmpolitik würde ich auch nie unterschreiben… ich störe mich nur ein wenig an dem Wort Zensur und der damit verbundenen Gleichsetzung dieses Vorfalls mit ziemlich üblen Schicksalen.

  2. Staatliche Stellen, besonders ein Kunstministerium, das darin ein Förderministerium ist, haben nicht das Recht Kunst ihrerseits ästhetisch zu bewerten. Das machen „Externe“ wie Gutachter, Juries, etc. Nachdem in dem zitierten Briefe die Rede von „inhaltlichem Eingriff“ aufgrund von „zu progressiv“ ist, liegt hier klassische Kunstzensur vor! Nicht anders griffen z.B. staatliche Stellen in die Libretti von Verdi-Opern ein, was ja aufgrund des diesjährigen Jubiläums allerorten gut nachlesbar ist. Immerhin hatte die noch Zensurgesetze. Hier gibt es nur den Geschmack von Ministerialbeschäftigten als Handlungsgrundlage. Der Schillerpreis ist der prominenteste Kulturpreis Baden-Württembergs, so dass man als Staat nicht frei agieren kann wie anlässlich einer kleinen Feier. Kreidlers berühmtestes Stück aus der Planung zu nehmen, das die globale Krise aufs Korn nimmt, ist somit reinste Zensur.

  3. Man möchte gern so viel sagen, doch es verschlägt einem jedes Mal die Sprache. Sie wäre vielleicht sogar Verschwendung bei diesem Proletentum. Baden-Württemberg ist eben ein reiches Bundesland – Kunst muss schick sein, Musik gepflegt, das dazugehörige Bankett für die entsprechende Schicht. Dissidententum – dieses Wort passt hier nicht ins Bild. In wirklichen Kulturregionen dieses Landes – Leipzig, Dresden,.. – undenkbar. Doch wer genau IST denn das „Ministerium“? Das wird hier recht anschaulich erklärt: http://www.zeit.de/2013/17/demografie-babyboomer
    Sind DAS die Leute, die unsere Vorbilder sind? Verkörpern sie das wahrhaftige, maskenlose SEIN? Es bewegt sich ZUM GLÜCK schon einiges in diesem Land. Warum es sich noch nicht durchgesetzt hat, steht in diesem Artikel (siehe Link) – sie sind (lediglich) die Mehrheit. Doch sie sterben alle. An den Leiden, die sie selbst erschaffen haben. Es lebe die Kunst! Es lebe der Geist! Der Tod nimmt mit alles, was vergänglich ist.

  4. leonhard rieckhoff sagt:

    Willkommen im neuen schwaebischen Sowjet-Sozialismus!
    Wir fiebern bereits der schoenen neuen Bauer-Kulturwelt entgegen,welche im neuen“Leuchtturm“ des Pop in Mannheim entstehen soll.
    Also echt: Ich denke,dass der“Bauerfall“ nicht mehr hinausgezoegert werden sollte!

  5. Es wäre nicht schlecht, wenn Goetz die Preisannahme verweigert – so etwas braucht irgendeine Form von Zuspitzung, damit Frau Bauer mal erkennt, dass sie so nicht weitermachen kann.

  6. Max Nyffeler sagt:

    Dieser schwäbische Aufreger hat natürlich den für Johannes Kreidler unbezahlbaren Effekt, dass über seine Komposition viel mehr gesprochen wird als wenn sie tatsächlich aufgeführt worden wäre. Ein altes Spielchen, aber immer noch sehr wirkungsvoll. Dabei wäre jedoch abzuwägen: Was ist wichtiger, große mediale Aufmerksamkeit und keine UA oder UA und kleine Öffentlichkeit? Für den Medienkünstler Kreidler, der mit der Aufmerksamkeit spielt, ist diese Aufmerksamkeit das wichtigste Kapital, aber für den Künstler Kreidler, der seine UA erleben möchte, ist es vermutlich eher frustrierend. Ein interessanter Widerspruch.

  7. Goljadkin sagt:

    Die ganze Sache ist umso ärgerlicher, als die „Chart Music“ für einen solchen Aufreger ja gar nicht taugt. Ist doch völlig harmlos. Aktienkurse sinken, Anzahl der gefallenen Soldaten, Staatsschulden, Rüstungsumsätze steigen. Gaaanz einfach. Erkenntnisgewinn gleich Null. Vom ästhetischen Mehrwert ganz zu schweigen. Man weiß gar nicht so recht, was das Ganze eigentlich soll. Betroffen machen? Aufrütteln? Die „wahren“ Zusammenhänge der Welt begreifen helfen (Stichwort Weltverschwörung) ?
    Ohne die Ensembleversion zu kennen, die ja vielleicht viel differenzierter in ihrer Aussage ist (was ich aber nach bisheriger Kenntnis der Kreidler’schen Werke bezweifeln möchte), kann man nur sagen, daß die Regierungsbeamten in BaWü sich vollkommen unnötigerweise selbst in’s Knie geschossen haben.

  8. Das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg freut sich, auch in diesem Jahr den Preisträger des Schiller-Gedächtnispreises nicht nur durch den Preis selbst, sondern auch durch eine angemessene und gelungene Verleihungsfeier zu ehren. Hierfür durch eine geeignete Organisation und ein passendes Rahmenprogramm Sorge zu tragen, ist Aufgabe des Ministeriums. Die Musikhochschule Stuttgart, in der die Preisverleihung stattfindet, hat für das Rahmenprogramm zunächst einen Vorschlag übermittelt, der auf Zustimmung des Ministeriums traf, gerade weil der musikalische Rahmen die Persönlichkeit und das Werk des Preisträgers inhaltlich spannend und passend zu spiegeln versprach. Allerdings war – im Hinblick auf eine Gesamtdauer der Feier von gut einer Stunde – das vorgeschlagene Rahmenprogramm schlichtweg zu lang, es hätte deutlich mehr als eine halbe Stunde in Anspruch genommen. Das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg hat daher die Musikhochschule gebeten, das Rahmenprogramm zeitlich zu straffen. Es galt der Tatsache gerecht zu werden, dass im Zentrum der Veranstaltung nicht die Musik, sondern die Ehrung eines Literaten steht. Inhaltliche Aussagen oder Wertungen über einzelne geplante Musikstücke waren damit zu keiner Zeit verbunden. Die Musikhochschule Stuttgart hat daraufhin einen neuen Vorschlag für ein Programm übermittelt, der diesem Anliegen nachkommt. Die Musikhochschule und das Ministerium sind sich sicher, dass wir mit dem nun gefundenen Programm allen Beteiligten einen gelungenen Abend bieten können.

  9. Das verstehe ich. Aber in der Videoversion ist das Stück 3,04 lang. Und müsste 9 mal gespielt werden, um auf die halbe Stunde Musik zu kommen.

    Eigentlich wäre es zur Information ganz prima, wenn man mal einen Einblick in den Programmvorschlag von Herrn oder Frau XXX bekäme und dann in die veränderte Form des Programm, das auch von der MHS Stuttgart kam. So les‘ ichs hier. Das Programm wurde also zu keiner Zeit vom Ministerium diktiert? Nur die Dauer festgelegt?

    fragt Martin Hufner

  10. Verehrte Pressestelle des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung u. Kunst Baden-Württemberg,

    zuerst vielen Dank für Ihren Kommentar. Mich Herrn Hufner anschließend wäre es interessant, wenn Sie das „neue Preisverleihungsprogramm“ hier in den Kommentaren posten würden.

    Es bleibt mir dennoch nicht viel übrig, als mich auch über Ihren ersten Kommentar zu wundern: das zuerst vorgeschlagene Rahmenprogramm der geplanten Preisverleihung sei „auf Zustimmung des Ministeriums“ getroffen, „gerade weil der musikalische Rahmen die Persönlichkeit und das Werk des Preisträgers inhaltlich spannend und passend zu spiegeln versprach“. Das kann man in Hinblick auf die neue Version von Johannes Kreidlers Werk zu 100% unterschreiben. Wie Herr Hufner korrekt anmerkt, dauert die Originalversion knapp mehr als drei Minuten, würde die Band-Fassung wohl ähnlich lange dauern. Warum muss nun ausgerechnet ein solch kurzes und Ihren eigenen Worten folgend „den Preisträger widerspiegelndes“ Musikwerk wegen Überlänge weichen?

    Zudem schieben Sie den „schwarzen Peter“ jetzt der Stuttgarter Musikhochschule zu, was mir mehr als unfair erscheint. Was um so mehr wundert, als ob ein bisher Verbündeter verprellt werden solle: hat doch dieses Institut zu den Umstrukturierungsplänen der Musikhochschullandschaft eine dem Ministerium genehmere Position als die Kollegen in Trossingen und Mannheim bezogen. Aber das mag ggf. hier nicht hingehören.

    Herrn Kreidler wegen Überlänge vom Programm zu nehmen kann somit als unbegründet abgewiesen werden, gerade wo jenes Stück bereits solchen Rumor selbst auf 3Sat machte, wundere ich mich um so mehr, wie man auf eine so „die Persönlichkeit und das Werk des Preisträgers inhaltlich spannend und passend“ spiegelnde Musik absägte. In o.g. Mail der Festaktsorganisation an Hr. Kreidler spricht man sich wohl seitens der Musikhochschule sehr wohl für Kreidler aus, so dass die inhaltliche Änderung wohl nur seitens des Ministeriums zu verantworten ist.

    Ergo liegt doch versuchte oder gar ausgeführte Zensur vor, ohne gesetzliche Grundlage, mit einem vollkommen lächerlichen Zeitfaktorargument im besten Pressestellenschönsprech eingefärbt. Man möchte fast schon den Ausruf Michael Moores in Richtung Präsident Bush angesichts seines Oscars gegen Sie wenden, wie andere für Ihre Ungeschicklichkeit schuldig sein sollen. Gehen Sie in sich, fassen Sie sich ein Herz und spielen Sie Kreidlers bestens zu Rainald Goetz passendes Werk! Alles andere würde nur Irrelevanz bedeuten!

    Grüße,
    Alexander Strauch

  11. Verehrte Pressestelle,

    nun höre ich auch, dass man seitens der Orga-Stelle schon soweit ging, das Zeitargument durch eine kürzere Version des auch eingeplanten Stückes von Michael Maierhof zu entschärfen. Somit lag wohl schon einmal ein Kompromiss vor. Ist dieses Stück denn nun auch abgesetzt? Das würde noch mehr bedeuten, Ihnen „Zensur“ ohne Anführungszeichen vorwerfen zu müssen. Weiß eigentlich der Preisträger von den Vorgängen? Somit fordere ich auch, Maierhof im Programm zu belassen!

    Grüße,
    A. Strauch

  12. @ Goljadkin: Mh – fallende Krisenkurse, gefallene Soldaten, etc. mit dem trashigen Songsmith zu vertonen, um so die Farcehaftigkeit der Situation, deren Akteure, das absolut Unästhetische unserer Zeit so zu ästhetisieren, verbreitet via Film im Netz auf youtube, unterbrochen mit den Pauseneinspielern, die der emotionalen Enge der Krisenverursacher entspricht: Koinzidenz von Medium und Form! Ich habe dies selbst in Form einer Passacaglia mit am Ende dann doch quietschenden Sängern vorgenommen, also eher den Tenebroso-Weg eingeschlagen. Aber wenn interessiert das schon? Da hat Johannes es verbreitungstechnisch besser getroffen, auch wenn meine Szene gut besucht als Oper lief.