Donaueschingen 2013 – der zweite Tag: Er-Schöpfungsmythen und Romantik ohne Bedarf

Mein wichtigster Erkenntnisgewinn: ohne die Musikerinnen und Musiker der „Musikfabrik“ und des „Klangforums Wien“ sowie die Damen und Herren des SWR Vokalensembles Stuttgart wäre der zweite Tag der Donaueschinger Musiktage nicht zu stemmen gewesen. Was sie gleichzeitig als Kollektiv und Solisten leisteten, das haute mich um. Ob fünfzig Minuten Cendo oder achtzig Minuten Poppe: jede und jeder war immer im Dauereinsatz, gab alles, hatte ständig den kompletten Katalog der erweiterten Spieltechniken in allen erdenklichen Lagen abrufbereit, aberwitzig schnelle Tempi und Lautstärken zu absolvieren, aufmerksam wie ein Düsenjet-Pilot und fit wie ein Leistungssportler zu sein. Ihr seid die wahren Gewinner des Samstags!

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Und im Dauereinsatz aller Mittel ist auch die Crux des diesjährigen Mottos „Großform“ zu sehen. Gewiss verbindet man mit „Grossform“ nicht Minutenhäppchen, versteht man darunter das Ausbreiten eines in engen Grenzen vordefinierten, auf einen Nucleus reduzierbaren Materials. Das bedeutet andererseits pro Werkteil wirklich neue Facetten aufzuzeigen. Besonders problematisch war dies bei den beiden Weltschöpfungswerken von Hector Parra und Raphael Cendo. Parras elektroakustisches Stück „I have come like a butterfly into the hall of human life“ unterwarf Vögel, Menschen und Maschinen allen erdenklichen Filtern, Klangsynthesen und Zeitveränderungen, dass es nur so pfiff und mit Formantenveränderungen um sich warf. Auch spielte Parra mit Spannungsbögen. Dennoch kam es über einen THX-Surround-Soundtrack trotz aller IRCAM-Mächtigkeit nicht hinaus, wie man es in jedem Massenkino erleben kann. Höhepunkt der klangmaterialistischen Hilflosigkeit war das Geflacker von zwei Farbwechsel-Scheinwerfern im Rhythmus der Soundspitzen auf ein Seil, das von der Saaldecke zur Bühnenmitte herabhing. So wurde der Bartoksaal der Donauhallen zum Hobbykeller, retteten das auch nicht die Titel der Teile wie z.B. die Sprache der Vögel und Stringtheorie.

Noch ambitionierter gaben sich die drei Teile von Raphael Cendos „Registre des lumières“: Die Zeit der Anfänge, die der ersten Menschen und diejenige der Zivilisationen – vom Urknall bis heute. Es bot das SWR Vokalensemble Stuttgart, sechzehn Musiker der Musikfabrik und jetzt IRCAM-Live-Elektronik unter der Leitung des smarten Marcus Creed auf. Zuerst lauschte man fasziniert all den eingesetzten erweiterten lachenmannschen Spieltechniken, freute sich über die Verschmelzung von Stimmfaltenbässen mit Pedaltonflatterzungen sowie extreme Spannungsbögen. Allerdings klang das folgende Interludium ähnlich, genauso der folgende Mittelteil wie die weiteren Teile des Stücks. Man erlebte zwar andere Reihungen des Spieltechnikenkatalogs, blätterte aber immer hektischer in den Assoziationswindungen der eigenen grauen Zellen, um dies zu verstehen. Es war so, als hätte die Abstreichtechnik des Zwölftonchromas nun seine Anwendung auf die besagten Spieltechniken gefunden. Einzig eine zu tiefe Terz im Blech setzte ein paar Mal im Schlussteil ein neues Zeichen, das aufhorchen ließ. Ansonsten glich sich der Sound immer mehr sich selbst an, so dass Cendos Livemusik Parras Konserve immer ähnlicher wurde. Der intendierte Schöpfungsvorgang wurde zur Er-Schöpfung.

So musste man bei schönstem Sonnenschein feststellen, dass bisher am meisten Walter Zimmermann positiv in Erinnerung blieb, er alleine eine gewisse Lust an Abwechslung und Diversität an den Tag gelegt hatte, worin ihn die Jüngeren bis jetzt nicht das Wasser reichen konnten, so sehr Walter Zimmermanns Gestus der Reduktion von Härte sich selbst an den Rand von Spannungslosigkeit zu bringen droht, er dem aber doch immer wieder eins auswischt.

Um so mehr war man jetzt auf die sechs Teile von Enno Poppes „Speicher“ neugierig, mit dem Klangforum Wien unter Poppes Leitung. Aus einfachen Zellen wie einem Bratschenton, einer mikrotonalen Terz, Glissandi, Repetitionen, Dezimen und grösseren Intervallsprüngen saugt Poppe seine Ideen, die er virtuos wie kaum ein anderer fortspinnt. Er spricht von Dichteveränderungen, man hört schlichtweg klassische motivisch-thematische Arbeit, die an der Oberfläche jede Grossform aus sich selbst heraus zu entwickeln vermag. Auf eine andere Art scheint es eine Verwandtschaft mit Stockhausens Formelkomposition zu geben, die z.B. die Verhältnisse der jeweiligen Dauer der einzelnen sechs Sätze in einigen dieser Sätze auf die kleinste Ebene herunterbricht, so Poppe über sein eigenes Stück. Wirklich ereignisreich sind allerdings immer wieder fantastisch instrumentierte Phrasen, Linienverzweigungen und deren erneute Bündelung. Innerhalb der achtzig Minuten läuft dies nach den ersten beiden Sätzen allerdings auf eine Über-Dichte heraus, so dass man trotz der unterschiedlichen Drehungen und Wendungen beginnt, das Material sehr einheitlich zu hören, aller Buntheit zum Trotz die Farbe Grau vor dem inneren Auge aufsteigt. Nirgends Abbrüche, Pausen, Kontraste, Ausdünnungen, es sei denn Zerfaserung.

Enno Poppe rettet sich am Ende ins Lyrische, beendet mit einem Adagio, das ein Saxofonlamento durch das ganze Ensemble ausbreitet. Das drückt auf die Tränendrüse, wozu aber all die Technik und Betitelung keinen Anlass geben, weit und breit kein über die Musik selbst herausgehender Gehalt. Oder ist am Ende der Speicher so übervoll, dass nichts mehr, ausser unter Schmerzen, hineinpasst? Zwar reisst es am Ende viele von den Stühlen, andere verweigern sich total dem Jubel: statt inhaltsgesättigter Grossform, und sei es nur vom Dunkel ans Licht, hat das Romantische an sich ohne jeglichen metamusikalischen Bezug gewonnen, feierte sich ein Teil der Szene, vor allem wohl aus Berlin, wie die CDU/CSU ihren letzten Bundestagswahlsieg ohne wirkliche Mehrheit.

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2 Antworten

  1. @Alexander Strauch: Danke für diesen sehr gut geschriebenen Artikel :-)

  2. Florian Heigenhauser sagt:

    Ein guter Artikel, der allerdings streckenweise auf sprachlicher Ebene der virtuosen Selbstverliebtheit des Donaueschinger Programms in nichts nachsteht…
    Deine Betrachtungen zu Cendos und Parra kann ich gut nachvollziehen, auch wenn sie mir angesichts des Missverhältnisses von hypertrophem ästhetischen Unterbau und musikalischer Gehaltsleere der Werke fast schon wie barmherzige Euphemismen anmuten.
    Dein Verriss des sechsten Poppe-Satzes liest sich aus essayistischer Perspektive natürlich sehr elegant, geht aber meiner Meinung nach völlig ins Leere. Obwohl ich von der Selbstgefälligkeit und der Großkomponistenattitüde des Herrn Poppe im Podiumsgespräch ziemlich angefressen war, sein Stück hat mich – abgesehen von vielen Redundanzen in den Mittelsätzen – als einziges überzeugt.
    Gerade die Brücke erster Satz – letzter Satz empfand ich als absolut logische Materialevolution, die sich mir, übrigens völlig frei von lyrischer Betroffenheitsgeste, wohltuend auf hörbare Weise erschlossen hat – und die die verbalen metamusikalischen Ausscheidungen des Komponisten im Programmheft weit hinter/unter sich lassen konnte…