Aus den Sälen an die Luft – wann müssen Zuhörer auf die Straße?

Endlich ist es soweit! Die Freiburger BürgerInnen und ihre Initiative „Orchesterretter“ setzen alle Hebel in Bewegung, um ihr „SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg“ in Stadt und Region zu halten. Mit dem Fusionsbeschluss für das RSO Stuttgart und das badische Pendant samt Standortwahl Stuttgart glaubte der Rundfunkrat das unabwendbar Richtige zu vollziehen: angesichts drohender roter Zahlen zentralisiert man am Besten das geplante Mega-Orchester in der Landeshauptstadt. Mögen die Freiburger und Baden-Badener doch sich mit Gastspielen, Radiosendungen und Ausflügen nach Stuttgart abspeisen lassen. Doch was nutzt solch ein fusioniertes Riesenorchester, wenn es künstlerisch erst einmal zusammenwachsen muss, die besten MusikerInnen abwandern, in Baden durch weitere künstlerische Wirkungskreise im eigenem Umfeld verwurzelte Musikerfamilien das Weite suchen müssen. Denn zu einem Orchester gehören auch die Hörer! Das beginnt im privaten Bereich der Künstler und setzt sich im gesamten Einzugsbereich fort. Das interessiert allerdings kaum einen Politiker oder Rundfunkfunktionär. Diese setzen immer nur eine traurige Miene auf und beschwören den Unwillen der anderen Funktionäre, gegen die verordnete Fusion überhaupt noch etwas machen zu können. Fast erscheint es einem, als soll das angeblich Unvermeidliche um jeden Preis vollzogen werden: den Schwaben ihr Stuttgart 21, das wider besseren Wissens um die Tauglichkeit der jetzt bereits veralteten Kapazitätspläne durchgeführt wird und den Freiburgern und Baden-Badenern als Ausgleich ihr Fusionsorchester 22?

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Doch es regt sich neben Petitionen und Stiftungsabsichten nun endlich Widerstand der BürgerInnen auf den Straßen der betroffenen Städte. Letztes Wochenende hielt es die Freiburger nicht mehr auf ihren Balkonen und Gärten: statt der erwarteten 300 Teilnehmer waren es 2500 DemonstrantInnen, die im Zentrum Freiburgs auf die Straße gingen. Es wird wohl nicht das letzte Mal gewesen sein, um auf sich aufmerksam zu machen. Wenn allerdings die Menschen für ihre Kulturinstitutionen so Flagge zeigen, sollten die zuständigen Politiker der Stadt, der Region und des Landes sowie die Rundfunkfunktionäre dieses Engagement beim Worte nehmen und so zum Beispiel den Stiftungsgedanken gemeinsam fortentwickeln. Nun haben sie die Bilder in dem Medien, die man bisher nur aus dem Konzertsälen des Landes kannte: nicht nur prominente Künstler Musikerinnen und Musiker zeigen Flagge, äußern die BürgerInnen ihren Unmut im Internet. Jetzt geht es ins Freie, als ob Hölderlins „komm‘ ins Offene“ endlich jenseits von privatesten Betroffenheitskompositionen unserer Komponisten einen neuen schaffenden Odem für das ganze Volk freisetzen würde. Denn statt den Menschen Brot und Spiele in Form von ewigen sommerlichen Serenaden und Open-Airs aller Arten zu garantieren, wird ihnen dieses Vergnügen sowie zu Herzen gehende Saalerlebnisse im Winter genommen. Statt sie mit Kultur zu beglücken, ja ruhig zu stellen, wirkt die Sedierung des medialen Problemwegbetens nicht mehr, die gebetsmühlenhafte Wiederholung der Fusion. Vox populi clamat!

Vox populi ist das Motto der in München mit den Opernfestspielen langsam zu Ende gehenden aktuellen Saison. Im Gegensatz zu Baden-Württemberg wird hier erstaunlicherweise fast Alles richtig gemacht: die Isar wurde renaturiert und lockt trotz Hochwasserschäden mehr Menschen denn je an ihre Ufer. Der Bayerische Rundfunk traut sich eine Stockhausen-Deutschland-Gesamturaufführung von Samstag aus Licht. Das Freilichtprogramm aller großer Orchester füllt die Plätze der Stadt zu sündteueren oder kostenlosen Eintritt, man wagt sogar zaghaft zeitgenössische Musik des Kollegen Eggert unter dem Vorwand, Verdi gegen Wagner antreten zu lassen, in Teilen von einem progressiven Polizeiorchester gespielt, dem man hierzulande kaum seine Berechtigung wie dem in Baden-Württemberg absprechen würde. Und all dies heizt im aktuellen kommunalen wie freistaatlichen Wahlkampf erneut die Diskussion um einen neuen Konzertsaal an, denken sich fleißige Gehirne neue Festivals aus und verstehen unter Fusion nur eine Ansammlung von Staubflusen.

Völker, hört die Signale, das ist die musikpolitische Internationale: wenn die Menschen für ihre Orchester und ihr Musikleben auf die Straßen gehen, ist es immer am Schönsten, wenn sie mit Kultur überreich belohnt werden. Alles ist richtig gemacht! Gehen sie an die freie Luft, um ihrem Unmut über sinnlos verordnete Sparmaßnahmen die Köpfe heiß zu reden, genau das an Brot und Spielen zu verlangen, was andere Gegenden ihren BürgerInnen als freigiebige Gratifikation obendrauf legen: Alles falsch gemacht! Damit aus Frei-Burg nicht Fusions-Burg wird, sollte Fusion im Badischen nur noch eines bedeuten: alle Parteien und Interessengruppen setzen sich an einen Tisch, erarbeiten ihre eigene Stiftung und feiern dies 2014 mit einem gigantischen Freiluftkonzertmarathon!

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