Wege zur Verbesserung zeitgenösischer Musik. Heute: John Cages „Dream“ (Version für Mallets)

Die „Piano Guys“ haben es uns vorgemacht – man nehme einfach ein paar dieser öden Ausdrucksformen Neuer Musik, reiße sie aus ihrem Kontext, propfe sie auf einen Popsong und springe dazu lustig und gut gelaunt um einen Konzertflügel – schon hat man 9 Millionen Klicks!

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“If these guys would keep putting their own classical music to it and mixing it with the pop, that would be such a huge Youtube channel!”

(von der Piano Guys Website)

Diesem Beispiel muss gefolgt werden – wir brauchen mehr zugängliche Stücke, die einfach dem Zeitgeschmack folgen, Musik für das Publikum, das zwischen 2 U-Bahn-Haltestellen mal schnell in den Genuss von Kunst kommen will (die dann aber auch nicht schwer im Magen liegen darf). Hierzu eignet sich die Form des „Mashups“, über das mein Kollege Dirk von Gehlen schon ein kluges Buch geschrieben hat, geradezu vorzüglich. Doch wo anfangen?

Am Besten bei John Cage, dem „Grandfather of Happy New Ears“ Bla Bla Bla, dem bei jungen Musikstudenten angeblich unbeliebtesten Klassiker der Moderne. Sein Stück „Dream“ – stark von Erik Satie beeinflusst – ist hübsch, nicht allzu aufdringlich, aber dennoch ein bisschen dröge, wenn es so gespielt wird, wie es der Meister vorgesehen hat. Daher hier meine neue, verbesserte Version, für die ich folgende Programmhefttext-Kollage erstellt habe, wie man sie so in den gängigen Festivalprogrammen liest:

Bei John Cage’s „Dream“ ist die Pause konstitutives Element der Musik. Dahinter verborgen sind neue Herangehensweisen an das Komponieren und damit an die Frage, was Musik ist – oder sein könnte.

Cage zielt hier am ehesten auf etwas wie klassische Form. Die Klänge, die er uns den Instrumenten abgewinnen läßt, sind von herkömmlichem Spiel extrem weit entfernt, sie brauchen die sie umgebende Stille – und gerade durch ihr Nachklingen in der Leere fügt sich ein über das ganze Stück gehender Spannungsbogen zusammen. Die in sich stets variablen Klänge werden zu statischen Blöcken geformt, die ihre Dynamik wiederum durch die Zusammenstellung zu einem Stück bekommen.

Er benutzt vertraute Klänge, Elemente von denen er vermutet, “daß sie für das Zustandekommen von Musik verantwortlich sind”. Hier sind es die Klänge selber, die uns an Vertrautes erinnern und den Rahmen schaffen, auch Ungewohntes zu akzeptieren. So unternimmt Cage den Versuch, wie weit sich die Beziehungen dieser Klänge untereinander lockern lassen, daß sie immer noch nicht als beliebige Abfolge, sondern als sinnvoll aufeinander bezogen erscheinen. Für diesen Versuch sind die Klänge in ihrer genauen Bestimmung nicht wichtig, folgerichtig ist die Komposition Dream (2013 mashup) ein Computerprogramm, das über Zufallsoperationen “unendlich” viele Versionen erstellen kann. Oder besser: Aus der natürlich doch endlichen Anzahl von Versionen eine für einen bestimmten Spieler auswählt.

Wenn ein Baum umfällt und keiner ist dabei, gibt es dann einen Knall? Nein! Physikalisch passiert nichts anderes, als wenn jemand einen Knall hören kann, aber er passiert erst im Ohr, bis dahin sind es nur heftige Druckwellen in der Luft. Wenn Klänge stattfinden und niemand hört sie, kann es dann Musik sein? Nein, nur ein Hörer/eine Hörerin kann sie zu Musik machen. Wenn es also Klänge gibt und Zuhörer? Dann ist es Musik! Das ungefähr ist die Anforderung, die John Cage an uns als Hörer/Hörerinnen stellt. Da wir stets von Klängen umgeben sind, haben wir immer Musik um uns – und es liegt nur an uns, sie zu hören oder zu überhören. Was klingt und in welcher Reihenfolge es erklingt, ist nicht egal. Das, was in der europäischen Musikgeschichte stets versucht wurde, nämlich Beziehungen zwischen Klängen herzustellen, ist der Weg, uns vom eigentlichen Hören am stärksten abzuhalten, denn sobald es sinnvolle Folgen von Klängen gibt, gibt es andere Klänge, die das stören können. Vielleicht aber hätten wir mehr davon, einem hustenden Publikum zuzuhören, als der gleichzeitig stattfindenden Beethoven-Sinfonie? Gerade in der gezielt erstellten Beliebigkeit liegt also die Chance zu echtem Musikhören.

Alles läßt sich zu Musik formen, bestimmte Klänge sind so sehr Musik, daß sich die Form viel weiter spreizen läßt als gedacht, wir sind ohnehin von Musik umgeben, „wenn wir nur bereit sind, sie zu hören“ (Cage). Wir wünschen eine frohe Entdeckungsreise!

Solo Marimbaphone/Vibraphone: unknown
Muzak:source unknown

Und hier das Ergebnis meiner Forschungsarbeit:

Moritz Eggert

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2 Antworten

  1. Philipp sagt:

    Randgejammere: Muss denn ständig dieser “alles ist Musik“-Unsinn propagiert werden?

  2. Philipp sagt:

    Achso, ich beziehe mich auf “Da wir stets von Klängen umgeben sind, haben wir immer Musik um uns“.