Das Zielpublikum stellt sich vor

Man bekommt ja immer so schwülstige Post von Labels, Agenten und Konzertveranstaltern, in denen sie ihre neuen Projekte als noch nie dagewesen anpreisen. Da wird dann immer detailliert beschrieben, was im Moment in der Klassikszene so faul ist, und wie genau der angepriesene Künstler/das angepriesene Ensemble das jetzt ändern wird. Natürlich nur zum Besten.

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Sehr viele Menschen denken also darüber nach, wie man das Publikum besser erreichen kann, und sie stellen sich dann dieses Publikum auch sehr genau vor. Wie wäre es nun, wenn es ein Publikum gäbe, das genau so wäre, wie sich diese Leute das wünschen? Wollen wir dieses Publikum überhaupt kennenlernen?

Machen wir einmal dieses Gedankenexperiment: ich nehme einfach eines der Anschreiben, das ich gerade bekommen habe, und konstruiere aus den Anpreisungshymnen den perfekten Kunden für die angepriesene Musik.

ICH BIN DAS ZIELPUBLIKUM

Heute: Hartmut F,  IT-Vertreter

Hartmut F.

„Ich mag Musik. Ehrlich. Aber eigentlich habe ich nie Zeit, viel Musik zu hören. Ich verstehe auch gar nicht so viel davon.

Weil ich immer unterwegs bin, höre ich Musik nie zuhause, sondern meistens auf meinem ipod. Dort mixe ich mir meinen hochwertigen Soundtrack für den Alltag. Ich hab ja nur Alltag, was Besonderes passiert ja eigentlich nie bei mir. Am tollsten finde ich daher, wenn es irgendwie nach Film, also eben nach Soundtrack klingt, das finde ich nämlich so emotional. Sonst habe ich ja nicht so viele Emotionen in meinen Leben. Manche sagen sogar, ich sei ein bisschen langweilig. Aber das ist mir egal.

Klassik ist mir eigentlich zu kompliziert. Das überfordert mich. Ich habe da in der Schule immer weggehört, wir hatten da auch nie so tollen Unterricht. Das Schlimmste ist: die Stücke sind einfach zu lange. Ich brauche Musik, die man zwischen zwei U-Bahnstationen weghören kann. Das überfordert mich dann nicht. Wie gesagt, zu lang darf Musik nicht sein. Ich langweile mich sonst so schnell.

Aber auch nicht zu platt. Ich will ja nicht so sein, wie diese primitiven Typen, die immer nur Mainstream und Shakira und so was hören. Das ist mir zu billig. Immerhin hatte ich schon mit 27 eine Eigentumswohnung. Eine sehr kleine allerdings, da ist nicht so viel Platz für CD’s. Und natürlich erst recht nicht für Bücher, lesen tue ich nämlich nicht so gerne.

Wie gesagt, ich finde vor allem Sachen toll, die nicht auf die kurzlebige Verführungskraft des Zeitgeistes reagieren. Denn ich finde es ganz schlimm, so kurzlebig verführt zu werden, auch wenn ich gar nicht richtig weiß, was das eigentlich bedeutet. Ich fühle mich eher als Fahnder, als Fahnder, der nach dem Bleibenden fahndet, das der Vergänglichkeit trotzt. Rammstein finde ich z.B. toll. Das hat einfach so teutonische Tiefe, verstehen Sie? Das atmet die Kraft und Herrlichkeit der Jahrhunderte. Das wird man noch in hundert Jahren kennen. Das habe ich doch jetzt schön gesagt, oder?

Ich kann Ihnen sagen, was mir fehlt: Harmonien und Melodien, die mir etwas erzählen wollen. Eben nicht nur in Filmmusik, sondern auch sonst so. Zwischen 2 U-Bahn-Stationen halt. Auf der Bühne ist das ja  verpönt. Wohin will man denn mit der Neuen Musik nach Stockhausen noch gehen? Ich mag vor allem Musik, die wie ein kleiner Spaziergang durchs Leben ist. Also, ich meine jetzt einen kleinen Spaziergang, nicht so einen längeren. Das wäre mir zu anstrengend.

Obwohl ich ja wie gesagt ständig unterwegs bin: vom Leben krieg ich nicht so viel mit. Das hat meine frühere Freundin auch immer gesagt, dass ich ein bisschen langweilig bin und so. Ich wollte abends diese tollen Filme gucken, und sie wollte immer raus, in Konzerte und ins Theater. Finde ich ehrlich gesagt zu anstrengend. Habe ich das schon gesagt?

Ich bin ja eher so der gemütliche Typ. So voll im Hier und Jetzt. Kurz muss Musik sein. Weil nämlich nur in kürzeren Stücken das Hier und Jetzt die Ewigkeit zum Tanz bitten kann. Nein, das ist nicht von mir, das habe ich jetzt irgendwo gelesen. Ich selber habe bisher eigentlich gar nicht so viel über Musik nachgedacht, aber ich schnappe so Dinge auf

Also: ich will irgendwie Klassik, aber irgendwie auch nicht. Sinfonische Perlen im Format von Songs, kurz, griffig, und doch von der Wucht und Tiefe großer klassischer Symphonien. Neue klassische Musik, die auf den Schultern der Meister steht, und zugleich eine frische und eigenwillige Form wählt, um auf heutige Weise und in den heutigen Kanälen gehört zu werden. Also so eine Art Remix der alten Meisterwerke. Kürzer halt. Ich muss zugeben, ich kenne jetzt gar nicht so viele „Meister“. Ist Orff ein „Meister“? Ich glaube, da wird dieses eine Lied von dem immer gespielt, bei der Werbung und so.

Irgendwie geborgen möchte ich mich schon fühlen bei Musik. Wenn mir das zu fremd ist, dann finde ich es nicht so toll. Am besten ist es, wenn es eine Reibung aus der Geborgenheit des Vergangenen mit den Herausforderungen der Gegenwart gibt, dann finde ich das ganz gut. Dann fühle ich mich so richtig heutig. Wie gesagt, ich bin zwar beruflich viel unterwegs, aber sonst gehe ich nicht so gerne raus. Auch nicht aus mir selber, das traue ich mich nicht so richtig. Zwischen zwei U-Bahn-Stationen, das wäre so die ideale Länge für ein Musikstück.

Ich denke nicht so gerne nach. Wenn ich über mein Leben nachdenke, werde ich nämlich manchmal ein bisschen traurig. Über verpasste Gelegenheiten und so. Dann benutze ich Musik zur Ablenkung. Früher habe ich immer davon geträumt, auf beiden Seiten des Atlantiks zu grooven. Wenn die Aneignung von Klassik und Pop auf spektakulär unspektakuläre Weise zu einer Einheit führt, die jedes Nachdenken über konventionelle oder neue musikalische Kategorien verbietet, dann gefällt es mir am besten.

Ich bin da immer auf der Suche, nach Musik, die genau das erfüllt. Oder sagen wir mal so: ich finde es toll, wenn andere sich auf diese Suche begeben, und mir das dann mitteilen, und ich das dann nicht selber suchen muss. Wie gesagt, ich bin ja eher gemütlich und so. Ich höre immer darauf, was andere mir so empfehlen, und am tollsten finde ich, wenn ich miterleben kann, wie andere Menschen ihre Emotionen so richtig authentisch ausleben. So wie im Kino halt.

Wollen Sie noch etwas über mich wissen? Ach Gott, so viel kann ich gar nicht über mich erzählen. Sie wissen schon, manche nennen mich auch langweilig.

Wie, Sie finden mich auch langweilig? Ach, das ist jetzt aber gemein. Obwohl ich mir in meinem Leben vielleicht eher kleine Ziele gesteckt habe, dehne ich mich innerhalb dieses Rahmens doch unablässig aus. Kann aber auch sein, dass ich das jetzt missverstanden habe. Ja, ich denke ich habe Sie missverstanden. Ich will mich ja nicht aufregen oder so.

Ich muss Ihnen was gestehen: Eigentlich mag ich ja gar keine Musik.

Aber man muss halt irgendwie mitreden können, nicht wahr?

(aufgezeichnet von Moritz Eggert, unter Verwendung von (kursiv gesetzten) Originalzitaten aus dem Pressetext zu Sven Helbigs neuer CD „Pocket Symphonies“)

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3 Antworten

  1. Hatte mal eine Schülerin (Klavier als Zweitinstrument), die wollte unbedingt den „Maggi“-Song spielen („Jööö, der ist so lustig“).
    Der pädagogischen Maxime folgend: „Es ist egal, ob der Schüler die Beweglichkeit seiner Finger mit Czerny, Clementi, Boogie-Woogie oder Bill Dobbins (alle Jazzvoicings in allen Umkehrungen) trainiert, hauptsache, er trainiert“, war es diesmal eben der Maggi-Song, ein Klaviergeklimper in der Nachfolge von John Adams, das eine zeitlang als Hintergrundsmusik zur Werbung der gleichnamigen Tütensuppen-Firma zwischen Nachrichten und Tatort im Fernsehen erklang.

    Bewaffnet mit I-Phone und Ohrstöpsel kam sie in die Stunde. Nach einer halben Stunde hatte ich ihr das herausgeschrieben, ihr noch einige praktische Tipps gegeben („im 3. Takt gehst du zwei Tasten nach oben, spielst das gleich dudel-di-dei, und unterfühherst das Ganze mit einer kräftigen H-Oktave in der Linken“), und entließ sie mit den Worten: „So, das übst du jetzt nis nächste Woche“.
    ___
    snip
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    Heute studiert sie Humanmedizin – Krankenhaus kost besteht ja auch aus Tütensuppen – ich darf allen hier langandauernde Gesundheit und frohe Schaffenskraft wünschen ….

  2. wponader sagt:

    Jaaaaaa…DAS trifft es schon…..

  3. Teleskop sagt:

    Aber, aber… am künstlerischen Anspruch kann doch gar kein Zweifel bestehen bei so einem Promo-Video.

    Das Logo des Projekts (bei 1’06“) drückt übrigens bei genauerer Betrachtung die Message des Komponisten an sein Publikum viel deutlicher und direkter aus, als es die Musik jemals könnte.