Kleiner mexikanischer Bericht. Satte Arschlöcher. Wir.

Guanajuato, das Marburg Mexikos

Eine etwas verrückte Kurzreise (2 Tage Hinreise, 2 Tage Aufenthalt, 2 Tage Rückreise) führte mich gerade für ein einziges, eigentlich eher kleines Konzert nach Mexiko, vielmehr in die wunderschöne ehemalige Bergbaustadt Guanajuato, die heute eine der wichtigsten Universitäten des Landes beherbergt. Und ein sehr erstaunliches Musikfestival.

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Geladen hatte nämlich das „Cervantino-Festival„, das man ungefähr was den internationalen Status und die Finanzierung angeht mit den Salzburger Festspielen vergleichen kann. Eigentlich ist es sogar noch „größer“ als die Salzburger Festspiele, da es als die bedeutendste kulturelle Veranstaltung von gesamt Lateinamerika gilt, und das will angesichts der Menschenmassen die dort leben nun wirkliczh was heißen. In Guanajuato leben allerdings nur ca. 150.000 Menschen, es ist also eigentlich eine kleinere Stadt.

Wie ist dieses Festival entstanden? Mitte des 20. Jahrhunderts begann man damit, kleine öffentliche Aufführungen von kurzen Theaterstücken von Cervantes auf den malerischen Plätzen von Guanajuato aufzuführen. Der Erfolg dieser Aktivität führte dazu, dass man das Ganze um weitere kulturelle Darbietungen erweiterte, vor allem im musikalischen Bereich. Ab 1972 bekam das Festival dann aus irgendeinem Grund plötzlich massive staatliche Unterstützung und wächst seither beständig, wobei die Bezeichnung „international“ hier auch wirklich zutrifft (so sind in diesem Jahr die Schwerpunktländer Polen, Schweiz und Österreich). Interessant beim „Cervantino“ ist, dass man hier keineswegs einen Schwerpunkt auf Althergebrachtes setzt (was bei den Salzburger Festspielen bis auf die gewagteren Seitenprogramme ja eher selten ist), sondern ganz bewusst zeitgenössische Musik in allen Formen zu einem zentralen Bestandteil des Programms macht. So ist eigentlich fast an jedem Tag des Festivals zeitgenössische Musik zu hören, am Tag meines eigenen Konzertes (mit Werken von Cage und mir) gab es z.B. nur wenige Stunden gleich auch noch ein großes Konzert mit dem Ensemble Liminar in der Bergbauakademie (mit dem sehr netten Dirigenten Rodrigo Macias), mit Ensemblewerken mexikanischer Komponisten. Und das mischt sich alles recht unverkrampft mit den Auftritten internationaler Klassikstars oder z.B. den Gebrüdern Teichmann (die gerade nach dorthin aufbrechen, viele Grüße!).

Die mexikanische Musikszene fiebert jedes Jahr dem Cervantino-Großereignis entgegen, ist es doch gerade für die nun nicht gerade von Kompositionsaufträgen und Aufführungsgelegenheiten verwöhnten mexikanischen Komponisten eine der wenigen professionell dotierten Aufführungsgelegenheiten. Mexiko hat viel musikalisches Talent zu bieten, nicht nur historisch (Revueltas, der „mexikanische Strawinsky“, hierzulande immer noch viel zu unbekannt) und viele hervorragende Komponisten der mittleren Generation sind inzwischen international präsent und erfolgreich (wie z.B. Hilda Paredes, Ricardo Zohn, Carlos Sanchez, Juan Trigos, um nur einige der vielen Namen zu nennen), lehren und leben und studieren (wie meine mexikanische Studentin Diana Syrse) aber vor allem im Ausland, da die Zustände an den Universitäten als chaotisch gelten. Carlos Sanchez verbrachte zum Beispiel über ein Jahr als Kompositionsprofessor an der Universität Guadalajara arbeitend (immerhin der zweitgrößten Stadt des Landes und unter anderem Heimatort von Guillermo del Toro) und wartete in dieser gesamten Zeit vergeblich auf seinen Lohn. Inzwischen unterrichtet er am Eastman College of Music in Rochester, einer sehr guten Adresse in den USA. Dort zahlt man zuverlässig.

Manche pendeln auch, wie zum Beispiel der Pianist, Dirigent und Komponist Juan Trigos, der sowohl das Orchester in Guanajuato leitet wie auch in den USA unterrichtet. Mit dem Herzen sind alle aber in Mexiko, einem Land, das trotz vieler aktueller Probleme einen unglaublichen Charme und Herzlichkeit verbreitet, der einen bei jedem Besuch sofort zu begeistern weiß. Ich persönlich habe tatsächlich noch nirgendwo auf der Welt eine so professionelle und liebevolle Künstlerbetreuung wie beim Cervantino-Festival erlebt. Auch das Handling der PR lässt einen als Europäer staunen: schüchtern hatte man mich einige Wochen vor meinem Auftritt per Email angefragt, ob ich nicht an einer „kleinen“ Pressekonferenz des Festivals teilnehmen wolle. Als ich dort hinging erwartete ich das Übliche, was man in Europa bei solchen Pressekonferenzen erlebt: lange Vorträge der Intendanten, Verantwortlichen und Sponsoren, als Künstler sitzt man als einer unter vielen dabei und lächelt ab und zu mal in die Kamera (wenn man Glück hat, darf man sogar einen Satz sagen). Kollege Alexander Strauch hat’s gerade vor kurzem bei der Biennale beschrieben.

Anders beim Cervantino: als ich den Saal betrat, standen dort 4 Fernsehteams und ca. 25 Journalisten mit gereckten Mikrofonen bereit. Und zu meinem großen Erstaunen war nur ein einziger Stuhl aufgebaut, nämlich für mich! Tatsächlich wurde ich dann eine ganze Stunde gefragt, interviewt und gefilmt, und das was ich sagte floss zu allem Überfluss sogar noch tatsächlich in die späteren Konzertberichte mit ein (was man hierzulande auch nicht immer erlebt). Natürlich musste ich eventuell aufkommende Hybris verhindern und war dann doch sehr beruhigt als ich auf Nachfrage erfuhr, dass es sich bei meiner PK keineswegs um eine außergewöhnliche Veranstaltung gehandelt habe, sondern dass hier absolut jeder Künstler eine eigene Pressekonferenz bekäme. Was man wirklich kaum glauben kann, aber beim Cervantino ist eben einiges anders.

Man stelle sich mal die Entstehungsgeschichte eines solchen Festivals hierzulande vor, zum Beispiel so: In irgendeiner kleineren Universitätsstadt, sagen wir mal Marburg (80.000 Einwohner, was ungefähr Guanajuato entspricht, wenn man die Bevölkerungszahl von uns und Mexiko in Relation setzt), beginnen ein paar verwegene Künstler, auf öffentlichen Plätzen Theaterstücke von Goethe aufzuführen. Das funzt so gut, dass bald drumherum ein schönes Nebenprogramm mit zeitgenössischer und klassischer Musik entsteht, „Goethiade“ genannt, das immer weitere Kreise zieht und zahlreiche Touristen anlockt (was ja immer gerne vergessen wird: wo kulturell was los ist, fahren Leute auch hin – Salzburg und Wien sind definitiv Erfolgsmodelle, was den Kulturtourismus angeht). Nach nur wenigen Jahren wird die Bundesregierung darauf aufmerksam, und man beschließt per öffentlichem Dekret nicht nur, ein spezielles Festivalorchester zu gründen (die erste Orchestergründung in langer Zeit nach vielen, vielen Orchesterschließungen), sondern auch dem Festival einen riesigen jährlichen Etat zu verpassen, um aus Marburg eine internationale Hochburg der Kultur zu machen, wobei ein besonderer Schwerpunkt auf zeitgenössischer Musik und Kunst liegen soll. Die Telekom wird sofort Hauptsponsor und garantiert jedes Jahr einen Zuschuss von 3 Millionen Euro. Aus der ganzen Welt strömen nun Tausende von Menschen jährlich nach Marburg, das sich stets in einen wochenlangen Festtaumel versetzt, mit öffentlichen Spektakeln in allen Gassen der Stadt. Jedes Jahr werden auch zahlreiche Auftragskompositionen an sowohl junge, bekannte wie aber auch mittelalte Komponisten vergeben, so dass sich keiner benachteiligt fühlt. Die Hotels sind jahrelang im voraus ausgebucht, und weltweit erzählt man von der legendären Marburger Freundlichkeit, dem guten Essen, der herzlichen Atmosphäre in den lauen Sommernächten und der Bedeutung Marburgs fürs europäische Kulturleben. Bald gilt die „Goethiade“ als das wichtigste Kulturfestival Europas.

Klingt so, als ob das hier nie, nie, nie passieren könnte?

Ja.

Und dass wir hier so satte Arschlöcher sind, die sich eine solche Geschichte nicht vorstellen könnte, das etwas entsteht, dass etwas aufgebaut und nicht abgebaut wird….genau das ist ja so zum Kotzen.

Moritz Eggert

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2 Antworten

  1. 100% meine Meinung….kann ich nur unterschreiben. Und es wird bei uns vielleicht sogar NOCH schlimmer…..

  2. …muss ich Dir widersprechen, Wolfgang! Es wird nicht vielleicht, sondern absolut sicher noch schlimmer!
    VG
    Florian