Seid still 1990 – was wurde aus András Hamary 2012?

Wer kennt es nicht: Vor einigen Jahrzehnten begegnete man einer Musik, verlor sie im weiteren Verlauf aus den Ohren und möchte sie vom Rande des eigenen Vergessens wieder lüften? So widerfuhr es mir in meinem letzten hiesigen Artikel: Beim Aufzählen der „erfolgreichsten“ Münchener Biennale Produktionen des Jahres 1990 führte ich auch „Seid still“ von András Hamary auf.

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Von Folgeaufführungen hat man schliesslich nichts mehr gehört, liegt es an eigener Informationsfaulheit oder an tatsächlich nicht keiner erfolgten Neuinszenierung. Dennoch hatte das Stück damals einigen Eindruck auf mich gemacht. Ich kann kaum noch sagen, wie es wirklich war. Dennoch beeindruckte mich eine einerseits gnadenlos bunte Musik mit Banda-Elementen und band mich andererseits eine trockene, repetitive Musik an meinen Sessel. Bildlich habe ich immer noch die mir damals unendlich zahlreich erscheinenden Sonnenblumen im Auge, die mich an die unendlich weiten Sonnenblumenfelder im spätkommunistischen Augusturlaubsungarn Mitte der Achtziger Jahre erinnerten. Inhaltlich ging es wohl um eine Familie, die von der Partei oder einer ähnlichen Einrichtung dazu angehalten wurde, sinnlos Schachteln zu falten, in der Hoffnung nach Erfüllung der Sysiphosaufgabe endlich den vermissten Sohn wieder zu sehen. Mir Spätgymnasiasten erschien das wie eine Parabel auf die arbeitspolitischen Sinnlosigkeiten und menschenverachtenden Hinhaltungen und Ungerechtigkeiten des 1990 erst seit einem Jahr gefallenen Kommunismus, an dessen Spätfolgen sich das Land Ungarn immer noch heute abzuarbeiten scheint, diesmal in Richtung beinharten National-Konservatismus…

Um meiner Erinnerung auf die Füße zu helfen: „Seid still“ ist eine Oper in zwei Akten mit einem Libretto von José Vera Morales auf ein Theaterstück namens „Familie Tót“ von István Örkény (*1912, † 1979). Dieser ungarische Autor jüdischer Herkunft erlebte in voller Schärfe den Zweiten Weltkrieg in seiner Heimat, wurde vom eigenen Staat drangsaliert, später von den Russen, wurde nach dem Aufstand 1956 mit Schreibverbot belegt, nach dessen Ende er endlich mit absurden Theaterstücken bekannter wurde, schrieb 1967 die Vorlage für Hamarys Oper. Als der Komponist auf dieses Stück stieß war er „sofort abgeneigt. Ich fand es zu ungarisch, unübersetzbar, zu dörflich, belehrend, linientreu und mit einem Tiefsinn versehen, der vielleicht für die Diskussionen Budapester Bildungsbürger geeignet war. Auch hatte ich mit den Leuten der ungarischen Bergdörfer, den Protagonisten des Stückes, nie etwas am Hut. In den Jahren darauf ist die Abneigung Verständnis und Sympathie gewichen; sie ist aber zum Bestandteil der Konzeption der Oper geworden. (…) Andererseits enthält das Stück Situationen, die nach einer adäquaten, das Gegebene weiterdenkenden und vertiefenden Vertonung schreien; es sind vor allem die Momente des Staunens, der Sprachlosigkeit, der nervtötenden Monotonie oder – ganz im Gegenteil – der kurz aufflackernden Freude, des Zueinanderfindens in der gemeinsamen Arbeit.“ (Text von der Biennale-Homepage aus: András Hamary, Ein Zwischenbericht). Kein Wunder, dass mich dann diese daraus entstandene disparate, bunte wie karge Oper ansprechen musste, auch wenn ich heute mehr ein Bild, nur einen verschütteten Klang dieser Musik noch vor dem inneren Ohr habe!

András Hamary müsste allen Adriana Hölszky Fans bzw. Anhängern ihrer Oper „Bremer Freiheit“ ein Begriff sein. Er war der Uraufführungsdirigent dieser einzigartigen Oper, ohne seine musikalische Einstudierung, die sehr ausführlich gewesen sein soll, hätte Hölszkys Oper nicht unmittelbar so einschlagen können. Für sein dirigentisches Engagement erhielt er dann auch den damals noch existenten BMW-Musiktheaterpreis, dessen Neuauflage als BMW-musica-viva-Kompositionspreis bereits auch passé ist. Hamary wurde 1950 in Budapest geboren, wo er auch am Bartók-Konservatorium sowie an der Franz Liszt Musikakademie studierte. Er bildete sich als Pianist bei Hans Leygraf in Hannover sowie in Meisterkursen u.a. bei Alfred Brendel und Geza Anda fort, war Preisträger einiger renommierter Wettbewerbe und ist seit 1986 Professor für Klavier und Kammermusik an der Musikhochschule Würzburg. Als Dirigent erhielt er seine Ausbildung bei Thomas Ungar in Stuttgart, wo er auch mit dem „ensemble avance“ seine Meriten verdiente und nach Kompositionsstudien bei Milko Kelemen für seine Orchesterstücke „Timor – Fragmente der Angst“ 1981 (Bsp. 1, Bsp. 2) den Kompositionspreis der Stadt Stuttgart erhielt.

Als wäre der Titel seiner ersten Oper „Seid still“ paradigmatisch, hörte ich nach 1990 nicht mehr viel von ihm. Dabei hätte er wie so mancher andere ungarische Komponist und Kammermusiker durchaus die Basis, bekannter zu sein! So stieß ich erst die letzten Wochen wieder auf seine Musik bzw. auf seine Homepage. Man stolpert dort unmittelbar über sein Klavierwerk, wenn man sich die Audio- und Notenbeispiele anhört und ansieht. Und als ob die Ruhe der kleinen Großstadt Würzburg ein Trugbild wäre, merkt man die kompositorisch-feurige Unruhe, die András Hamary nach wie vor umtreibt. Virtuose Spielfreude vernimmt man z.B. in den neune Klavierstücken „Jelek“ aus dem Jahre 1998, spielerischen Ernst dagegen in den ein Jahr jüngeren sieben Klavierstücken „Unabhängigkeitsübungen“ nach Ernst Jandl. Eine Mischung aus einfacher Vokalführung und avanciertem Instrumentalsatz wie kleinen vokalartistischen Momenten stellen die „Chiellino-Lieder“ (1998/99) (Bsp. 1, Bsp. 2) dar. Ein Bekenntnis zu Bela Bartók ist die „Suite für zwei Klaviere und Schlagzeug“ aus dem Jahre 2002, arbeitet aber mit freieren Formmustern und einer Klanglichkeit jenseits von Neuer Musik und Bartók.

Auf „Seid still“ folgte musiktheatralisch nach „Grido“ (1993) „Regenzeit“ (1997/98), was durch die Mixtur von normalen Klavier und weiteren bis zu sechs aufgenommenen Klavierspuren hörspielartig beeindruckt und Hamarys pianistisch-kompositorisches Klangkönnen verdichtet. 2003/04 folgte dann als wieder grösser dimensioniertes Werk, eigentlich ein Ballett, „Der Welt Lohn“. Das zeigt durchaus seinem Würzburger Kollegen Heinz Winbeck verwandte Ausdrucksstärke. Wünschenswert wäre allerdings wieder einmal eine Neuinszenierung von „Seid still“. Gab die „Zeit“ nach der Uraufführung der Regie von Christian Kohlmann die Schuld am „Scheitern“, mag das eher an der Härte des Stoffs gelegen haben, der wohl so gar nicht im Zeitgeist der Opernstoffwahrnehmung der frühen Neunziger Jahre lag, als man sich eher an farbigeren Ansätzen wie eben „Bremer Freiheit“, „63: Dream Palace“ oder „Marco Polo“ festmachte. Natürlich behandelten diese Stoffe auch streng bundesrepublikanische Interessen wie ein opernexperimentelles Fassbinder-Revival (spannend, wie 2005 Paris ihn mächtiger als Berlin oder München feierten!), eine Synthese von Musical und Oper mit Coming-of-age-Inhalt wie Dream-Palace (wie voll war ist bis heute der junge deutsche Film davon!) oder der Blick nach Fernost, wie ihn uns arte, phoenix und Co. heute ermöglichen (man denke nur an das verunglückte deutsch-chinesische Jahr!).

Ungarn war damals und ist heute ja auch noch exotischer als Schanghai, sagt uns die in der neuen Verfassung affirmierte Stephanskrone – aus Sisi-Filmen bekannt – einiges, wissen wir aber nichts über die wirklichen Beweggründe der dortigen Órban-Partei, sehen wir trotz gefühlter Nachbarschaft nur die ganz, ganz hässlichen Dinge, wissen aber nicht, wie hart es die Leute wirklich trifft. Manchmal scheint der Nahe Osten näher als das ungarische Tiefland. Kein Wunder, dass „Seid still“ nicht so sehr in die damals gängigen wie heute gebräuchlichen Rezeptionsmuster passt, wo jede deutsche Auseinandersetzung mit dem Fremden doch eine Selbstbeschäftigung ist und wir z.B. trotz Gauck- und Birthlerbehörde bis heute unser Verhältnis zu unserem eigenen Osten nicht aufgearbeitet haben, die Sudetendeutschen nach wie vor ihre Vertreibung beweinen, wie differenziert inzwischen auch immer, Görlitz den meisten Westdeutschen aber immer noch eine Stadt kurz vor dem Ural zu sein scheint als ein Zentrum viriler mitteleuropäischer Kultur. Oder provokanter, und da schliesse ich mich mit ein: die Neue Musik hat genauso ein Sisiproblem in der Wahrnehmung des Fremden wie der Rest der Nation! So zum Ende ein gedankliches Innehalten mit dem ernsten wie überbordend musikantischen „Memento – ein Versuch über das Musizieren im Konzentrationslager“ (1980/81) von András Hamary, was wir Deutsche nicht so komponieren könnten wie vorzüglich unser Würzburger Ungar: Chapeau, Herr Hamary!

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2 Antworten

  1. Ich finde es sehr schön, dass Du auf diesen auch von mir sehr geschätzten und von der Szene komplett unterschätzten Kollegen hinweist. „Seid still“ ist mir auch in sehr guter Erinnerung und Du hast es sehr gut beschrieben.
    Jeder der je mit Hamary zu tun hatte hat größten Respekt vor seinem profunden musikalischen Können. Manchmal scheint mir, dass genau dieses musikalische Können einem bei einer typischen Neue-Musik-Karriere eher im Wege stehen kann, anders kann man die relative Stille um Hamary nicht erklären.

  2. aktueller tipp zum thema hamary:

    am 10. juni wird in der oper frankfurt (holzfoyer , 11 uhr) in der kammermusikreihe vom trio comet auch ein stück von andras hamary gespielt werden: EXTICTION TALES