Non-Anonymous? Warum denn eigentlich nicht!

Eines der am häufigsten gebrachten Argumente zur Verteidigung der „Freiheit“ im Internet (man kann das leider nur in Anführungszeichen schreiben, denn das Internet ist schon lange nicht mehr wirklich frei) ist die Möglichkeit, dass im Internet unzensiert Meinungen geäußert werden können. Warum das geht? Weil alles im Internet anonym geschehen kann, wenn man sich ein bisschen auskennt und weiß was ein „proxy“ ist.

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Dass dies ein Thema politischer Brisanz ist und selbstverständlich auch das Urheberrecht betrefft ist jedem klar. Und es wird zutiefst widersprüchlich verteidigt. Internetaktivisten stellen z.B. Neonazi- und andere „unangenehme“ Seiten, die vom Server gesperrt sind, wieder ins Netz, obwohl sie selber keine Nazis sind, einfach nur zur Verteidigung der Redefreiheit. So wird auch z.B. hier für den Erhalt von Neonazi-Seiten von einer Seite argumentiert, die definitiv nicht zu den Unterstützern der rechten Szene gehört. Andere – wie das Hacker-Kollektiv Anonymous – führen eigenständig Hackerangriffe auf Neonaziseiten aus. „Anonymous“ ist auch durch diese jüngste und despektierliche Attacke auf Unterzeichner eines Urheberrechtsappells in aller Munde.

Vielleicht sollte man einmal genauer betrachten, was Anonymität im Internet eigentlich bringt. Ganz klar: dort wo politische Unterdrückung herrscht oder die Berichterstattung unterdrückt wird, ist das Internet ein wichtiges Medium, um Informationen über z.B. Menschenrechtsverletzungen an den Mann bzw. die Frau zu bringen. Dass diese Informationen dann oft genauso manipuliert sind wie die offizielle Berichterstattung, zeigt das bekannte Beispiel von „Kony 2012“. Aber dennoch: hier ist Meinungsfreiheit ein wichtiges Gut, dass erhalten werden muss, ebenso wie die Möglichkeit in einer Demokratie, anonym und unbelästigt eine Wahlstimme abzugeben.

Aber mal ehrlich – außer wenn man sich die neue Dildosammlung von Beate Uhse bestellen will – wozu braucht man Anonymität sonst? Wirklich? Was bringt sie außer der Möglichkeit z.B. für Vertreiber von Kinderpornographie, ihr widerliches Handwerk meist ungestört zu betreiben?

Klar, anonym sagt man Dinge anders, spricht offener und unbekümmerter. Das kann positiv und negativ sein, in den meisten Internetforen erlebt man eher zweiteres ab einem bestimmten Punkt der Diskussion, aber dennoch: anonyme Meinungsäußerung grundsätzlich zu unterbinden ist eine heikle Angelegenheit. Schon im alten Rom gab es anonymes Graffiti, in denen sich des Volkes Stimme artikulieren konnte.

Aber mal ehrlich: wozu brauche ich die Anonymität außerdem? Als einigermaßen normaler Mensch bin ich doch vollkommen zufrieden, bei 99,9999% meiner Aktivitäten nicht anonym zu sein und finde das auch keine Beschneidung meiner eigenen Freiheit. Ganz im Gegenteil: um meine Freiheit zu definieren muss ich auch mein Ich definieren und benennen, also die Person, die diese Freiheit will, ansonsten bleibt die Freiheit wirkungslos, da ihr Ziel anonym bleibt.

Wozu muss ich zum Beispiel bei der Beschaffung von Dingen – und dazu gehören auch digitale Inhalte – anonym sein? Bei allen menschlichen Interaktionen, die mit dem Übermitteln von Dienstleistungen oder Waren zu tun haben, bin ich normalerweise nicht anonym. Ich betrete keinen Supermarkt mit einer Strumpfmaske, außer ich will ihn ausrauben. Wenn ich Handwerker bestelle, bekommen diese meine Adresse, da sie sonst meine Wohnung nicht finden. Kaufe ich einen Computer, kann ich nur eine Garantie bekommen und den Kaufpreis von der Steuer absetzen, wenn es eine Rechnung mit meiner Adresse gibt.

Das ist gut so, denn der Tauschhandel funktioniert auch umgekehrt – der Supermarkt versteckt sich nicht am Ende der Welt, der Handwerker will selber erreichbar sein und der Computerlieferant hat eine Adresse und ein Warenlager. Es gibt auch anonyme Dienstleistungen, aber diese funktionieren nur, wenn BEIDE Seiten die Anonymität der Dienstleistung akzeptieren, als Beispiel würde mir hier eigentlich nur Prostitution und ähnliches einfallen – simpler Beweggrund für die Sehnsucht nach Anonymität ist hier einfach nur Scham. Alle anderen realen (nicht-digitalen) anonymen Transaktionen bewegen sich aber definitiv im illegalen Bereich (Verkauf von nicht registrierten Waffen oder Drogen z.B.) und eine große Mehrheit der Bevölkerung will eigentlich damit nie in ihrem Leben etwas zu tun haben.

Digitale ANONYME Transaktionen sind aber die große Frage, die uns das Internet stellt. Wie in vielen Zeitungsartikeln in letzter Zeit zu lesen war, ist es unglaublich leicht, zum Urheberrechtsverletzer zu werden, dazu muss man einfach nur das falsche youtube-Video anklicken. Wir alle werden eine solche Tat sicherlich schon mindestens einmal begangen haben, oft auch ohne es zu merken. Und wenn man sich etwas besser auskennt, gibt es andere Mittel und Wege, an Inhalte zu gelangen – meistens ist es leichter, z.B. einen bestimmten sehr seltenen und halbverschollenen seltenen Film auf einer digitalen Tauschbörse zu finden als ihn physisch irgendwo zu erwerben. Wenn ich das Unrecht leicht mache, und das Recht schwer, brauche ich mich nicht wundern, wenn die Haupteigenschaft der meisten Menschen – nämlich Bequemlichkeit – das Unrecht vermehrt.

Und das genau ist das Problem – wenn es so leicht ist, illegal zu agieren, und dies oft ungewollt oder sogar unbewusst geschieht (es reicht ja schon, dass Fremde ohne mein Wissen mein W-LAN-Netz anzapfen, und mit dem notwendigen technischen Wissen ist das auch bei Kodierung möglich) ist die hysterische Kriminalisierung dieser Delikte tatsächlich moralisch fragwürdig, in diesem Punkt wäre ich sogar mit den Piraten einig. Wir müssen also Wege finden, den Erwerb von urheberrechtsgeschützten Inhalten billiger, komfortabler, fairer und schneller zu machen, dann werden wir auch das Problem der illegalen Kopien lösen (aber nie vollkommen ausrotten) können. Die Abschaffung oder Auflösung der Urheberrechts hat aber eigentlich gar nichts damit zu tun und bringt uns auch nicht weiter, auch wenn manche dies als Heillösung darstellen.

Apropos illegale Kopien: mir kam vor kurzem eine Idee, die vielleicht funktionieren könnte…
Neulich saß ich im Flugzeug mit einem amerikanischen Kameramann, der Teil der Oscarjury war. Ich fragte ihn, wie es bei von der Jury zu beurteilenden Filmen gehandhabt würde, die er nicht im Kino sehen konnte. Er antwortete, dass man diese dann als DVD zugeschickt bekäme. Und wie dann verhindern, dass illegale Kopien im Netz auftauchen, bei ja mehreren Tausenden Mitgliedern der Filmakademie? Er antwortete, dass jeder Juror eine personalisierte Kopie des Films bekäme, mit dem eigenen Namen im Vorspann und auch als Teil der digitalen Datei. Wenn er also diese Kopie illegal im Netz verbreiten würde, wüsste man immer, dass sie von ihm käme und könnte ihn-  zu Recht – belangen. Daher würde das dann auch niemand machen.

Das erinnerte mich natürlich an die Praxis des „Ex Libris“ – Aufklebers, den viele Bibliophile benutzen, um Bücher ihrer Sammlung als ihr Eigentum zu markieren. Manch anderer schreibt einfach den eigenen Namen ins Buch, das ist bis heute üblich. Auch öffentliche Bibliotheken markieren ihre Bücher. Niemand regt sich darüber auf, jeder findet es vollkommen ok, wenn das Eigentum eines Buches, eines Filmes oder einer CD auf diese Weise klar definiert wird.

Und nun meine Idee: Warum könnte das nicht sowohl digital als auch physisch AUTOMATISIERT geschehen? Das könnte so funktionieren: Ich bestelle bei Amazon eine BluRay eines neuen Filmes, der mich interssiert. Nun wird mir nicht einfach eine anonyme Kopie geschickt, sondern eine PERSONALISIERTE Kopie, mit meinem Namen als Inhalt der digitalen Datei, die auf die BluRay gebrannt ist (in welcher Form auch immer, Techniker würden dafür bestimmt eine Lösung finden). Mich selber würde das nicht stören, denn ich habe ja den Film ehrlich gekauft und finde es auch gut, dass er als mein Eigentum gekennzeichnet ist (vor allem wenn ich ihn Freunden leihe, die vielleicht vergessen, ihn mir zurückzugeben). Ich fände es sogar lustig, wenn mein eigener Name Teil des Films ist, in welcher Form auch immer. Noch viel leichter funktioniert das bei legalen Downloads: bei itunes lade ich mir z.B. eine CD herunter, und in der Datei die ich bekomme, ist mein Name und meine Adresse verschlüsselt kodiert. Wäre technisch sicherlich ohne großen Mehraufwand möglich. Falls ich physische CD’s etc. dann privat weiterverkaufe, verwahre ich einfach einen Beleg über diese Transaktion, sodass der Weg des Produkts weiterverfolgt werden kann.

Und nun der Clou: Anstatt mit dubiosen Abnahnanwälten die Millionen von Menschen zu verfolgen, die Filesharing-Dienste benutzen, müssen z.B. die Filmfirmen einfach nur genau diese Filesharingdienste selber nutzen und „ihre“ Filme herunterladen um festzustellen, welche Person es war, die den Film verfügbar gemacht hat, und zwar mit Namen und Adresse. Es gibt dann ein klares Delikt und einen klaren Ansprechpartner, denn man weiß man ja dann selber, was man beim Kopieren einer personalisierten Kopie riskiert.

Klar – Urheberrechtsverletzung wird damit nicht ausgerottet werden (das kann man nie), aber die Wege der Justiz wären viel klarer, weniger dubios und für die meisten Menschen auch nachvollziehbar. In dem Moment in dem man begönne, eine solche Praxis einzuführen, würde der Hauptanteil der täglichen Urheberrechtsverletzung, nämlich der Moment in dem ein ansonsten unbescholtener Bürger die DVD in seinem Computerlaufwerk einfach mal eben schnell hochlädt (was unglaublich einfach ist), drastisch zurückgehen, da Anonymität eben hier nicht mehr möglich ist. Und das wäre auch vollkommen ok, bei urheberrechtsgeschützten Werken.

Schließlich gehe ich auch nicht mit einer Maske ins Theater, um mir den neuen Castorf anzuschauen.

 

Moritz Eggert

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5 Antworten

  1. Jasper Siemssen sagt:

    Hallo Moritz,

    prima Idee, die aber nur Teil der Problematik erfasst.

    Nur ein kleiner Anteil der Kinofilme, die auf den Portalen landen stammen von DVDs, und diese sind ja schon deshalb nicht ganz so problematisch für die Hersteller, da sie erst 6 Monate nach dem Kinostart erscheinen. Was die Studios viel mehr fürchten sind Abfilmer, die mit eigenen Kameras in irgendwelchen Vorweg-Vorführungen sitzen, und die Filme bereits vor edem Kinostart ins Netz stellen – das könnte man mit diesen Maßnahmen nicht verhindern. Das gleiche kann natürlich auch auf Konzerten passieren, aber es scheint eine größtenteils akzeptierte Praktik zu sein – wenn man zum Beispiel auf Youtube nach einem bestimmten Lied sucht, wird man als Deutscher bei der Studioversion meist einen schwarzen Text mit dem GEMA-Hinweis sehen, während diverse Live-Versionen aus Zuschauer-Mitschnitten leicht verfügbar sind.
    Hier bin ich allerdings überfragt, ob es gewollt ist, oder nur schwer, die Verbreitung einzudämmen…

    Weitere Fragen sind, ob ich meinen Namen unbedingt auf DVDs mit Titeln wie „Die Killermöpse vom Venushügel“ sehen will, oder ob der Käufer, wenn er die DVD verschenkt, für die Kopien der Beschenkten haftet und solche Fragen.

    Als letztes noch zu dem Abmahnungs-Thema: Dass die Urheberrechts-Inhaber ihr Recht schützen wollen, ist klar. Profitabel ist das Abmahnen aber vor Allem für die spezialisierten Anwälte, und was Profit bringt, das wird auch gemacht – nicht um Recht durchzusetzen, sondern um sich eine goldene Nase zu verdienen.

    In den USA werden von der RIAA ja teilweise Einzelpersonen auf horrende Summen Entschädigung verklagt, mit der Begründung, sie hätten ja nur $15 für die CD bezahlt, aber diese der gesamten Webgemeinde verfügbar gemacht, also tausende von Sales verhindert.
    Der Vergleich beginnt zu hinken, wenn die RIAA einen weiteren Kopierer für das gleiche File eine ebenso hohe Summe verlangt…auch hier lockt der Profit, wobei in Masse natürlich deutlich niedrigere Vergleiche beschlossen werden.
    Aber mal im Ernst, wie oft kann ein File denn dem Netz verfügbar gemacht werden?
    Mein Ergänzungsvorschlag hier: Bittet die Raubkopierer zur Kasse, für vernüftige Summen (also z.B. den Wert des Ton/Bildträgers) und legt fest, dass Massenbriefe die Anwälte nicht 400 Euro pro Stück an Aufwand kosten, sondern nur Porto plus einen Anteil (Stundenhonorar / Anzahl Abmahnungen, die in der Stunde verschickt werden). Lasst dieses Geld zum gegebenen Anteil den Künstlern und Studios zukommen – dann haben wir ein System, das angemessen ist, und einen vielleicht erstmaligen Raubkopierer nicht sofort in den Ruin stürzt, sollte er „gefasst“ werden.

    Entschuldigung, falls ich hier in diesem Ausmaß meinen teils abschweifenden Händlmeier dazugegeben habe, aber das ist immer wieder ein Thema, dass mich sehr beschäftigt – hier passieren viele Ungerechtigkeiten, und ich denke Künstler und gefasste Raubkopierer kommen hier alle schlecht weg zur Zeit. Wer gut wegkommt, dass sind die Anwälte und die nicht gefassten Raubkopierer – das sollte sich ändern.

    Schöne Grüße, Jasper

  2. Alexander Strauch sagt:

    Schoener Artikel! Und wie es mehr als an der Zeit ist, dass kommerzielle Digitalangabote radikal besser werden. Zudem: Witzig, wie die Plattenindustrie allein den Downloadern Schuld an ihrer Misere gibt. Das hat wohl auch mit ihren immer aehnlicher seienden Produkten zu tun. Uebersaettigung schon mal bedacht? Es macht schlichtweg keinen Sinn Fans und Urheber gegenseitig zu stigmatisieren. Das waere so, als ob man den neuerlichen Fastamoklauefer hier in Bayern wieder ueber Egoshooterprogramme stigmatisieren wuerde. Es war mal wieder v. a. der vaeterliche Waffenschrank und wohl Probleme des Sohns… Sogesehen ist Anonymitaet was Gutes, damit jetzt der Knabe vor dem Medienwahnsinn bewahrt wird. Im Netz spraeche aber doch einiges fuer nominale Praesenz. Ein wenig erinnert das Anonymsein an kindliches Gespensterspielen, das nun froehlich und oft ungut von Erwachsenen unter der Guertellinie fortgesetzt wird… Euer Querstand, um mal wieder mein altes Pseudonym hier nostalgisch einzusetzen!

  3. Im Senat des Staates New York wird ein Gesetz beraten, nach dem anonymes Posting im Internet nicht mehr erlaubt sein soll:
    http://assembly.state.ny.us/leg/?default_fld=&bn=S06779&term=2011&Text=Y
    Ob es angenommen wird, ist natürlich noch nicht gesagt. Aber die Diskussion wird sicher nicht mehr zu stoppen sein.
    Es wäre eine Wohltat, wenn die Rudel von Feiglingen, die aus der Anonymität heraus mit ihrem Geschwätz Meinungsterror betreiben, damit abgestellt werden könnten.

  4. Pseudonym muss man, wenn man eines als Komponist benutzt bei der Verwertungsgesellschaft anmelden, damit die Werkzuordnung klappt. Die halten die wahre Idendität so lange geheim, bis ein Staatsanwalt ermittelt (z.B. wegen unerlaubten Entfernens vom Darmstadt-Kalibrierungs-Index oder ähnlicher Verbrechen gegen die Wurstigkeit):-)))

  5. @Jasper: Ich stimme Dir grundsätzlich zu, dass die Abmahnindustrie, mit der sich heruntergekommene Anwaltskanzleien irgendwie am Leben erhalten, das Allerletzte ist und dass es hier klarerer Regelungen bedarf, die dann auch den geprellten Künstlern zugute kommen, und nicht nur den jeweiligen Film/Plattenfirmen.
    Abfilmen im Kino wäre sicherlich dann wieder beliebter, wenn man so ein Modell wie oben einführt, aber da ein abgefilmter Film eben wirklich nur zweiter Hand ist (und es zum Beispiel auch nicht möglich ist, 3-D-Filme adäquat abzufilmen oder den Sound gut wiederzugeben, das gilt auch für Konzertvideos), finde ich das ehrlich gesagt noch ein erträgliches Übel.
    Wenn ich zum Beispiel die Wahl habe, „Prometheus“ mit verwackelter unscharfer Kamera und schlechtem Sound als abgefilmtes illegales Video anzuschauen, oder ein paar Euro für die Kinokarte ausgeben kann, entscheide ich mich definitiv für letzteres. Und die wenigen, die mit ersterem zufrieden sind, werden die Industrie nicht ruinieren, das kann man noch irgendwie ertragen finde ich.