Die Aura der Verfügbarkeit

Nach meinem Artikel über das 25-jährige Jubiläum der EZM ging mir der Begriff „Aura der Verfügkarkeit“ nicht mehr aus dem Kopf.

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Zweifellos hat die Verfügbarkeit von Musik den Umgang mit ihr dramatisch verändert. Und deswegen ist dies für mich auch immer wieder Thema in diesem Blog, weil eine solche Veränderung nicht ohne Konsequenzen auf die Inhalte selber vonstatten geht. Es gibt ein englisches Sprichwort dafür: „familiarity breeds contempt“ („Vertrautheit verringert die Wertschätzung), gerade weil uns Musik überall begegnet, nutzt sie sich schneller ab. Die Musik verändert sich durch die Formen ihrer Verbreitung. Seit kurzem haben wir den Punkt erreicht, an dem ein Großteil der aktuellen Musik auf Knopfdruck überall zugänglich ist, in Form eines schnellen Downloads auf jedem gängigen mp3-Player. Diese Verfügbarkeit ist schon da, einzig ihre Verbreitung, die Qualität und die Einfachheit des Zugriffs wird sich noch verbessern, und zwar bis zu dem Punkt, an dem es keinerlei spürbare Grenzen dieser Verfügbarkeit gibt. Ich habe also jede Form von Musik, die ich mir nur wünschen kann (auch wenn diese Wünsche subtil fremdgesteuert werden, und ich bewussten intellektuellen Widerstand leisten muss, um dieser Fremdsteuerung zu widerstehen) jederzeit überall zur Verfügung. Dasselbe gilt für Bilder, Informationen, etc., daher betrifft dies alle Kunstgattungen.

Generell geht die Tendenz unserer Kultur spätestens seit dem 19. Jahrhundert zu einer immer weiter beschleunigten Bereitstellung von intellektuellen wie physischen Ressourcen. Insofern ist die Zukunft, wie sie z.B. in Star Trek – Next Generation Folgen geschildert wird, also die Möglichkeit mittels Replikatoren jeden beliebigen Gegenstand wie auch Nahrung aus dem Nichts heraus herstellen zu können, ein akuter Menschheitstraum, an dessen Verwirklichung auch gearbeitet wird, zum Beispiel bei der Entwicklung von 3D-Kopierern. Es ist Walter Benjamin schon sehr früh gelungen, die Konsequenzen einer solchen Verfügbarkeit in Hinsicht auf z.B. das individuelle Kunstwerk und dessen Verlust von „Aura“ zu erkennen. Was er noch nicht vorausahnen konnte, ist die enorme Demokratisierung dieser Mechanismen mittels des Internets.

Wenn wir bei Facebook, youtube, etc. auf Inhalte stoßen, die uns interessieren, so liegt das daran, weil sie von unzähligen anderen Usern angeklickt wurden. Damit fallen Sie überhaupt erst auf und ragen aus der Masse heraus. Die Existenz eines „like“-buttons ist inzwischen gang und gäbe, auch auf diesen Seiten, und Information wie auch künstlerische Inhalte werden als Internet-Meme verbreitet, wenn sie von einer möglichst großen Masse „gemocht“ werden, ansonsten nicht. Diese Demokratisierung bringt mit sich, dass das, was sperrig, unbequem oder auch schwer verständlich ist, sich immer schwerer tun wird gegenüber dem, das größeren Denkaufwand voraussetzt. Das war natürlich auch schon vor der digitalen Revolution so, nur hat sich die Kluft zwischen den beiden Extremen vergrößert.

Die Demokratisierung wird auch zunehmend Teil der künstlerischen Darbietung selber. Die sogenannten Mitmachkonzerte, also Konzerte, bei denen das Publikum aktiv mitentscheidet, welchen Verlauf das Konzert nehmen wird, sind inzwischen keine Kuriosität mehr, sondern werden immer häufiger. Die Echtzeit-Votings bei „Unser Star für Baku“ wie auch die gladiatorenkampfartigen „Piano Battle“-Konzerte von Andreas Kern und Paul Cibis mögen hier Beispiele sein.

Wenn also die „Verfügbarkeit“ eine solche große Rolle spielt (auch die Bereitstellung von Mitbestimmungsmacht bei oben genannten Beispielen), ist es klar, wie die Strategien der Künstler sein müssen. Wer sich möglichst verfügbar macht, gewinnt. So konnte ein recht mittelmäßiger Schauspieler wie Ashton Kutcher durch Vertwitterung seines Lebens Medienmacht, Einfluss und die Rolle seines Lebens ergattern, zum vielleicht für ihn unwesentlichen Preis seines Privatlebens. Die Verfügbarkeit zerstört also die Aura des verfügbar gemachten Inhalts (dieser wird weniger „wertvoll“, weil gängig), die Verfügbarkeit selber erlangt aber dadurch ihre eigene Aura, ihre eigene Qualität, denn sie bedeutet Macht für den „User“. Das meine ich mit der „Aura der Verfügbarkeit“.

Der Leser eines Prominentenklatschmagazins erlangt Macht über die Stars und Sternchen, über die er liest, das ist das für ihn Attraktive daran. Er lernt ihre Geheimnisse, wann und wo sie mit wem fremd gegangen sind, wann und wo sie sich peinlich daneben benommen, peinlich angezogen haben, etc.. Die Stars selber sind austauschbar, es ist die Macht der Verfügbarkeit von intimen Informationen, die hier verkauft wird.

Inzwischen definiert sich gesellschaftlicher Status vor allem über die Qualität des Verfügbaren, nicht aber dessen Seltenheit oder schwere Erreichbarkeit. Auch Luxusartikel sind überall erhältlich und bei Amazon für eine breite Masse bestellbar, nur kann sie sich eben nicht jeder leisten. Da sich inzwischen selbst um die abwegigsten Genres (zu denen für die meisten Menschen auch Neue Musik und Jazz gehören) eigene „geek“-cultures bilden, weiß ich gar nicht, ob es das „Seltene“ oder „Besondere“ überhaupt noch gibt. Vielleicht müssen wir uns die Suche nach diesen Kriterien auch abgewöhnen, und die demokratische Nutzergesellschaft als neue Errungenschaft umarmen, solange wir uns deren Manipulierbarkeit gewahr sind.

Wie kann also künstlerischeres Wirken die Aura des Besonderen erlangen, die wir alle herbeisehnen? Durch die Strategie des Sich-Entziehens, des Sich-Rar-Machens, wie oft von unseren Kommentatoren vorgeschlagen? Oder durch die Erhöhung des Erlebnis- oder Ereignisfaktors, wie man es bei Livekonzerten oder Aufsehen erregenden Aktionen erlangen kann? Immerhin entgeht man dann der Versklavung, die die Herstellung der eigenen Verfügbarkeit mit sich bringt, aber ohne Gegenüber, ohne Ansprache irgendeines Publikums ist selbst die sublimste Kunst Masturbation, auch wenn man sich darüber streiten kann, wie viel Publikum es dazu braucht um nicht mehr Masturbation zu sein.
Auch ein ultrakomplexer, auf das Massenpublikum pfeifende Komponist braucht jemanden, der die Raffiniertheit seiner Partituren bewundert, denn um diese Bewunderung buhlt er, sie verschafft ihm Befriedigung. Ist er also in diesem Moment der bessere Komponist, weil er sich rarer macht? Ist es überhaupt ein Unterschied, ob man die Anerkennung eines kleinen Elitezirkels will, oder den einer größeren Masse? Kommt es überhaupt auf Zahlen an? Ist die Menge der Bewunderer = Relevanz? Bin ich „gut“, wenn ich erfolgreich bin, also viele Menschen mich bewundern, oder gerade erst dann, wenn mich nur ein kleiner Kreis von kenntnisreichen Auserwählten schätzt? Beides sind Illusionen, denen man nicht nachjagen muss. Sie verstellen den Blick auf das Wesentliche.

Der ultrakomplexe Komponist würde mir entgegnen, dass er eine größere Freiheit vom Massengeschmack erlangt, wenn er für einen kleinen Elitezirkel schreibt. Ich würde ihm entgegnen, dass auch der kleine Elitezirkel seinen eigenen, sogar eventuell strenger definierten Geschmack ausgeprägt hat, der letztlich genau so funktioniert, wie der „like“-button Massengeschmack der digitalen Welt, nur in kleinerem und sogar weniger flexiblem Kreise.
Der ultrakomplexe Komponist würde mir entgegnen, dass er aber nur in diesem Zirkel Themen behandeln kann, die die breite Masse einfach nicht mehr versteht. Worauf man wieder entgegnen könnte, dass diese Themen dann stets der Gefahr der Insider-Kultur ausgesetzt sind, dass sie nicht nur nicht mehr von der breiten Masse verstanden werden können, sondern vielleicht auch tatsächlich so lebensfern sind, dass sie keine dringende künstlerische Relevanz mehr erlangen. Oder: Erhabenheit muss im Kontext zur und in Reibung mit der Realität entstehen, sie darf nicht nur Behauptung sein.

Diese Diskussion kann nicht aufgelöst werden, weil beide Seiten Recht haben, sie kann nur aufgelöst werden, wenn man die Insiderkultur selber genauer definiert. Im Grunde leben wir alle in Insiderkulturen, oder verschiedenen Konglomeraten von Insiderkulturen, die auf komplexe Weise unser Leben ermöglichen. Wir haben die Insiderkultur unserer Arbeitswelt (man ist z.B. Geiger in einem Orchester, und hat dort ganz bestimmte Lebens-und Denkweisen adaptiert, die nur für einen Orchestermusiker Sinn machen, nicht aber z.B. für einen Automechaniker). Wir haben die Insiderkultur unseres Privatlebens, unserer Hobbies, usw. Jede Insiderkultur drängt zur Erzeugung ihrer eigenen Realität als Gegenwelt. Wenn wir aber diese Insiderkulturen als ineinandergreifend begreifen, funktionieren sie, dazu müssen sie aber offen sein. Insiderkulturen werden zur Täuschung, zur reinen Weltflucht, je mehr sie sich von anderen Einflüssen abschotten, je weniger sie bereit sind, ihren eigenen Kodex zu variieren und neu zu definieren.

Die Basis allen künstlerischen Schaffens ist Phantasie. Phantasie ist Freiheit und Öffnung. Kreativität ist der Einbruch des Unerwarteten. Daher ist für mich tatsächlich heute die interessanteste künstlerische Strategie diejenige, die sich weder entzieht noch anbiedert. D.h. wenn es mir gelingt, künstlerische Welten zu schaffen, die die Grenzen zwischen den verschiedenen Insiderkulturen verschwimmen lassen und jeweils den Blick auf ungeahnte Dinge freigeben, mache ich mich weder abhängig von der Versklavung durch Demokratisierung noch falle ich der Illusion meiner Elitezirkelkultur anheim.
Das ist eine ganz schwere Gratwanderung, vor allem weil man diesen Ansatz mit simplen Vermischen von Dingen, also „crossover“ verwechseln könnte, was aber nicht dasselbe ist. Vielmehr geht es um eine Entgrenzung, d.h. das Aufbrechen einer Insiderkultur von innnen heraus, nicht um ein Potpourri von Dingen.

Das ist nicht einfach, vielleicht unmöglich, aber gerade die Suche nach dem Unmöglichen, dem besonderen Moment des Aufbrechens wäre das, weswegen es sich heute lohnen könnte, Künstler zu sein.

Moritz Eggert

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7 Antworten

  1. olehuebner sagt:

    vielen dank für den schönen artikel. der begriff des insiders bzw. der insiderkultur geistert auch schon seit geraumer zeit durch meine eigenen überlegungen zur aktuellen kunst und musik. lasst es mich so formulieren: wenn ich auf facebook einen spruch, eine aussage, ein video, eine musik poste, die nur von bestimmten kreisen verstanden werden kann – meine kompositionsklasse in köln; leute, die neue musik machen; leute, die letzte woche zwei tage in bonn waren, jetzt in köln sind, nächsten montag in düsseldorf sein werden; whatever – dann bekomme ich von diesen ein „gefällt mir“ und ich habe auf diesen beitrag 5, 6, 7, vielleicht auch mal 20 „gefällt mir“. andere lesen den beitrag oder schauen sich das video an und finden vielleicht auch gefallen daran, geben mir ein „gefällt mir“ oder erkundigen sich per kommentar nach den hintergründen dieses insiders. wenn leute meinen beitrag mögen, obwohl sie ihn eigentlich nicht hätten verstehen können, dann habe ich auch sie im kontext ihrer eigenen insiderkulturen angesprochen, weil dort vielleicht ähnliches oder selbiges kursiert bzw. diskutiert wird – so habe ich die insiderkulturen aufgebrochen. wenn sich aber leute erkundigen und ich sie in diesen insider einweihe, so habe ich den insider nach außen getragen, ausgedrückt – man könnte auch sagen: verraten.
    ebendies kann ich als komponist auch musikalisch tun: musik komponieren, die nicht nur die insiderkulturen aufbricht, sondern auch insider nach außen trägt. das macht die musik für das publikum fassbar, weil menschlich, und selbst hat man als komponist oder interpret auch noch großen spaß dabei. wenn ich versuche, den hyperkomplexismus dem publikum zu vermitteln, sagen sie: „aha, und jetzt?“ – denn vielleicht haben sie das system dann ungefähr begriffen, aber es sagt ihnen nichts, weil die menschliche, also die lebensnahe ebene fehlt. sicherlich ist komplexismus nicht so lebensfern wie man denkt, weil natürlich auch unsere welt von 2012 mittlerweile in einer relation zur welt um 1790 stehen dürfte wie claus-steffen mahnkopfs musik zu mozarts 40. symphonie (nicht, dass letztere unkomplex wäre – aber eben nicht komplexistisch). andererseits ist komplexismus auch kein besonders gelungener weg, bürokratie, globalisierung und weltweite finanztransaktionen auszudrücken, zumal auch nicht als solcher gedacht.
    als ich johannes kreidler vor einiger zeit einmal ein stück zeigte, das ich vor mittlerweile etwa zwei jahren geschrieben hatte und das – aus den vorgaben des wettbewerbs, für das ich es geschrieben hatte – den holocaust zum thema hatte, sagte er mir: wenn schon über den holocaust schreiben, dann aber so laut und unerträglich, dass es keiner aushält – denn dann verlässt die musik ihre funktion als distanzierte gedenkmusik und versucht, die schmerzen und ängste der opfer hirnlosen vernichtungswahns in musik zu übersetzen. ein radikales beispiel „lebensnaher“ musik freilich wäre das, und wer vermag schon zu beurteilen, ob die musik, die dabei herauskäme, auch wirklich die gefühle dieser menschen repräsentierte – man begäbe sich auf sehr dünnes eis – aber diese aussage von johannes hat mich damals sehr vorangebracht. ich habe übrigens nicht mehr den versuch unternommen, über den holocaust zu schreiben, aus respekt vor den opfern.
    aber um eigentlichen thema zurückzukehren: die insiderkulturen sind es, die in der lage sind, die „menschlichkeit“, die „fassbarkeit“ einer musik zu steigern. denn sie entheben den künstler seines „übermenschenstatus“, werfen ihn aus seiner elfenbeinwohnung. natürlich nur, wenn der künstler dies auch selber will und sich darauf einlässt, sich selbst in ein soziales gefüge einzuordnen bzw. sich der eigentlich schon präexistenten zugehörigkeit künstlerisch gewahr zu werden. damit meine ich auch und vor allem die zugehörigkeit zu einer generation. meine generation, die der 1990er-jahrgänge, nennt man oft „null-bock-generation“ oder „generation porno“. sicherlich nicht gänzlich zu unrecht, aber diese formulierung stammen letztlich auch von den intellektuellen unserer elterngeneration, genau wie die intellektuellen meiner generation eines tages unsere kinder als „null-bock-generation“ (= dscheneräischn) o.ä. bezeichnen werden.
    aber auch wenn ich nicht „null bock“ habe (wer sagt eigentlich „null bock“?), gehöre ich dennoch zu dieser generation, mit der ich einiges teile: die popmusik und die kinofilme unserer jugendzeit, die bekleidungsmoden (die wir zumindest alle kennen, auch wenn wir ihnen nicht folgen), dieselben sozialen und politischen wandel, die sich in den gleichen lebensaltern vollzogen und vollziehen. warum soll ich das alles negieren und so tun, als wäre ich 75 jahre alt und unglaublich weise, sagen: „die jugend von heute denkt nur an feiern bis sechs uhr morgens und komasaufen“, den moralapostel gegenüber meiner eigenen generation spielen, mit anzug und sektglas in die kölner philharmonie gehen und mich für das nächste programmheft vor einer mit enzyklopädien und lexika prall gefüllten bücherwand ablichten lassen (die ich ohnehin nicht besitze, weil ich das internet habe) – nur weil ich innerhalb meiner generation wohl zu den intellektuellen zähle (bzw. später zählen werde, sowas kann man ja ohnehin erst über mindestens 60-jährige behaupten) und dazu in der lage wäre (wenn ich es wollte), hyperkomplexistische musik à la mahnkopf zu schreiben? nein, denn sobald ich das tue, identifiziere ich mich nur noch mit meiner intellektuellen bzw. beruflichen stellung, nicht mehr mit der noch grundliegenderen stellung der generationszuordnung (als künstler dürfte ich feiern bis sechs uhr morgens ohnehin nicht doof finden ….), da negiere ich meine soziologische stellung und verlasse die insiderkultur meiner generation vollkommen zugunsten der insiderkultur der neuen musik, statt die beiden insiderkulturen aufzubrechen, wie du, moritz, es sagst – und, und das wollte ich eigentlich nur deinem artikel hinzufügen – beide nach außen zu tragen und ihre gegenseitige befruchtung zu veranlassen. nun wird sich meine generation wohl kaum als ganzes von der neuen musik befruchten lassen, sondern wiederum nur der intellektuelle kreis der musiker, künstler, schriftsteller innerhalb dieser, aber ich kann meine musik sehr wohl mit dem kollektiven gedächtnis meiner generation inklusive aller der oben genannten inhalte speisen, indem ich sie inhaltlich behandle, ob nun ernst oder satirisch oder satirisch-ernst, und mich auch nicht der popmusik meiner generation als legitimes musikalisches material bzw. gegenstand musikalischer und kultureller betrachtung verschließe. denn allein, wenn ich mich nicht gegenüber den äußeren einflüssen unserer heutigen welt, der welt des jahres 2012 und auch meiner generation – denn gerade komponisten meines alters haben ja momentan zum glück noch den vorteil, der jüngsten komponistengeneration anzugehören und sich nicht von einer noch jüngeren vorwerfen lassen müssen, ihre musik sei altmodisch, somit in gewisser weise etwas mehr narrenfreiheit zu besitzen – abschotte, sondern mir alles ansehe und anhöre und bewerte, gewinnt meine kunst schon einiges an lebensnähe und vor allem: wirklich zeitnaher aktualität. und sie ist sich der insiderkulturen ihres entstehungszeitpunkts bewusst, nicht nur der konstanten, sondern auch der temporären (wie eben die der generationsspezifischen insider), kann mit diesen umgehen und sie sich gegenseitig aufbrechen und befruchten lassen, ohne sie zu negieren. für eine frische, positive musik.

  2. @ ole hübner – sehr schöne antwort aus sicht der jüngeren. spricht mir aus dem herzen, auch wenn ich zuletzt mehr härte einforderte. ja, man muss sich an sich selbst, an der aussenwelt – eigentl. auch eine selbstreibung, denn man sieht wiederum durch seine augen das aussen – , reiben, abwetzen, sie lieben, wieder um sich dagegenballern. wenn letztlich entweder gut gebaute musik, an der sich am konstrukt oder auch im kitsch die auseinandersetzung ablesen lässt, dabei herauskommt, ist der weg wichtig, das ziel für den macher, aber so und so ist sie ein abbild der zeit, des schreibers und immer relevant. und abschottung ist oft der anfang von entgrenzung…

  3. @ moritz: meine antwort ab 22 uhr heute als artikel!

  4. Ist die Verfügbarkeit Neuer Musik via YouTube nicht auch einfach ein längst dringend notwendiger Lackmustest für diese Kunstform?

    Max Nyfeller hat vergangenes Jahr anlässlich des 10. Todestages von Iannis Xenakis eine YouTube-Abfrage des Namens „Xenakis“ durchgeführt und – siehe da: der einzelgängerische Grieche steht im Video-Vergleich um Längen besser da als sein institutionell stets ungleich besser organisierter Kollege Pierre Boulez. Will sagen: in der IRCAM-befreiten Zone WorldWideWeb, wo nur Neugier, Interesse und Sympathie für die Sache, die Musik nämlich, zählen, zeichnet sich, wenn auch nur ganz allmählich, eine neue „Ordnung der Dinge“ ab: (Neue) Musik wird tatsächlich um ihrer selbst willen gehört und – geliebt (bzw. geliket)! Eventuell ja sogar von Leuten, die, horribile dictu, gar nicht wissen, wo Donaueschingen eigentlich genau liegt.

    Man mag mir hier Naivität vorwerfen, aber ich glaube, die Chance für tatsächlich sperrige, weil idiosynkratische, aber eben in sich stimmige Musik war, gerade weil Distributions- und institutionelle Fragen immer mehr in den Hintergrund treten, niemals größer als heute.

    Das sollte den „Independent“-Komponisten (als den ich mich hier mal mangels einer besseren Bezeichnung outen möchte) freuen. Für den sich vor allem durch seine institutionelle Vernetztheit über Wasser haltenden Tonsetzer könnten allerdings wirklich schwere Zeiten anbrechen, wird es ihm doch schwerer und schwerer fallen, bei diesen (den Institutionen jetzt) zu begründen, warum gerade sein Schaffen weiterhin durch Steuergelder subventioniert werden sollte.

  5. olehuebner sagt:

    @ stefan hetzel:
    ja, wohl wahr, man bekommt auf youtube tatsächlich so vieles aller richtungen, sperriges, trashiges, kitschiges und natürlich auch mittlerweile fast alle klassiker neuer musik (nur b. a. zimmermann wird immer wieder gesperrt wegen urheberrechtsverletzungen – dabei sollte jeder diese große musik hören dürfen – vermutlich liegt das aber auch nur daran, dass im requiem „hey jude“ zitiert wird …). und ja, xenakis ist besonders gut vertreten, was mich umso mehr freut, da gerade bei ihm in den user-kommentaren deutlich wird, wie viele nicht „neue-musik-sozialisierte“, oftmals auch nicht klassisch geprägte leute, sich diese musik anhören und aus den verschiedensten gründen absolut großartig finden (ich habe immer wieder den eindruck, das gerade death-metal-fans leicht für xenakis zu gewinnen sind – ich erinnere mich an einen kommentar, wo über „evil tunes“ etc. zu lesen war).
    soweit alles schön und gut. aber da kann man sich auch david garrett im fernsehen anschauen.
    warum? die rezeptionsfähigkeit von musik alleine auf ihre verfügbarkeit via internet zurückzuführen, ist zwar der weg, der mehr und mehr eingeschlagen wird, aber der auch qualitätsverluste blindlings in kauf nimmt. fein, wenn hopper und metaler sich xenakis im internet anhören, aber wenn sich immer mehr und irgendwann alle musikliebhaber xenakis – wie auch alles andere – nur noch im internet anhören, können wir uns konzerte, aktionen und performances sparen. neue musik nur aus dem internet zu kennen ist wie ein städteurlaub nach dem anderen über google street view, während man 30 jahre lang seinen schreibtischstuhl in castrop-rauxel nicht verlässt. und genannter david garrett eben tut ja auch nichts anderes, als das klassische repertoire zugänglicher zu machen: weil er sich den leuten durch sein auftreten geradezu aufdrängt, ihnen vorgibt, welche klassische musik sie zu hören haben; der hörer, der „mal so ein bisschen klassik“ hören will, muss also gar keine anstrengungen mehr unternehmen, als sich alle garrett-cds runterzuladen und – zack! – hat er scheinbar alles, was man an klassik braucht. nicht mal mehr in den cd-laden gehen und sich zwischen bach (naxos) und beethoven (eloquence) entscheiden muss man.
    insofern: GUT, dass es so viel neue (und vor allem immer neueste!) musik auf youtube gibt! nicht nur für den neue-musik-hörer und den metal-hörer, sondern auch für die neue-musik-schaffenden selbst! ich selber genieße diese vielfalt mit größtem vergnügen und habe allergrößten spaß daran, die möglichkeit zu haben, täglich neue musik und kunst entdecken zu können – nicht nur neue neue musik, sondern auch neue popmusik, deren vielfalt im internet übrigens genauso oder noch mehr lebt als die der neuen musik: videos mit alternativem, experimentellem und subkulturellem pop werden von tausenden angeklickt und diskutiert, in dieser hinsicht sehe ich nicht die gefahr einer stilistischen massenbestimmung. nein, auf youtube findet jeder künstler zu seinem rezipienten und beide finden ihre nische. man muss nur ein bisschen interesse haben für musik außerhalb der plastikcharts, und wer das nicht hat, den erreichen auch keine fußball-schu(h)-mann-spielenden klassikstars auf dem cocktailbar-bildschirm. youtube ist eine großartige plattform, genau wie die immer mehr in mode kommende soundcloud. denn sie fördern den kulturellen pluralismus unserer gesellschaft, sie sind nicht vorrangig medien des mainstreams – nein, sie sind medien der subkultur und sie vernetzen die subkulturen untereinander. hervorragend, um sich und andere zu bilden. hervorragend, um sich zu informieren. hervorragend, um sich mal schnell dieses oder jenes musikstück anzuhören. und hervorragend, weil man stundenlang musik hören kann, ohne 30 mal die cd wechseln zu müssen. aber, und das ist, worauf ich hinauswill: bei aller youtube-seligkeit dürfen wir nicht vergessen, dass eine aufnahme, so gut und so schnell sie auch verfügbar sein mag, eben nur eine aufnahme ist und keine live-musik. und dass live-musik – damit meine ich auch z.b. das zelebrieren von tellermucke in clubs – aufgrund ihrer physischen und geistigen energie nicht vollends durch den youtube-xenakis verdrängt werden darf.

  6. @olehuebner:

    fein, wenn hopper und metaler sich xenakis im internet anhören, aber wenn sich immer mehr und irgendwann alle musikliebhaber xenakis – wie auch alles andere – nur noch im internet anhören, können wir uns konzerte, aktionen und performances sparen.

    Ok, aber wie soll der Metalhead die Musik von Iannis Xenakis kennenlernen, wenn nicht durch YouTube, SoundCloud & Co., wo „Metastaseis“ neben „Butchered at Birth“ steht (was im CD-Laden eben anders ist!)? Auf’s „Eclat“-Festival wird er sich freiwillig wohl eher nicht verirren.

    aber da kann man sich auch david garrett im fernsehen anschauen.

    Kommt halt drauf an, wie’s dann weitergeht. Man kann ja auch von David Garrett zu „richtiger“ Klassik kommen.

    und dass live-musik – damit meine ich auch z.b. das zelebrieren von tellermucke in clubs – aufgrund ihrer physischen und geistigen energie nicht vollends durch den youtube-xenakis verdrängt werden darf.

    Herzlichen Dank erstmal für den Begriff „Tellermucke“, der mir bis eben unbekannt war: großartige Wortschöpfung! Und nur zwei Fundstellen bei Google eben – das ist wahre Innovation ;-) Aber Spaß beiseite: Das Wissen, dass ein Live-Konzert eben doch noch mal was ganz anderes ist als selbst die beste Konserve, droht tatsächlich ein wenig in Vergessenheit zu geraten – und nicht nur bei jüngeren, internet-sozialisierten Menschen. Es wird halt immer anstrengender sein, seinen A… aus dem Sessel zu kriegen, als sich daheim bequem etwas anzuhören. Nehme mich da selbst nicht aus :-(

    Aber gerade bei der Musik von Xenakis und vieler anderer Zeitgenössischer Klassischer Musik geht’s nun eben bei 99% aller ZeitgenossInnen erstmal um’s erste Kennenlernen, um’s unverbindliche Reinhören, um die folgen-(und kosten-)lose Befriedigung der ersten Neugier. Und dafür sind YouTube und SoundCloud eben ideal.

    Ins Xenakis-Konzert kann man dann ja immer noch schlendern: In irgendeinem dieser zahlreichen, immer leicht verrucht wirkenden „Neue-Musik“-Live-Clubs, wo der schwarzbebrillte Hipster seinen Lachenmann auswendig kennt wie damals Rainald Goetz seinen Sven Väth und wo Trauben ekstatischer junger Frauen ungeduldig auf den nächsten Release von Claus-Steffen Mahnkopf warten, wird schon was gehen.

  7. strieder sagt:

    Also ich finde die von Stefan Hetzel bzw. Euch angesprochene Entwicklung einfach nur grossartig. Ich beobachte das ja auch. Es zeigt ebenfalls, dass das Ganze, nun ca. 110 Jahre währende Geschwätz gegen Neue Musik mit verschiedenster Argumentation alles einfach nur dummes Zeug war und ist, und nicht mehr und nicht weniger als die Befindlichkeiten Ihrer Urheber darstellt.

    Viele Leute finden – ohne irgendeine Musikausbildung gehabt zu haben, oder gerade deshalb [hier meine ich speziell das in einer solchen ja auch zuweilen nicht mehr als Vorurteile vermittelt werden] – Serialismus, Spektralismus, New Complexity usf. usf. einfach Hammergeil.

    Weil sie es einfach so gefunden haben, ohne irgendeinen SCHEISSDRECK darüber gelesen zu haben.