Gedanken zum 25-jährigen Jubiläum der EZM

Die aktuelle EZM CD

Wie es Georg Beck auf diesen Seiten schon in seinem schönen Artikel verkündet hat: Die „Edition zeitgenössische Musik“ des Deutschen Musikrats feiert ihr 25-jähriges Bestehen.
Ganz sicher wird niemand bestreiten, dass es sich bei der EZM um eine sehr verdiente Unternehmung handelt. In anderen Ländern mag es ähnliche Initiativen zu einer Dokumentation des ländereigenen zeitgenössischen Komponistenschaffens geben, aber nirgendwo werden sie so liebevoll ediert (was schon damit anfängt, dass den jeweils ausgewählten Komponisten viel Freiheiten bei der Gestaltung ihres CD-Inhalts gelassen wird) und (durch die Kooperation mit Schott/Wergo) so zuverlässig weltweit vertrieben wie bei uns in Deutschland. Und ja, ohne die Kooperation mit unseren öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten wäre dies nicht möglich, auch dafür müssen wir dankbar sein, denn in den meisten anderen Ländern wäre dies unvorstellbar.

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Insofern von mir auf jeden Fall herzlichen Glückwunsch zu diesem denkwürdigen Jubiläum an Olaf Wegener und seine Mitarbeiter!

Klar, die Auswahl und vor allem die bislang recht strenge Altersbegrenzung für die Porträt-CD’s werden immer wieder kritisiert, aber es wird wahrscheinlich schwierig sein, es allen recht zu machen. Was ich mich viel eher frage ist: wie sieht die Zukunft der EZM aus? Und diese Frage berührt natürlich die hier schon oft angesprochene Frage nach der Zukunft medialer Verbreitung von Musik.

Seit einiger Zeit setze ich mich radikal dem Selbstversuch eines iphones und ipads aus (und das als eingeschworener PC-Nutzer!). Und je älter ich werde, desto mehr merke ich, dass man eigentlich vor dem Erwerb neuer CDs eher zurückschreckt (die Label mit denen ich zusammenarbeite mögen mir diese Bemerkung verzeihen). Dies hat nichts damit zu tun, dass mir CDs an sich suspekt sind – nein, ich habe die kleinen Quadrate mit ihren winzigen Booklets gerne, auch wenn erstere immer zerbrechen (wenn aus Plastik) und letztere für mich immer schwerer zu lesen sind. Nur häufe ich pro Monat durchschnittlich 20-30 CDs an – geschenkt, zugeschickt von hoffnungsvollen Ensembles und Komponisten, manchmal auch selber gekauft. Bei mir zuhause stapeln sich gefährlich wackelnde Türme voller Plastikhüllen, die mein Sohn immer wieder gerne zum Einsturz bringt (und wenn die Hüllen einmal kaputt sind, mäandern Scheiben, Hüllen und Booklets meistens getrennt voneinander durch die Wohnung und tauchen an den unmöglichsten Orten auf). Immer wieder habe ich den Versuch gemacht, den ganzen Kladderadatsch zu ordnen, und ich weiß, dass meine Freunde dies auch immer wieder versuchen. Dennoch ist die CD die man gerade sucht nie aufzufinden, und wenn, dann ist eine andere CD drin, oder ein anderes Booklet, oder – was öfter passiert, als einem lieb ist: gar nichts mehr, sondern stattdessen irgendeine grauenhafte Kinder-CD mit Lars dem Scheissbär.

Vielleicht ist dies ein Problem, das kinderlose CD-Besitzer nicht haben, aber: die Lagerung und Ordnung von CD’s ist aufwändig, nervig und letztlich ein hoffnungsloser Kampf gegen die Entropie.

Inzwischen bin ich daher dazu übergegangen, Musik immer mehr downzuloaden – legal, natürlich – und leider ist das in vielerlei Hinsicht unperfekte und ignorante geldscheffelnde itunes der einfachste Weg dazu. Ach, wie ich wünschte es gäbe andere Wege zur Musik!
Aber wenn ich etwas Populäreres suche – so zum Beispiel gerade „Nixon in China“ von John Adams für meinen Unterricht – dann ist itunes nicht zu schlagen: schnell die verfügbaren Aufnahmen per Hörprobe verglichen, festgestellt, dass die mit Edo de Waart irgendwie mehr Biss hat als die US-Aufnahme, dann zu günstigem Preis innerhalb von Sekunden heruntergeladen, auch das Booklet kann ich am Computer oder ipad als .pdf besser lesen als in Lilliputanerformat.
Natürlich könnte ich auch zur deutschlandweit besten CD-Abteilung in München (Ludwig Beck) gehen, mich dort von den sympathischen Verkäufern beraten lassen und die CD in Holland bestellen, dann nach 2 Wochen wieder hinfahren und sie abholen, aber das würde zu lange dauern, um das Ganze für den Unterricht vorzubereiten. Ich weiß: früher musste das so gehen und keiner beschwerte sich, aber wenn man sich einmal an schnellere Verfügbarkeit gewöhnt hat, kann man nicht mehr zurück, genauso wenig wie wir wieder dazu übergehen würden, das Wasser mit Eimern aus dem Brunnen zu holen anstatt den Wasserhahn aufzudrehen.
Ich gehe dennoch gerne in die CD-Abteilung von Beck, aber dann eher zum Stöbern, nicht zum gezielten Suchen.

Ich mag itunes nicht sehr, und auch nicht Apples Geschäftsgebahren, aber leider ist klar, dass der einfachste Weg zu den Medien letztlich derjenige ist, der sich am Ende durchsetzt. Und ob ich nun Dateien auf dem android market, bei itunes oder bei anderen Anbietern downloade, letztlich will ich einfach nur, dass es schnell ist. Ich will sie auch nicht mehr physisch besitzen, es reicht mir, wenn sie verfügbar sind, wenn ich sie brauche.

Nun wissen wir alle, dass die Hauptfunktion der EZM nicht ist, weltweit Millionen CDs abzusetzen, das gelingt ohnehin niemandem mehr. Sie will vor allem eines: Informationsquelle sein.
Die CDs der EZM werden vom Musikrat weltweit an musikwissenschaftliche Bibliotheken, Ensembles, Festivals, Dramaturgen, Musikhochschulen, Radiostationen etc. geschickt um über aktuelle Musik in Deutschland zu informieren. Natürlich physisch, also per Post. Am Ankunftsort ereilt dann viele dieser CDs (ich würde mal sagen den Großteil) sicherlich das von mir beschriebene häusliche Schicksal. Manche werden sicherlich auch einfach weggeschmissen, so wie ich es auch mit den mir zugesandten CDs manchmal (leider) tun muss. Inzwischen habe ich sogar festgestellt, dass man sich eher ein youtube-Video oder eine verlinkte Aufnahme im Internet oder als Emailanhang anhört, als eine physische CD auszupacken und mühsam in den Schacht zu schieben (wo dann immer die zuletzt dort platzierte CD liegt, deren Hülle dann nicht mehr aufzufinden ist).

Dass die CD langsam verschwinden wird, ist jedem klar – dass irgendwann download und „Besitz“ in irgendeiner Form von „Cloud“ bei so gut wie allen medial verbreitbaren Kunstformen (Film, Buch, Musik, Comics, Computerspiele) von der großen Mehrheit der Nutzer benutzt werden wird, ist auch klar. Schon jetzt merkt man deutlich an der jungen Generation, dass die Sehnsucht nach phyischem Besitz von digitalen Dateien (die auf einer CD genauso digital sind wie als Computerdatei – es gibt ja keinerlei Unterschied zwischen dem .wav-file auf einer gängigen CD und dem .wav-file auf dem Computer) immer mehr verschwindet.

Georg Beck zitiert Benjamin und den Verlust der Aura des Kunstwerks, diese ist aber verknüpft mit der Aura des Besitzes. Heute hat aber physischer Besitz in vielen Fällen seine Aura verloren, man könnte sagen, dass es etwas anderes gibt, dass immer mehr Aura erlangt hat, nämlich eben Verfügbarkeit. Physisch besitzen tun wir im Grunde immer weniger, aber es ist ganz entscheidend, wie uns unser virtuelles Geld und unsere Kreditkarten Verfügbarkeit ermöglichen. Die Amerikaner würden sagen: „Verfügbarkeit ist sexy“. Das gilt auch für Informationen, deswegen funktioniert auch Wikipedia, allen Unkenrufen zum Trotz.

Wie kann also die EZM in diesem Wandel fortbestehen? Dass sie fortbestehen muss, daran gibt es für mich nichts zu rütteln.

Ich könnte mir vorstellen, dass die EZM in naher Zukunft die schnelle Verfügbarkeit ihrer Informationen erhöhen wird. Dazu würde vielleicht ein eigenes, editorisch betreutes Internetportal mit legaler Downloadmöglichkeit gehören, dass z.B. gegen geringe Entgelte Zugang zu den umfassenden Tonaufnahmearchiven gestattet. Wenn die teuren physischen Produktionskosten wegfallen, würde dies vielleicht auch ermöglichen, den Kreis der präsentierten Komponisten zu erweitern und auch weitere würdige Einzelaufnahmen zu präsentieren. Die musikwissenschaftliche Betreuung wäre wichtig, damit nicht alles Kraut und Rüben ist – nach wie vor wichtig fände ich auch eine Form von Auswahl und spezieller Präsentation einzelner Namen.
Gänzlich wunderbar wäre es, wenn aber unabhängig von Auswahl oder nicht jeder deutsche E-Komponist mit 3-4 repräsentativen Aufnahmen samt Zusatzinfos zu den Werken irgendwie über die EZM zu finden wäre, ganz unabhängig von stilistischer Ausrichtung. Noch wunderbarer wäre eine iOS oder android app, die immer über Neuzugänge informiert und einfachen Zugang zur Musik, vielleicht sogar Partituren ermöglicht.
So stelle ich mir die Zukunft der EZM vor – verlagsrechtlich wie GEMA-rechtlich natürlich ein Alptraum voller unüberwindbarer Hürden.

Aber man wird ja noch träumen dürfen.

Moritz Eggert

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1 Antwort

  1. Ich wollte nur nachtragen, wie sich die Zeiten doch ändern. Ich hatte mal einen Cluster zur E-Musik unter den Bedingungen von iTunes verfasst. Eggert war 2004 Fehlanzeige, meinten Sie Expert ;)