Abendzeitung eröffnet Reigen um Ruzicka-Nachfolge bei Münchener Biennale für zeitgenössisches Musiktheater

Bevor das Jahr ausklingt, traut sich die Abendzeitung nochmals schnell richtig Neue Musik! Aber kein Rück- oder Ausblick auf reine Musik, vergangene oder kommende Highlights. Die nächste Biennale 2012 findet so nur ihren Miniplatz am Ende. Der Münchener Merkur-Autor Marco Frei schiesst gegen Münchener Protagonisten – Moritz Eggert und Siegfried Mauser, der erste opernerfahren, der andere bestens in Stadt, Land und Republik vernetzt – und hebt den formidablen Kammermusiker Nikolaus Brass auf den Nachfolgethron. Wie ich in meinem Biennale-Pressekonferenzartikel beschrieb, rief Marco Frei zu unpassender Gelegenheit da schon Brass als Opernautor hervor, führte ihn – dieser persönlich als Teilnehmer des provokanten, aber bescheidenen Nucleusprojekts (Brettl-Kurzopern im Foyer der grossen Biennaleproduktionen 20012) anwesend – der gesamten Meute vor. Und nun schon Ruzicka-Nachfolger?

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Es ist schon zu verstehen, dass ein Antipode zu Moritz Eggert/Siegfried Mauser gefunden werden kann, es die Nachfolge-Diskussion bereichern kann. So macht die AZ/Marco Frei aber einen Diadochenkampf aus der wichtigen und zugleich heiklen Frage der Neuorganisation der Biennale. Wie so gerne in den Münchener Lokalblättern bzw. „Bladln“ oder auch in landesweiten Gazetten wird der Begriff „Internationalität“ zum wichtigsten Alleinstellungsmerkmal, wie bei der Diskussion um den neuen BR-Sinfonieorchester-Konzertsaal: Kaum ist ein Standort gefunden, wird ein sündteurer auswärtiger Architekt nominiert, ohne die wichtigste Frage, die nach der wirklich besseren Akustik, erstmal durchdekliniert zu haben. So wird wieder die Konjunktion der Sterne und Stars am Thema vorbei bemüht, wie es hier in der Stadt gerne Hochkonjunktur hat.

Hauptakteur der Nachfolgersuche ist das Kulturreferat der Landeshauptstadt München. Sollte dessen Referent Hans-Georg Küppers bei der Suche im Sinne der AZ versagen, wird sogleich sein Rücktritt apostrophiert. Ich muss ja gestehen, dass ich als Kommentierer (querstand!) 2010 ziemlich unglücklich mit dem damaligen Biennaleergebnis gewesen war und meinerseits schon nach einer grundsätzlichen Erneuerung rief, ja sogar Moritz dabei ins Zentrum stellte bzw. eine Liste mit musiktheaterinteressierten jungen KollegInnen zusammenstellte. Dies aber wohlgemerkt als Kommentierer und nicht VOR sondern NACH den damaligen Ereignissen. Journalistisch hätte ich mich damals damit total auf AZ-Niveau begeben, wenn ich dies als Blogger gebracht hätte, ließ mich zu Vermutungen in auftraggebenden Hinterzimmern hinreissen, die mir jetzt ziemlich im Magen liegen. Dennoch stimmte der Gesamteindruck schon, dass das dargebotene und zur Diskussion gestellte Musiktheater auch angesichts des allgemeinen Rückgangs von Produktionen zeitgenössischer Opern einer Erneuerung bedarf. Ehrlich gesagt, müsste sich das heute gar nicht so sehr mehr in der Person des Leiters widerspiegeln. Im Vergleich zu 2010 wird 2012 ein Gesamtprogramm bieten, gerade mit den so gerne unter den Tische gekehrten Heimatstadtproduktionen, das sich weit von den vorhergehenden Biennalen absetzen kann, wenn man den Fokus eben nicht nur auf die drei Hauptproduktionen richtet. Eigentlich hätte das letzte Mal das grossangelegt Amazonasprojekt einen Fokus auf ganz andersgeartetes Musiktheaterschreiben werfen sollen. Man hatte mit den jungen deutschen und brasilianischen Komponisten auch was Spannendes in der Hand. Was schief ging, war die fehlende durchgehende Regiehand, im dritten ZKM-Beitrag des Abends das peinliche Scheitern der alten Hasen, im plötzlich zutage tretenden Leistungskurstheater. Die Idee als solches, zwei Kontinente den Urwaldraubbau und Neo-Imperialismus aus ihren Perspektiven aufs Korn nehmen zu lassen war mutiger und gewagter als alles Gefasel zwischen höchster Opernwelt und Off-Off-Pastaopern der letzten Zeit. Zur Umsetzung fehlte aber der entsprechend erfahrene Freie Szene-Produzent bzw. sahen das die grossen Veranstalter Biennale/Goethe-Institut/ZKM nicht scharf genug. Eine Abberufung des Leiters rechtfertigte dies aber eigentlich nicht, auch wenn ich damals ähnlich tönte. Nein, aus den damaligen Scheitern hätte man nun was Neues wagen sollen, den Ansatz des Amazonas-Triptychons neu denken können.

Jetzt der Neuanfang! Verführerisch erscheint dem Kulturreferat – wenn man den letzten Verlautbarungen auch hier im KIZ folgt – weitere Formen wie Pop und Jazz, Freie Darstellende Kunst und Freier Tanz ins Biennaleprogramm mit hinein zu nehmen. Möchte man alle weiteren Festivals der Stadt, die gerade dem Tanz und dem zeitgenössischen Experimental- wie Performancetheater gelten wie Dance und Spielart, mit der Musik-Biennale „berlinlike“ in eine „Münchener Festspiele“-Form überführen? Oder, vorausgesetzt das Musik Musik bleibt, denkt man verwaltungshaft an die Verzahnung von verschiedenen Ressorts? Betrachtet man die Personalpolitik des Referats intern, sieht man, wie genau diese (V O R S I C H T: FOLGENDER LINK IST EIn DOWNLOAD DES ORGANIGRAMMS – s. Abteilung 1) Kunstformen in einem Departement zusammengefasst worden sind, unter einer uns Freie Szene Leuten eigentlich unbekannten Leitung aus der Wissenschaft und relativ mächtigen Einzelressortsachbearbeitern, wo der Film mal schnell zur Bildenden Kunst wechselt und die dann zum Theater rochiert. Soll sich die Bürokratieorganisation auch ausserhalb abbilden, ein grosses Festival barock die Geldhähne hochgockeln? Auf solche Gedanken sind die „Bladln“ noch nicht gekommen! Lieber zerren sie selber an der Nachfolgesuche mit und spielen mal Leute der eigenen Stadt hoch, um sie dann wieder fallen zu lassen.

Ganz klar: Wenn die Stadt einen Alles-drin-Festivalklotz will, braucht es mächtige Spartenleiter, ähnlich den Staatstheatern. Das wäre aber ein sehr altes Modell von Führung und Programmierung! Vielversprechender wäre eine Organisation, die geschäftlich und strategisch den Rückhalt sichert und künstlerisch jedesmal andere Prozesse zulässt, sich weniger einmischt wie die „Grossen“ beim Amazonasprojekt oder sich wie z.B. beim längst vergessenen Orpheuskristall erst das ganze Team zwischen Siemens-Artsprogramm und Biennale zusammenstellte und erst am Ende den Komponisten kürt, der dann auch nichts mehr retten konnte. Es ist mehr Kooperation eines gesamten Biennalejahrgangs angesagt. Wo Komposition und Regie früher als sonst ins Gespräch kommen, Produktionsdramaturgie wie künstlerische Festivalleitung dichter und unterstützender am Ball bleiben, die Dinge nicht kontrolliert werden, sondern sich nicht zu sehr allein überlassen bleiben. Oder ganz anders Komponist und Regie viel stärker als Produzenten auftreten als in den bisher kooperierenden Staats- und Stadttheaterproduktionen, wo sie gerne ein wenig zu sehr untergehen. Die Nähe der eigentlichen Schöpfer eines Musiktheaters zur umfassenden Verantwortung ist oft der Schlüssel zu einer grösseren Nähe von „Theorie“ (die Schöpfer) und „Praxis“ (die Produzenten/Festivalleiter). So erübrigt sich auch das verwalterische Spartendenken, nach dem Motto hier ein wenig Neue Musik, dort aber bitte sehr auch Jazz und Pop. Denn es ist ja egal, ob am Anfang die Musik oder die Regie oder das Wort oder ein Teampool steht. Wichtig ist immer, dass die Autoren so früh wie möglich ins Gespräch kommen, dabei bleiben, nicht in ihren Kämmerlein verschwinden. Wichtig ist aber auch, dass man sie zu Dramaturgie, Finanzen und PR immer wieder mehr als nur über nette Textbeisteuerungen integriert: einerseits davor schützen, andererseits sie dem auch aussetzen, aber eben auch ihre Ideen zu deren grundsätzlicher Gestaltung in Kauf nehmen, ernst nehmen.

Und wer wäre nun für diesen Job geeignet? Natürlich braucht es den „Grossen Impresario“! Dennoch sollte man über Tandems und „Tridems“, gar „Polydems“ nachdenken. Das können Personen von hier und aus der Fremde sein. Da muss erstmal ein Profil erstellt werden. Oder man weiss den Nachfolger schon, wie man einen Thronfolger meistens auch schon lange zuvor kennt? Die AZ scheint ihn letztlich noch nicht zu wissen. Warum schlägt sie eigentlich nicht eine Kooperation der in Gegnerschaft gesetzten vor? Wenn Mauser mit seinen Netzwerken, Moritz mit seinem Adevantgarde-Potential und Brass mit der Würde der MGNM in einen Boot sässen, wäre schon Vieles gewonnen. Oder viel nüchterner: diese drei und auch weitere Menschen, wie Veranstalter, Ensembles, ja herausragende Komponisten, sollte das Kulturreferat an seine Brust rufen und mit ihnen eine Findungskommission bilden. Da wird man eine klasse Lösung für die Biennale-Leitung finden und vielleicht über diesen Pfad noch Viele weitere Probleme, wie Raumprobleme der Freien Szene angesichts von schwindenden Sälen und Geld für neue Häuser, etc. lösen können. Das Weitergehen der Biennale wäre ein weiterer Baustein in den partizipativen Ansätzen (s. Reizthema „Kreativquartier“), die die Verwaltung seit längerem schon beschreitet. Und ein Anhörungsrecht haben die bisher Angeführten allemal. So aber spiegelt sich in der AZ neben all deren und meiner Polemik eines wider: die Angst vor einer Hinterzimmerentscheidung oder einem zu schnell gellenden „es lebe Dana International“. Letzteres betreibt Herr Frei ein wenig, lässt sich die Stadt gerne dazu hinreissen (in der aktuellen AZ-Online-Ausgabe sieht man mahnend Thielemann neben Ruzicka!). Andererseits haben Alle wieder Angst, zu kurz zu kommen und denken Musiktheater ohne Musik, wollen popularisieren, wo Strenge gefragt ist. Ganz ehrlich: angesichts all der Versuche, Neue Musik softer zu denken, ist auch mal wieder Härte gefragt! Wie krass wäre erst eine Verbindung von Beidem!! Und da würde ein „Zusammen“ statt „Gegeneinander“ der in der AZ genannten Menschen hervorragend beitragen. Auf alle Fälle sollten diese neben all den „oe“-Namensträgern integriert werden. Und im Laufe der Jahre Vieles weitere aus Stadt und Welt.

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2 Antworten

  1. Alles schön und alles gut, und alles schön und gut gedacht, aber:

    mein Neujahrswunsch für Moritz Eggert ist, dass dieser Kelch an ihm vorübergehe, und er egoistisch genug sei, sich lieber die Zeit fürs Komponieren und für die Familie zu nehmen. Die Zeit zu dritt ist schnell verronnen.

    G. E.

  2. Man sollte Marco Frei dezent darauf hinweisen, dass Sigi Mauser ja schon lange mit viel Einfluss bei der Biennale mitarbeitet und am Programm beratend mitwirkt und dies auch schon seit Henze-Zeiten. Warum warnt er also davor, wenn er gleichzeitig die Vergangenheit glorifiziert?

    Die Biennale war und ist international, und wird auch in Zukunft international ausgerichtet sein, einfach deswegen, weil sie in der Welt als Festival einmalig ist. Gleichzeitig wird es aber auch immer wichtig sein, ein solches Festival in seiner Stadt zu verankern und dem dortigen Nachwuchs eine Chance zu geben, das hat bei der Biennale immer Tradition gehabt, und ich würde mir sehr wünschen, dass es in diesem Sinne weitergeht.

    Moritz Eggert