„Neue Musik geht bei uns gar nicht“ – Bemerkungen zum Abschied der langzeitigen ZDF-Aspekte Moderatorin Luzia Braun im Welt-Interview

Auf dieses Interview wurde ich durch Peter-Manfred Wolf und Lutz Gerlach aufmerksam gemacht in meiner Funktion als beratendes Mitglied des Leitungsgremiums der Fachgruppe Ernste Musik des Deutschen Komponistenverbands (FEM-DKV). Ich las mir sofort auf welt.de den Text durch und beschloss abgesehen von offiziellen DKV-Reaktionen hier gleich im Badblog zeitnah darauf einzugehen. Danke für das wache Aufmerksammachen!

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Im letzten Beitrag schrieb Stefan Goldmann über das Hand-in-Hand-gehen von Neuer Musik und Techno, sein Weg des Verbindens zweier wichtiger Richtungen der zeitgenössischen Musik. Wie erfrischend! Denkt man an Fausto Romitelli, an Leopold Hurt, an Bernhard Lang, dann weiß man wie hervorragend die Ergebnisse wiederum auf der Neuen Musik-Seite sind, wenn ihre Protagonisten sich in Richtung elektronische U-Musik aufmachen. Ähnlicher Provenienz ist die Musik Helmut-Oehrings. Geht man auf die ZDF-Aspekte-Suchseite, gibt karg „Neue Musik“ ein, ist sein Name der Einzige, der für 2011 ausgespuckt wird. Sonst Links zu Beiträgen über Bayreuther wie Salzburger Festspiele, Pink Floyd, isländische Künstler als Politiker, die Causa-Guttenberg, eine Doku zu Lady-Di, etc. Dies hat Alles nichts mit Neuer Musik zu tun! Und wenn es um Zeitgenössisches in der Musik allgemein geht, nichts als Mainstream, der natürlich auch noch im Senioren-Mainstream-Medium ZDF gefeatured werden muss.

Aber es besteht Hoffnung! Nicht wirklich, aber eingebildete allemal. Die Aspekte-Dauer-Moderatorin Luzia Braun nimmt ihren Abschied. Aber nur als Moderatorin, sie möchte nicht zur Kulturmumie (den Begriff brachte sie selbst ins Spiel!) des ZDF werden. Da sie stellvertretende Chefredakteurin für Aspekte bleiben soll, ist das aber eine vage Hoffnung. Anläßlich des Abschieds als Moderatorin gab sie im Hofberichtsinterview der welt.de folgendes preis:

Die Welt: Sie haben einmal gesagt „Tanztheater geht bei uns gar nicht“.

Luzia Braun: Richtig. Zeitgenössische Musik auch nicht. Und Oper geht nur, wenn man drum herum eine spannende Geschichte erzählen kann. Und wir wollen ja nicht ohne Leute senden.

Sieht man genau hin, spricht sie von „zeitgenössischer Musik“. Wie jeder weiß, ist sie natürlich erstmal streng betrachtet das Synonym für „Neue Musik“. Setzten wir uns nun die Quotenbrille eines öffentlich-rechtlichen Programmverantwortlichen auf die Nase, würde man unter zeitgenössischer Musik auch Alles abheften, was im Entferntesten im Cross-Over der Metiers mit Neuer Musik zu verbinden ist. So verwundert das Auftauchen Oehrings in den o.g. Suchergebnissen ein wenig. Aber es muss um alles Abseitige herum eine spannende Story aufgezogen werden können. So wird es bei Oehring seine Abkunft von gehörlosen Eltern sein, bei Bayreuth der Tannhäuser-Skandal oder die neue Katharina-Wagner-Fotostory, etc. Das gehört zum journalistischen Handwerk, so geht es mir ja auch selbst als Autor im Badblog: ohne Aufhänger geht gar nichts. Andererseits ist wiederum allgemein bekannt: fleissig googeln und man wird schon eine Brennpunkt finden, der das Thema anfeuert. Da machte es sich Frau Braun zu einfach…

Dass Neue Musik immer mehr aus dem Bewusstsein verdrängt wird, ist allerdings inzwischen genauso bekannt. Ja, sie ist nicht immer telegen. Aber muss das zu Berichtende sich denn immer komplett nach den Medien der Vermittlung richten? Wie wir wissen, ernährt Neue Musik heute in der mittleren Breite am ehesten, wenn sie all den Vermittlungsprojekten tauglich erscheint. Darüber wird ggf. selbst das ZDF eher berichten, zumal wenn eine Elterninitiative mal behaupten sollte, dass ihre Kleinen durch die Neue Musik-Infiltration nachhaltig geschädigt sein sollten. Ansonsten bleiben Berichte darüber eine Sache der ARD- oder Privat-Lokalsender. Über Highlights wie die Donaueschinger Musiktage, Eclat, Ultraschall, die Münchener Biennale, Fussball- und Boxopern, Uraufführungen Neuer Musik an den Staatsopern in Wien, Hamburg, Stuttgart, Berlin, Köln und München, spektakuläre Crossover-Projekte sollte ein öffentlich-rechtliches Format wie Aspekte schon verpflichtet sein zu berichten.

Nochmals Frau Braun:

Und wir wollen ja nicht ohne Leute senden.

Da suggeriert sie, dass in den knappen Minutenfenstern einer Sendung wie Aspekte ellenlang schwierigste Neue Musik ausgestrahlt würde. Kennt die Dame ihr eigenes Magazin nicht? Wenn über Neue Musik bei ihr berichtet würde, kämen doch v.a. die Macher, Besucher und Kritiker dieser zu Wort, beschränkt sich die gezeigte Musik auf wenige Fetzen, das ist ja selbst im Radio nicht anders. Noch mehr aber fällt da ihre Quotenmaske herunter: wehe die Zuschauerzahlen schmelzen bei Kultursendungen noch mehr dahin. Dass das ZDF sowieso auf Abdrängung von ästethischen Inhalten in die Nische setzt, zeigen ihre neuen Formate ZDF-neo, etc. Dort ist nur noch das sendefähig, was „jung“ ist: Alles weitere fällt durchs Raster, eben Tanz, Neue Musik und Oper, aber auch schwierigere Filme, Filme in denen kein ZDF oder arte Kooperationspartner ist, Bildende Kunst, die nicht mindestens eine Millionen Besucher zieht.

Aber was beklage ich mich! Wie man zumindest Klassik und Indie-U-Musik im selben Kanal senden kann, ja sich auch mal wirklich kurze zeitgenössische Musik-Ausflüge gönnt, zeigt immerhin arte mit seiner arte-lounge, wenn ich den Namen richtig im Kopf behielt. Auf BR-Alpha gab es und wird es laut Winrich Hopp anlässlich des MGNM-Symposiums zu „Lieder ohne Orte“ weiterhin die TV-Porträts zur musica viva geben. Erinnert man sich der Vosswinckel-Komponistenfilme, von Anderen die z.T. sehr spannenden Werkaufnahmen von Stücken Helmut Lachenmanns und sehr, sehr Vieles mehr, dann sieht man, wie man mit richtiger Aufbereitung der Kunst selbst diese in den öffentlich-rechtlichen Rahmen hineinbekommt, ohne sich selbst oder der Musik Schaden zuzufügen. Schliesst man sie aber so kategorisch aus wie Frau Braun, wird private Moderatorenmeinung zum Massstab des öffentlich-rechtlichen Bildungsauftrags, den es noch (sic!) gibt, wundert es mal wieder überhaupt nicht, warum die Situation der Neuen Musik so vertrackt ist wie sie jetzt ist. Dabei gibt es mehr als haufenweise hübsche oder so richtig nerdartige freakige Neue-Musik-MacherInnen wie SchreiberInnen, die konsumerableres oder hermetischeres machen, immer noch jung und/oder gar nicht so verstaubt sind, dass man sie nicht erstmal zu Wort kommen lassen könnte und dann auch einen Fetzen ihrer Musik riskieren könnte.

Jetzt könnte man auch das in den Wind schiessen und behaupten, die Neue Musik sei einfach zu alt. Bedenkt man das Alter der berichteten Pink-Floyd-Leute, des Rap, des Technos, der Hochkultur, wenn mal wieder über Reniassancemaler berichtet wird, dann liegt es aber nicht an der Kunst selbst. Es bedarf mal wieder einiger Skandale! Öffentliche Aufregung über die Neue Wiener Schule, Strawinsky, Boulez, Nono, Stockhausen, etc. entstand und entsteht immer nur aufgrund von provozierenden Sätzen oder heftigen Publikumsreaktionen: vielleicht sollte die Bundeskulturstiftung weniger Musik in der Schule fördern als Wrestler oder ganze Karateschulen, die mitten in einem Neue-Musik-Konzert mit einer hübschen Schlägerei anfangen, die alternativen Spielorte oder gar Philharmonien zerlegen. In München würde man sich über Letzteres sogar sehr freuen, könnte man doch endlich mit deren Abriss oder Umbau starten. Und selbst Frau Braun könnte dann aufseufzen: „Wie traurig, dass ich kaum Neue Musik brachte. Jetzt ist sie so schlagkräftig und ich, ich wäre so gerne die ankündigende Moderatorin.“

Es ist mehr als an der Zeit, dass die zeitgenössische Komponistenschar sich deutlich zu Wort meldet. Es ist leider schon fast zu spät. Deshalb sollte man viel härter kämpfen als bisher und auch mal wieder den Öffentlichkeitsrumor riskieren, den wir Alle nur noch aus den Annalen kennen. Und am eigenen Schreibtisch: weitermachen, relevant bleiben, auch mal politisch und laut. Und wenn es nur mal endlich eine geschlossene Präsenz bei Verbandstreffen wäre. Denn diese sind eben doch wichtiger als die eigenen Abgabetermine, die für so viel Rückzüge herhalten müssen, selbst Freunde werden damit versetzt. Eure Nächsten werden aber so verraten!!

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1 Antwort

  1. @Alexander: Danke für diesen Beitrag, Du sprichst mir aus der Seele. Wie absurd die Haltung von Luzia Braun ist, und generell die Angst des Fernsehens vor längeren oder angeblich schwierigeren Inhalten, beweist sogar die Popmusik. Ich persönlich finde jetzt z.B. die neue CD von Kate Bush (50 Words For Snow) zwar nicht so dolle, aber bemerkenswert ist, dass sie fast nur aus überlangen Songs besteht (der kürzeste ist 7 Minuten, der längste 14 Minuten). Alle Songs sind eher skurriler, teilweise literarischer oder experimenteller Natur, nichts davon ist im vordergründigen Sinne „eingängig“. Im Radio wurde das Album mehrmals komplett (!) gespielt, in England ist es auf Platz 5 der Popcharts. Es geht also – nicht das Publikum ist blöd, aber es wird oft für blöd gehalten.
    Der von Dir erwähnte Beitrag über Helmut Oehring: Ist das nicht genau der, bei dem immer nur Freddie Mercury statt Oehring lief, weil Oehring irgendwann im Interview sagt, dass er Queen als Kind gut fand…Bei soviel öffentlich-rechtlicher Feigheit krisch Plack!
    Moritz Eggert