Komponistenstile ganz stylisch – wem passt Stockis Schal?

Es ist vollkommen unpassend, jetzt wieder von Neuer Musik zu sprechen, sich abgrundtief wichtige Gedanken über ihr Fortbestehen zu machen. Wie immer, ist sie unpässlich, total veraltet, sozial out. Ganz Deutschland denkt jetzt an die Nachfolge von Thomas Gottschalk bei „Wetten dass…“. Ob Spiegel, FR, FAZ oder AZ – Jauchs Absage ist der Bedeutungsknüller. Bedenkt man, wie das ZDF die letzte Show der Sendung mit Gottschalk sonntags zu jeder Tageszeit ganz oder in Teilen wiederholte, wird einem erst die Tragweite klar. Apropos Weite: Günter Jauch soll laut den oben angeführten Gazetten probeweise einen Anzug Gottschalks anprobiert zu haben. Erleichtert schien er, als ihm das blaue Ungetüm nicht passte und so die Nachfolgebürde von ihm abfiel. Jetzt weiß man auch, wieso Gottschalk jedesmal sein Smartphone zu Stückenden während der dritten Münchener-Philharmoniker-Aufführung von Moritz Eggerts „Puls“ aus dem Revers zog: suchte er selbst im Abschied des Liedes von der Erde angesichts des uralten Zubin Metha verzweifelt nach einem Adlatus?

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Das brachte mich auf die Idee, selbst auf die Pirsch nach Kriterien für Nachfolgeregelungen im Revier der Neuen Musik zu gehen. Es ist ja Allgemeingut, dass man Neue Musik nur mit Mühe einordnen und bewerten kann, wenn man nicht vom Fach ist. Denkt man nun an die alten Adelshäuser, die Kronen, Hermelin und Zepter weiterreichten, sieht man heute im tiefsten spätdemokratischen Zeitalter, wie nach all den Revolutionen nicht einmal Moderatoren-Anzüge zur Nachfolgelegitimierung mehr taugen, fragt man sich, wie es mit uns Komponisten weitergehen soll.

Hier der Versuch einer Analogie zu Gottschalk/Jauch.

Die bemerkenswertesten Anzüge trug bisher Helmut Lachenmann. Unvergesslich seine Auftritte in immer leicht zerknitterten braun-beigen Sakkos. Wer möchte geräuschvoll in diese Anzüge hineinschlüpfen? Second-Hand-Charakter der daraus resultierenden Musik ist garantiert.

Um beim cremigen Farbton zu bleiben, ist heute immer noch das Hemd Ligetis samt trendiger Herrenhandtasche mit Schulterband vakant. Wenn man sich und v.a. seinem Modegeschmack treu bleibt, springt vielleicht sogar mal ein Porträtkonzert auf den Salzburger Festspielen heraus, wie man unschwer dem Hintergrund entnehmen kann.

Nicht nur Geigenbauer in Mittenwald kleiden sich prächtig mit Strickjacken. Gott sei Dank trägt Aribert Reimann immer noch die seine und wird sich mit ein paar weiteren Opern auch mal eine aus teuren Zwirn leisten können. Wer also Lust auf Textmassierungen und Vokalgenuss hat, sollte schon mal anfangen, die Fuseln seines Angora-Kannichens zu sammeln und fleissig an der Opernkarriere dran zu bleiben. Zum Stricken wird allerdings auch eine gewisse Begabung fürs Musiktheater gefragt sein. Und da wird es bei den heute in Frage kommenden Nachfolgern doch schnell sehr dünn.

Vielversprechender und einfacher ist heute Sonnebrillen tragen. Jeden Sommer häufen sich die ulkigen Dunkelglasporträts auf Facebook, als sei immer noch was bei Strawinsky zu holen. Das könnte besonders für unsere englischsprachigen Leser interessant sein, die sich irgendwo zwischen John Adams und Igor verlaufen haben.

Schon etwas tot, aber nicht totgespielt und immer noch nicht komplett mit „Licht“ realisiert, harrt der Schal Stockhausens auf einen neuen papalen Träger. Die aktuelle Jugend trägt Schals zwar eher in Knoten, aber immerhin. Wer den Gordischen durchtrennen kann, wird würdiger Nachfolger, unser aller Carlo-Enzo II.

Schwieriger wird der Fall bei Hans Werner Henze. Zuletzt anlässlich des Musikautorenpreises zeigte er sich als alter Dandy mit seiner wunderbaren Fliege. Welchem jungen Kollegen könnte diese stehen? Ratlosigkeit.

Heute macht ja jeder und jede mit Obertönen rum, als seien Alles gestandene Spektralisten aus dem Hause Grisey-Murail. Man studiert jene urfranzösische Technik sogar in den Staaten bei Murail. Wer studiert von unseren properen Jungkomponisten aber dann auch dort die Kunst von Harry Partch? Angesichts der internationalen Rauchverbote wird auch niemand an seinen Zigarrengenuss heranreichen.

Also nimmt es nicht Wunder, dass sich haufenweise Interessenten am Komplexismus einfinden und sich gerne noch beim pensionierten Ferneyhough in der Abbaye de Royaumont Federn an den Hut heften wollen. Ab und an wird sich wohl ein würdiger Träger seiner schicken Digitalarmbanduhr im Achtziger-Look finden, wer prahlte nicht mal mit so einer Uhr samt integrierten Taschenrechner!

Genauso ist es simpel, heute der Cage- und Feldmannachfolge zu frönen: Reicht es nicht zu Zigarren, einen einfachen Glimmstengel kriegt noch jeder hin! Will man aber mit Zigarettenspitze wie Cage oder fast nur noch zu Asche abgebrannten Zigaretten reüssieren, gehört eine Erfahrung dazu, die die jüngere, rauchfreie Generation kaum noch prädestinieren dürfte. So gibt es bei der New York School keine Krone, aber entsetzlich fragile Zepter. Wenn ich mich recht erinnere, regiert Kollege Klaus Schedl mit Zigarettenspitze sein Ensemble piano possibile, voilà!

Viel einfacher macht es uns Kollege Johannes Kreidler. Bewunderte man während seiner GEMA-70000-Stücke-Anmeldeaktion seinen roten, wohl asiatischen Überwurf, zeigte er uns 2011 einige Male seine topmoderne giftgrüne Überjacke. Die wird mancher kopieren. Doch Kreidler saust uns voraus und so wird man 2012 mit Spannung hier verkünden können, was dann up-to-date sein wird. Also vergesst es, ihn zu copy und pasten – chancenlos! Analogien missglückt.

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16 Antworten

  1. „Bowties are cool“
    Sagt zumindest Matt Smith, der 11. Doktor

  2. Moritzoutfit erinnert an einen Priester auf Urlaub in – nein nicht Vatikan, sondern Donaueschingen oder Darmstadt.
    Alexander Strauch glänzt mit einem Jugendfoto (1997). Dort sieht er dem Moritz verdammt ähnlich

    – wechselstrom –

  3. Alexander Strauch sagt:

    Herr Theiler, hier als Wechselstrom bekannt, mit Brille im Stile Anton Weberns!

    Ich werde mein Jugendfoto mal vergilben lassen…

  4. Das wahrhaft sprechende Outfit eines Komponisten sind seine Ohrwatscheln. Meine gebe ich nach meinem Tode zur Transplantation frei.

    Guntram Erbe

  5. Hallo Wechselstrom, nachdem der obige Link nicht zu Alexander Strauchs Foto führte, ging ich dem nach.
    Nett ist die Adresse seines Portraits:
    http://www.strauchcomposer.de/Kontakt6.jpg

    In ordentliches Deutsch übertragen heißt das:

    Komponist Strauch, Deutschland/Sexkontakt einschließlich Joint in einer Fotoexpertengruppe

    Sauber, sog i!;-))

    G. E.

  6. Alexander Strauch sagt:

    Grüsse! Wenn Ihr schon so scharf darauf seit, dann im 13. Monat schwanger!

  7. Das wahrhaft sprechende Outfit eines Komponisten sind seine Ohrwatscheln. Meine gebe ich nach meinem Tode zur Transplantation frei

    Laut diesem Artikel wachsen Ohren ein ganzes Leben lang – – –

    Der Nachlass eines Komponisten kommt ja meist den Erben zu Gute.
    Da kommt einem Van Gogh in den Sinn, der bekanntlich sein Ohr als Vorlass gegeben hat.

    Hier in Wien gibt es diese Möglichkeit des Vorlasses auch – kein Scherz – man kann als Künstler (Autor/Komponist), vorausgesetzt man hat einiges an überregionaler Bedeutung erlangt, seine Manuskripte/Skizzen/Aufzeichnungen der Stadt zu Lebzeiten zum Kauf anbieten (geht natürlich nur ab einem gewissen Alter oder mit ärztlichem Zeugnis falls unheilbare Krankheit vorliegt), und kann sich noch was gönnen, bevor man abkratzt.
    10.000-20.000 Euro sind da immer drin.
    Wie schön.

    – wechselstrom –

  8. Hallo strieder, hier geht’s zum Updaten
    Aber Vorsicht, das „Q“ könnte in die Richtung islamistischer Extremisten weisen.

    Beste Grüße
    G. E.

  9. @ strieder

    das war die falsche Software – eines der dämlichsen Werke. Xenakis klingt nur ab 12 Streicher gut.

  10. strieder sagt:

    @wechselstrom: Beleidigen kannst Du woanders.

  11. @strieder,

    Musik scheint doch eine heilige Sache zu sein – da ist der Fan beleidigt, wenn man das Objekt der Anbetung kritisiert.
    Glaubensfragen verstehen keinen Spaß – –

    – wechselstrom –

  12. strieder sagt:

    @wechselstrom: Naja, ob „dämlich“ schon als „Kritik“ durchgeht? ;) Aber wie könnte ich da anders als mich beleidigt fühlen – wenn ich Ergma ganz und gar grossartig finde, und Du dann sagst, es sei „dämlich“, dann ist das natürlich automatische eine Beleidigung gegen mich, denn etwas dämliches grossartig zu finden müsste doch dämlich sein, oder nicht? ;)

    Aber entschuldige! Das es nur Spass sein sollte, habe ich leider nicht erkannt.

    Ich lese wohl zu oft im Internet wilde Ausbrüche des Hasses gegen Musik (ob Neue Musik oder Heavy Metal oder Sonstwas), die wutschnaubend-geifernd völlig ernst gemeint sind …

  13. @ Strieder: Xenakis selbst hätte das vielleicht eher mit Humor genommen und schmunzelt nun (zusammen mit Bernd Alois Zimmermann) vom Komponistenhimmel herunter und grinst: „ja, Wechselstrom, Du hast Recht, meine CLuster klingen erst ab 12 Streicher megageil.“ ;-) Und: ein bisserl Grimm, Wutausbrüche und Hasstiraden gegen Musik, die man nicht mag bringt im Übrigen, wie ich finde , erst richtig Pfeffer in diesen Blog. Und: ich bin überzeugt, dass Wechselstrom Xenakis mag (jetzt enttäusch mich nicht, Anton, mit Deiner gestrengen Brille – die man im Übrigen auch in Rosarot bei ihm finden kann…). ;-)