Jäger der verlorenen Zielgruppe

von links nach rechts: Rainer Kahlayss, Christoph Borkowsky, moi, die bezaubernde Jennifer Dautermann, Joachim Thalmann, Matthias Brixel, Werner Dabringhaus

Vor ein paar Tagen hatte ich das Vergnügen als Berater in illustrer Runde die Ausrichtung einer neuen Musikmesse (classical:next) zu diskutieren, die im nächsten Jahr in München stattfinden wird. Wie so oft drehte sich das Gespräch schnell um die Probleme der Vermittlung klassischer (und damit auch zeitgenössischer Musik), wobei sich aber zuerst einmal all einig waren, wie schrecklich sie diesen Begriff finden. Und es ging um die ominöse „Zielgruppe“, die man immer schwieriger erreicht, und die man mit immer aufwändigeren guerillaartigen Aktionen ins Konzert locken muss – ein normaler Auftritt scheint nicht mehr zu reichen.

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Klar, die meisten Menschen treibt eine unbändige Angst um, in einem Konzert zwei Stunden etwas ausgeliefert zu sein, das sie womöglich ohne Vorwissen oder Adornolektüre gar nicht verstehen. Der neuste Trend ist, dass man in Amerika beginnt, die gestressten android/iphonesüchtigen Zuhörer während des Orchesterkonzertes an ihren Plätzen mit auf sie zugeschnittenen Infos per Twitter zu unterhalten (Helmut Mauró berichtete am 2.12. in der SZ). Falls sie sich in der Durchführung der Beethoven-Symphonie also langweilen erklärt ihnen ein Angestellter des Orchesters per social media, was eine Durchführung überhaupt ist. Langeweile adé! Dabei könnte das Sigi Mauser live doch viel besser! Nun gut, besser als wenn sie laut raschelnd in einem Programmheft blättern…Das entspricht dem allgemeinen Trend, alle Kunsterlebnisse immer mehr so zu gestalten, wie es die Menschen vom Internet gewohnt sind, also mit selbst wählbaren Zusatzinformationen.

DVD- und BluRay-Extras haben ja auch das Filmanguckverhalten verändert – Kinobesucher werden inzwischen nervös, wenn sie nicht irgendetwas anklicken können, dass ihnen deleted scenes oder anzügliche Anekdoten über die aktuell auf der Leinwand agierenden Personen liefert. Das Fernsehen wird auch immer mehr zum Internet, viele Menschen halten es gar nicht mehr aus, nur noch einen einzigen Kanal allein zu schauen, drei auf einmal müssen es sein. Vielleicht gibt es auch bald den ernstzunehmenden Beruf des Kinoerzählers (oder Konzerterzählers), der live das Geschehen kommentiert, weil man es ohne Kommentar und zusätzliche Metaebene schon gar nicht mehr so spannend findet.

Aber wann ging das „Zielpublikum“ eigentlich verloren? Natürlich muss man hier zum wiederholten Male das 20. und 19. Jahrhundert vergleichen. Im 19. Jahrhundert begann eine umwälzende soziale Revolution: der Aufstieg des Bürgertums (eine Entwicklung, der wir unseren heutigen Lebensstil definitiv verdanken). Die klassische Musik, die damals gottseidank noch gar nicht „klassische Musik“ hieß, weil sie noch lebendig war, war plötzlich für jedermann frei verfügbar. Die einzige Möglichkeit für den Normalbürger Musik zu hören, war in Konzerte zu gehen oder sie selber zu machen. Den vielen Laien, Hobbymusikern, Hobbysängern und Musikliebhabern jeder Couleur verdanken nicht nur große Komponisten wie Schubert ihre verspätete Anerkennung, sondern die klassische Musik generell ihren Platz in der Geschichte. Da die Menschen die Musik selber spielten, „verstanden“ sie sie auch – sicherlich gab es auch schon damals Kontroversen um neueste Musik (meine Großmutter erzählte mir noch bis zu ihrem Tod, wie man noch in den 20er Jahren – ihre Mutter war Pianistin gewesen – nur Brahms oder Wagner lieben konnte, aber auf keinen Fall beide gleichzeitig!), aber letztlich war es Grundvoraussetzung, dass die Komponisten Musik schrieben, die von einer großen Anzahl von Menschen – hauptsächlich Laien und Liebhaber! – nachmusiziert wurden. Das Publikum war also sein eigenes Radio – Programmdirektor und Ausführender in einem. Und naürlich automatisch auch Zielpublikum – denn wenn man sich keine Noten kaufte, hatte man quasi keine musikalische Unterhaltung.

Es ist jedem klar, dass die Entwicklung mit der Einführung der Tonträger eine drastische Wende nahm, die bis heute das Zielpublikum einem grundsätzlichen Wandel unterwarf. Spätestens seit Anfang des 20. Jahrhunderts, also seit über 100 Jahren, sind wir nun schon diesem Wandel unterworfen, heute ist das hausmusizierende Publikum eine statistisch quasi nicht mehr relevante Minderheit geworden.
Und das Zielpublikum? Das ist selbst den cleversten Marketingstrategen heute mysteriöser und unbegreiflicher als die Bundeslade für Indiana Jones.

An welche Zielgruppe richtet sich die Vermarktung dieser beiden holländischen Pianobübchen? An welche wohl???!!?? Ach, ich komm nicht drauf....

Ein typisches Beispiel für die Verzweiflung heutiger Vermarktung kann dieses Cover eines holländischen Musikmagazins geben, das ich heute morgen zufällig sah. Dreimal darf man raten, an welche „Zielgruppe“ sich ein solches Foto wendet. Aber sind wirklich alle Klassikhörer pädophile Lustgreise? Bei so einem Bild möchte man es meinen…

Beim Diskutieren dieses Themas überfiel mich aber plötzlich eine seltsam tröstliche Einsicht: Wenn man nämlich radikal darüber nachdenkt, wie sehr die stützenden Strukturen klassischer Musik weggebrochen sind, dann dürfte sie es eigentlich gar nicht mehr geben. Vieles ist in der Geschichte ziemlich schnell verschwunden, wenn ihm die Grundlagen (=Publikum) entzogen wurden. Es ist daher eigentlich ein kleines Wunder, dass sich Menschen überhaupt noch (und es sind ja gar nicht mal wenige) für klassische Musik interessieren. Und das kann eigentlich nur damit zu tun haben, dass es sich einfach um sehr schöne Musik handelt, dass die Beschäftigung damit Freude macht oder Zeit „veredelt“, wie es Joachim Thalmann benannte. Und das kann ein Trost sein, wenn man gerade wieder mal genug hat von dem ganzen Hype, den ganzen armen schöngeschminkten Klassiksternchen und Möchtegernsternchen, die sich an jeder Straßenecke bei uns anbiedern, oder von den neuen „Konzertideen“, bei denen es immer darum geht, dass irgendjemand irgendwo auftaucht und plötzlich Musik macht, an „ungewöhnlichen“ Orten.
Unsere Musik (und damit meine ich auch zeitgenössische Musik) ist schön, ist etwas Besonderes. Punkt. Und daran sollten wir festhalten, daran sollten wir uns aufrichten.

Moritz Eggert

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4 Antworten

  1. Bekehrter sagt:

    Ist in diesem Zusammenhang eigene Begeisterung etwa keine Selbstverständlichkeit, so daß es dieser Worte bedarf? Bei wem man die nicht spürt, der braucht sich erst garnicht auf die Menschenjagd zu begeben.

    Jetze sarichs: Wer popkulturell sozialisiert ist, dem ist klassische Musik ganz einfach sehr fremd. Und nach meinen eigenen Erfahrungen, aber auch denen aus dem persönlichen Umfeld, ist die Zunft der Musiklehrer mit nicht geringer Schuld beladen, was diese große Entfremdung angeht. Wer versucht, seine Schäfchen mit dem Holzhammer zu missionieren („Freuuunde, bitte keine Unterhaltungsmusik!!“), der braucht sicht nicht zu wundern, wenn die dann absolut nichts mehr vom Gegenstand der Bekehrungsversuche wissen wollen.

    Und ja, „Vermittlung“ ist ein verhältnismäßig grauenhafter Begriff, den man die potentiellen Opfer lieber nicht zu früh sehen lassen sollte.

    Ansonsten würde ich vermuten, daß wegen eben jener völligen Entfremdung mancher schlicht seine potentiellen Opfer überhaupt nicht mehr kennt. Würde jedenfalls solche Dinger wie auf diesem Zeitschriftentitel erklären, die noch wie ein Brandbeschleuniger wirken.

    Denn mir scheint, daß sich vor allem Leute haschen lassen sollten, die mit dem Starhype der Popwelt genau garnichts anfangen können. Da ist es durchaus angezeigt, eine klare Alternative zu diesem Unfug zu sein, statt ihn auch noch nachzumachen.

  2. die Zunft der Musiklehrer mit nicht geringer Schuld beladen

    Das mag beim einen oder anderen Musiklehrer stimmen, aber die Zunft (die es nicht gibt und zu der ich mich als ehemaliger Musiklehrer praktischerweise jetzt trotzdem einmal rechne) ist heterogener als die punktuelle Erfahrung des „Bekehrten“ vermuten lässt. Da gehören ja auch die Instrumentallehrer der Musikschulen, die Lehrer in den Musikvereinen und einige mehr dazu.
    Längst bestimmt das, was mit jungen Leuten machbar ist, das, was im Unterricht erklingt, besprochen und geübt wird. Was ankommt, gilt als gut.
    Meine Schüler (auf einem Gymnasium) habe ich dazu angeleitet, mit Musik der unterschiedlichsten Art auch praktisch durchs Spielen und Nachgestalten (sprich selbst Komponieren)und durchs aktive Anhören nahezukommen.
    Da waren z. B. neben Moritz Eggerts Schreibmaschinensymphonie (ein heute noch wichtiges Erlebnis für die damaligen Siebtklässler) auch Versuche alla Avantgarde, Körpermusiken, Umgang mit Aufnahmetechnicken, Notenprogrammen und Midiklängen genauso auf der Tagesordnung wie Sprachspiele der Inuit, Klassiker der Pop- und Rockmusik und jeweils Aktuelles davon, Jazz und die „klassische“ Musik von der Gregorianik bis zur atonalen Musik. Noch mehr wäre zu nennen. Ich will nicht angeben.
    Was nicht geschah war, einfach irgendetwas als „Unfug“ abzutun. Da verlangte ich schon Kriterien, und wenn keine da waren, mussten sie eben erarbeitet werden.
    So einfach ist (war) das.

    Guntram Erbe

  3. Da waren z. B. neben Moritz Eggerts Schreibmaschinensymphonie ….

    …. die im BadBlog in zahlreichen Variationen durchgeführt wird …

    – wechselstrom –

  4. strieder sagt:

    Ist in diesem Zusammenhang eigene Begeisterung etwa keine Selbstverständlichkeit, so daß es dieser Worte bedarf?

    Wenn auf der NMZ facebook Page den ganzen Tag 60er Rock gepostet wird, hat man schon das Gefühl der Einzige zu sein, der von „Neuer Musik“ begeistert ist ¬¬