Martern aller Arten in Marzahn (8): Was die Anderen schreiben

Gerade zurück aus dem Urlaub finde ich mehrere Nachrichten von Jobst Liebrecht (dem Dirigenten des JSO Hans-Werner-Henze-Musikschule Marzahn-Hellersdorf) vor – die Lage spitzt sich wieder mal zu.
Bevor ich mich zu diesem Thema eventuell mich wiederholend äußere, möchte ich auf diesen sehr guten und gerade erschienenen Artikel von Peter Uehling in der Berliner Zeitung hinweisen, der die aktuelle Situation treffend und ausführlich wiedergibt.
Sobald ich mich durch die Berge von Post und liegengebliebenen Emails gearbeitet habe, versuche ich mehr in Erfahrung zu bringen!
Moritz Eggert

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PS: Und hier noch der kürzlich veröffentlichte „Offene Brief“ von Jobst Liebrecht:

Sehr geehrte Damen und Herren,

betreffs des Konflikts um das Jugendsinfonieorchester hatte ich in einer separaten mail an Sie weitergeleitet ein amtliches Schreiben der Bezirksbürgermeisterin Pohle (PDS), in dem sie auf krasse Weise ihre Zusagen mir gegenüber vom 6. Juni einkassiert und nunmehr – wörtlich identisch mit Stadtrat Richter(SPD) – die Kürzungen am JSO bestätigt.

Der stellvertretende Bürgermeister und Bürgermeisterkandidat Stefan Komoß(SPD) antwortete mir dagegen in einem kurzen Schreiben, er bedauere dass ich den Eindruck gewönne unsere gemeinsamen Beschlüsse vom Juni – nach denen das JSO unvermindert am Leben erhalten werden soll – würden nicht umgesetzt.

Die BVV hat – initiiert von Frau Bernadette Kern, der Fraktionsvorsitzenden der GRÜNEN in Marzahn – mittlerweile zwei Beschlüsse zu unseren Gunsten mehrheitlich gefasst – nach denen die Kürzungen AUSGESETZT werden sollen.

Folgende Darstellung der AUFLÖSUNGSERSCHEINUNGEN BEIM JSO habe ich als OFFENEN BRIEF verfasst. Ich bitte Sie, den Inhalt zur Kenntnis zu nehmen – Sie dürfen es gern weiterverwenden:

Der Organisator des Jugendsinfonieorchesters Marzahn-Hellersdorf, Herr Sven Schabram, hat – zermürbt von dem Wechselspiel von Hinhaltetaktiken und gleichzeitig eklatanten Kürzungsmaßnahmen an unserer bezahlten Arbeit –zum 1. Oktober 2011 GEKÜNDIGT. Das Bezirksamt zeigt keinerlei Anzeichen oder Initiative, seine Funktion neu zu besetzen. Da ich seit dem 1. April 2011 auch nicht mehr für „Organisationsstunden“ bezahlt werde und da die Musikschulleitung alle Beteiligung von fest angestellten Lehrkräften an der Organisation des Orchesters zurückgewiesen hat, GIBT ES AB DEM 1.OKTOBER 2011 KEINE ORCHESTERORGANISATION MEHR.

Dieser völlige Mangel an Organisation betrifft zum einen die Organisation nach außen. Unter diesen Umständen können wir nicht oder nur sehr rudimentär folgende Einladungen für das nächste Jahr 2012 wahrnehmen:

1. Eine Einladung für ein Konzert auf der Freitreppe vor dem Salzburger Dom gemeinsam mit der Domkantorei am Eröffnungswochenende der Salzburger Festspiele am letzten Juliwochenende ( letzte Sommerferienwoche )
2. Eine Anfrage, ob die „Berliner“ maßgeblich und“ federführend“ mitmachen würden bei eine Jubiläumsaufführung des „Plöner Musiktag“ von Paul Hindemith im Juni 2012 zu dessen 80jährigem Jahrestag in Plön, Schleswig-Holstein, in Zusammenarbeit mit dem dortigen Musik-Gymnasium und der dortigen Musikschule.
3. Eine Wiedereinladung für ein Neujahrskonzert beim Lions Club
4. Eine Wiedereinladung für ein weiteres Lunch-Konzert in der Berliner Philharmonie
5. Eine Anfrage von den Berliner Philharmonikern, ob das Orchester beim Orchestertag mit Simon Rattle am 23.März teilnehmen würde ( dort auch einen eigenen 15minütigen Block gern mit neuer Musik spielen könnte, um für uns zu werben )
6. Eine Anfrage vom Konzerthaus Berlin, dessen Intendant Herr Nordmann in Verbund mit der Schering-Stiftung Konzertkarten an die Orchestermitglieder spenden würde, und uns auch zukünftig Gelegenheit geben möchte, z.B. beim „Tag der Offenen Tür“ im Konzerthaus aufzutreten
7. Nicht zuletzt auch die üblichen Neue Musik-Anfragen aus Neukölln und Kreuzberg, von denen, das möchte ich betonen, auch andere Musikschulmitglieder erheblichen Nutzen ziehen und gern auch noch immer mehr ziehen können

IST ES NICHT UNVERANTWORTLICH, SOLCHE MÖGLICHKEITEN AUSZUSCHLAGEN??

Der Mangel an Organisation betrifft aber auch die Musikschule nach innen.

Die Hans-Werner-Henze-Musikschule Marzahn ist im Moment durch mangelnde Personalausstattung ( es wurden in den letzten Jahren kontinuierlich feste Stellen abgebaut ) und mangelnden Willen bei den handelnden Personen nicht in der Lage, ein Orchester mit hinreichend Nachwuchs und Zuwachs zu versorgen. Hier wurde in den letzten drei Jahren durch andauernde Personalkonflikte , ständige Intrigen, ideologische Konzeptdebatten und Richtungsdiskussionen auf eklatante Weise ein pragmatisches Problem ungelöst gelassen: wie begeistert man die Kinder im Elementarunterricht für das Orchesterspiel, für die Orchesterinstrumente – wie formt man zusätzlich zu dem Elementarunterricht einen – für die Musikschule ja auch Identität stiftenden – Klangkörper. Wenn man, wie in Marzahn insbesondere im Bläserbereich geschehen, die fähigsten pädagogischen Fachkräfte für diese Elementarförderung aus der Musikschule vertreibt und dann ihre Arbeitsstellen unbesetzt lässt, so bleibt eben nur Wüste übrig.

Es ist in diesem Zusammenhang in den amtlichen Schreiben die Rede von Richtungsentscheidungen bezüglich der „musikalisch-pädagogischen Struktur im Leitbild der Musikschule“. Diese Richtungsentscheidungen, die von der Bezirksbürgermeisterin Frau Pohle (PDS) jetzt ausdrücklich bestätigt wurden, beinhalten eine klare Absage an den pädagogischen und finanziellen Aufwand, der nötig ist für ein klassisches Orchester. Sie führen explizit wieder ein, dass sich die Musikschule – die sich seit 2008 nach Hans Werner Henze benennen darf – kleine Instrumentalensembles z.B. von Zupfinstrumenten oder Akkordeons zum Ziel und Maß der pädagogischen Arbeit macht. Dieses ist nach unserer Arbeit der vergangenen Jahre ein ungeheurer RÜCKSCHRITT. Ich kann mir nicht denken, dass es in Marzahn-Hellersdorf nicht genügend Kinder und Eltern gibt, die SEHNSUCHT NACH EINER KLASSISCHEN BILDUNG haben – GERADE AUCH BEI DEN NICHT-REICHEN LEUTEN. Das Jugendsinfonieorchester Marzahn-Hellersdorf ist ein EINMALIGES ANGEBOT AN ALLE – unabhängig vom Einkommen und Teilnahmebeiträgen – an der klassischen Kultur teilzuhaben. Gerade indem man, wie jetzt anvisiert, den Unterhalt dieses Jugendorchesters aus dem Bezirk ausgliedert und weitgehend dem privaten Engagement überlassen will, gliedert man automatisch die Kinder und Jugendlichen aus, die sich die dann nötigen TEILNAHMEBETRÄGE NICHT LEISTEN KÖNNEN. Die handelnden Politiker in der PDS und SPD erzeugen durch ihre Beschlüsse damit etwas, was ihren Bildungsidealen – denen ich mich persönlich von Haus aus verpflichtet fühle – GERADEWEGS ENTGEGENSTEHT.

Die für mich persönlich schmerzlichsten Auflösungserscheinungen resultieren aber aus der Art und Weise, wie die bezirklichen Amtsträger in diesem seit nunmehr über zwei Jahren schwelenden Konflikt, den Jugendlichen gegenübergetreten sind. Den Jugendlichen des Orchesters, die ihr Orchester mit übergroßem Engagement und Idealismus zu dem machten, als was es in der Öffentlichkeit sogar bundesweit wahrgenommen wurde, wurde DER GLAUBE AN DIE POLITIK GENOMMEN – und das finde ich persönlich das gravierendste und unverzeihlichste Vergehen, das sich dieser Bezirk, dieser Staat, dieses Land NICHT LEISTEN KANN !
Die fortgeschrittenen und engagiertesten Jugendlichen – die durch die hervorragende Orchesterausbildung, die sie in den vergangenen Jahren an der Hans-Werner-Henze-Musikschule genossen haben, in jedem Jugend- und Laienorchester in Berlin mitspielen können – haben mehrheitlich innerlich mit diesem Bezirk abgeschlossen, SIE VERLASSEN MARZAHN-HELLERSDORF. Sie sind es leid, für ihr außergewöhnliches Engagement von einem Stadtrat auch noch öffentlich angeprangert zu werden. Sie sind es leid, hingehalten und mit falschen Zusagen vertröstet zu werden. Sie glauben nicht mehr daran, dass dieser Bezirk ihr Engagement wirklich möchte. Sie gehen einfach fort.

Ich hatte in der letzten Woche ein Zusammentreffen mit zwei Immobilienmanagern aus Marzahn-Hellersdorf, das mich sehr gerührt hat. Diese Manager, die die raue Wirklichkeit dieses Stadtbezirks wirklich kennen und praktisch daran mitwirken, sprechen mit Hochachtung, ja fast Zärtlichkeit von dem Jugendsinfonieorchester. Sie haben begriffen, was für ein EINMALIGES PROJEKT in dieser Umgebung das Jugendorchester ist. Sie haben auch begriffen, was ihr Teil sein könnte, an der RETTUNG dieses Klangkörpers mitzuwirken.

WESHALB VERSAGEN BEZIRKSPOLITIKER, AMTSLEITUNG UND MUSIKSCHULLEITUNG VOR DIESER AUFGABE???

Jobst Liebrecht

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4 Antworten

  1. Diese Richtungsentscheidungen, die von der Bezirksbürgermeisterin Frau Pohle (PDS) jetzt ausdrücklich bestätigt wurden, beinhalten eine klare Absage an den pädagogischen und finanziellen Aufwand, der nötig ist für ein klassisches Orchester. Sie führen explizit wieder ein, dass sich die Musikschule – die sich seit 2008 nach Hans Werner Henze benennen darf – kleine Instrumentalensembles z.B. von Zupfinstrumenten oder Akkordeons zum Ziel und Maß der pädagogischen Arbeit macht.

    Ich fass es nicht:
    Polit-Schlampen und kulturlose Sesselfurzer, die nicht einmal des Notenlesens mächtig sind, fühlen sich berufen, musikpädagogische Vorgaben zu erteilen.
    Demnächst wird Frau Pohle noch den Ärzten vorschreiben, welche Tabletten einzunehmen sind.
    Gegen anhaltende Blödheit gibt es leider kein Pulver.

    Grüße aus dem Labor
    – wechselstrom –

  2. Stefan Rosinski sagt:

    So schlimm scheint es ja nicht zu sein. Ich habe den Betroffenen geschriebenen, dass ich sie in ihrem Anliegen gern unterstützen würde und dazu mein politisches Netzwerk anbiete. Keine Reaktion. Auch sind die Darstellungen im Internet über den Sachverhalt inklusive der eigenen Kommunikationsforen mehr als schwach. Um heutzutage kulturpolitisch zu überleben, reicht es eben nicht, einen Blogbeitrag zu schreiben. Wer die Kunst der Vernetzung nicht beherrscht, stirbt eben aus. Und das ist keine Einsicht erst der Moderne.
    Stefan Rosinski, Rostock

  3. @ Stefan Rosinski,

    Ich muss gestehen, dass ich bisher der (wohl völlig irren und mega-naiven) Ansicht war, die Moderne zeichne sich gerade dadurch aus, dass Erfolg (auch) OHNE politisches Netzwerk erreichbar wäre. Dass, wenn ich mich z.B. an der Volksbühne Berlin, sagen wir, als Dramaturg bewerbe, dass ich dann auf lauter Leute stoße, die völlig unabhängig, meine Qualifikation und mein Können beurteilen. Und dass mir dann, im Falle einer Einstellung Frank Castorf auf die Schultern klopft, und ich dabei ein gutes Gefühl behalte.
    Eine naive Meinung – hab ich ja schon zugegeben.

    Könnten Sie mir anhand Ihrer eigenen Lebensvita ein paar Tipps geben, wie so ein politisches Netzwerk ausschaut, wie man das anbahnt bzw.aufbaut und wie man daraus Nutzen für das eigene Fortkommen zieht etc.etc.

    Viele der LeserInnen dieses Blogs sind Ihnen ebenso wie ich zu bestem Dank verpflichtet.

    Es grüßt aus Wien

    – wechselstrom –

  4. querstand sagt:

    @ Rosinski: Ich denke, dass das JSO Marzahn-Hellersdorf zumind. auf kommunaler Ebene Vieles ausreizte, Kontakte zu den Berliner Philharmonikern pflegt, europaweit in seiner Petition Namen auffahren konnte. Nach jeder dieser Aktionen konnte man über die Lernfähigkeit der jungen Orchesterleute nur staunen, sich ziemlich weit für sich selbst aus dem Fenster herauszulehnen und das aus einem Schutzraum, wie es das Orchester einer öffentlich-rechtlichen Musikschule darstellt. Wie nun Ihr Vernetzungsangebot konkret aussah, das geht aus Ihren spindeldürren, kalten Worten nicht weiter hervor.

    Ich muß gestehen, dass Angesichts dieser letzten Marzahner Vorgänge auch nicht mehr zu helfen wusste, nochmals Mails, Briefe, Beiträge an dieselben Politadressen zu richten. Aber so verhelfe ich denen nur zum Sieg, ja! Mein Gedanke zuletzt: Ausgründung des Orchesters aus der dortigen Musikschule, Henze überzeugen, testamentarisch seinen Namen von der Schule abzuziehen. Eben nur Gedanken…

    Allerdings sollten Sie weniger den Orchesterleuten den Kulturtod an den Hals wünschen, als vielmehr die dortige Verwaltung an Geradlinigkeit und demokratisches Gehör zu erinnern. Wie gesagt, nach den Aktionen gab es immer wieder Gespräche, wo Besserung in Aussicht gestellt wurde, nur um dann in immer wieder kürzeren Gegenaktionen untergraben zu werden.

    Und ehrlich gesagt: ich finde Ihre Einstellung, die beleidigte Leberwurst hier zu mimen, ungefähr genauso unerträglich, wie die Negativreaktionen der Marzahner Kultur- und Schulverwaltung. Eine gewisse Hybris aus der Kunst kommend sei uns Allen zugestanden, aber gleich so hoch unzufrieden zu Ross, gleich von Tod sprechend? Was hilft die beste Vernetzung, deren Ausbau, wenn die Adressaten der Aktionen alle Spielregeln ausser Acht lassen, als seien sie irgendwelche Ölduodezfürsten!

    Es gibt nichts unerträglicheres im Kunstbetrieb, als Mimosen mit politischen Vernetzungen, die dann zum Schaden der Anderen eingesetzt werden! Und mit dieser Ihrer o.g. Äusserung zeichnen Sie genau dieses Bild von sich. Wenn Sie ein genauer Leser von Jobstens Brief wären und neben der Politprominenz auch z.B. diesen Menschen kennen würden, müsste Ihnen die förmliche Verzweiflung ins Auge springen. Es ist nobel, dass Sie Ihre Hilfe anboten. Wenn dies angenommen worden wäre, wäre dies ggf. als vernünftig zu bezeichnen gewesen. Wenn darauf kein Rekurs stattfand, hat dies der noble Spender zu dulden, wortlos. Also treten Sie gerne als Jungfrau Maria samt Hilfsmantel auf, seien Sie aber auch so pietätsvoll wie diese bzw. formulieren die Dinge besser von der Seite „Leben“, als Jugendlichen mit Tod und Teufel zu kommen.

    Gruß,
    A. Strauch