Ferientagebuch IV (Stefanie Zweig: Sternstunden der Menschheit)

Am 4. September 2011, wieder im ICE nach Leipzig

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Gerade las ich in der FAS etwas über das neue Stück von Steve Reich. Es heißt „WTC 9/11“ und ist für Streichquartett mit Zuspielungen. Mit einigem Schmunzeln las ich, denn ich gehöre zu jenen, die sich ein bisschen über Steve Reich lustig machen (mir unvergessen bleibt eine Anekdote von Morton Feldman, in der er sich über den kleinen Steve Reich in seinen Tennissocken lustig macht).1 Hand in Hand mit der Belustigung über einen Kollegen geht irgendwie auch die Kritik an seinem Werk, und „WTC 9/11“ geht ja wohl gar nicht. Nicht, dass es verboten oder pietätlos sei, sich mit dem 11. September auseinanderzusetzen, sondern die Art, wie es Reich wohl tut, scheint mir vermessen. In der FAS steht dann auch treffend:

„Reich widerspricht in Tönen in jeder Sekunde ganz unmissverständlich der These, die er selbst mit dem Stück aufstellt, wonach 9/11 unsere Welt, unser Weltbild und uns alle von Grund auf verändert habe. Zumindest als Komponist ist Reich absolut der Alte und mit sich selbst identisch geblieben. Er wendet in „WTC 9/11“ exakt das gleiche kompositorische Verfahren an, das er 1988 in seiner Anti-Holocaust-Komposition „Different Trains“ benutzt hatte.“

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 4. 9. 2011

Da ich „Different Trains“ schon so nicht mochte (musikalisch nicht, aber auch wegen der Vermessenheit, die eigene Kindheit im Zug zwischen den geschiedenen Eltern mit den Judendeportationen des Holocaust kurzzuschließen), erlaube ich mir jetzt an Hand der kleinen FAS-Notiz die Entscheidung, „WTC 9/11“ auch nicht zu mögen. Obwohl ich es nicht gehört habe.

In Deutschland verzögert sich übrigens die Veröffentlichung der Aufnahme des neuen Werks, da Reichs Label die CD wegen eines als skandalös aufgefassten Covers, auf dem das zweite Flugzeug im Anflug auf das WTC zu sehen ist, zurückgezogen hat und jetzt mit einem „neutraleren“ Cover, wie die FAS schreibt, neu veröffentlichen will.

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Gerade musste ich auch noch an ein Gespräch mit Martin Schüttler denken, das vor langer Zeit geführt wurde. Martin sagte darin sinngemäß: „Machen wir uns doch nichts vor, jeder Komponist träumt doch davon, einmal im Kanon zu landen“.

Grundsätzlich muss ich Martin recht geben, und es sei noch bemerkt, das Martin Schüttler nicht zu den Komponisten zählt, die auf ihre Kanonisierung hin komponieren. Was ich aber total merkwürdig finde, ist, dass es scheinbar immer noch die Romantisierung des Künstlerdaseins gibt. Nach dem Motto: Lieber arm sterben und dafür im Geschichtsbuch, oder besser, auf dem Podium des ewigen Betriebs, landen. Das verstehe ich nicht. Ich wäre lieber reich als arm. Jetzt fallen mir auch noch die Nachrufe auf Amy Winehouse ein, ihr „unvermeidlicher“ Tod, der sie zu einer Legende macht. Dabei ist es einfach ein banaler Drogentod, der überhaupt gar nicht zu glorifizieren ist. (Obwohl Amy Winehouse wohl eher reich war und die Chancen auf die Geschichtsbücher vermutlich nicht so gut stehen). Wir müssen irgendwie wirklich lernen, dass jedes humane Gegenüber ein Mensch ist, wie jeder andere auch. Jetzt bin ich noch ganz pathetisch geworden. Muss noch ein bisschen an dem Stil arbeiten.

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Ich finde, Beethoven ist vielmehr eine Musik der Angst, die versucht, das Schreckliche wegzudrücken, als eine wie auch immer „freundlich“ gesinnte Musik.

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Am 12. 9. 2011 nach einem Aufenthalt im Elbsandsteingebirge

vor 10 Tagen schrieb ich:

Am 2. September 2011,

bei der Nationalhymne vor dem Spiel Deutschland – Österreich: ich bin ernsthaft berührt. Fast weinen muss ich, wegen der Vergeblichkeit. Es ist alles vergebens, das nationale Streben sowieso. Ich muss jedes Mal an den alten Haydn denken, was für ein spießiger Gedanke, und an die Vergewaltigung des Quartetts. Immer noch singen wir diese Melodie, man müsste sie eigentlich verbieten, außerhalb des originalen Rahmens.

Am 12. 9. 2011.

Pathos berührt mich insofern, als das es mich traurig macht. Echtes Pathos geht nur ohne Desillusionierung.

1 Ich glaube, man merkt dem Artikel an, dass ich seit Beginn der Zugfahrt, 17:20, bis jetzt, 20:01, ungelogen durchgehend die FAS las, und zwar in der richtigen Reihenfolge: erst den Politikteil, dann Sport und dann Feuilleton (danach kommt in der komischen FAS-Ordnung erst der Wirtschaftsteil, zu dem ich also noch gar nicht gekommen bin).


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6 Antworten

  1. querstand sagt:

    @ Monrad Møller: Sehr schöner Artikel!

    Es zeigt sich mal wieder, dass der Holocaust der Urgrund aller Mythen unserer Zeit ist. Und v.a. der Maßstab. Wenn Steve Reich 9/11 exakt gleich wie den Holocaust behandelt, ist das einerseits einfallslos, andererseits unvergleichbar. Ein Freund der Palästinenser könnte natürlich mühelos eine Sinnkette von der Shoah, die Gründung Israels, den arabischen Hass hin zu 9/11 bilden und übersieht doch gewaltig, dass es nur ein Teilaspekt wäre, bedenkt man z.B. die direkte Verknüpfung des Bin-Laden-Clans mit dem von US-Petrodollars lebenden Saudi-Regime, die Verbindungen des Clans selbst an höchste Stellen der US-Regierung, die Abwendung, die Osama Bin Laden von jenen Geschäften nahm, aus welchem direkten Widerspruch, Hass, Enttäuschung auch immer. Daraus könnte man doch trefflich verschiedene Züge herausfahren lassen, ein vollkommen anderes Stück bauen als Different Trains…

    Dazu: Mitleid mit Opfern aller Arten, die Martern aller Arten erlitten, ist vollkommen legitim. Doch sollte man jedes Opfer, jede Opfermenge, um die es hier eher geht, eigenständig behandeln – gebietet das nicht die Pietät? Aber Opfer werden gegen Opfer aufgerechnet, indem ich das schreibe, tue ich es auch. Schluss damit, zumind. in Bezug auf 9/11!

    Zudem: ich las irgendwo in den Spalten der letzten Tage, dass 2001 die Medien der Kunst das Heft aus der Hand genommen haben, so wie die Bilder immer wieder und wieder, als Dauerinstallation, über den Bildschirm zuckten, die in die Türm stürzenden Flugzeuge, die zusammenstürzenden Türme, die dunklen Schwaden über Manhattan, die weissen Gesichter, das Geschrei der Leute. Jedes Stück Musik, jedes Bild, jeder Film hatte nicht die Wucht der Ereignisse. Wie man an Steve Reich sieht, seinem vergeblichen Ansatz, wie man die Tage z.B. hier eine Installation Berkan Karpats hätte sehen können (MUC): die Kunst scheint in diesem Fall erst erstaunlich spät Deutungen zurückzugewinnen. Der krasseste, irgendwie deutlichste Beitrag bzgl. des „Gesamtkunstwerks“ 9/11, rutschte ja Stockhausen über die Lippen. Angesichts der Dauermedieninstallation hatte er neben der Sinnlosigkeit seiner Aussage doch auch wieder Recht. Er fügte nichts hinzu, so hatte damals unmittelbar danach die gesamte Kunst auch nichts dazu zu sagen…

    Armer Poet!
    Das Klischee des arm, verlassen dahinsiechenden Künstlers, auf den dann zwei Ewigkeiten warten. Einerseits machen die Leute heute noch damit ihre Geschäftlein, andererseits – um wieder auf den Holocaust zu kommen – interessiert es heute, besonders im MDR keinen mehr. Wie ich letzthin in der aktuellen NMZ las, betrachtete vor nicht allzu langer Zeit eine Programmverantwortliche den elend in Auschwitz ermordeten Viktor Ullmann, seine Musik als irrelevant, nicht zum Bildungsauftrag gehörig. Also, ein an Syphillis dahinsiechender Schubert, auch damals wusste man sehr wohl, wo man sich diese Krankheit holen kann und wo nicht, sprich, ein für seine Krankheit selbstverantwortlicher Mensch, wie auch der choleraverseuchtes Newawasser saufende Tschaikowsky sollen aufgrund ihres Todes bedeutender sein, als ein Ullmann, der ohne Zutun stigmatisiert worden ist? Oder: warum gehört ein Drogentod, Suizid zum Erfolg eines stark verehrten, durchaus begabten, dennoch irgendwie mittelprächtigen Popular-Stars? Sollte es nicht die Musik selbst sein, ohne dieses Todesartenklischee? Wobei das Stigma „Komponist in Auschwitz“ so kräftig sein sollte, dass es die Musik sogar zwangsweise überlagert, zumindest heute noch. „Komponist in WTC“ hätte niemals diesen Überlagerungseffekt zur Folge? Oder weiss man da mehr? Aber wie der zugespitzte Arme Poet-Shoah-Vergleich zeigt: in den Müll mit dem Todesartenklischee bzgl. normalen Substanz- oder Krankheitssiechtums.

    An unsere US-Leser: kennt Ihr das Reich-Cover, damit es Moritz den dümmsten Covern hinzufügen kann?!

    Beethoven: das Schreckliche wegdrücken, wegreissen, wegstossen – ist das nicht selbst auch „schrecklich“? Immer diese Hamsterradkomponisten – auch so ein Klischee…

    Haydn-Kaiserquartett: ich fand es in Ihrem Alter ebenfalls unerträglich. Man stumpft ab… Manchmal stelle ich mir den Johannes R. Becher Text zur Haydnmusik vor und den Fallersleben-Text auf die Eislermelodie. Und manchmal vermisse ich das Geigenduett aus dem Quartett. Gott sei Dank gibt es noch andere Haydnquartette…

    Pathos: geile Strukturen haben sowas, wenn Kitsch und Komplexität Hand in Hand gehen, eine Metaebene mehr, ein Subtexte weiter drunten dazu – dann „lückerts“, Arno brachte das mit den geilen Strukturen. Ansonsten: Musik, Bilder, Geschehnisse sprechen für sich selbst…

    … – auch so ein Klischee…

    Gruß,
    Alexander Strauch

  2. @querstand,

    irgendwie scheint das Thema armer Künstler/reicher Künstler – bekannter Künstler/unbekannter Künstler ein ungelöster Dauerbrenner zu sein.
    Über neue/experimentelle Geschäftsmodelle im Bereich der Kunst, die hier in Wien ausprobiert werden, berichte ich gelegentlich, wenn diese Versuche erste Ergebnisse zeigen.

    Einstweilen darf ich zur nächsten Ausstellung in der Galerie wechselstrom einladen:
    „Schindler´s Factory Outlet – touring exhibition“
    weitere Infos unter http://www.wechsel-strom.net

    Grüße aus dem Labor

  3. querstand sagt:

    @ wechselstrom: Ich entgeistere mich nur ein wenig über den Totenkult, die Wertsteigerung der Leiche gegenüber dem Lebenden. Woran mag das wohl liegen? In Bezug auf Kunstschaffende scheinen wir alle sexuellen Tabus zu durchbrechen: je jünger das produzierende Wesen ist, um so hübscher! Reinste Pädophilie. Ist man Fan eines leicht älteren Wesens als man es selbst ist, begeht man gegenüber dem entspr. wirklichen Bettpartner, in Hinblick auf die Vorzüge des als Fan Verehrten, permanent heftigsten Ehebruch in Gedanken, Worten und Taten – letztere als Onanie – wie grässlich. Dieses „Vergehen“ hat sich ja heutzutage Gott sei Dank ein wenig entspannt, also hinkt hier mein Beispiel. Ist das verehrte Kunstwesen dann endlich tot, ja dann könnte man analog zu den o.g. Verehrungsmustern von Nekrophilie sprechen. Oder ist es die Bewusstwerdung des absoluten Verlustes des Menschen-Künstlers, von dem nur kalte Kunstwerke, Platten oder Partituren, die jene herzerwärmende Wertsteigerung auslösen? Jedenfalls weiss jeder oder jede meist mehr über den Tod seines verehrten, toten Kunstschaffenden als über dessen Leben, Wirken und Arbeiten. Am ehesten flicht man sich noch eine Kausalität zwischen Leben und Tod über einen im Leben den Tod auslösenden Makel zurecht: Ein echter Popkünstler säuft oder drögt sich Tode, begeht grellen Suizid, ein Komponist oder Poet stirbt an Syphillis, HIV oder Armut, ein Maler erleidet einen finalen Coitus in seinem Lieblingsmodell, etc. Ach, diese schönen Leichen. Wie gesagt, nach den Massenmorden des 20. wie auch 21. Jahrhunderts, bei denen bekanntermassen auch Künstler starben, „Künstler“ auslösende Täter der Massaker waren – sollte man da nicht allen Tabubrüchen zum Trotz auf die Leichenfverehrung verzichten? Man sollte mal die Knochen der Künstler als Reliquien anbieten! Immerhin war man zu Beginn des 19. Jhds. schon soweit, dass der Pöbel aufschrie, protestierte, wenn z.B. Leute auf öffentlichen Plätzen exekutiert, worden sind, nach deren Tod dann noch Vierteilungen, Rädern oder Kopfabschneiden durchgeführt worden ist. Das war mitunter ein Hauptgrund, staatlich nur noch hinter Gefängnismauern zu töten. Ob das Volk heute protestieren würde, wenn man die morschen Knochen des King of Pops zeigte? Wir sind da wieder zurückgefallen, siehe die Aufmerksamkeit, die die Wiedervereinigung von Haydns Torso und Schädel Mitte des letzten Jahrhunderts auslöste. Kunst bzw. deren Verehrung, ein Projekt von Animismus, Reliquienkult, etc. – tiefstes Mittelalter…

    Gruß,
    Alexander Strauch

  4. @ querstand,
    „tiefstes Mittelalter“ daran kann ich hier anschließen – komme gerade zurück von einem mehrtägigen Besuch auf Burg (…) in Kärnten. Der Name der Burg ist hier irrelevant. Kann aber berichten von einigen Merkwürdigkeiten aus dem sog. „finsteren“ Mittelalter – vermutlich kennen Sie das alles schon:
    Oswald von Wolkenstein: Das war der, der sein Auge bei einem Kampf verlor und sich immer auch so abbilden ließ, was uns heute immer noch eine genaue Identifizierung dieser Künstlerpersönlichkeit erlaubt. (Corporate Identity !) Verwegen drein blickend, irgendetwas piratenhaftes im Gesicht:
    Da gibt es einige Sachen von ihm, die könnten auch von Ernst Jandl sein.

    Wer es etwas deftiger mag, widme sich den Fatrasien – das sind im Eigentlichen Eselei-Dichtungen, die wohl zu gewissen karnevalsartigen Anlässen entstanden sind:
    Ralph Dutli hat diese absurde (kann man sie auch als surrealistisch bezeichnen) Poesie des Mittelalters neu herausgegeben.

    Beste Grüße aus dem Labor
    – wechselstrom –

  5. @ querstand,

    der Totenkult, den Sie beschreiben (Haydns Schädel, Popkünstler säuft sich zu Tode) ist das, was die Zeitungen gerne bringen, aber auch das, was gerne im eigenen Schädel haften bleibt. Der Tod ist ein sehr dramatischer Einschnitt, viele Theaterstücke und Opern sind um das Ableben einer Person herumgestrickt; das wäre dann aber kein Totenkult, vielleicht doch, von aussen betrachtet?
    Die Leiche hat in unserer Kultur jedenfalls eine Wertschätzung verdient, nicht nur die des Künstlers, dessen Totenruhe wiederum am meisten gefährdet erscheint.
    Man ist als Toter auch nicht mehr so sehr der ätzenden Kritik ausgesetzt, man wird mit der Zeit vergessen (das ist die Regel) – wie lange das dauert, hängt wohl davon ab, wer über was spricht.

    Die Wertschätzung der Lebenden ist der aktuellen Kommunikation zur Gänze ausgeliefert, wobei auch das Schweigen, sowie vermeintliches oder wirkliches also dann wirksames VER-schweigen(?) unter Kommunikation im modernen Sinn fällt.
    Im Rahmen von Kommunikation ist Wirklichkeit immer eine zweischneidige Sache, hängt also von Ego UND Alterego ab (wobei Alterego in etwa mit dem zu übersetzen ist, was wir mit „Seinesgleichen“ bezeichnen), ist nicht nur Information sondern auch, und untrennbar davon Mit-Teilung.

    Die Frage jedes Künstlers ist dann auch: wie komme ich in den Diskurs und wie bleibe ich darin.
    Facebook ist eine schnelle Möglichkeit – vielleicht kann jemand über seine Erfahrungen berichten?
    Klassisch geht es über Empfehlungsschreiben, Suchen einer Person, die einen fördert/weiter empfiehlt … da muss man Klinken putzen … heute (vielleicht auch früher) nicht so beliebt, man fühlt sich dabei immer etwas beschmutzt.

    Vielleicht ist das der Grund, warum Künstler gerne das Thema Wahrheit/Ehrlichkeit im Blick haben. Ich finde es etwas komisch, denn diese Thematik hat jeder, ob Sandler, Bauer oder Dreifach-Doktor im Blick. Als Künstler fühlt man sich dann (Selbstliebe ist ein mächtiger Antriebsfaktor) besonders berufen, diese Themen bearbeiten zu können, und kann dann im Falle von Erfolglosigkeit seine Wunden dadurch lecken, dass die anderen eben die Wahrheit nicht erkennen.

    Nun gut, ich schweife ab in die Tiefen der Psychoanalyse und der Soziologie, zwei Wissenschaftszweige, die therapeutischen Charakter und Funktion haben. Sie können auch inspirierend wirken.

    Beste Grüße aus dem Labor
    – wechselstrom –

  6. querstand sagt:

    @ wechselstrom: Autosuggestion ist immer wieder ein probates Allerweltsheilmittel. Und wir Weltheiler-Verzweifler alias „Künstler“, machen um dessen Gebrauch wenig Aufhebens, schnell genommen, Atzung gewonnen. Den berühmten Kreislauf sieht man auch in diesem Blog: erst Diskussion über etwas allgemein Verwerfliches, in die Haare kommen, sich in Gema-Kleinklein wiederfindend, die Wirtschaftsweheweise singend, nochmals sich überwerfend, im Wahrheit-Ehrlichkeits-Dusel wieder eins werdend. Mal so knapp auf den Punkt gebracht.

    Da kann Analyse, Komponieren, Philosophie, Psychologie durchaus zum Entkommen aus dem Teufelskreis beitragen. Allerdings geschieht das gerne auch immer ein wenig halbwissenschaftlich, so wie Künstler immer den Urknall oder die Weltformel bemühen, wenn sie eigentlich nette Dinge teuerer als angemessen verhökern wollen. Also lieber dieses Suggestivverfahren, nach dem Motto: Komponist bleib bei Deinem Leisten und kompostier nicht zuviel – das kann die Müllabfuhr besser. Sollte man meinen.

    Als Toter sollte man wirklich mit Respekt behandelt werden. Wie aber Moritz‘ neuester Beitrag zeigt, profiliert man sich gerade im Musikgeschäft allzu bereit auf Kosten der Verstorbenen. Also doch mehr Philosophie, Ethik! Aber nicht so sehr zum Konstrukt des Schreibens, nein, zum Konstrukt des Schreibens als Lebensentscheidung.

    Das konnte ich erst heute wieder beobachten: Komplett-UA des Tintoretto-Zyklus‘ von W. Schurig. Weniger ein Bildinhalt als das Skizzenhafte einer Zeichnung sollte zu Musik werden. Das Problem war nur, dass das Skizzenhafte doch wie ein ganzes Stück wirkte. Dazu ist einerseits Schurigs Schreibe auch als Skizze sehr anstrengend Kontrapunktisch, andererseits bordet nichts mehr an „Skizze“ über als die Neue Musik. Da kreuzen sich im Ergebnis durchaus interessant die Ethik Schurigs, ein konstruktiv-konzeptueller Komponist zu sein, mit dem Willen, so schnell dahinwerfend zu sein wie Zeichnung und Improvisation, dabei aber strengster Schreiber zu bleiben, auch wenn man sich nicht im grossen Ganzen, sondern nur von Takt zu Takt weiterhangelt. Das Ergebnis, das Klingende – weit entfernt vom skizzenhaften, eigentlich richtige Stücke, die in Schurigs Welt dann noch undurchhörbarer würden, so schön das im Einzelfall auch sein könnte. Der Begriff des Arbeitsethos hätte da wohl weitergefasst werden können/sollen. Dennoch war das Ergebnis befriedigend. Blieb am Ende auch wieder die Wahrheits-Ehlichkeits-Rede. Vielleicht sind wir für eine globalere Existenzethik allesamt hier noch zu jung… zu lebendig!!

    Gruß,
    A. Strauch