Humor in der Neuen Musik

Antwort auf einen Artikel von Moritz Eggert (Teile I, II und II)

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Ende Juli veröffentlichte Moritz Eggert an dieser Stelle einen Artikel über Humor in der Neuen Musik.

Moritz erwähnt gleich zu Beginn das Klischee des humorlosen Deutschen. Klischees sind nie ganz unwahr, aber immer wieder aktualisierungsbedürftig. Es ist natürlich schwer festzustellen, wie „humorvoll“ „die“ Deutschen aktuell sind. Das sind Umfragen, die nur BILD oder andere Blöd-Medien „beantworten“ können. Geht man von der Mentalität der Menschen hierzulande aus, hat sich zumindest aber in den letzten zwanzig Jahren ein bißchen etwas getan. Durch die nicht immer nur schiefgehende Integration von Nicht-Deutschen hat sich beispielsweise in manchen Stadtteilen Berlins – sicherlich kein weit verbreitetes Phänomen – ein Gefühl eingestellt, dass ein friedliches, lockeres Miteinander sehr unterschiedlicher Kulturen zumindest in bestimmten Momenten möglich ist. Anders gesagt: Durch die von Zugezogenen mitgebrachte Mentalität verändert sich die Mentalität der Ur-Berliner. Und ich würde sagen: positiv. Multikulti ist bestimmt ein albernes Wort – aber an vielen Orten in Berlin lebt man freundlich-sonnig nebeneinander und respektiert sich. Und hat, ja, dadurch mehr Spaß. Würde ich behaupten…

Es wird mehr gelacht in Deutschland. Vielleicht liegt es auch an der Klimaerwärmung – an den zunehmenden Sonnenstunden im Jahr. Natürlich wird Deutschland deswegen nie Jamaika. Obwohl mindestens genauso viele Hanfprodukte konsumiert werden.

Von der „Stimmung“ der Menschen eines Landes, die – da ist man jetzt schon selbst in die „Blöd“-Falle getappt – eh nicht einfach zusammenfassbar ist, muss der Humor allerdings getrennt werden. Denn im Vergleich zu vielen anderen Ländern scheint es, als sei der Humoranspruch in Deutschland noch vergleichsweise hoch. Wie gesagt: vergleichsweise. 98% der Dinge, die unter der Rubrik „Humor“ in den Medien verkauft werden, sind für Zeitgenossen mit niveauvoll-schwarzem Humor unerträglich und widersprechen der Menschenwürde.

Aber deswegen ist „der humorlose Deutsche“ keineswegs häufiger als „der humorlose Engländer“ – und schon gar nicht als „der humorlose US-Amerikaner“. Wer in den USA mal das TV-Programm durchgezappt oder nach einem Witz mal in extrem leere Gesichter geblickt hat, wird das bestätigen können.

Moritz benutzt also ein Klischeebild – eines, von dem ich sagen würde: Es ist nicht mehr aktuell.

Im zweiten Absatz kommt Moritz auf Adorno zu sprechen, den Eggert für humorlos und verstaubt hält. Eines der Lieblingsopfer von Moritz. Und an dieser Stelle merkt man, dass er (also: der Text) doch schon etwas älter ist, denn vor einigen Jahren noch kam kein Text von Moritz ohne Adorno-Bashing aus. Das hat sich – zumindest etwas – geändert.

Ich muss zugeben, dass es mich manchmal genervt hat, dass Moritz überall Adorno wittert, obwohl er (also: der Adorno) längst nicht mehr in so vielen Texten im Zusammenhang Neuer Musik (dazu gehören freilich auch Programmnotizen in Konzertheftchen) auftaucht. Das unvermeidliche Adorno-Zitat: Ich lese es immer seltener. Die – von mir und Moritz gleichermaßen gegeißelten – drei Punkte im Werktitel (…shit…) dagegen bleiben aktuell. Leider.

Adorno war ein höchst humorvoller Mann. Das wissen wir alle. Inzwischen. Nur in der Rezeption der Komponisten der „Darmstädter Schule“ nach 1945 wurde Adorno zum „ernsten Prediger“. Die Gründe für den hehren Ernst in der Neuen Musik der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg erkennt Moritz aber selbst. Er schreibt:

Nun war die ästhetische Linie der Darmstädter Schule und die darin inherente Kritik an allzu sorgloser Musik und dem Verdrängungsmuff der 50er Jahre sicherlich ein notwendiger und richtiger Weg, den man allein durch seine schon längst historische Bedeutung nicht mehr in Frage stellen muss. Durchaus in Frage stellen kann man aber die Tatsache, dass das dadurch geprägte Denken nach wie vor subkutan unsere gesamte musikästhetische Diskussion durchzieht.
Warum ist eigentlich noch nichts Neues an dessen Stelle getreten?
Über diese Frage lohnt es sich, ein wenig nachzudenken, denn an ihr erklärt sich der generelle Mangel an Elementen des Komischen sowohl auf der zeitgenössischen Opernbühne als auch im Konzert.

Ich möchte Moritz hier in einem Punkt widersprechen. Die musikästhetische Modehaltung der Nachkriegszeit bestimmt keineswegs mehr subkutan das Denken und die Diskussionen. In der Neuen Musik gibt es nämlich überhaupt keinen Diskurs mehr – und es gibt, jedenfalls beim (ohnehin fast unmöglichen) „Blick auf das Ganze“ damit auch keine musikästhetische Reflexion, die mehr wäre als Onanismus, der komplizierte Partituren (Brian Ferneyhough, Claus-Steffen Mahnkopf etc.), die auch, bei weit elektrisierenderem Klangergebnis (Mark Andre), einfacher zu notieren wären, schlichtweg nur rechtfertigen soll.

Überhaupt: Musikästhetik ist in der Neuen Musik zu einer Rechtfertigungsplattform geworden.

So, wie Johannes Kreidler (dessen kompositorische und schriftliche Äußerungen zumindest einen wesentlich höheren Unterhaltungswert haben als die schwerlastenden Brütprodukte der Ferneyhough-Schattenschule), der den theoretischen Hintergrund seiner Sample-Ästhetik durch Aufsätze stützt, versucht auch Claus-Steffen Mahnkopf seit einigen Jahren lediglich, seine eigene Musik durch Theorie zu legitimieren. Moritz Eggert dagegen kann sich ebenfalls über zu wenig Erfolg nicht beklagen. Allerdings scheint er darunter zu leiden (warum, weiß der Teufel), in Donaueschingen und Witten belächelt (bzw.: nicht gespielt) zu werden (dafür aber in zahlreichen 3000-Zuschauer-Sälen weltweit; es sei ihm gegönnt). Dabei versucht seine Musik (die ich – wie die von Mahnkopf und Kreidler – in Teilen schätze) häufig, „witzig“ zu sein. Und aus diesem Grund (humorvoller Ansatz im eigenen Schaffen + zu wenig Anerkennung der „ernsten“ Musikszene) schickt sich Moritz immer wieder an, das Thema „Humor in der Musik“ auf die Tagesordnung zu setzen.

Auch hier muss ein Platz für Ehrlichkeit sein: Ich finde die Musik von Moritz immer dann am besten, wenn sie einmal nicht „witzig“ ist. Aber das ist eine sehr persönliche Sache. Oder doch nicht?

Nein: Das Problem ist nicht, dass die Neue Musik im deutschsprachigen Raum „zu ernst“ oder „zu selten witzig“ ist. Das Problem ist, dass die „witzigen“ Stücke (beispielsweise die Werke des unglaublich schlechten Francesco Filidei), die mit Kusshand von Festivalchefs wie Armin Köhler (Donaueschinger Musiktage) „programmiert“ werden, von erschreckender Hohlheit sind. „Zur Aufheiterung“ – damit es auch mal etwas zum Lachen gibt.

Das Problem ist nicht, dass es zu wenige „witzige“ Stücke gibt. Das Problem an dem Humor in der Neuen Musik in Deutschland ist sein untragbares, unertragbares, fremdschämpotentialohneendebeinhaltendes Niveau.

Wer mag leugnen, dass es in jedem Festival „das witzige Stück“ gibt? Und in diesem Punkt pflichte ich Moritz bei: Wer „witzig“ komponiert, der gilt immer als „witzig“ – und wird nicht ernst genommen.

Hier liegt das eigentliche Problem: In dem mangelnden Niveau des „erfrischend, witzigen Stückes“, das die Armin Köhlers dieser Welt händeringend suchen, um „das Ganze mal etwas aufzulockern“. Als Ergebnis solcher modischer Festivalplanungsfaschismen muss man sich Dinge gefallen lassen, die im Vergleich keinem Schützenfestwitz, keiner ekelhaften Alt-Männer-Zote standhalten würden.

Durch viele – selten lustige – Exzesse der Post-Moderne (auf die ja auch nicht immer zu Unrecht geschimpft wird) hat sich ein Humor-Verständnis in der Neuen Musik manifestiert, das, auch hier ist Moritz zuzustimmen, rezeptionsästhetisch höchst problematisch ist.

Weniger verkopft ausgedrückt: Ist ein Werk von hohem strukturellen Niveau, ja, ist es so richtig geil konstruiert, ohne dabei vordergründig konstruiert zu wirken, ist es vom Zeitempfinden her sensibel gestaltet (also alles andere als der schlimme Musikfaschist Wolfgang Rihm), ist es – aufgrund seiner strukturellen Geilheit, seines innovativen Ansatzes, seines fantastischen Klangs, seiner extrem anziehenden Dichte, die mit Auflockerungen des musikalischen Satzes vielleicht gleichsam erotisch spielt – so ein richtig gelungenes Werk, dann darf es nur eines nie gleichzeitig sein: witzig.

Ich habe selbst solche Musik schon geschrieben (und damit den ästhetischen Klangansatz von Johannes Kreidler strukturell nur ausgeformt; wer von Kopie spricht, versteht wenig von Musik…) – und sie hat genau dieses Problem: sie ist witzig.

„Witzig“ hat ja überhaupt in Teilen – ich weiß: ich verzettele mich gerade total! – nichts mit Humor zu tun. Ein kurzes durch-die-Nase-Austoßen der Luft während der Kontemplation von klanglichen Kunstwerken ist keine Körperäußerung, die mit Humor zu tun hätte, sondern vielleicht mit Fassungslosigkeit – im positiven oder negativen Sinne. Im positiven Sinne: Mit Fassungslosigkeit angesichts des aktuellen Erlebens von Kunst, die irgendetwas mit Größe, Ewigkeit, Sex, Gesundheit, einem einsamen Sandstrand zu tun hat. Mit Glückseligkeit.

Ich werde nach jedem Konzert, in dem ein Werk von mir gespielt wird (und das ist absichtlich selten der Fall… ich liebe diese Situation… ich nehme mir Zeit…), gefragt: Ist das ernst gemeint? Durfte man da lachen?

Und es gibt tatsächlich diese ästhetische Haltung, die an dieser Stelle vielleicht erstmals so (un)deutlich beschrieben wird: Hat man während des Hörens eines Werkes Neuer Musik erst einmal gelacht, stellt sich das Gefühl ein, hier könne man es mit großer Musik eigentlich nicht zu tun haben. Egal, wie gut ein Werk gemacht ist, wie gut es klingt, wie gut es formal-zeitlich abgeht: Wenn man während des Hörens lachen muss, ist das Werk kaputt.

Und hier, liebe Freunde, liegt das Problem.

Und da müssen wir jetzt weiter diskutieren. Aber ihr habt ja eh nicht alles gelesen. Ich auch nicht.

Arno Lücker wurde 1979 in Braunschweig geboren. Seit 2003 lebt er in Berlin. Dort arbeitet er als Moderator und Dramaturg. Er ist Künstlerischer Leiter der Astronomie-Musik-Reihe "Himmlische Partituren" im Zeiss-Großplanetarium Berlin, arbeitete für das Konzerthaus Berlin, das Brucknerhaus Linz und viele andere, schreibt Programmtexte für zahlreiche Orchester (Wiener Philharmoniker, New York Philharmonic), macht Konzerteinführungen in der Elbphilharmonie Hamburg, der Kölner Philharmonie und anderswo. Außerdem ist er Bad-Blog-Autor der ersten Stunde und arbeitet als Kurator für die Musikstreaming-App IDAGIO.

3 Antworten

  1. querstand sagt:

    die grundangst neuer musik-ernsties: meinen sie den witz ernst? was soll man sagen: ich meine es ernst. bleibt der witz dann witz? sagt man: ich meine es nicht so ernst: ist man selbst die witzfigur.

    kein witz…

  2. peh sagt:

    lieber arno,

    war der text jetzt witzig, oder was? ich muss jedenfalls laut schnaufen und bedauern, dass der diskursive ansatz, den dieser text in den ersten zeilen noch zu haben scheint, durch indiskutable vergleiche verunmöglicht wird. was ist denn an wolfgang rihm „musikfaschistisch“. „fetischistisch“ würde ich ja noch verstehen, denn er schreibt im emphatischen sinne „musikmusik“. (und ich würde wagen zu sagen, dass werke wie seine fetzen für akkordeon und streichquartett, um ein kleines beispiel zu nennen, einigen witz zeigen…)

    dann muss ich wohl noch mal alles lesen und einen versuch darüber wagen, warum das mit dem humor so und so ist. vielleicht fällt mir das ja leichter, da ich nicht komponiere.

    patrick

  3. querstand sagt:

    Arno mag Ernst! Hä? Er meint es ernst, mit Rihm. Mit seinem kruden Witz. Wobei ich das nicht als Witz über Rihm als Mensch und Komponist begreife. Es ist ein Hieb auf die Wahrnehmung Rihms, die gerne was „gleichgeschaltetes“, sich also zumindest aus der Mottenkiste des Totalitarismus als „faschistisch“ bezeichnen läßt.

    Besonders hübsch konnte man die Gleichschaltung des Jubels nach Rihms neuen Violin-Sommerstück verfolgen. Das Gejubel mag sogar richtig sein, wenn man Rihms neuere Musik als Fortsetzung der Spätromantik mit deren eigenen, zwar ausgetrockneten Mitteln, von Rihm bis aufs Letzte ausgewalzt, begreifen mag.

    Der Schreibjubel zeigt aber auch, wo all die netten, etwas in die Jahre gekommenen Musikkritiker stehen. Sie sind die wenigen, die wohl seit Jahren Rihm und Neue Musik im weiteren Sinne, am ehesten die üblichen Henze-, Rihm-, Lachenmann-, Cage-, Reich-, Widmann- und Pintscher-Aufführungen verfolgen. Das tun sie durchaus mit Elan und profund, halten in ihren Organen die Neue-Musik-light-Fackel hoch. Sie schreiben allerdings v.a. deshalb über jene Aufgezählten und noch ein paar Andere, weil sie „Neue Musik“ mit fast den gleichen Mitteln messen und bewerten, wie sie mit der traditionellen Musik gelernt haben.

    Wringt Rihm nun die alte Mottenkiste Romantik aus, kann man ihn feiern, als sei er Schostakowitschs, Henzes und Mahlers Enkel. Spielt dann noch dankenswerterweise Klassikikone Frau Mutter überhaupt Neue Musik, herrscht allseits Juchzen. Es ist ja auch so schööön, mag es sogar wirklich sein…

    Und da kommt der eigentliche Konfikt: mögen all die Eggebrechts, Schreibers, Kochs, Geitels, Spahns und Hagmänner überhaupt noch die einigermassen profunden Kenner, zurecht Grandeigneurs sein, sich im verschlankten Infotainment ihrer Redaktionen als Dinosaurier vorkommen, bedienen sie diese Presse-Unterhaltung genau mit den Formaten, wie die Politikjournaille: die wringt jede umfallendes-Fahrrad-in-China-Neuigkeit oder millionste Eurountergangsmeldung aus. Da herrscht gleichsam Ödnis im Neue-Musik-Neuigkeiten-Markt. Wringt nun Rihm seinerseits seine Romantikauseinandersetzung aus, hat man plötzlich eine Nachricht im Rang von Angela-Merkels Bayreuth-Kostüm.

    Wirklich geile Strukturmusik, die dem Kenner auch ohne eingebaute Witze ein nirvanisches Lächeln abverlangt, die vielleicht auch nur Komponisten als Hörer entziffern können, die hat dagegen keinen Aufmerksamkeitswert. Und wenn alle Erleuchteten auch „Ahhh“ seufzen mögen – den Kochs wie Hagmännern und Co entgeht es. Rihms Musik mag im Gegensatz zu Untergangsmalereien der Politik eine „bonne nouvelle“ sein. Eine wirklich gute Neue Musik-Nachricht über Strukturgeilheit wird nicht mal in Donaueschingen auffallen.

    Und deshalb muss man seine Musik wohl einerseits mit romantischen Versatzstücken garnieren, andererseits hier und Humörchen einbauen, kleine Faust-aufs-Auge-Witze, dafür Hand-aufs-Herz-Strukturen subsubsubkutan verschleiern. Die haben dann nur als superernste Programmheftnotiz eine Chance auf Aufmerksamkeit, was für ein Treppenwitz! Solange Schreibende über Neue Musik allerdings aus der hehren Klassikecke kommen, gibt es nur Freude über Rihmschen Mutterkuchen. Und wenn die Bezeichnung „Humor“ fällt, erkennt man seine popkulturelle Ader, die leider auch nur auf den Jazz- oder Hiphopklischees, wie sie Bravos für Senioren vermitteln, also wie NDR-/ZDF-Kultur oder 3sat Kulturzeit, also auch wieder was für eine breite Masse.

    Witz in der Neuen Musik und die Auseinandersetzung damit hat was von Eltern pubertierender Kinder, die mit diesen über deren Interessen reden wollen, deren beste Freunde sein wollen und ihren ehemals zu ihnen aufschauenden Kleinen jetzt sowas von peinlich sind. Und wie nett, dass man immer noch zum ewig Neuen-Einfachen Rihm aufblicken kann…

    Gruß,
    Alexander Strauch