Ferientagebuch II (Claptrap/Neue Musik ist tot)

Am 10. 8. 2011 in Aarup, Dänemark

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Es regnet immer noch. Das ist gut für die Bäume und Pflanzen.

Neulich sah ich auf 3sat „Beethoven entdecken“ – ein gelungenes Beispiel für misslungene Musikvermittlung. Ein Altersweiser und ein Wichtigtuer.

Hier ist ein schöner Trailer: http://www.youtube.com/watch?v=Cu-M7HfFqic

Ich sach nur: da-da-da, ba-ba-ba-ba, di-da-di-da-di-da, bub-bub. Wie die beiden sich so neckisch anlachen. Hat nichts mit Beethoven zu tun, aber viel mit Selbstdarstellung. Später fand ich dann auf Youtube noch folgenden Kommentar zu Nonos „Non Consumiamo Marx“:

„The Emperor has no clothes. The composer has no skill. Why would anyone call this music an experience they want to repeat? This is claptrap.“

Schließlich sah ich mir folgendes Papstvideo an (steht hier stellvertretend für die wetterbedingt empfundene Leere):

http://www.youtube.com/watch?v=We471ja8_7w&feature=related

Am Anfang und am Ende bellt im Hintergrund ein Hund. Bei 3:05 schreit im Hintergrund die letzte Hexe auf dem Scheiterhaufen vor dem Castel Gandolfo. Dann las ich Moritz‘ Blogeintrag „Neue Musik – wozu?“.

Am 14. 08. 2011 in Kopenhagen, Dänemark.

Ich muss ständig an die komische Idee von den Vorträgen in Donaueschingen denken. Ich frage mich „Vorträge – wozu?“. Ich finde irgendwie, dass ist ein letztes Drehen der Roulade im eigenen Saft. Andererseits vielleicht eine nette Idee? Noch ein bisschen mehr Selbstdarstellung vorm Hengstler? Davon gabs in Donau-E. sonst ja immer so wenig.

Am 20. 08. 2011 im ICE 577

„Neue Musik – wozu“ verfolgt mich immer noch. Ich bin irritiert. Woher der Rechtfertigungsbedarf? Sind wir im Krieg? Sollen wir einen anfangen? (Schließlich sprechen die ja von „Interventionen“ auf den Donaueschinger Musiktagen 2011).      Sollen wir das Hengstler besetzen? Oder sprengen? Schwingt in dem Aufruf nicht der Verdacht einer Bedrohung mit? Aber die Bedrohung gibt’s doch gar nicht.

„ … Sinn und Zweck der Neuen Musik stichhaltig zu untermauern.“

Gegenüber sich selbst? Rechtfertigung ist auch Selbstvergewisserung. Andererseits brauchen wir ja auch den ständigen Diskurs. Machen wir hier im Bad Blog ja ständig. Das hier ist eine einzige Liebeserklärungsintervention. Komisch, dass das dann aber so oft nicht gewollt ist. (Kommt vielleicht von der falschen Seite?).

Am 21. 08. 2011, wieder in Frankfurt am Main

Ich glaub ich weiß jetzt, was mich an dem Interventionsaufruf stört: ich sehe darin den Versuch, den Diskurs zu institutionalisieren. Dabei müssen die Institutionen brach liegen, damit in ihnen etwas wachsen kann. Sie müssen ein Feld sein mit einer Leine darum, wo dann wachsen kann was will und was sich durchsetzt. Wenn der Bedarf bestanden hätte, dann hätten sich schon längst Leute vor dem Hengstler oder wo auch immer aufgestellt und was gesagt. Das kommt von alleine, wenn es gebraucht wird. Dabei ist Donaueschingen ja nicht der Ort, an dem diese Zwischenrufe irgendeinen Widerhall finden könnten, denn da laufen ja eh nur Fanatiker rum. So verkommt der Diskurs zur sinnentleerten Show. Vielleicht ist Show ja nicht schlecht? Aber daran haben die zum Aufruf Aufrufenden vermutlich gar nicht gedacht.

Ich habe den leisen Verdacht, dass sich in dem Aufruf die Ahnung widerspiegelt, dass Donaueschingen und die Neue Musik überflüssig geworden sind. Das ist nichts Bewusstes, sondern nur eine kleines unangenehmes Kribbeln beim Hören des neuen Stücks von XY. Warum sitze ich eigentlich hier und tu mir das an? Sollen es mir doch andere sagen! Und es ist ja auch so: Donaueschingen hat NULL Relevanz, Neue Musik ist überflüssig, Neue Musik ist tot. Es lebe die Musik!

Ich muss jetzt auch an meinen Freund G. denken, der immer gegen die Subventionen von Opern wettert. Sein Argument ist das Argument Vieler: wenn die Leute nicht hinwollen, brauch man die Häuser nicht künstlich am Leben halten. Ganz so weit würde ich nicht gehen, aber irgendwie ist was dran: die Kultur wird sich ihren Weg suchen. Sie wird nicht sterben, wenn die Institutionen tot sind. Der Tod der Institutionen wird nicht sinnlos sein. Wir sind alle Opportunisten und gehen den Weg des geringsten Widerstands. Deshalb werden ja in Donaueschingen noch Stücke gespielt: weil es bequem ist. Bald werden wir uns das nicht mehr leisten können. Ich glaube, dass wird gut. Wenn es Donaueschingen nicht mehr gibt, müssen wir endlich was Neues machen. Das ist doch spannend.

Vielleicht ist das eine überzogene Kritik an „Neue Musik – wozu?“. Vielleicht handelt es sich auch einfach um ein witziges Begleitprogramm. Lustig wird’s bestimmt. Mal sehn, wer sich meldet.

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1 Antwort

  1. TT sagt:

    Ich und meine Compagnons und, wenn du magst, lieber Mathias: auch du!! – wir müssen uns den Aufgaben die der Herrgott uns stellt eben stellen und etwas auf die Beine stellen.
    Es kann nicht immer nur darum gehn, was in deinem grünen Kopfe rumwächst, nein: es gibt auch so was wie ästhetische (und drum ja auch: politische) Missionen, die erfüllt zu werden: Trachten.

    Ich verweise hierin auf meine Keyboard-Kapelle:
    http://diewucht.wordpress.com/

    MfG
    Tamara Tatsch

    „So wie ein Hengstler sich auf die Hinterbeine stellt, wenn er denn wiehert: so auch wir!!“ (Wappenvorschlag / (Skizze))