Sommer in Berlin

So fröhlich der Titel klingt, so ekelhaft kann das sein, was dahinter steckt. Na, auf jeden Fall ist es ja der Fall, also, der Sommer. Will heißen: Es ist Sommer. Und wenn man in Berlin ist, kann man doch wohl mal schreiben: „Sommer in Berlin“, oder? Man könnte natürlich auch schreiben: „1000 g mittelfrisches Schweinemett auf ex.“ Oder: „…im weitesten Sinne finde ich es immer noch superbescheuert, dass musikalische Werke mit drei Punkten geschrieben werden und es hört verdammt noch mal nicht auf und jedes dieser verdammten Stücke ist schlecht…“. Zurück zum Sommer. Es ist ja „Sommer in Berlin“ (also, jetzt so im Sinne von: Mitte-Ende Juli – ja was eigentlich? – mit Standort: Berlin. Deutschland. Hauptstadt. Größte Stadt von die ganze Nation).

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Es sind Touristen in der Stadt. Es ist alles voll davon. Und es kann so verdammt ekelhaft sein. Tourismus ist an sich schon eine ekelhafte Sache. Aber ganz ganz besonders widerlich ist es, wenn man arbeitet, man verläßt seinen Arbeitsplatz („Arbeiten dort, wo andere Urlaub machen.“) und dann stockt es sofort, weil irgendwelche Touristen halt einfach mal stehenbleiben. Direkt vor einem. Weil sie irgendetwas überdenken müssen. Wohin sie jetzt eigentlich genau wollen. Ob sie schon einen Sonnenbrand haben oder ob sie jetzt, da sie vor dem „Augustiner“ am Gendarmenmarkt stehen, in Betracht ziehen, ob sie sich eine fette Wurst in ihre häßliche Fresse reinziehen. Eigentlich wollte man sich ja gesünder ernähren, aber jetzt, wo da so schön steht: „Weißwurst – Original Bayerisch!“, egal, fack, komm, ich will da jetzt rein. Muss was essen. Hallo? Kommst du jetzt bitte?

Dann sitzen sie draußen. Und wenn man, „aus beruflichen Gründen“, beispielsweise selbst – wie gestern – mit einem weltberühmten Regisseur draußen sitzen muss, weil es halt etwas zu besprechen gibt und es ist ja ach so gottverdammtschönes Wetter, dann wird man alle zehn Minuten angebettelt und alle fünf Minuten fährt so ein Fahrrad für zehn Leute herum, auf dem Bier ausgeschenkt wird und oben dran steht die Internetadresse des Anbieters, www.bierbike.de oder so. Als Kulturmensch schämt man sich alle fünf Minuten für irgendetwas am Gendarmenmarkt, obwohl es doch angeblich der schönste Platz Berlins ist. Nicht im Sommer, liebe Freunde, nicht im Sommer. Es ist die Pest. Da, wieder ein Fahrrad mit betrunkenen Wichsern, deren größte Freude es ist, sich in der Öffentlichkeit zu besaufen, denen nichts peinlich ist, die privat aber sowas von piano leben, ihre Frau schlagen und es schon längst bereuen, irgendein häßliches Kind, das Pia Sophie Amelié Schrappkuweit heißt, gezeugt zu haben. Aber sie sind halt mal so richtig locker, wenn sie mit ihren Jungs auf Sauftour gehen.

Dann fährt man nach Hause. Immer noch voller Scham. Mit der S-Bahn von der Friedrichsstraße nach Charlottenburg. Die Leute unterhalten sich in einer Lautstärke, die eigentlich Schreien bedeutet. Aber sie schreien nicht. Das ist noch viel lauter. Ich kann das gar nicht ausdrücken. Es ist laut und respektlos. Und es hat mit Kunst überhaupt nichts zu tun. In der tollen Kunst-Stadt Berlin. Das ist einfach… äh… das ist einfach nur super-super anstrengend, verdammt. Fack!

Alle kommense nach Berlin. Alle Touristen wollen jetzt ja in diese kunstboomende Stadt. Die haben irgendwo gelesen, dass es ganz billig hier ist. Dass man in der Öffentlichkeit Alkohol ohne Ende trinken darf. Dass es hier suuuperlocker zugeht und einem alles scheißegal sein kann. Alles super billig. Hier kann ich ein paar Tage richtig scheißgeil Party machen, mich zulaufen lassen ohne Ende und habe noch nicht einmal viel Kohle ausgegeben. Hammer.

Aber warum kommense denn nach Berlin? Weil es in Berlin extremst kulturell zugehen soll. Das hat ihnen irgendjemand gesagt. Hier gibt es Kultur. Und es stimmt ja. Es gibt in Berlin einen Ort, an dem man, wenn man sich herumdreht, drei Häuser auf einmal sehen kann, in denen es Opern gibt. Wer diesen Ort findet, ruft mich an, ich komme vorbei und gebe einen Latte aus. Ha. Na, ist ja auch egal. Das Ding ist nur, dass die Touristen, sind se denn mal da in Berlin, sich einen Scheiß für Kultur interessieren.

Denn im Sommer gibt es keine Kultur in Berlin! Freunde, kapiert das endlich! Kommt doch so ganz sensibel verstreut über die Saison nach Berlin, liebe Touristen, ja? Dann lieben wir euch auch wieder und ich schreibe nicht so untalentierte Dreckstexte daher, weil ich halt mal wieder einen Text schreiben muss, ja?

In der Saison gibt es richtig schön Kultur. Ganz regulär. Jedes der großen und kleinen Häuser hat geöffnet. Wenn ihr im Sommer kommt, ich weiß: Ferien sind im Sommer am längsten; das lässt sich aber auch anders einrichten!, also, wenn ihr im Sommer kommt, dann gibt es hier nur etwas, was man euch, liebe, saudumme Dreckstouristen, als Kultur verkauft. Und das ist ein Riesenunterschied! Nur, das rafft ihr natürlich nicht, so saudrecksdumm wie ihr seid, lederhautsonnenverbrannte Gehirnlosfettschweine! Im Sommer gibt es hier nur Classic Open Air am Gendarmenmarkt und Klassik Open Air – ja, richtig, ein Unterschied, haha! – in der Scheißkulturbrauerei in Scheißprenzlauerberg.

Prenzlauer Berg. Elend der Menschheit. Scheißkessel des dummherumlabernden Menschen. Endmaschine aller großen Kunst. Unmöglichmacher kreativen Denkens. Beschissene Dreckspfützvernichter aller guten Dinge.

Hier versammeln sie sich. Die Touristen und die Menschen, die hier wohnen. Dazwischen gibt es gar keinen Unterschied. Denn hier wohnen nur Zugezogene. Vor allem Schwaben, die ihre Geizigkeit, ihren ekelhaften Dialekt noch kultivieren und sich daran gehirnlos und häßlich erfreuen. Und ihrer Freundin, die sie aus Steuergründen und Mitleid geheiratet haben, Kind an Kind machen. Paul Luca Finn.

Sonntag bei Sonne im Mauerpark. Bombe drauf, alles wäre gut. Vorher sollte man sich das aber noch einmal anschauen. Zehntausende Menschen gehen tatsächlich bei brennender Sonne in diesen Scheißmauerpark und… Ja, nichts. Nichtstun mit kulturellem Anschein. Es beginnt von der Südseite mit einem Flohmarkt, auf dem sich diese Scheißmenschen drängen und schauen und gucken, ob sie irgendetwas finden. Und währenddessen denken sie: Oh, voll alt hier alles. Voll schön. Schau mal. Voll nostalgisch. Dann gehen sie weiter, kommen an häßlichen Basketballspielern vorbei, die sich so richtig toll fühlen, weil sie in brennender Sonne Streetbasketball spielen und dann erhebt sich da so ein Berg, auf dem Hunderte, vielleicht fast tausend Menschen in Anführungsstrichen sitzen und Karaoke machen. Irgendso ein Ami hat nämlich ein Fahrrad da immer aufgestellt und einen Bildschirm mit Sonnenschirm und halt so eine Karaokemaschine. Und dann singen da Leute irgendwelche Lieder und die ganze Menge singt mit und erfreut sich an ihrer Sonne, an der guten Stimmung, an dem Frieden unter den Menschen, an ihrer verbrannten Haut, ihrem Scheißleben, ihrem Versagertum. Das ist Prenzlauerberg, das ist der Mauerpark, das ist der Sommer in Berlin. Und wir finden uns dabei so geil, die Sonne scheint und schau mal, überall diese Künstler hier. Da, ein Pärchen mit weißen Anziehsachen macht so ein bisschen Akrobatik. Sieht zwar wie ein schiefgegangenes Kamasutraexperiment aus, egal, voll schön. Applaus. Da, ein kleine Puppentheater für die Kleinen. Da, eine Scheißecke zum Pissen. Denn Toilleten, das ist echt voll der Nachteil hier, hihi, gibt es hier nicht.

Halt nur überall Scheiße, die mit Berlin an sich nichts zu tun hat. In einem Stadtteil, der nach der Wende aufgehübscht wurde, in dem sich dann ganz viele Leute eingenistet haben, weil sie dachten, es sei toll hier. Weil sie dachten, hier wohnen die Künstler. Aber hier wohnen nur Scheißgehirnlose, die halt mal auf ganz locker machen. So riiichtig locker. Denn wir sind total undeutsch, ja. Wir sind tolerant, auch wenn es nicht stimmt, wir sind friedlich, wir sind an Kunst interessiert. Wir sind aber auch scheißdumm, frustriert, verschuldet, erbarmungslos unkreativ, schnell zufrieden und superverlogen.

Kultur macht Sommerpause. Und die Touristen und die Zugezogenen feiern Berlin als Ort der Kultur. Ohne zu wissen, dass es im Sommer keine Kultur gibt. Waldbühnenkonzert. Ich würde gerne den riesigsten Eimer mit Kotze da reinschütten. Ihr intoleranten Scheißer, die ihr glaubt, dass man unbedingt dahingehen muss, weil man so richtig locker sein und seine häßliche Familie mitbringen darf. Dürft ihr auch übrigens mitten in der Saison in der Philharmonie. Nur ihr kapiert das nicht, weil ihr Angst habt. Ihr geht da echt jedes Jahr hin und lasst euch von künstlich verstärkten Orchesterinstrumenten, es gibt nichts Ekelhafteres!, verarschen. Ich glaube es nicht. So scheißdumm kann niemand sein. Ich bin wirklich fassungslos. Ja, weil es so ein tolles Ritual ist. Wenn es so toll ist, warum dann nicht alle zwei Wochen? Ein Orchester-Abonnement kann so erotisch sein. Und ihr geht in die Waldbühne. Ja, toll, einmal im Jahr! Seid ihr auch nur einmal im Jahr zärtlich zu eurer Frau oder was?

Bald ist der Sommer vorbei. Und dann sind die Touristen wieder zuhause. In Schwaben, Schweden, Norwegen, England, Japan oder auf dem Prenzlauer Berg. Und da sind es dann vielleicht sogar wieder ganz normale, liebe Menschen. Und eben keine verdreckten Scheißschweine mehr.

Und wenn der Sommer vorbei ist, dann kommt das Niveau wieder zurück.

Nach Berlin.

Zu mir.

Arno Lücker wurde 1979 in Braunschweig geboren. Seit 2003 lebt er in Berlin. Dort arbeitet er als Moderator und Dramaturg. Er ist Künstlerischer Leiter der Astronomie-Musik-Reihe "Himmlische Partituren" im Zeiss-Großplanetarium Berlin, arbeitete für das Konzerthaus Berlin, das Brucknerhaus Linz und viele andere, schreibt Programmtexte für zahlreiche Orchester (Wiener Philharmoniker, New York Philharmonic), macht Konzerteinführungen in der Elbphilharmonie Hamburg, der Kölner Philharmonie und anderswo. Außerdem ist er Bad-Blog-Autor der ersten Stunde und arbeitet als Kurator für die Musikstreaming-App IDAGIO.

7 Antworten

  1. Radiowaves sagt:

    Oh ja… 1993, als man im Prenzlauer Berg noch beim Räumen der Alteinwohner war, hatte der Erfurter Brachialpoet Vicky Vomit bereits seine Erfahrungen mit Berlin gemacht:

    Vicki Vomit – Sommer in Berlin

    Sommer in Berlin is jut,
    falls man ihn überleben tut.
    Die Sonne brennt ganz furchtbar heiß,
    selbst in der U-Bahn riechts nach Schweiß.
    Wie taumeln schläfrig durch den Smog,
    Ich will nach Haus ich hab kein Bock.
    Nur der Liebe Gott guckt munter
    durchs Ozonloch auf uns runter.

    Sommer in Berlin, selbst die Döner werden grün.
    Sommer in Berlin, die Spree riecht nach Urin.

    An der Prenzlauer Allee
    ich in ’ner Abgaswolke steh.
    Wer zu Fuß geht der ist schlau,
    laß dein Auto stehen im Stau.
    Bei Konoppke ums Eck,
    lauert schon ein Skinhead.
    „Eh Alter haste mal ’ne Mark?“,
    gib sie ihm, denn er ist stark.

    Ref.

    Sommer in Berlin,
    die schöne Mauer ist hin.
    Nun kann keiner mehr fliehen,
    Sommer in Berlin.

    Alexanderplatz zur Pause,
    Ansichtskarte für zu Hause.
    Mutti mach dir keine Sorge,
    In Berlin ist alles knorke.
    Bei Mc Donalds war’n wir zechen,
    danach mußte ich erbrechen.
    Wir tranken blauen Würger,
    Ich bin ein Hambürger.

    Ref.

    Ist das Dein übelkeitserregender Berlin-Sommer?

    Als Wochenend-Berliner ein Tip von mir: Innenstadt komplett meiden, raus in die Natur, an die schönen Seen im Umland. Da verirren sich die Touristen nicht hin, auch nicht die, die ganzjährig im Prenzlauer Berg wohnen. Das ist viel zu weit draußen („jwd“) und außerdem gottlob nicht angesagt. Man muß dann halt nur mit dickbäuchigen Köpenicker FKK-Anhängern im Alter 60+ leben, die auf der Wiese liegen und die Junge Freiheit lesen. Aber das ist ja leise. Und die Natur entschädigt. Versprochen.

  2. @ all, @ Arno,

    meinste vielleicht, hier in Düsseldorf oder in anderen
    dt. Großstädten sähe das fundamental anders aus oder hier wären die Leute (Sommers wie Winders…) „kultureller“ drauf (ob Touris oder nicht-Trouris)? Ääääh Alter! In BARLIN is wenigstens wat loos, nä? Oda?: Eine Sehenswürdigkeit neben der anderen, habt Ihr. Und die meisten Einwohner! Finanziell Arm, aber sexy. „Metropole“ halt… BERLIN, klingt nach wat: „Berliner Republik“, Weltmetropole – wie klingt dagegen Düsseldorf? Und [N.B.]: irgendwo müssen wir Wessies ja ma hin, um uns daneben zu benehmen und die Sau raus zu lassen ;-)

    Lustig find ich übrigens Deine germanisierende Schreibweise von „Fuck“ !
    Also: die Niveaulosigkeit wird eingedeutscht, weil das genau zu uns passt.

    Arnos Germanisierung des Wahnsinns?
    Oder nur vorübergehender Berlin-Blues?
    Taedium vitae?

    Ja, und irgendwann richten halt die Konzert- und Opernhäuser es sich ein – oder sollten es sich verdammtnochmal so einrichten – sich vielleicht dem Mainstream und der Touri-Stimmung „adäquat“ zu verhalten und in den Sommerschlaf gehen: einfach ganz zu machen und nichts mehr anbieten. Dann ist´s bald vorbei: Dann ist nur noch Sauf-Party, Fucking, Brüllen und Rotzen auf offener Straße angesagt. Soweit wird´s kommen. Wir vertieren alle.

    Dein Artikel hat gewirkt: ich WOLLTE eigentlich mal paar Tage nach Berlin fahren, bleib aber nun lieber gleich im
    Scheißdüsseldorf: „Ik hab noch einen Koffa in Barlin…“ (frei nach Hildchen)… Nostalgie. Och, ich glaub ich werd wieder schwach

    @ Radiowaves-Tipp am Ende: schwach werd ich und Sommer-Berlin-verführt, wenn ich z.B. an ebenjene Seen bei Euch denke: Aber dann schämt man sich schon so richtig als Wessi (Perdon Touri.. ;-) ), wenn man dahin raus fährt, weil man denkt, man müsste doch eigentlich „Kulturtripp“ machen oder „DIE Stadt genießen“, wenn man schon mal im Sommer in Berlin ist… Und was macht man?: Man lässt man sich von der „langweiligen“ Natur inspirieren. Ohne „Flasche Pommes Frites“ […ach is das laaaangweilig].

    Doch sowas haben wir hier nicht! Sechs-Seenplatte bei Duisburg – schön und gut: aber das alles ist soo scheiss-angelegt: alles nur Baggerseen. Ergebnisse der Naturausbeutung: künstlich, grün veralgt, alle 10 Meter „Baden verboten“-Schilder aber trotzdem sind da die [alle drei Worte nur „Hey Altaaa“ ausstoßende und auch in der S-Bahn gröhlend-saufende] Rotzlümmel in ekelhaft angloamerikanischen Boxershorts, entweder Sonnenstudio-gebräunt [weil es hier mehr Tiefdruckgebiete gibt] – oder aber mit Pavian-roten, Sonnenverbranten Rücken, die sich rücksichtslos in die Grünspann-Fluten stürzen…Und alles dazu noch nach Enten- und Hundescheiße stinkend! Vor lauter Tauben- Entenscheiße oder Menschenpisse sind die Seen längst um gekippt.

    Aber trotzdem ists hier im Sommer umgekehrt: hier kommen alle Scheißfamilien oder halt die Scheißjuppis in die sogenannten „Nah-Erholungsgebiete“ – raus zum See! Was rückschlüsse darauf zulässt, wie es hier im Sommer in den Städten aussieht… „Pack die Badehose ein, nimm dein schickes iPod-lein…“ Viel besser ist auch das Rheinufer nicht: in der Altstadt, am Rhein Inline-Skater auf der einen Seite, RUMSBUMS-Rheinkirmes auf der „richtigen“ (linken) Rheinseite…

    Scheiß Natur! Scheiß Kirmes!
    Ich lobe mir Herbst und Winter, da kehrt hier in die umliegenden Pseudo-Erholungsgebiete wieder Ruhe ein
    und man kann dann einen kl. Spaziertripp wagen.
    Und die Städte bleiben unverändert kulturlos, Neue-Musik-los… – bis auf wenige Ausnahmen, aber für die lebt man weiter…

    ;-)
    Arno, lass Dich/lasst Euch alle nicht unterkriegen,
    genießt trotzdem den „Touri“-Sommer und das Scheiss- (Nichts-halbes und nichts Ganzes-)Wetter: ist inspirierend, wenn man da kontraproduktiv denkt und sich kreativ dran abarbeitet…Romantisch denken halt…Vielleicht mit einer Mischung aus Schumann, Xanakis, Ferneyhough, Lachenmann und Rihm drauf reagieren…

    Querstand, berichte mal aus München … ;-)
    Wir sollten ne Sommerekel-Scheissverlogenheits-Städteportrait-Serie hier machen …

    Et hät noch immer „jot jejange“…
    Grüße, Euer Rheinländer

  3. querstand sagt:

    Ersetze Prenzlauerbg. mit Schwabing, und Du hast die münchnerische „Lockerheit“! Ein Widerspruch par excellence. Locker ist man in Monaco di birra nur Ende September: besoffen wildfremden Menschen locker um den Hals fallen dumpfe Gröhllieder lallend oder locker mal die Sollbruchstelle des Krughenkels am Denkorgan eines zufälligen anderen Gegenübers ausprobieren.

    Aber diese „ey alder, hastma ne fluppe“-coolness alias Lockerheit, ewiges Feiern über alle Zeit-Grenzen hinaus, Grillen auf jeder freien Isar-Kiesbank mitten im Altstadtbereich – da gleichen sich Prenzlauerkreuzfriedrichhainsberg mit Schwabingerglockenbachhaidhausenauweiagiesing wie aus dem Ei gepellt. Das Erschreckende ist, dass die Leute wirklich nichts mehr interessiert als dieses massenhafte Beisammensein. Jetzt zur Frauen-WM oder sonstigen sportlichen Public-Viewings versammelt man sich weniger aus sportlichem, halbwissenden Interesse. Nein, es geht vordergründig nur ums gemeinsame Jubeln.

    Zugegeben – immer noch besser als Blog-Bashing oder After-Game-Prügeln! Der lobotomische, leergrinsende Feierblick, absolut drogenfrei, nur eben mal mit Bierflasche in allen Händen und Hosentaschen, der langweilt republikweit.

    Die Feierstolperschwellen sind aber auch extrem dicht gesät: Strassenfeste, zeitgleich mit wochenlang in sozialen Haupt-Netzwerken angekündigten Opernhausbesetzungsflashmobs, CSD, Oper für Alle, Klassik am Platz hinterm Drückebergergasserl alias Odeonsplatz oder auch am Neo-Biotop-Königsplatz, langsamst schlürfenden Japanern, Radlwege verstopfenden Flip-Flop-Ami-Touris auf geradelten Sight-Seeing-Parkcours, Gasteig-Feiern sowie all den Baustellen an undenkbaren Lochwerdungswunderplätzen – der ganz normale sommerliche Wahnsinn auch in meiner Stadt.

    Aber lieber solch ein Gefeire als jubelnde Massen am Wegesrand, wenn Soldaten marschieren, Knabenchöre zu Exekutionen jubilieren, Parteien sich selbstverherrlichend in Paraden, etc. Lieber diese leere Enge als asiatische Metropoleneinwohnerdichte. Es steckt wohl immer noch der alte Germane oder Kelte in uns: auf einer Lichtung ein kleines Dorf, wo man gröhlen und saufen kann, nur die Rehe im Wald ringsum störend, und danach die Stille jener Forste geniessend. Leider sagen sich Fuchs und Hase weder am Marienplatz noch am Alexanderplatz heute „Gute Nacht“: so ist man als Grossstädter zu all den Wahnsinnsundingen verdammt – oder man zieht in die Uckermark oder in Gegenden hinter Zwiesel. Oder man geniesst sogar diese tumben Massen, zwängt sich selbst mal auf den jubelnden Gärtnerplatz oder an den Mauerpark: wie wir seit Tykwers „Drei“ wissen sind die dortigen Laiensportler alle bisexuell, segeln auf Yachten, sind Professor und singen in Chören zu Museumseröffnungen zu Verdrehungen irgendwelcher Waltz-Truppen.

    Da bevorzuge ich eindeutig nur den Ballspieler – die gesamte andere Berliner Hochkultur kann mir gelinde gestohlen bleiben, ausgenommen hier und da ein wenig Neue Musik… Aber mal ehrlich: die im öffentlichen Raum leicht lächerliche Lockerheit ist als Macher-Macho-Coolness in all den Projekterln Berlins einfach nur noch peinlich: Frau Waltz, Herr Flimm samt Barenboim, Frau Harms, die operare-Bahnhofsperformances, das Peymann-Gedröhne, die Schlingensiefrestseiferei. Alles sehr viel, aber inhaltlich sehr dürftig! Hier in München ist dies auch nicht anders, jubelt das Kulturreferat höchstselbst über diese pseudo-Kreativquartierbesetzungen, fröhnt schenkelklopfend reinen Impro-iPad-Konzerten. Die Menge macht’s eben nicht allein! Vielleicht beim harmlosen Kollektivmassenjubel, aber noch lange nicht bei massenhaften Gieskannensubventionsprojekten, die sowieso auch nur um ihr Überleben netzwerken und nur peinlicher als wirklich künstlerisch wirken…

    Fazit: mal wieder mehr den Menschen als solipsistischen, leicht depressiven Individualisten mit komischen Ideen in den Mittelpunkt schieben als all die friedfertige Coolness, die selbst Endvierzigern noch die Basecape verkehrt herum aufs Hirn presst, letzthin selbstironisch bei Arno Lückers Kanada-Fotos zu bestaunen, grad mal so ein bisschen um die dreissig…

    Gruß,
    A. Strauch

  4. querstand sagt:

    Blog- zu Berlinbashing, dazu geronn mir der letzte Beitrag. Aber irgendwie macht’s Spass, der Bundeshauptstadt ein’s auszuwischen, dem arm-aber-sexy-Bild den Lack zu rauben. Berlin ist natürlich andererseits immer wieder wunderbar, aufregend, ideenausblubbernd. Die Provinzialität dieser Weltcity und die totale Selbst-Überschätzung und Fehleinschätzung von Produkten ihrerselbst, die angeblich so big-business im Kreativbereich sein sollen, das ist oft erschreckender als eben in München, wo man eine gewisse Provinzposse von vornherein vermutet. Selbst Paris, London, Barcelona wirken im Widerspruch Provinz-Mondial nicht so krass! Da drängt sich am ehesten ein Vergleich mit Peking, Moskau und Istanbul auf, was Überheblichkeit und Rasenmähermethoden betrifft…

    Nix für Ungut,
    A. Strauch

  5. @ Alexander,

    Du Münchner Schlitzohr… Host di doch net ganz getraut, Berlin für seine berühmt berüchtigte coole Aroganz und das ewige „Touristen-bleibt-doch-zu-Hause“-Jammern zu „bashen“ ? … ;-)

    Liebe Grüße,
    Erik

  6. Bekehrter sagt:

    Ah-ja, die Waldbühne. Die ganz vorbildlichen Leute gehen da ja am 16. August hin, um Anna und Erwin mit Mikro singen zu hören. Für geschmeidige 142 bis 460 Euro, wie ich gerade sehe. Aber das ist eben Hochkultur, nicht wahr? (Nicht lachen. Ich dachte noch im letzten Herbst, dem wäre halt so.)

    Was Berlin an sich angeht: Da gibt es wirklich viele wunderbare Flecken, zu denen sich kein Tourist verirrt. Auch wenn man nun leider niemandem mehr empfehlen kann, sich am Ostkreuz auf die Spitze des Bahnsteigs A zu setzen und dem Sonnenuntergang zuzuschauen.

    Und was nun wiederum die Touristen angeht: Gibt es eigentlich irgendeinen Ort, an dem das schlimmer ist als in Dresden? Und da wiederum auf dem Theaterplatz? Man vermag es sich kaum vorzustellen.

  7. Radiowaves sagt:

    Oh ja, Ostkreuz, Bahnsteig A. Schon wieder knapp 2 Jahre her, daß es da zuende ging. Ich war nie ein Freund un-itakter Dinge, aber dieser Ort hatte es mir dann doch angetan. Man sagt, auf den Kontrollbildschirmen der Kameras (zur Zugabfertigung, denn da oben war schon lange kein Personal mehr) hätte man nachts des öfteren Füchse mit ihrem Nachwuchs sehen können. Selten bin ich dort je ausgestiegen und wenn, dann war ich sauer, daß ich jetzt runterlaufen muß, um weiterzufahren.

    Am letzten Abend war ich dort, mit Kloß im Hals. Ich bin in den letzten Zug gestiegen, der dort überhaupt hielt, um eine Station weiter auszusteigen und gegenüber den allerletzten Zug zurück zu nehmen, der dort je mit Fahrgästen langfuhr. Ich war bei weitem nicht allein. Jemand hatte sogar zum Abschied eine Rose an das Dienstgebäude gesteckt und einen kleinen Dank dazu:

    http://www.baureihe101.de/blog/wp-content/bilder/ostkreuz_ende/rose_ostkreuz.jpg

    http://h4.abload.de/img/ripostkreuzbahnsteiga12tpb.jpg

    Die alten Fotos, die man findet, haben etwas von einem wunderbaren Frieden und schier endloser Zeit – mitten in der Großstadt:

    http://lostkreuz.de/2009/05/ankunft-auf-gleis-2/

    Und um nach all dem wieder den Bogen zur Kultur zu bekommen: nicht weit vom Ostkreuz war auch mal ein Ort der Kultur: das Funkhaus Nalepastraße. Auch schon lange Geschichte.