In der Fremde (4a): Benjamin Schweitzer in Finnland

Benjamin Schweitzer

Benjamin Schweitzer

Der Komponist Benjamin Schweitzer ist für die regelmäßigen Leser dieses Blogs ebenfalls kein Unbekannter – schon oft hat er sich in den Kommentarspalten zu verschiedenen Themen geäußert. Benjamin ist aber auch ein profunder Kenner der finnischen Musikszene und war daher für mich erste Wahl, um über seine musikalischen Erfahrungen in diesem Land zu berichten.

Benjamin studierte in Lübeck und Dresden (bei Wilfried Krätzschmar und Jörg Herchet) und gründete das Ensemble Courage, das er auch viele Jahre dirigentisch leitete. Schon froh zog es ihn – aus Gründen die er gleich näher erläutern wird – nach Finnland, wo er sich intensiv mit der Sprache und der Kultur auseinandersetzte. Bis heute ist er als Übersetzer finnischer Schriften tätig, z.B. auch Opernlibretti und musikwissenschaftliche Texte. Seine Werke umfassen Kammer- und Ensemblemusik wie auch Opern („Jakob von Gunten“, nach Robert Walser). Er ist auch sehr aktiv als Lehrender, bei zahllosen Kursen im In-und Ausland ist er gern gesehener Dozent, ebenso ist er als Diskussionspartner oder Vortragender bei Kongressen gefragt. Benjamin setzte sich auch schon sehr früh für Kollegen ein, z.B. organisiert er regelmäßig Konzerte mit Aufführungen oder leitete (zusammen mit mir) lange Jahre die „Pro Klassik“-Initiative und informierte über GEMA-Anträge. Bei all diesen Aktivitäten bleibt er immer gelassen und zugänglich und behält vor allem immer seinen sehr angenehmen trockenen Humor.

Auch er hat sich wie Sandeep Bhagwati so ausführlich mit meinen Fragen beschäftigt, dass ich seinen Text ebenfalls in zwei Teilen veröffentlichen werde. Besonders interessant ist seine Beobachtung, dass Finnland trotz verheerender wirtschaftlicher Probleme zum Beispiel in den 90er Jahren stets an seiner breitenwirksamen Kulturförderung festgehalten hat, eine Entscheidung, die sicherlich dem Land nur genützt und nicht geschadet hat und zeigt, wie sehr Kürzungen bei uns in Wirklichkeit mit Paradigmenwechseln und nicht mit echten Notwendigkeiten zu tun haben. Deutsche Politiker sollten sich daran ein Beispiel nehmen – leider sind sie aber durchschnittlich weniger gebildet als z.B. in Finnland…

hier also Teil 1:
(Moritz Eggert)


1) Was hat Dich damals bewogen, dich mit Finnland auseinanderzusetzen? Waren es musikalische oder private Gründe, oder einfach nur Neugier auf eine andere Kultur?

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Die privaten Gründe waren jedenfalls lange vor den musikalischen Gründen da – ich habe schon als Kind fast jeden Sommerurlaub in Finnland verbracht. Später hatte ich dann den Wunsch, auch mal im Alltag dort zu leben und nicht nur im Urlaub, in der Stadt und nicht auf dem Land, und die Sprache zu lernen. Für mich war schon deshalb klar: wenn Auslandsjahr, dann an der Sibelius-Akademie. Aber ich wollte auch Paavo Heininen, dessen Musik ich schon länger kannte, persönlich kennenlernen und mit ihm arbeiten.

2) Was würdest Du als die gravierendsten Unterschiede zwischen der deutschen und finnischen zeitgenössischen Musik(szene) beschreiben? Welche Probleme gibt es / was ist besser (in Finnland)?

Das ist gar nicht so leicht zu beantworten, weil oberflächlich wenig bis gar keine „gravierenden“ Unterschiede zu erkennen sind. Da die Differenzen vergleichsweise fein sind und die finnische Musikszene in Deutschland eher nur schlaglichtartig bekannt ist, lohnt es sich vielleicht, die Verhältnisse und einige Hintergründe etwas umfangreicher zu erläutern.

Gesellschaftlicher Hintergrund

Zunächst einmal muss man sich vor Augen führen, dass das Land bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts eine weitgehend agrarisch geprägte und nicht sehr wohlhabende Gesellschaft war und auch heute nur die Hauptstadt(region) eine Großstadt im mitteleuropäischen Sinne ist. Diese ist (wie auch die wenigen anderen größeren Städte) durch massive Landflucht innerhalb kürzester Zeit enorm gewachsen, aber eine breitgefächerte und auch sichtbare Vielfalt von (urbanen) Kulturen und Lebensentwürfen entwickelt sich in Finnland verstärkt erst seit den 1990er Jahren. Die Bevölkerungsstruktur ist noch recht einheitlich – zumal es bis vor wenigen Jahren kaum Migration aus anderen Kulturkreisen gab –, die Gesellschaft eher etatistisch verfasst und deutlich vom skandinavischen Wohlfahrts- und Konsensgedanken, protestantischer Arbeitsethik und einer stärkeren Regulierung des Alltagslebens geprägt. Finnland erscheint in vielerlei Hinsicht (Bildungssystem, Gleichberechtigung, Technologie) nach außen hin sehr fortschrittlich, aber im Grunde ist das Land eher konservativ. Der Bereich der Sub- oder Alternativkultur ist zwar angesichts dessen überraschend reichhaltig, aber rein zahlenmäßig doch sehr überschaubar. Allein schon die hohen Lebenshaltungskosten zwingen Künstler eher in institutionalisierte Arbeitsverhältnisse.

Musikleben und seine Strukturen

In Finnland wurde seit dem Ende des 19. Jahrhunderts systematisch ein beachtliches Musikleben aufgebaut (übrigens lange von deutschen Modellen beeinflusst; Deutschland war und ist auch immer noch ein bevorzugtes Studienland finnischer Komponisten, wenn sie ins Ausland gingen). Das Niveau der musikalischen Ausbildung ist entsprechend hoch; das Netz von Orchestern, Festivals und Musikschulen, zumal im Verhältnis zur kleinen Bevölkerungszahl, beeindruckend. Das Repertoire ist dabei nicht immer besonders innovativ, allerdings gibt es durchaus erfreuliche Ausnahmen; das hängt wie überall auch von bestimmten Akteuren und rührigen Initiativen vor Ort ab. Ich würde sagen, dass die Wertschätzung von Musik (wie von Bildung generell), nicht zuletzt auch von musikalischer Ausbildung unterhalb des professionellen Levels, in Finnland weniger Gegenstand von Sonntagsreden und dafür mehr selbstverständlicher und unangetasteter Bestandteil der Alltagskultur ist. Jedenfalls hat die Wirtschaftskrise, die Finnland Anfang der 1990er durchgeschüttelt hat (und verglichen mit der die letzte Rezession in Deutschland ein mildes Lüftchen war) im Musikleben – wie auch sonst im Kultur- und Bildungsbereich – keine katastrophalen Kürzungen zur Folge gehabt.

Der Musikbetrieb erscheint mir allerdings stark akademisiert und institutionalisiert. Es gibt in keinem Bereich eine wirkliche Konkurrenz zur Szene in der Hauptstadt, obwohl viele strukturpolitische Maßnahmen gegen den zwangsläufigen Zentralismus ergriffen wurden, der sich auf alle Gesellschaftsbereiche erstreckt. Tampere, Turku und Oulu, die nach dem Hauptstadtkonglomerat nächstgrößeren Städte, haben zwar alle sowohl entsprechende Institutionen (Universität, Konservatorium, Orchester usw.) und auch eine wenig Alternativkultur, aber keine eigene zeitgenössische Musikszene. Das macht die „Neue-Musik-Szene“ sehr viel übersichtlicher und enger; im Grunde gibt es fast nur die Wahl zwischen dem Versuch, sich im teuren und überlaufenen Helsinki durchzusetzen oder gleich ins Ausland zu gehen. Karrieren in der Provinz oder von dort aus sind die absolute Ausnahme – diejenigen Komponisten von überregionaler Bedeutung, die nicht in der Hauptstadtregion wohnen, kann man an den Fingern einer Hand abzählen. Dass immer wieder dieselben Persönlichkeiten in ähnlichen Zusammenhängen auftreten, ist in einem so kleinen Land ohnehin kaum zu vermeiden; Komposition auf Hochschulniveau kann man nur an der Sibelius-Akademie studieren. So ist die einzige Musikhochschule des Landes das „Nadelöhr“, durch das fast alle Komponisten (und natürlich auch die meisten Interpreten) hindurch müssen; nur ganz wenige waren mit dem Versuch erfolgreich, diese Norm zu durchbrechen. Dafür sind die Wege auch im übertragenen Sinne kürzer, die Kontakte direkter und die Hierarchien flacher.

Etablierte Konzertreihen mit moderner Musik, die kontinuierlich über die ganze Saison hinweg präsent sind, gibt es in Finnland nicht; hier teilen sich die Aktivitäten in Einzelveranstaltungen und Festivals auf. Bei den vielen Musikfestivals wird durchaus partiell auch Modernes gespielt; auch wenn die Programmpolitik eher vorsichtig ist, kann man durchaus die Tendenz erkennen, zeitgenössische Musik stärker in nicht-spezialisierten Zusammenhängen aufzuführen.

Festivals mit internationaler Ausstrahlung, die sich ausschließlich zeitgenössischer Musik widmen, gibt es bei strenger Betrachtung dieser beiden Kritierien im Grunde nur zwei: Das kleine, aber sehr lebendige und traditionsreiche „Time of Music“ in Viitasaari wurde explizit mit dem Ziel gegründet, mitten auf dem Land sowohl (junge) finnische Komponisten als auch internationale Moderne zu propagieren. Das ist vielleicht so ein bisschen wie Witten in klein, wenn sich für eine Woche in einer Kleinstadt ein Großteil der Szene trifft – aber landschaftlich natürlich sehr viel reizvoller, mit Badesee und Festivalsauna. „Time of Music“ war und ist einer der wenigen Orte, an dem regelmäßig ausländische aktuelle Musik auch jenseits der absolut bekanntesten Namen aufgeführt wurde, aber eben nur in Kammermusikformaten. In Helsinki gibt es das Festival „musica nova“, das zwar größer dimensioniert ist, dafür aber nur alle zwei Jahre stattfindet. Interessant ist, dass beide Festivals relativ junge Komponisten als künstlerische Leiter haben: in Viitasaari ist das Perttu Haapanen (*1972), „musica nova“ hat Johan Tallgren (*1971) übernommen. Verglichen mit Deutschland, wo Komponisten kaum unmittelbaren Einfluss auf die Programmpolitik der großen Festivals haben, schon gar nicht solche der jüngeren Generation, ist das schon ein signifikanter und meines Erachtens positiver Unterschied.

Was die Ensembles angeht, sind die Strukturen in Finnland eher schütter. Selbst das etablierteste und größte Ensemble, „Avanti!“ (gegründet 1983 u.a. von Esa-Pekka Salonen), spielt nur etwa ein Dutzend Konzerte im Jahr und hat keine festen Musikerstellen. „Avanti!“ gilt als DAS finnische Ur- und Erstaufführungs-Ensemble, inzwischen sind die Programme allerdings gediegener geworden. Das Ensemble hat immerhin ein kleines eigenes Festival in Porvoo, östlich von Helsinki. In der nächsten Generation gibt es das Ensemble „Uusinta“, Ende der 1990er gegründet, das sich stärker der Musik jüngerer Komponisten widmet, aber sich noch mehr von Projekt zu Projekt hangelt. Darüber hinaus existieren einige ad-hoc-Formationen oder Projektensembles.
Im Vergleich mit Deutschland muss man also konstatieren, dass es auf der Seite der Interpreten zeitgenössischer Musik an Strukturen fehlt, die der systematischen Förderung und Ausbildung der Komponisten schon rein zahlenmäßig entsprechen würden. Der Kreis der regelmäßig aktiven, kompetenten Musiker, die für wirklich avancierte Musik brennen, ist sehr klein. Kaum ein auch nur halbwegs größer besetztes Ensemblewerk wird nach seiner Uraufführung je wieder gespielt. Das Missverhältnis zwischen Uraufführungen und Wiederaufführungen kennen wir ja auch, aber in Finnland scheint es mir noch viel extremer zu sein.

Opernhäuser mit komplettem Saisonprogramm gibt es in Finnland naturgemäß nicht viele. Da die meisten Kompanien nur wenige Produktionen im Jahr auf die Beine stellen, sind Aufführungen zeitgenössischer Opern in voller Besetzung sehr selten (geworden) und auf massentaugliche, zugkräftige und entsprechend wenig innovative Stoffe und Musiksprachen beschränkt. Im Bereich Kammeroper und Musiktheater für Kinder gibt es einige interessante Initiativen auf Projektbasis.

Der finnische Rundfunk mit seinem sehr leistungsfähigen Sinfonieorchester gibt immer noch einiges an Orchesterwerken in Auftrag. Die Sendezeiten für zeitgenössische Musik unterscheiden sich aber nicht sehr von denen in Deutschland. Auch bei den anderen Orchestern findet man bisweilen ein gewisses Engagement für zeitgenössische (natürlich auch hier überwiegend finnische) Musik. Von einer gewissen Größe an haben alle Orchester regelmäßig einen (finnischen) composer-in-residence. Von einer festen Verankerung zeitgenössischer Musik aller Stilrichtungen und Generationen im Repertoire der Orchester kann aber dennoch auch in Finnland keine Rede sein. Ein interessantes Konzept sind die sogenannten „Rumpforchester“, die aus einem kleinen Stamm von Profimusikern bestehen (oft zugleich Pädagogen), der projektweise (auch mit Amateurmusikern) bis hin zur Sinfonieorchesterstärke ergänzt werden kann. So haben auch kleinere Städte oder ländliche Regionen „ihr“ Orchester, aber in eine flexible und natürlich kostengünstigere Struktur eingebettet. Das ist ein Modell, das man auch in anderen nordischen Ländern findet, und das ich für sehr vernünftig halte. Diese Orchester beschränken sich aber naturgemäß weitgehend auf traditionelles Repertoire.

Der Bereich der Musikverlage ist in Finnland ziemlich rudimentär. Es gibt nur einen größeren Verlag, ein traditionsreiches Haus, das, im 19. Jahrhundert unter dem Namen Fazer gegründet, lange erfolgreich und eigenständig arbeitete, in den 1990ern aber von Warner geschluckt und wieder ausgespuckt und schließlich finnische Dependance des schwedischen Gehrman-Verlags wurde. Jüngere, avancierte Autoren erscheinen in diesem Verlag, der noch viele der großen älteren Namen vertritt, nur wenige. Dafür ist das finnische Musikinformationszentrum (FIMIC), das u.a. von der finnischen Urheberrechtsgesellschaft TEOSTO und dem Komponistenverband getragen wird, zugleich quasi als Verlag tätig. Hier wird praktisch jede in Finnland komponierte Note aller Genres archiviert, und das FIMIC geht sehr großzügig mit gedrucktem Informations- und Aufführungsmaterial um. Schon ganz jungen Komponisten dient diese Einrichtung als Multiplikator, vor allem für internationale Interessenten.

(Ende Teil 1, Teil 2 folgt in 3 Tagen)

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