Siemie und Aribert

Reimann

Sicherlich polarisiert auch dieser Siemens-Preisträger, aber auf eine Weise, die dem Preis eigentlich gut tut, denn niemand wird Aribert Reimann absprechen können, in seinem Leben Bedeutendes geschaffen zu haben. Dass dieses Werk in gewisser Weise ein Unikat, ein Solitär ist, tut dessen Qualität keinen Abbruch. Reimann kennt keine Imitatoren, aber viele Bewunderer. Seine Opern werden gespielt, gar umjubelt, was auch damit zu tun hat, dass sie auf sehr distinguierte Weise dem entsprechen, was sich viele unter „anspruchsvoller Musik“ vorstellen. Wenn diese sich mit einer gewissen artifiziellen und kunstvollen Aura umgibt, kann sie akzeptiert werden, auch von Menschen, die sich so etwas nicht freiwillig anhören würden. Und wenn Reimanns Musik eines ist, dann dieses: artifiziell und kunstvoll.

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Im Moment erlebt Reimann die öffentliche Wahrnehmungswende zur breiten Anerkennung, die vor einigen Jahrzehnten auch Hans Werner Henze zuteil wurde, als er plötzlich vom immer wieder auch angefeindeten „Verräter an der Moderne“ zum Doyen der Neuen Musik wurde, zum „Großen Alten“, zum Vorbild für die Jungen, zum Wegbereiter für Neues. Auch Reimann ist – und das zeichnet ihn aus – immer wieder seinen eigenen Weg gegangen. Er hat sich an keine Schule gehängt und hat sich den traditionellen Erfolgswegen verweigert. Mit Matthias Pintscher teilt er die „fehlende Aufführung in Donaueschingen“, und auch mit Darmstadt hat ihn nie viel verbunden. Seine Entscheidung, seinen Lebensunterhalt auch als Liedbegleiter der größten Sänger der letzten Jahrzehnte zu verbringen, war eine kluge, denn einerseits war er dadurch stets der geliebten Musik nahe, und andererseits erlangte er die für einen Komponisten so wichtige Freiheit. Anders als Henze – der dies gelegentlich auch ungern tat, aber als notwendig empfand – hat Reimann aber nie Komposition unterrichtet, was gerade angesichts der Tatsache, dass er für viele Kollegen immer eine stets ansprechbare Vaterfigur war und ist, eigentlich schade ist.

Ich erinnere mich gut an seine Uraufführung von „Bernarda Albas Haus“ an der Münchener Oper, die einige als die entsetzlichste, die anderen als die schönste aller je von ihnen gehörten Opern bezeichnen. Das ist schon mal eine tolle Leistung! Tatsächlich ist die Wucht mit der Reimann in diesem Stück die höchsten Regionen der Frauenstimme auf die Hörer einprasseln lässt, von archaischer Gewalt. Ja, es wird einem irgendwann zuviel, ja, vielleicht ist es „hysterisch“ (wie es Christine Lemke-Matwey gerade wieder in einem Interview mit Reimann andeutete), aber es ist gleichzeitig eine großartige und mutige künstlerische Enstscheidung von fast gnadenloser Konsequenz, eine Grenzerfahrung für den Hörer. Man kann dieser Oper nicht neutral begegnen, nicht im Sitz gelangweilt zusammensinken, es ist eine fast existentielle Erfahrung, diese Musik zu hören (und zu singen). Und unglaublich passend zum Stoff, dieses Händchen hatte Reimann – belesener Literaturliebhaber – schon immer.

Reimann ist aber kein Sängerschinder, sondern ein Sängerfreund. Tatsächlich gibt es wohl kaum einen Komponisten moderner Musik, der so viel um die Möglichkeiten der Stimme weiß und nicht gegen sondern für diese Möglichkeiten schreibt. Davon können wir alle lernen. Seine metikulösen Melismen sind im Grunde nichts als eine direkte Brücke zu seinem geliebten Schubert, der auch die instrumentalen Fähigkeiten der Stimme besonders schätzte und einsetzte.
Es ist aber eben diese Virtuosität im Umgang mit Koloraturen und Verzierungen, die natürlich auch eine Gefahr der Reimannschen Musik birgt. Manchmal tut sich eine gewisse Kälte auf, hinter der sich Reimann zu verstecken scheint, aus der heraus er aber jederzeit auch wieder auftauchen kann. Immer aber interessieren ihn seine Figuren mehr als autobiographische Motive, dies verwirrt viele, denn Reimann gibt sich selten preis, macht sich selten verwundbar. Dies ist einer Vorsicht geschuldet, die gewiss Teil Reimanns Charakters ist. Sein Impetus ist aber ein zutiefst poetischer, auch wenn der Autor Reimann sich oft zurücknimmt. In den besten Fällen begegnet Reimann dieser Gefahr schlicht und einfach mit Inhalt – mit Anspruch, den man böswillig auch bildungsbürgerlich nennen kann, der aber aus Reimanns musikalischen Werdegang etwas ganz und gar Verständliches ist. Reimann ist kein arroganter Dandy, der mit seinem Wissen hausieren geht. Seine Durchdringung und Faszination von Charakteren aus antiken Dramen wie auch Weltliteratur ist keine Pose sondern echtes Bedürfnis, das merkt man Reimann in jedem Moment an.

Spät am Abend spielt man seine Musik. Anna Prohaska (mit großem Ausdruckswillen und stimmlicher Schönheit), Jörg Widmann (vorher von „El Presidente“ Dieter Borchmeyer als „einer der größten Komponisten unserer Zeit“ angekündigt, die Klarinette souverän in höchste Höhen treibend) und Ariberts langjähriger Vetrauter und Erbe seiner Liedklasse Axel Bauni (virtous das Innenleben des Flügels erkundend) musizieren gemeinsam seine Musik. Es hat schon etwas verdammt Edles, wie die drei das machen, fast wünschte man sich die Unschärfe, das Scheitern, aber nein. Musik von kristalliner Schönheit, fast durchgehend einstimmig gedacht und nur in der Verwebung gelegentlich so etwas wie einen harmonischen Raum umschreitend.
Vorangegangen waren die Förderpreisträger (durchweg hervorragend musiziert), Reden in denen merkwürdigerweise ausgerechnet Lachenmann Reimann gegenübergestellt wurde, wohl als „hermeneutischer Kniff“ oder so ähnlich. Das obligatorische Adornozitat des Abends erklang auch, in Minute 73:46. Dennoch aber: viel Herzlichkeit. Selten erlebte man eine Siemensfeier mit so wenig Gehässigkeit. Reimann hat seinen Preis gespendet – alles Geld geht in musikalische Stiftungen für die Förderung des Liedes und des Nachwuchses. Auch das: typisch Reimann.

Der Bad Blog gratuliert!
Patrick und Moritz auf dem Weg nach draußen. Im Hintergrund viele Menschen. Ein authentisches Tondokument

Moritz Eggert

2 Antworten

  1. peh sagt:

    wenn nur die hälfte dessen, was du hier über „der aribert“ (stephan m.) gesagt hast, in der laudatio von stephan m. so prägnant gesagt worden wäre, der abend wäre kürzer, kurzweiliger und erkenntnisreicher gewesen.

    und wir hätten früher den damenstrumpf auf dem treppenabsatz finden können. hoffe, heute abend dazu zu kommen unsere fußballreportage durchzuhören…

    „heuristischer vergleich“ war übrigens, glaube ich, der ausdruck für den ungeheuer lustigen witz: neulich traf ich, auf allen vieren, am küchenboden, nein, nicht john cage, sondern – kunstpause – helmut lachenmann.

  2. querstand sagt:

    1.) Reimann hat offiziell nur eine Liedklasse inne gehabt. Dennoch hatten einige KomponistInnen privat Unterricht bei ihm: Bose und Seither… Mag es mehr Fortbildung gewesen sein, Unterricht gab er.

    2.) Irgendwo las ich von der Konnektiertheit solcher Preise wie dem Siemenspreis. Manchmal kommt es einem schon so vor, dass der Wert als Komponist weniger vom Geschriebenen abhängt als all den Honoratioren gewisser Juries und ihres Umfelds, wo das des Siemens-Musikpreises garantiert dazugehört. Ohne die Kuratoriumsrücktritte zum Eigenerhalt des Preises zu wiederkäuen, ohne an der Wichtigkeit der reinen Geldmittelgabe für Festivals, Künstler wie Projekte zu zweifeln: ein wenig mehr Offenheit würde sich lohnen. Man kann ganz offiziell Anträge für Projektmittel stellen. Sieht man allerdings wie gerne auch Konzerte mit Musik von Jury-Mitgliedern gefördert werden, wo diese ggf. sogar noch selbst mitwirken, wie die Förderpreise mit den Biennaleprogrammheften in Einklang stehen, wäre eine häufigere Kuratoriumsneubesetzung doch mehr als wünschenswert.

    3.) Lachenmann wurde hier ja immer wieder als Paradebeispiel für die Selbstbezogenheit der Neuen Musik angeführt. Dabei übersieht man aber immer wieder, wie offener er geworden ist, spätestens seitdem er selbst eine Oper zu Ende brachte und nun um den Wahnsinn eines solchen Unterfanges weiß. Es kursieren doch auch immer wieder Stories, wie er sich z.B. für Peter Kiesewetter interessierte, wie er auf Aufführungen zugunsten anderer Kollegen verzichtete, wie er sich aus den Polarisierungen in den 90ern um Boses postmodernen Schlachthof und sein Mädchen zurückhielt, wie er sich wohl selbst mit Henze letzthin aussprach, wie er Reimann durchaus schätzte. Die Klischees bzgl. ihn: ab in die Mottenkiste.

    4.) Irgendwie gehen mir diese Wünsche nach Superfrauen auf Treppenabsätzen auf den Geist. Wann ist die Rede mal von hübschen Männern? Manchmal sind Heten einfach öde Chauvies…