Martern aller Arten in Marzahn, Teil 3: Jetzt wird’s ernst!

Leider ist die Sache drohende Kürzung des Jugendorchesters der Hans-Werner-Henze Musikschule Marzahn-Hellersdorf noch nicht ausgestanden. Wie ich soeben erfahren habe, ist die Beschneidung auf die Hälfte oder 1/4 der Arbeitszeit aller Beteiligten, die mit der Organisation des Orchesters zu tun haben, schon beschlossen und scheinbar nicht mehr abzuwenden. Je mehr man sich mit der Sache beschäftigt, desto mehr wird eine Bezirksposse der verfehlten „Kulturpolitik“ offensichtlich, die schier unglaublich ist.

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Fassen wir noch mal die wichtigsten Punkte zusammen:

1) Da ist also ein fantastisches und in ganz Deutschland einzigartiges Jugendorchester in einer kleinen Musikschule in Berlin entstanden, dessen innovative und künstlerisch wertvolle Arbeit auch im Dienste zeitgenössischer Musik überregional höchste Anerkennung erfährt. Genau in der Mitte der Planungen für die tollsten Konzertprojekte, u.a. eine Reise nach Salzburg, für die es schon Zusagen und genaue Terminplanungen gibt, soll die Leitung des Orchesters in ihren Kapazitäten so beschnitten werden, dass man diese Konzerte absagen müsste. Der Jahresetat soll von 40.000,-EUR auf 26.000,-EUR gekürzt werden. Kurz gesagt: Auf dem Höhepunkt seiner Blüte wird das Orchester ohne Not beschnitten und effektiv lahmgelegt. Man kann es dann auch gleich auflösen.

2) Das Orchester entstand vor allem durch die Initiative der Jugendlichen selber, sie waren Mitbegründer und sie haben an diesem Erfolg großen und verdienten Anteil, daher wäre es auch Pflicht der für die drohenden Kürzungen Verantwortlichen gewesen, die Jugendlichen in die Gespräche über die Zukunft des Orchesters miteinzubeziehen. Dies ist nicht geschehen – alle Entscheidungen über die Zukunft des Orchesters sollen nun also von Leuten getroffen werden, die weder mit der Gründung des Orchesters noch mit der Durchführung der aktuellen Projekte auch nur im Geringsten etwas zu tun haben. Inzwischen haben sich die Orchestermitglieder deswegen selber organisiert und wehren sich gegen diese Fremdbestimmung von oben (siehe unten).

3) Die Musikschule trägt seit einigen Jahren den Namen „Hans-Werner-Henze-Musikschule“, um auf die Verbundenheit zu diesem Komponisten durch das Projekt mit seiner Oper „Pollicino“ hinzuweisen. Noch vor einem Jahr hat Henze in einem Brief an die Verantwortlichen seinen Dank für den damals gelungenen Erhalt des Orchesters ausgedrückt, jetzt sind es genau diese von ihm angeschriebenen Personen, die erneut einen Vorstoß zur Vernichtung des Orchesters unternehmen. Henze wird in den nächsten Tagen der Preis für sein Lebenswerk der GEMA in Berlin entgegennehmen – die Mißachtung seiner Person durch diese kleinen Lichter ist unwürdig, peinlich für Berlin als Kulturstadt und ein Skandal.

4) Auf perfide Weise wird vordergründig in der Lokalpresse lanciert, die Kürzung sei eigentlich notwendig, um mehr Kleinkindern Musik im Kindergarten nahe zu bringen. Auch wird dem Orchester vorgeworfen, es sei zu „ambitioniert“ und solle doch wieder kleinere Brötchen backen, so wie die meisten anderen Musikschulorchester des Landes. Dies ist pervers, da diese „Ambition“ von den Jugendlichen selber kommt und sie auch Modellcharakter für andere Musikschulinitiativen hat (es wäre ja schön, wenn es im ganzen Land mehr Orchester wie das Marzahn-Hellersdorfer gäbe!). Ist das also die neue lokale Kulturpolitik in Deutschland? Die selben Herren und Damen, die das gegen alle Widerstände und schwierige soziale Umstände entstandene Jugendorchester aus Venezuela beklatschen, verhindern in ihrem eigenen Land, ja vor ihrer eigenen Haustür (!) eine durchaus vergleichbare Initiative? Alles soll möglichst unauffällig bleiben? Nur nicht zuviel Kunst, zuviel Hochkultur?

5) Auch das Argument mit „Musik im Vorschulalter“ ist kaum haltbar, auch wenn gegen die Idee an sich natürlich nichts einzuwenden ist. Schon jetzt kämpft die Musikschule Marzahn-Hellersdorf darum, bestimmte Instrumente überhaupt noch adäquat zu unterrichten können, mangels Lehrkräfte und Etat. Das Orchester hat diesen Schwierigkeiten getrotzt und Kindern die Möglichkeit gegeben, sich in gemeinsamem Musizieren zu erproben. Dies geschah auch unter Mithilfe von professionellen Musikern aus den namhaften Orchestern und Musikhochschulen der Stadt und anhand jugendorchesterspezifischer Projekte.
Man muss sich das mal klar machen: während aus rein politischen Gründen Kinder in Kindergärten Instrumente in die Hand gedrückt bekommen, sollen den selben Kinder später – wenn sie diese Instrumente richtig erlernen wollen – die Möglichkeiten weggenommen werden, diese Instrumente tatsächlich zu spielen und Musik damit zu machen!!! Wie sinnlos das ist, muss jedem sofort klar werden, aber so ist sie halt leider oft, die lokale Bezirkspolitik, wenn nicht an die Zukunft und nicht an die Konsequenzen von momentan opportunen Entscheidungen gedacht wird.

Es ist jetzt wirklich an der Zeit, in die Offensive zu gehen. Daher ist es jetzt notwendig, dass sich überregionale Presse und Musikinstitutionen in Deutschland der Sache annehmen, die durchaus Potential hat, ein großes Politikum zu werden. Ich persönlich würde mir wünschen, dass den für die Kürzungspläne Verantwortlichen bald die Ohren schlackern vor lauter überregionaler Aufmerksamkeit. Daher hilft alles, Briefe, Artikel, Verbreitung über Facebook – ich bitte euch, helft mit, so wie es schon Alexander Strauch (querstand) getan hat. An wen Beschwerdebriefe zu richten sind, könnt ihr unten erfahren.

Und genau diesen Leuten sage ich: Menschen sind nicht „dumm“, weil sie aus ärmeren Haushalten oder „Problembezirken“ kommen. Alle Menschen haben ein Recht auf Bildung. Alle Menschen haben ein Recht darauf, dass sie besondere Leistungen vollbringen dürfen und dafür auch gewürdigt werden können. Was die Kinder und Jugendlichen aus Marzahn und Hellersdorf geleistet haben, ist etwas vor dem wir alle den Hut ziehen müssen. Es ist ein Lichtstrahl, etwas, das stärker ist als triste Architektur und fehlende soziale Perspektive. Dieser Lichtstrahl reißt den Himmel über Marzahn-Hellersdorf, ja über ganz Berlin auf und gibt den Menschen im ganzen Land Hoffnung.
Löscht diesen Lichtstrahl nicht – ich habe nichts gegen Plattenbauten, aber sehr wohl etwas gegen die Plattenbauten, die manche Leute in ihrem Herzen tragen.

Moritz Eggert

Liebe Redakteurinnen und Redakteure!

Wir sind das Jugendsinfonieorchester Marzahn-Hellersdorf und wir wenden uns an Sie mit einer großen Bitte: Helfen Sie uns, dieses außergewöhnliche Jugendorchester am Leben zu bewahren!
Seit diesem Dienstag steht fest, dass die Leitung der Musikschule, zu der unser Orchester gehört, ein neues Orchesterarbeitskonzept durchsetzen möchte.
Dieses soll bereits ab dem 1.April 2011 in Kraft treten und sieht massive Kürzungen der Orchesterarbeit vor.

Im Detail bedeutet das:

Die Registerproben sollen ab 1.4. um die Hälfte gekürzt werden.
Die bezahlte Arbeitszeit unseres Dirigenten Herrn Liebrecht soll um annähernd die Hälfte ab sofort (1.4.) gekürzt werden.
In Fall unserer Orchesterorganisation gibt es ab Oktober eine Kürzung der Arbeitszeit um die Hälfte.
Die Stelle, die für das Kopieren der Noten und das Notenarchiv verantwortlich ist, soll um ¾ gekürzt werden.
Des Weiteren dürfen wir nur drei Konzerte im Jahr spielen: Eins davon muss im Rahmen des Weihnachtskonzerts der Musikschule, ein weiteres definitiv im Bezirk stattfinden.

Unter diesen neuen Konditionen ist es unmöglich, das Orchester aufrecht zu erhalten, geschweige denn, das Niveau nicht verkommen zu lassen.
Das ist sehr traurig, haben wir doch bereits viele interessante Projekte gemeistert und weitere nicht minder interessante und anspruchsvolle vor uns.
Zum Beispiel haben wir erst letzten Oktober im Kammermusiksaal ein Konzert unter dem Motto „Unter Strom/ Wir bauen Musik“ gespielt, bei dem wir Werke für Trautonium auf- und uraufgeführt haben. Des Weiteren ist vor Kurzem eine CD mit der Ersteinspielung von Hindemiths „Plöner Musiktag“ von uns erschienen.
Was die Zukunft angeht, so stehen bereits zwei große Konzerte an: Zum einen im Juni mit der Salzburger Domkantorei im Berliner Dom, zum anderen im September mit dem Rundfunkkinderchor Berlin in der Basilika Waldsassen.

Ob diese Konzerte – und möglicherweise ein Konzert in Salzburg 2012 auf Einladung der dortigen Domkantorei – stattfinden, ist jetzt ungewiss.

Uns – den Orchestermitgliedern – ist es nicht nachvollziehbar, warum so ein außergewöhnliches Projekt wie dieses Orchester dermaßen beschnitten und zurückgestuft werden soll. Zumal das neue Konzept ohne Absprache mit denen, die wirklich etwas mit dem Orchester zu tun haben – dem Dirigenten und anderen beteiligten Lehrern – beschlossen worden ist.

Wir befürchten, dass der Bezirk Marzahn schon bald ohne diese kulturelle Institution auskommen muss, was sicherlich einen großen Verlust für das kulturelle Leben hier bedeutet.
Doch wir wollen es nicht dazu kommen lassen!
Bitte helfen Sie uns, Menschen überall von unserer Lage in Kenntnis zu setzen und so Unterstützer für dieses Orchester zu finden!

Ganz herzlich danken Ihnen
die Mitglieder des Jugendsinfonieorchesters Marzahn-Hellersdorf

Liebe Frau Moser!
Lieber Herr Richter!

Vor gar nicht allzu langer Zeit wurde während einer Orchesterprobe bekannt gegeben, dass das JSO eine Einladung nach Salzburg erhalten hat. Sie können sich sicherlich vorstellen, mit was für einer Überraschung und Freude wir – die Orchestermitglieder – diese Nachricht aufgefasst haben. Ein Marzahner Jugendsinfonieorchester in Salzburg – so was hört man nicht alle Tage!
Und trotz der hohen Anforderungen, die ein Konzert in dieser Stadt mit sich bringen mag, gab es unsererseits keine Stimme, die meinte, wir würde es nicht packen.
In der Tat: Wir haben bereits einige große Projekte gemeistert, auf die wir zu Recht stolz sein können. Jeder einzelne von uns hat sein Bestes gegeben und nicht wenige haben sich mit der Zeit zu kleinen Orchesterwarten und Musikinstrumenttransport-Kennern entwickelt. Einen enormen Anteil unserer Freizeit opfern wir dem Orchester – doch nicht, weil wir krampfhaft hochgesteckte Ziele erreichen möchten, sondern weil es uns Spaß macht.
Nicht zuletzt unserem Dirigenten und allen anderen am Orchester aktiv beteiligten Lehrern und Mitarbeitern ist es zu verdanken, dass der im Klangkörper vorherrschende Geist von ebendieser Natur ist. Abgesehen davon, dass sie die konventionelle Arbeit leisten wie (Register)Proben leiten, Notenmaterial beschaffen, Probenwochenenden organisieren, usw., motivieren sie uns immer wieder und vermitteln uns das Gefühl, dass wir alle – selbst diejenigen am letzten Pult der zweiten Geigen – wichtig sind.
Deswegen kam es für uns sehr überraschend, dass die Arbeit dieser Leute nun gekürzt werden soll. Denn aus der Sicht des aktiven Orchestermitglieds können wir mit großer Sicherheit sagen, dass das JSO unter den neuen Konditionen nicht funktionieren kann. Auch dann nicht, wenn man den Status dieses Orchesters zurückstuft und ihm nur zwei Konzerte im Jahr einräumt – was im Übrigen sehr traurig wäre, ist es doch keine Selbstverständlichkeit, dass der Bezirk Marzahn und die Musikschule Marzahn-Hellersdorf über ein so außergewöhnliches Projekt verfügen, das durch Rezeption durch die Medien und Konzertbesucher nur positiv auf diese verweist und eine Bereicherung des kulturellen Lebens im Bezirk ist.
Wir fänden es sehr schade, wenn das Orchester auf so interessante und lehrreiche Projekte wie eben Salzburg verzichten müsste und nur noch zwei Mal im Jahr (!) „von der Stange“ spielen würde, was letztendlich langsam aber stetig zum Auflösen des JSO führen würde.
In diesem Sinne bitten wir Sie, die geplanten Kürzungen in der Orchesterarbeit zurückzunehmen, damit diese wertvolle Kulturinstitution weiterhin erhalten bleibt.

Mit herzlichen Grüßen,
die Mitglieder des Jugendsinfonieorchesters Marzahn-Hellersdorf

Sehr geehrte Damen und Herren,
die Mitglieder des Jugendsinfonieorchesters Marzahn-Hellersdorf schlagen Alarm!
Mitten in unserem laufenden Jahresprogramm wurden entgegen allen Planungszusagen von Seiten des Bezirksamtes für Bildung, Kultur und Immobilienmanagement und der diesem unterstellten Musikschulleitung Kürzungen des Orchesteretats um mehr als 50% beschlossen. So soll ab dem 01.04.2011 die Arbeitszeit unseres Orchesterleiters Jobst Liebrecht halbiert werden. Ferner wird ab dem 01.10.2011 die notwendige Planungs- und Logistikarbeit von Herrn Sven Schabram um die Hälfte gekürzt. Die ebenfalls wichtige Arbeit der Notenmaterialbeschaffung und –pflege von Frau Karin Puppe soll zudem ab morgen nur noch 25% der bisherigen, aber im bisherigen Umfang notwendigen, Zeit und damit Vergütung betragen. Viertens sollen die Probenzeiten sowohl für Registerproben als auch Gesamtproben des Orchesters drastisch gekürzt werden.
Neben diesen Auflagen finanzieller Natur wird das Jugendsinfonieorchester Marzahn-Hellersdorf verpflichtet ab dem kommenden Jahr nur noch drei Konzerte zu geben, von denen zwei innerhalb des Bezirks stattfinden müssen. Damit können zum Beispiel unsere Planungen einer Einladung der Domkantorei Salzburg für den Sommer 2012 nachzukommen nicht mehr gewährleistet werden, sind realistisch betrachtet sogar unmöglich. Zudem wird das Orchester durch die Musikschulleitung aufgefordert auf die Einstudierung und Aufführung Neuer Musik und anspruchsvoller klassischer Orchesterliteratur zu verzichten und stattdessen leichte Arrangements zu geben. Damit werden der Lerneffekt und damit auch die Motivation der Orchestermitglieder sinken, wenn nicht sogar gänzlich vernichtet.
Ein in dieser Form einzigartiges Jugendsinfonieorchester-Projekt droht aus oben genannten Gründen nach fünfjähriger, mittlerweile auch international anerkannter, erfolgreicher Existenz zu sterben. Damit dies nicht geschieht und der als „Problemkiez“ deutschlandweit verrufene Bezirk Marzahn-Hellersdorf auch weiterhin durch positive Meldungen und Ereignisse in der Presse Erwähnung findet, bitte ich Sie als Unterstützung unserer Arbeit und als Solidaritätsbekundung Beschwerdebriefe an folgende Amtsträger zu richten:

1.) Frau Dagmar Pohle (Bezirksbürgermeisterin von Marzahn-Hellersdorf)
Büro der Bezirksbürgermeisterin
Alice-Salomon-Platz 3, 12627 Berlin

Dagmar Pohle
2.) Herrn Stephan Richter (Bezirksstadtrat für Bildung, Kultur und Immobilienmanagement)
Mark-Twain-Straße 27, 12627 Berlin
Stephan Richter
3.) Herrn Stefan Komoß (stellvertretender Bezirksbürgermeister und Bezirksstadtrat für Schule, Sport und Finanzen)
Alice-Salomon-Platz 3, 12627 Berlin
Stefan Komoß
4.) Frau Petra Pau (Vizepräsidentin des deutschen Bundestages und Direktkandidatin der Fraktion „Die Linke“ im Bundestag für den Bezirk Marzahn-Hellersdorf)
Wahlkreis-Büro:
Henny-Porten-Str.10, 12627 Berlin
Petra Pau

Freundliche Grüße von,

den Mitglieder des Jugendsinfonieorchesters Marzahn-Hellersdorf.

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1 Antwort

  1. Glaubte man noch vor einem Jahr, die Politik sei intelligenten Argumenten zugänglich, so darf man angesichts solcher Leute jede Hoffnung aufgeben.
    Diese handeln nur nach den Gesetzen von Machterhalt und Medienlogik.
    Jetzt, wo die erste Protestwelle abgeflaut ist, wird ein neuer Versuch unternommen den Jugendlichen das wegzunehmen (wegzustehlen), was ihnen wert und teuer ist: Kunst und Kultur.

    Die Damen und Herren Pohle, Richter, Komoß und Konsorten könnten sich vom Engagement der jungen Leute eine kräftige Scheibe abschneiden.
    Aber was kann man von solchen Polit-Gesichtern erwarten?
    Einen personifizierten Terroranschlag gegen Kultur und Demokratie!

    – wechselstrom –