Das Klo des Grauens – eine Tauchfahrt im Land der Grundmusikalisierung

Man traut sich ja kaum mehr: Moritz entwickelt sich hier zum Feuilletonisten! Wie macht er das? So viel zu schreiben und Klavier zu üben und, ach so, ja, zu Komponieren und Spiele zu testen und Konzerte zu geben. Sollte ich Weißbier trinken oder nach München ziehen? Egal: Beim Versuch, meine Gedanken und meine Papiere zu sortieren (und Bücherregale und Zettelberge) stolperte ich auf dieses unfertige Dokument aus der Vorweihnachtszeit. Eine Flaschenpost, wie immer. Daher kommt sie jetzt erst an.

Der Schock sitzt. Die Platinen mit Plastikhülle, die einen jungen Alteuropäer wie mich noch entfernt an ein Tasteninstrument namens Klavier erinnern, kosten exakt genauso viel wie der gleichfalls mit Platinen befüllte Kunststoffgegenstand, ein Kinderklo. Zu deutsch: Töpfchen.

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Nein, es ist nicht die Zeit für Sprachkritik, unnötig auch, wie wollte man gegen ein Heer von erzogenen Erzieherinnen, ernannten Tagesmüttern und sentimentalen Großeltern anstinken. Wer bei google ein Töpfchen sucht, sollte nach Töpfchen suchen und nicht etwa nach Kinderklo, Toilette oder gar Abort. Im Kinderzimmer lebt der mittelalterliche Nachttopf fort, gleich neben dem Kochtöpfchen aus der – ebenfalls Plastik – Kinderküche.

Wir bewegen uns in einer profanen Sphäre, die sich aufgrund ihrer permanenten – erzieherischen – Überhöhung der wahren Profanierung bereits wieder sperrt. Denn auch, wenn es hier um Absonderungen im speziellen Sinne geht – also genau um einen Bereich, der mit Giorgio Agamben gesprochen, der Schwelle zwischen Sakralem und Profanem angehört – den Spezialbereich der Defäkation, so bewegen wir uns längst in einem Bereich in dem die Dispositive der Macht in doppelter und dreifacher Weise zurückschlagen.

Es gibt bei Kindern diese Phase, und Eltern, die Remo Largos Standardwerke studiert haben, werden sie mir sicher erklären können – und zwar noch ein bisserl anders als Herr Freud – in der Kinder sich gern mit ihren Exkrementen beschäftigen. Erwachsene tun das auch, nur dann nennen sie das Aphorismus oder Tweet oder Blog oder wie auch immer. Jedenfalls versuchen die Kinder nach Agamben „einen neuen Gebrauch der Exkremente“ zu erlernen, „bevor die Repression und die Absonderung“ eingreifen. „Auch die Exkremente“, zitiert Agamben Italo Calvino, sind „ein menschliches Erzeugnis, nur dass es von ihnen nie eine Geschichte gegeben hat.“ Sein Vorschlag zur Profanierung: Lernen, mit den Absonderungen zu spielen, um sie damit einem anderen Gebrauch zu zu führen.

Damit sind wir bereits ganz nah an der nächsten Merkwürdigkeit, denn man darf nicht glauben, dass die Auswahl an Töpfchen im Drogeriemarkt oder beim „Babyausstatter“ am größten sei. Nein, Töpfchen gibt es zuhäufchen beim Spielwarendiscounter!

Erlange ich gerade einen Einblick in eine Art kapitalistisches Unbewusstes frage ich mich, als ich den abgesondert stehenden Spielzeugen der analen Phase gegenüber stehe: abgesonderte Absonderungseinheiten ehrlicher Kindexkremente? (Und manchmal auch, sprechen wir es hier einmal aus: forschender Kaki-Experimente?)

Es muss an Weihnachten liegen, an der Schneedecke, an der Streusalzkrise. Doch während ich noch meinen kulturkritischen Gedanken nachhänge, beginnt das Klo, dessen Rückenlehne das Profil eines Bärchens zeigt zu sprechen. Elfriede Jelinek selbst leiht dem Bärchentöpfchen ihre Stimme und spricht streng. „Hände waschen nicht vergessen!“ Und sobald die Sensoren von etwas berührt werden, was die Programmierer ihm beigebracht haben, als schaltkreisvernetzend zu begreifen, dann erklingt Musik, als hätte Super-Mario ein Sternchen gefressen. Wer komponiert eigentlich so eine Scheiße? (Wann kann man das mal ummetaphorisch so sagen?)

Und: ist das bereits die versprochene Grundmusikalisierung? Die ultimative Verbindung von vegetativem System und Trommelfellreizung? Oder scheint hier ein lohnendes Experimentierfeld auf, um den Versuch zu erbringen, dass die Liebe zur Neuen Musik durch behaviouristisches Training zu erbringen wäre? Ein mächtiges Häuflein, das vom Gesang der Jünglinge belohnt wird, zum Beispiel, ein Klopapierspender, der mit Mouvement – vor der Erstarrung reagiert und ein Spülvorgang, begleitet vom Marteau sans maître.

Ach, es wäre wohl doch kontraproduktiv. Es gibt nun einmal Musik, die Scheiße ist – und niemand würde widersprechen. Soll diese also weiterhin erklingen. Muss Elfriede Jelinek weiterhin loben und strafen, Super-Mario weiterhin „scoren“. Aber dass die „Grundmusikalisierung“ auf derart perfide, äh, fäkale Weise vorangetrieben wird. Das sollte den Deutschen Musikrat einmal auf den Plan rufen. Herr Präsident, vergessen Sie die Brille nicht.

Kinderklo mit Jelinek

Musikjournalist, Dramaturg

1 Antwort

  1. querstand sagt:

    gebrauchsmusik für wahrlich human-gebrauchtes… musik-missbrauch? moralstauch? nach dem trauerfall klingeltonkomponist nun kloschreiber? das meiste an neuer musik ist doch sowieso für die schüssel!? oder doch schublade? papiertonne? so wird auch nur wieder „hygienepapier“ daraus, treffen sich vergessene, recycelte stücke am musenklo, machen den kleinkindnutzer froh. wie wird dann die gema abgerechnet bei so häufiger nutzung, nach wasserzufuhr oder abfluss, wie beim brauchwasser. oder misst man die erfolgreich ausgedrückten grämmchen – je mehr, um so besser das sch…-stück?!?

    gute nacht,
    a. strauch