Philosophie des musikalischen Shreds

Wo wir schon bei dem sehr ernsten Thema „Humor und Neue Musik“ sind: Ja, Hape Kerkeling haben wir alle als Jugendliche gesehen, als Anfang der 90er Jahre seine Radio-Bremen-Produktion „Total normal“ in der ARD lief – und „Hurz“ ist unter Neue-Musik-Intellektuellen, falls es sie außerhalb meiner Wohnung überhaupt gibt, nun wirklich ausreichend durchreflektiert worden. Drum, ehrlich gesagt: mich langweilt dieses Thema in dieser Hinsicht schon etwas. Das ist für mich wie das Loriot-Gesamtwerk und „Dinner for one“ zu Sylvester: am besten mal zehn Jahre gar nicht sehen. Moritz Eggert ist in seinem letzten aber Beitrag zuzustimmen: wer parodiert wird, ist zumindest parodiewürdig. Wobei, das war Bruno Ganz auch, als ihn Dings in „Der Untergang“ nachäffte… So war es doch, oder?

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Das soll natürlich nicht heißen, dass Neue Musik von sich aus witzig ist. Überhaupt nicht. Das, also Neue Musik, ist ja meistens nach wie vor eine sehr ernste Angelegenheit. Und da, wo Neue Musik sich humorvoll gebärdet, ist sie sehr häufig auf humoristisch unterstem Niveau. Humor kommt in der Neuen Musik, so auf den einschlägigen Dorf-Festivals, nur deshalb so gut an, weil ihre Protagonisten – aus ihnen besteht zu 95 Prozent das Publikum, das unbedingt den Dorf-Festival-Chefs die Hand schütteln muss, um vielleicht endlich einmal im Programm berücksichtigt zu werden – in Wahrheit so unter dem Grau in Grau der Neuen Musik leiden, dass noch der schlechteste Alt-Herren-Schenkelklopfer dankbar angenommen wird. Ich zitiere: „Ha, ha, ha! Ha, hahaha, ha, ha, ha! Das war ja irre. Gehen wir noch einen Trinken?“

In Wahrheit dienen Neue-Musik-Festivals nämlich ausschließlich dem Alkoholabusus und der Kontaktaufnahme – zu deutsch: Flatrate-Saufen und Networking. Aber gut. Macht ja auch Spaß. Und muß sein. Ich meine das gar nicht negativ – denn das kann ich mir jetzt nicht mehr leisten. Ich finde alles ganz ganz ganz toll! Ehrlich!

Musikalischer Humor, Humor in der Musik – oder, bemühen wir nicht diesen von Jean Paul so tiefsinnig beleuchteten Begriff und sagen lieber: Witz, Spaß, Ulk gibt es im Zusammenhang mit Musik zur Genüge.

Für aktuell am witzigsten halte ich die Kultur des „Shreds“ auf dem bekanntesten Online-Videoportal. Davon war hier auch schon mehrmals die Rede. Heute muß ein bißchen Theorie her.

Was ist „ein Shred“?

Im Grunde gibt es diesen Begriff theoretisch so richtig noch nicht. „To shred“ heißt ja schlichtweg „zerfetzen“, „zerreißen“ – oder auch einfach „schneiden“.

Und da kommen wir der Sache schon näher.

Auf YouTube gibt es seit längerer Zeit schon eine wahre Shred-Kultur. Wie aber geht „Shred“? Wie kann ich das selber machen? Zuhause, jetzt, hier? Wie macht Oma Lehmann ihren ganz eigenen YouTube-Shred? Und welche Ausrüstung (zu deutsch: Equipment) braucht man?

Hier das Rezept – es möge zum Nachahmen anregen:

1.) Man braucht einen Musiker, den man entweder abgrundtief liebt oder über alles in der Welt hasst. Hassen oder Lieben: völlig egal. Am besten, der betreffende Musiker hat irgendeine Macke, schneidet Grimassen, macht pathetische Bewegungen oder ist einfach so cool, dass er sich beim Spielen seines Instruments gar nicht bewegt. Auch daraus lässt sich etwas machen.

2.) Dann benötigt man ein Video, das diesen Musiker bei einem Auftritt zeigt. Am besten mit Band (englisch: Orchester) im Hintergrund – wobei das die Sache langwieriger, aber auch lustiger macht, weil man den Band-Part nur dann kurz negativ „aufleuchten“ läßt, wenn ein Bandmitglied zu sehen ist.

3.) Wenn eine Band im Hintergrund zu sehen ist, braucht man allerdings mehrere Instrumente zu Hause. Nur eines – und zwar das des Solisten – sollte man selbst möglichst gut beherrschen.

4.) Dann braucht man ein Schneideprogramm zur Bearbeitung von Bild- und Tonspuren. Die gibt es legal als Freeware im weltweiten Netz oder illegal bei sogenannten „Saugprogrammen“. Außerdem ist ein möglichst hochwertiges Aufnahmegerät nötig. Das muß man sich allerdings selbst kaufen – mit echten Euros und so. Wahlweise klauen, klar.

5.) Nun kommt der komplexeste, weil künstlerisch und logistisch anspruchsvollste Part: die Herstellung einer eigenen Tonspur. Bei dem Versuch, den ich vor vielen Monaten in Sachen Shred unternahm (siehe unten), half mir mein Notebook, das ich auf mein Klavier stellen konnte, um so das ablaufende Video – natürlich auf „stumm“ gestellt – neu synchronisieren zu können. Hinzu kamen hier noch einige weitere Tonspuren, für – fehlenden – Applaus, altbewährte Hustgeräusche des schwachsinnigen und bald sterbenden Publikums und so weiter. Natürlich ist bei der Erarbeitung der neuen Tonspur auf größte Synchronität zu achten. Versteht sich von selbst.

6.) Die neu entstandene Tonspur muß nun im Computer mit der alten Bildspur vereint werden. Dann heißt es „Rendern was das Zeug hält“ – und hochladen auf YouTube.

Das bekannteste Shred-Video ist eine hervorragende Hommage an den Meister der Flamenco-Gitarre, Paco de Lucía. Hier das „Original“ und hier die großartige Paco-de-Lucía-Shred-Version, ein Klassiker der frühen Shred-Kunst, eine Art Leonin der YouTube-Epoche. Vor allem das „Trommel-Solo“ hat mir schon ganze Winternachmittage versüßt.

Beim Betrachten dieses Videos wird nun auch klar, warum ich bei Punkt 3 auf die instrumentale Virtuosität, die man selbst mitbringen sollte, verwies. Denn der Shred-König des Paco-Videos ist unzweifelhaft selbst ein Könner auf der Gitarre.

Was Rock und Pop angeht, ist die YouTube-Shred-Gemeinde reichlich und qualitativ oft sehr hochwertig bedient worden. (Ich selber kenne einen Rock-Gitarristen aus Berlin, der durchaus von der absolut unemotionalen Sorte ist, den ich aber bei der Vorführung eines Eric-Clapton-Shred-Videos vor Lachen Weinen gesehen habe). Die klassische Musik hat dagegen bisher nur wenige Shred-Würdigungen erfahren. Ich kenne sie alle. Und daher liste ich sie hier mit kleinen Kommentaren auf.

Wunderbar und eines meiner Lieblinge ist diese Alfred-Brendel-Beethoven-Hommage. Übrigens erschaffen von einem mir bekannten Pianistenkollegen, der über sein eigenes Instrument hinaus die Geige absolut glänzend bedienen kann.

Gleich danach kommen für mich diese und diese Ehrungen des großen polnischen Chopin-Interpreten Krystian Zimmerman.

Dieses Video (es wurde an dieser Stelle bereits einmal erwähnt) zeigt, wie Yo-Yo Ma, Itzhak Perlman und Anthony McGill bei der Amtseinführung Obamas spielten. Besonders beglückend sind die Momente der hier zu sehenden, herrlich kaputten Shred-Version, wenn Yo-Yo Ma sich mit zufälligerweise schmerzverzehrter Miene dem alten, guten Itzhak zuwendet, oder wenn Obama mit „kritischem Blick“ (in Wahrheit schien einfach nur die Sonne und er musste die Augen etwas zukneifen) zu den Musikern herüber schaut, scheinbar irritiert ob dieses zwielichtigen Avantgarde-Geräuschs.

Nicht zu verachten ist auch jener geshredderte „Zarathustra“, dirigiert von John Williams. Allerdings ein Spezialfall innerhalb unseres Shred-Theorieversuchs, denn hier wurde eine bereits bestehende Tonspur verwendet – und zwar, wie mir von Christian S. (Danke, lieber Christian) zugetragen wurde, die eines doch deutlich überforderten Jugendorchesters…

Mit am meisten lachen musste ich bei zwei weiteren bösen Liebeserklärungen an den – seihen wir ehrlich – technisch größten Geiger der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, Itzhak Perlman, nämlich bei dieser (Vivaldi) und dieser (Mendelssohn) hier. (Offenbar stammt die Tonspur ebenfalls aus einer Aufnahme mit schlechtem Jugend- oder Seniorenorchester und einem noch schlechteren – das muß man erst einmal schaffen! – Geigen-Solisten. Ich frage mich, ob das nicht sogar extra für YouTube angefertigt wurde, so synchron wirkt das Ganze… Absolut großartig.)

Schön (obwohl nicht originär der Kategorie „Klassik“, sondern „Horror & Splatter“, sowie „ZDF“ zugehörig), weil auch ein dankbares Opfer: Richard Clayderman.

Die jüngsten Shred-Versuche eines uns unbekannten Autors sind Martha Argerich gewidmet (hier und hier). Ganz nett, aber noch etwas unausgegoren.

Ebenso „unfertig“, weil eben nicht virtuos genug: Hamelins unfreiwilliges Weihnachtslied und, weil ohne orchestralen Kontext (Solo kann jeder, mein lieber Junge!), Shlomos Fingerübungen.

Auch ich habe bekanntlich 2009 versucht (ich muß dazu sagen: ich hatte nicht viel Zeit… es ginge im Grunde noch besser…), dem chinesischen Klavierspieler Lang L. seine Schumannsche „Träumerei“ kaputtzumachen. Die Kommentatoren würdigen dies aber nur zu einem Teil. Sie verkennen auch, dass ich im vollen Bewußtsein eine ihrer würdige „Beschreibung“ des Videos mitgeliefert habe („Lang Lang is playing the wonderful Traumerei from Franz Schumann. Awesome! It was an encore for the legendary recital in the Carnegie Hall in London. Enjoy it!“). Schade.

Und wo bleibt die Neue Musik innerhalb der schrecklich schönen Welt des Shreds? Nur einem einzigen Großen (1,69 m) der Neuen Musik wurde hier gehuldigt – und zwar Pierre Boulez.

Der erste Shred-Theorie-Versuch für die klassische Musik kann natürlich nur als fragmentarisches Bruchstück, das nicht ganz vollständig ist und bei dem auch eine Menge fehlt (z. B. das Ende dieses Sprichwortes: „Was lange währt, wird endlich!“) angelegt sein.

Ich wiederhole mich: es möge als Anregung verstanden werden.

Ich will mehr klassische Shred-Videos. Verdammt!

Befehl!

Author profile

Arno Lücker wurde 1979 in Braunschweig geboren. Seit 2003 lebt er in Berlin. Dort arbeitet er als Moderator und Dramaturg. Er ist Künstlerischer Leiter der Astronomie-Musik-Reihe "Himmlische Partituren" im Zeiss-Großplanetarium Berlin, arbeitet von Berlin aus für das Brucknerhaus Linz, schreibt Programmtexte für zahlreiche Orchester (Wiener Philharmoniker, New York Philharmonic), macht Konzerteinführungen in der Elbphilharmonie Hamburg, der Kölner Philharmonie und anderswo. Außerdem ist er Bad-Blog-Autor der ersten Stunde und arbeitet als Kurator für die Musikstreaming-App IDAGIO.

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5 Antworten

  1. eggy sagt:

    hervorragend – viele dieser Beispiele kannte ich noch nicht! Danke für diese Einführung in die Shredder-Kunst! Gibt es eigentlich auch den „umgekehrten“ Shred? Also etwas, das Scheiße ist veredeln? Das könnte man ja ganz gut brauchen in unserer Branche, oder?

    Moritz Eggert

  2. grossartig. grossartig! Und ein fröhliches „HURZ“ für diese super Texte! LG, P.

  3. hufi sagt:

    ROTFL. Brüüüllll. Unter-dem-Tisch-lieg. Heul! Ich kann die Videos nicht länger als 20 Sekunden aushalten.

  4. hufi sagt:

    Und Arno, nicht zu vergessen, Tomas Marco himself. In seiner Symphonia No.5 – komponierter Schred. Es gibt bessere Passagen. Aber ein bisschen hört man, was gemeint ist.

  5. querstand sagt:

    Vorschläge für Verbesserungen vornherein schlechter oder schlecht gespielter Musik:

    1.) Schlechte Partituren einfach fehlkatalogisieren und sehr tief in Bibliotheken verschwinden lassen. Geht dies nicht: Werke unbekannter Schreiber einem berühmten Zeitgenossen zuordnen und hoffen, dass dessen bessere Werke diese Unterschiebung überstrahlen. Klappt dies Alles nicht, einfach die Partitur vernichten oder eine komplizierte Fälschung einer Abschrift erstellen, in der nur die besten Stellen erhalten bleiben oder das Werk vor den grössten Peinlichkeiten abbricht. Das ruft allerdings selbstredend Schlangen von „Vollendern“ auf den Plan. Sinnvoll wäre darüberhinaus die Unauffindbarkeir aller Doktorarbeiten, welche jede Fragwürdigkeit alter Musik ans Licht zurückholen.

    2.) Schlecht interpretierte Musik lässt sich auf dreierlei Weise verbessern: zuerst auch hier das Verschwindenlassen. Dann alle Arten ton- und bildmeisterlicher Natur. Geht dies aufgrund der Materialbeschaffenheit nicht, bleibt immer noch das trennen von Bild und Ton, also eine bessere Interpretation wird dem verbliebenen Bildmaterial unterlegt. Oder man rettet allzu grosse Peinlichkeiten in „E-Musik“ durch Überzeichnung der an sich schon vorhandenen Fehler. Florence Foster-Jenkins ist allerdings der tonkonservliche Beweis, dass Schrott auch in Reinform glänzend und freudentränentreibend sein kann. Das war damals schon so eine Art Steinzeit-Shredding.

    3.) Grausige Partituren der Jetztzeit sind teilweise heute schon leicht verbesserbar. Ins Netz gestellte PDFs crackt man und rekomponiert schnell den grössten Unsinn, lädt ihn auf des Schreibers Homepage zurück. Nachden echte Komponisten alte eigene Werke nicht mehr anhören oder zur Hand nehmen, dürften die Änderungen kaum auffallen. Wird das Stück per Zufall ein Hit, wird der Verbesserte kaum aufmucken. Allerdings genügt es auch schon vor solch digitaler Piraterie, dem Kollegen die GEMA-Tantiemen in Form von Unterricht auszuzahlen oder man führt eine Klausel in seinem Vertrag ein, dass jede abgesagte Aufführung eines seiner Werke mit Schweigealimenten abgegolten wird. So weit müssen wir allerdings gar nicht gehen: Neue Musik ist letztlich viel zu schwer zu bewerten, als dass wirklich echte Schnitzer in ihr auffielen. Im Gegenteil: je schlechter komponiert, um so erfolgreicher, zumindest klingt die dazugehörige Konzeptmappe besser als jede A380-Skizze je aussah. Gute neue Musik wird sowieso selten gespielt. So hat schlechte Neue Musik immer noch die grössten Erfolgschancen, da sie so echt „neu“ wirkt, ohne gut oder wirklich innovativ sein zu müssen. Meist klingen die Shreds klassischer Musik immer noch besser als die originale Neue Musik. Bei meinem Lieblings-Shred, das der Obama-Inauguration ist die Unterlegung auch als Neue Musik grausig. Es wirken v.a. die Mienenspiele, wie bei den meisten Shreds, also der Widerspruch ausdrucksvoll und ernst blickender Musiker voll darstellerischer Dramatik und Ernsthaftigkeit gegen die Fehltreffer und Jauler sowie unvermittelten Temposchwankungen. Davon abgesehen: diese Shreds werden immer witziger sein als jegliche Verschlimmbesserung, die aus Ernst und nicht aus Lust an der Parodie oder Travestie entsteht.

    Gruss,
    A. Strauch