„Es ist das ursprüngliche Gefühl, das wir in uns tragen“ Kompositionsauftrag für Hape Kerkeling/Achim Hagemann

Unser Kollege Peter Köszeghy hat eine Facebookseite mit der eindeutigen Aufforderung „Kompositionsauftrag für HAPE für Witten“ ins Netz gestellt. Diese „Gruppe“ hat erst 6 Mitglieder (darunter meine Wenigkeit) und bisher ist nur ein youtube-Video von Kerkelings berühmter Hurz-Performance zu sehen. Es müssen mehr werden.

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„Hurz“ wurde hier im Blog schon mehrmals erwähnt – selbst unter Liebhabern zeitgenössischer Musik gilt der Auftritt als legendär: weniger wegen der Darbietung selber, als wegen der so unglaublich komisch bieder betroffenen Diskussion der Zuschauer, die aus Unsicherheit selbst den von Kerkeling mit kaum zurückgehaltenem Schmunzeln dargebotenen Blödsinnsvortrag noch ernsthaft diskutieren. Natürlich ist das geschnitten, gestellt und auch daraufhin zurechtgestylt – bei den Öffentlich-Rechtlichen weiß man ja seit langem wo der Feind ist, nämlich bei den Intellektuellen und Bildungsbürgern, die es allen Ernstes wagen, mehr „Kulturauftrag“ zu fördern. „Haha, reingelegt, ihr Deppen, das muss man doch merken, dass das Schrott ist!“ mag sich manch feixender Spießer beim Betrachten dieses Sketches denken. Und das ist die problematische Seite daran, wenn….ja wenn nicht Hape Kerkelings augenscheinliche, fast unschuldige Freude am Blödsinn wäre, der man vieles verzeiht. Und dass Blödsinn, ja das Irrationale und Alberne große und wichtige Quellen der Inspiration sind, darauf sollte man nicht hinweisen müssen.

Und natürlich treffen die beiden Künstler einige Klischees der Neuen Musik schon ganz gut – nur „ganz“ gut, weil eine bessere Kenntnis schon bedeuten würde, dass sie Teil dieser Szene geworden wären. Dann wäre ihnen aber auch die Sauertöpfigkeit und Humorlosigkeit dieser Szene zum Verhängnis geworden, und sie könnten nicht mehr so frei drauflos improvisieren, und vor allem: nicht mehr über sich selbst lachen. Daher müssen wir damit zufrieden sein, wie gut es ihnen den Umständen entsprechend gelungen ist. Was auch daran liegt, dass es in der Neuen Musik so viele „Hurz“-Stücke gibt, dass es einem kaum noch auffällt. Wir haben uns die Freude am Irrationalen schon abgewöhnt, auch wenn uns Cage (und in der Philosophie Paul Feyerabend) uns immer wieder daran zu erinnern versuchten, jeder auf seine Weise.

Da dieser Sketch „Kult“ geworden ist, und inzwischen wahrscheinlich mehr Menschen in Deutschland mit dem Begriff „Hurz“ etwas assoziieren als mit den Namen Stockhausen oder Schönberg (dass dies so ist, lässt sich von jedem Leser leicht in einer Fußgängerzone seiner/ihrer Wahl überprüfen), passiert aber auch etwas anderes. Die Musik des Sketches selber gewinnt plötzlich an Attraktion, ja wird zum eigenständigen „Werk“ im Sinne eines klassischen „Werkbegriffs“. Dies zeigen die Kommentare auf youtube (nennen wir sie mal: „Die Stimme des Volkes“):

„… sehr schön – ein echter Klassiker und vor allem „zeitgenössische klassische“ Musik wie sie sein soll … Huuurz! *lol“

„des Lied is ssooo schhhöön krrraaasss:

……HAARE…IN…DER……RI­TZE….

hööööörts euch ma annnn…hhhahahaahhhaaa !!!“

„Das eingeblendete Lachen ist so blöööd und zerstört ja den Sinn dieser satyrischen (sic!) Darbietung!!!“

„es war der habicht..

und er sprach :

HUUUURZ ! :D

so guut :>“

„Erinnert mich an meinen Deutschlehrer: Und wenns nur im Suff aus purer Langeweile geschrieben wurde, man kann einfach ALLES interpretieren, denn hinter ALLEM steckt ein tieferer Sinn und eine Intention :D“

„was ich mich immer wieder frage: Wie kommt man auf solche Ideen? Sowas entsteht doch nich im Kopf eines Normalsterblichen! Und selbst wenn es „normal“ erscheint, wo her nimmt man desen Mut (wie für z.B. Königin Beatrix“? Hut ab vor diesem Mann!“

„wie der fuchs von goethe

wolf und lamm, das hat ja eine lange geschichte xD

haha genial, hurzz^^“

Hape Kerkeling könnte höchstwahrscheinlich mit der Ankündigung, die imaginäre „Hurz“-Oper tatsächlich aufzuführen, große Säle, ja ganze Stadien füllen. Und das sollte, ja MUSS Witten interessieren, auch das dortige Fremdenverkehrsamt. Selbst ohne das Schaulaufen von „Lehrern in gelben Pullis“ und Intellektuellen, nur mit der Musik selber (hauptsache der begabte Hape macht mit) würde es den Leuten gefallen, einfach deswegen, weil sie die Stilistik selber verstehen und auch erkennen. Sie lachen darüber, erfreuen sich aber auch daran (siehe auch die Freude am Trash, der plötzlich auch seine eigene Qualität bekommt)

Im Grunde könnte die Neue Musik stolz darauf sein – sie hat es so weit gebracht, parodiert werden zu können (was eine Leistung ist, denn erst wenn etwas wirklich eine eigene Stilistik entwickelt hat, kann es parodiert werden). Parodien sind immer versteckte Hommagen, das vergessen die vielen Kläger gegen zum Beispiel das Satiremagazin „Titanic“ immer und immer wieder: dass ihnen eigentlich nichts besseres passieren kann, als dort durch den Kakao gezogen zu werden.

Halten wir also fest: Hape Kerkeling (und Achim Hagemann, der an dem Sketch zu gleichen Teilen beteiligt war) ist/sind GUT für uns. Daher ist dies vielleicht die Antwort auf die Frage nach Wahrhaftigkeit und neuen Tendenzen in der Musik: indem wir Kerkeling und Hagemann speziell ein Stück für die Wittener Tage für Neue Kammermusik schreiben lassen. Ich erhoffe mir davon einen Urknall, ein Fanal.

Und vor allem – und bei Gott, das können wir IMMER brauchen:

viel, viel Publikum.

Moritz Eggert

hurz

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1 Antwort

  1. Ja, aber es muss doch möglich sein zu sagen „ich kann damit nichts anfangen Dann müssen Sie ja nicht sagen, dass ich dafür keinen Intellektuellen Zugang hätte…“

    Immer wieder köstlich!