6 Arten mit Kritiken umzugehen

Eisler

Kein Künstlerleben ohne Kritiken. Schlechte, gute, verrückte, agressive, skurrile, seltsame – sie kommen in allen Arten und Formen, und wir alle haben alle diese Formen schon einmal erlebt. Ein Mensch wird – meistens gegen den eigenen Willen  – in ein Konzert geschickt und muss nun darüber schreiben. Manchmal ist das so als ob man jemanden der keine Austern mag zwing, in ein Austernrestaurant zu gehen und zu schreiben wie es ihm gefiel. Diese Situation ist auch für die Kritiker selber schwierig, für die ich hier liebevoll ein nettes Wörtchen einlegen möchte. Hier ist es:

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Wörtchen

Aber mal ehrlich – vor allem für uns Künstler ist es schwierig, den richtigen, den perfekten Umgang mit Kritiken zu lernen. Die Kritiker werden immerhin für diesen Umgang bezahlt, wir Künstler dagegen müssen ihn erst einmal erlernen, in dem wir die Kritiken erdulden, was selten freiwillig geschieht. Ach, was habe ich selber nicht alles durchexerziert an Modellen in meinem Leben. Ich nenne sie einfach mal:

Die 6 Arten mit Kritiken umzugehen (frei nach Hanns Eisler)

1) Der Träumer

Bis zu einem bestimmten Zeitpunkt glaubt jeder Künstler – meist in jungen Jahren – schlechte Kritiken bekämen nur andere. Dies geschieht vor allem Leuten, die erst einmal mit viel Zuspruch und Unterstützung und großem Wohlwollen in ihrer direkten Umgebung auf ihre Laufbahn geschickt werden. Ein lieber Kollege von mir, J.W. aus M., glaubte zum Beispiel lange daran, er würde nie in seinem Leben eine schlechte Kritik bekommen. Als es dann doch – mit der Zwangsläufigkeit von Ebbe und Flut – geschah, war er „devastated“ wie man auf Englisch sagt, was so viel wie „total kaputt“ bedeutet. Daher geben viele Komponisten diese Art des Kritikumgangs widerwillig und mit einer gewissen Traurigkeit irgendwann auf, denn die Reperkussionen sind zu schrecklich.

2) Der Ignorant (auch: „Die Henzesche Methode“)

Nachdem die ersten schlechten Kritiken eingetrudelt sind, erhebt sich eine Art innerer Trotz, und man kommt zu der Devise: „Kritiken? Lese ich einfach nicht!“. Jetzt ist gutes Organisationstalent gefragt, denn die gesamte Umwelt muss nun darauf eingestimmt werden, auf keinen Fall den Inhalt von Kritiken  zu verraten, wobei bei besonders hymnischen und begeisterten Kritiken selbstverständlich eine Ausahme gemacht werden kann. Aber nur bei diesen. Der große Hans Werner Henze frönt angeblich diesem Modell seit Anbeginn an, ist allerdings meistens hervorragend über die schlechten Kritiken informiert, obwohl er sie ja selber gar nicht liest (angeblich). Tatsächlich eignet sich die Henzesche Methode nur dann, wenn man einen großen Kreis von Freunden hat, auf deren Diskretion absolut Verlass ist. Ansonsten erlebt man das, was ich selber oft erlebt habe – nichtsahnend sitzt man in der Wohnung und plötzlich ruft jemand an und kondoliert einem zu den grauenhaften Verrissen, die gerade im Umlauf sind und von denen man bis vor kurzem rein gar nichts wusste. Erst war man glücklich, plötzlich ist man aus heiterem Himmel „devastated“. Das packen nicht alle. Seit dem Anbeginn der Praxis des sogenannten „Selbst-Googelns“ ohne das heute kein Künstler von Format mehr auskommt, ist das „Übersehen“ von schlechten Kritiken auch kaum noch möglich, wenn einen die schlimmsten Zitate gleich als allererstes dick hervorgehoben auf der ersten Suchseite anspringen (kleiner Tipp an Kritiker: wenn ihr jemanden WIRKLICH eins auswischen wollt, dann achtet darauf in den verletzendsten Sätzen auf jeden Fall den voll ausgeschriebenen Namen des Betroffenen einzubauen).

3) Der Rachsüchtige

Der Rachsüchtige kennt den Inhalt jeder einzelnen Kritik die je über ihn geschrieben wurde auswendig. Er führt Buch über die guten bzw. schlechten Kritiken, die bestimmte Kritiker über ihn geschrieben haben. In seinem Geiste spielt er mehrere Todesarten für diese Kritiker genüßlich durch. Natürlich haben die Kritiker bei schlechten Kritiken seiner Meinung nach immer unrecht, bei guten allerdings auch, denn diese sind dann nie gut genug. Ein Freund von mir findet selbst Kritiken in denen der Kritiker sich selbstgeißelnd, untertänigst und füßeküssend seinen Werken nähert vollkommen indiskutabel, denn irgend einen entscheidenden Erfolg, irgend einen entscheidenden Aspekt hat der arme  Kritiker natürlich vergessen, ihn also nicht richtig gewürdigt, sondern auf die falsche Weise. Ja – je anbiedernder die Kritik, desto größer seine Verachtung, denn in Wirklichkeit liebt er genau die Kritiker, die ihn am meisten schelten. Warum? Da ihm das Schmieden ausführlicher Rachepläne so großen Spaß bereitet.

4) Der Wimmernde

Der Wimmernde nimmt die schlechten Kritiken durchaus wahr, aber er will sich seinem Schicksal nicht ergeben. Meistens kennt er die Kritiker persönlich und pflegt den besten Kontakt zu ihnen, in der Hoffnung sie umzustimmen, wenn es darauf ankommt. Kritiker kennen sie, die Anrufe dieses Typus, meistens schon im Vorfeld einer Aufführung, um gute Stimmung zu machen. Das Wimmern ist übrigens eine der mit Abstand erfolgreichsten Strategien was den Umgang mit Kritiken angeht, das Problem ist, das nicht alle es schaffen, ihre Restwürde und ihren Stolz zu überwinden.

5) Der Zyniker

Der Zyniker geht aufgrund langjähriger Erfahrungen ohnehin davon aus, dass es sich bei Kritiken um Schall und Rauch handelt, und es vor allem wichtig ist, dass überhaupt welche geschrieben werden. Daher gibt er sich nach außen hin unverwundbar und kühl was selbst schlimmste Kritiken angeht. Von ihm hört man Sätze wie „Ach, der schon wieder“ oder „klar, ist doch nur Politik“ und im Vorfeld Sätze wie „Die Kritiken werden doch eh schlecht“ oder „ist mir wurscht, wie die Leute das finden“. Wenn dieser Typus – der nach außen hin so stark und unverwundbar ist, abends alleine zuhause ist, überkommt ihn nicht selten eine wilde und dunkle Verzweiflung und eine kleine Träne sucht sich ihren Weg die Wange herunter.

6) Der Ironiker

Der Ironiker ist wie der Zyniker, nur ist er so abgestumpft, dass er der ganzen Kritikerlandschaft auch etwas Lustiges abgewinnen kann. Er wird zum Sammler skurriler Kritiken, seltsamer Fehlurteile und besonders wohlfeil gedroschenen Phrasen, die ihn genauso erfreuen wie kompetentes Lob. Er ist sich bewußt, dass Kritiker selbstverständlich meistens irren,  aber er selber sich natürlich auch, so dass quasi nach dem Gesetz der doppelten Negation zwischen den Zeilen so etwas wie eine seltsame Wahrhaftigkeit (um unser neues Lieblingswort zu gebrauchen) entsteht. Der Ironiker hat vielleicht die Stufe der höchsten Erfahrung erlangt, was den Umgang mit Kritiken angeht, aber selbstverständlich bleibt auch er verletzlich und will geliebt werden, wie wir alle.

Demnächst: Der Friedhof der Kuschelkritiken (frei nach Stephen King)

Moritz Eggert

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38 Antworten

  1. Noch ein Hinweis zur Klassifizierung der Kritiken (nicht Kritiker): Ein böser Wiener Publizist des frühen 20. Jahrhunderts (leider weiß ich den Namen nicht mehr, aber Karl Kraus ist es nicht gewesen) schrieb einmal:

    „Es gibt drei Sorten von Kritik: Die einspaltige, die zweispaltige und die dreispaltige.“

    Dies zum Trost der Komponisten. Doch vermutlich stellt sich jetzt jeder gleich die Frage: Wie komme ich zu einer dreispaltigen Kritik?

    (PS: Vielleicht weiß jemand die Quelle? Ich wäre sehr daran interessiert.)

  2. hufi sagt:

    Max, der Satz ist im Kern vollkommen richtig und zudem stimmt er auch inhaltlich.

    Moritz, erstaunliche Aufzählung, wunderbar charakerisiert, soweit ich das beurteilen kann.

    Mich wundert es nur, dass so wenig davon Gebrauch gemacht wird, Kritiken selbst zu schreiben. „Das war eine ziemliche Murksarbeit, bei der ich viel Zeit vergeudet habe und wichtige Arbeiten hintanstanden. Dummerweise.“ Wie gesagt, mit dem Spätwerk kann man nie früh genug anfangen – nur aufpassen, nicht „Außer Atem“ zu kommen.

  3. querstand sagt:

    @all: Das wäre ein Forum: neben dem Komponisten der Woche, die Selbstkritik zum Sonnabend…

    Im Ernst: Jeden dieser Typen hat man doch schon selbst an sich erlebt, vom Naivling über den Stoischen, der insgeheim ein Schlosshund ist bis zum Ignoranten, dem dann die Eltern kondolieren. Manchmal wünscht man dem Kritiker mehr Ohrenkunde, besseres Partiturlesen statt hübsche Newcomerfotosverehrung. Manchmal trifft man den Verreissenden Monate später im Speisewagen oder Darkroom oder beim Psychiater, manchesmal auch nur beim selben Zahnarzt. Es oszilliert zwischen den Wahrnehmungscharakteristiken…

    Ich sage mir: der Kritiker möchte seine Leserschaft auch nur unterhalten, viel zuviel Eindrücke in den schmalen Lokalkritikzeilen unterbringen. Wo man eine reingedrückt bekommt, kann man dann bei den bspw. o.g. obskuren Alltagsbegegnungen Trost spenden.

    Viel heftiger: als Kritiker würde der Komponist der Kollegen Aufführungen noch viel krasser zerreissen… Dafür gibt’s ja jetzt den Badblog: Man zerreisst und wird zerrissen, zwar durchaus in digitaler Art und Weise, sich danach wie eine alte, zerknüllte Tageszeitung auf’m Lokus fühlend. Bleibt: links rein, rechts raus.

    Gute Nacht,

    der doppelte querstand

  4. @all, @ Alexander,

    @Kritiker: man höre mal den Musikkritiker von Georg Kreisler, lustig:

    Der doppelte querstand gefällt mir, dem auch oft doppelten Rheinländer: Zerreißen und zerrissen werden, verabschieden und wiederkommen, sich auch mal ruhig selbst öffentlich „zerreißbar“ machen, ab und zu; klar den Mund aufmachen, Missstände klar benennen aber auch Positives. Weiter Visionen und Träume haben, diese nie aufgeben.

    Dabei die innere Gelassenheit, den Humor niemals verlieren, aber denen, die einen in ihrem Innersten damit nicht ernst nehmen die kalte Schulter zeigen.

    Wer von den Kollegen (Kolleginnen) lässt hier noch – und zwar nicht anonym! [Anonymität in Blogs ist für mich ein erstes Anzeichen, dass man sich selbst nicht mehr wahrhaft im Spiegel anschauen kann] – seinen „Doppelgänger“ mal raus?

    „Doppelgänger, du bleicher Geselle,
    was ÄFFST Du nach meine Wettbewerbs-„Torschlusspanik“
    die mich gequält an dieser Stelle.

    Schönen Tag, hier aus dem Rheinland, wo sich morgentlich zarter, frischer Reif über die Dächer gelegt hat. Reif – kein Mehltau.

  5. eggy sagt:

    Bravo, Erik!

    @querstand: ebenfalls bravo, und…sprichst Du aus persönlicher Erfahrung? Bitte nicht hier antworten sondern beim nächsten Gläschen Bier :-)

    @Max – wunderbares Zitat, aber es gibt natürlich nicht nur zweispaltige sondern auch zwiespältige Kritiken. Leider fällt mir gerade keine gute Variation Deines Satzfundes ein, die dies berücksichtigt.
    Ich bin übrigens morgen bei Bayern – Kaiserslautern im Stadion, Du auch? (mit meinem kleinen Sohn, den das hoffentlich noch nicht überfordert)

  6. Das „zwiespältig“ ist gut! Eine weitere Var. wäre „haarspalterisch“.
    Leider kann ich morgen nicht. In der Arena ist es schön, besonders wenn der FCB wieder mal das Tor trifft, aber in Cannes ist es noch schöner (auch wenn ich in die Musikhölle der MIDEM abtauche).

  7. querstand sagt:

    Drücke den Bayern die Daumen! Mögen sie mal wieder einen gelungen 11er haben, nicht immer ins Abseits tapsen. Das wäre doch mal wieder ’ne „Musi“, hier im neu-winterlichen, düst’ren Minga.

    Apropos „Typisierungen“: der gute Johannes Kreidler ist auch schon total im Mahnkopf-Welt-Wahrnehmngsmodus, gewisse Dinge in 5 Typen zu gliedern, s. im Kulturtechno.

    Das erinnert mich an meine Wahrnehmung, nach einem Seminar über schwierige Kundentypen, a la der Frauenversteher, Ja-Sager, Besserwisser, Querulant, Anpassende, Verweigerer, etc. Ist heutige Kategorien-Philosophie nichts Anderes als höhere Sozialpädagogik?

    Gruss,
    A. Strauch

  8. @ Moritz:

    freut mich, dabei hatte ich hier DIREKT zum Thema „Umgang mit Kritikern“ noch gar nichts gesagt sondern mich nur mal dilettantisch als Halblyriker versucht. Zum Kritiker-Thema konkret fiele mir aber auch nicht sehr viel zu ein außer vielleicht:

    Ironiker wäre mir auch sympathisch; ich versuche zudem einen anderen Typus an mir selbst (schaffe das aber leider bisher noch nicht ganz): den STOIKER. So würde ich denjenigen bezeichnen, der weder überaus positiver Kritik noch negativer Kritik viel Bedeutung beimisst und einfach sein Ding weiter macht, cool bleibt, sich nicht beeindrucken oder beeinflussen lässt. Aber auch diesen Typ erreicht man fast nie in Reinform. I aa net oder vielleicht sogar zu sagen „scho glei goa net.“

    @ Bayern: Selten genug auch, dass ich (wo doch mal lange in Dortmund wohnhaft) nun morgen mal ausnahmsweise den Bayern bzw. den „Verfolgern“ die Daumen drücke: sonst wird sie langweilig, die Meisterschaft.

    @ Herr Nyffeler als Fußballfan? Das überrascht mich – find ich gut, nur der falsche Verein.. ;-)

    Soo, nun muss ich aber aufhören. @Johannes Kreidler noch: ich wette darauf, dass er sehr bald in Donaueschingen einen Auftrag bekommt. Wer wettet mit? Denn so im „CSM-Wahrnehmungs-Modus angekommen folgt so etwas fast automatisch.

    Noch ein spontaner Vorschlag @Donaueschingen:
    Warum macht man dort nicht mal in einem Festivaljahr ein Motto „Kritiker, Musikwissenschaftler und Kulturmanager komponieren“ und die jungen Komponisten setzt man als Kritiker ins Publikum. Also ein Rollentausch quasi. Vielleicht entstehen dann mal nur wohlwollende Kritiken…

    Buona sierra,
    Erik

  9. querstand sagt:

    @ erik: bleib‘ bei Fussballwetten! „CSM-Weltwahrnehmungwahn“=strenge kompositorische Kategorisierungen graben sich ins Hirn, kein LSD-Flash, ein CSM-Trip.

    Das erinnert mich an Weizengrasrassaftsessions auf dem Viktualienmarkt und die darauffolgende täppisch prustengrinsende Betitelung der Marktbesucher als Fischköppe („geht er zu Nordsee?“), Schmalznudeln („ist es schon fünf“?-Lokal gleichen Namens schliesst um 17 Uhr), Sektkübel (Raucher, ggf. wg. Rauchverbot vor dem Sekt-Standl), W-Sager (die beim Valentin-Mannerl „Walentin“ statt Vogel-Vau-Falentin ausrufen) und Schrannenschrauber (die in jener kommerziell zwischengenutzten Halle den noch unsäglicheren Flohmarkt als die zuvor schon grottige Erlebnisgastronomie besuchen, nach dem Sich-Durchschrauben in der längsten Innenstadtanstehschlange).

    Beim folgenden Konzert der musica viva, der Rausch lässt schon deutlich zu wünschen übrig überträgt man die o.g. Zuschreibungen diskriminierend auf das Aussehen der Konzertbesucher. Nach der ersten Konzerthälfte, die Elektronik aus den Lautsprechern klangen einem wie Klänge aus dem Sektkübel – leider nicht mehr Marianne Rosenberg wie das Sektstandl-Geplärre, die Herzketterl tragende Kellnerin aus der Schmalznudel wird einem lieber als die Ü50-Damen der Münchner Neue-Musik Haute Volée mit ihren Holzkugelketten und die geltriefenden Haare der irritiert dreinblickenden BWL-Studenten, von ihren Kunstgeschichts-Miezen hierher verschleppt, der Dirigent glich einem Fischkopp, die anstehenden Freikartenabholer wie die Ramschladenliebhaber der Schrannenschrauber. Da prustet man ermattet den Filmmusikkollegen beim Pausencatering die Griebenschmalzcanapees in kleinen Teilen ins Gesicht, abwechselnd „musica wiwa-viva-fifa“ lallelnd, der peinlichen Blondine des Akademiesenioren in den zu grossen Ausschnitt starrend – erste Falten des Busens – lieber der Schönheits-OP-gestrafften Kylie Minogue im Viva-Musikclip gedenkend, noch besser der Ronaldo-FIFA-WM-Abs. Und hält alle Anderen für Träumer, Ignoranten, Rachsüchtige, Wimmernde, Zyniker und Ironiker, flugs auch noch in letzter CSM-Panik die frostig grinsenden Kollegen für Verweigerer, Skeptiker, Pragmatiker, Euphoriker und Fanatiker, kann sich nicht mehr erinnern, ob vor 15 Jahren mein Hochschulprof mich einen Chaotiker oder Destillierer nannte oder doch eher verschlampte Beihilfeanträge oder irischen Whiskey meinte.

    Nach dem Konzert, diesmal nicht Prysingkeller, Weinstube, Ratskeller oder Tambosi, wo man zu 100% die Gesichter der Konzertbesucher wiedersieht, bleibt man im Schummans hängen, bei einer Party des lieben Galeristen aus der Amalienstrasse, wird selbst zum Sektkübel und vergisst die letzten Reste der netteren Kollegen im Atzinger liebend gerne, das frische Steak Haché geniessend. Als dann Schniefgeräusche, zwei charateristische, schnelle, aus dem Männerklo schallen, hektisch, weißnasige Jungs, mich anscheinend auslachend, herausstürmen, kotze ich ins Pissoir und schwöre Abstinent vom Weizengras.

    Also Erik: keine Donaudingsda-Köhler-Wetten, ob Du Deine Wette dann gewinnst oder verlierst – Du hast dann dort noch lange keinen Auftrag erhalten. Ist auch Wurst! Träum‘ lieber von Orchestern im Aalto oder Grillo, ist doch auch was. Oder fahr‘ doch mal zum SWR… Ich werde morgen um die Paul-Sacher-Stiftung rennen, als die Kaaba der Neue-Musik-Noten-Haptik, trete nicht ein, geniesse lieber eine Sacher-Torte und vergesse all die „S.A.C.H.E.R.“-Geburtstagscello-Etüden, bis auf die von Zimmermann, erschrecke die alten Damen im Cafe mit an mich selbstgeschickten SMSen bis das Prepaid-Guthaben im nahen CH-Ausland abgefeiert ist als sei Basel ein Vorort von Minsk, mit dem „Marie fortgelaufen – AHHHH“ – Klingelton, selbst ein bös-versautes Kylie „na-na-na, nanna na nana, na-na-na“, nicht mehr just aus dem Kopf, dem Hirn kriegend. Ob ich dann wegen der gleichsam bombenislamistischen Massenpanik verhaftet werde und vor meiner Auslieferung an die Murail-Klasse in den USA in NYC mit Fussfessel freikomme, oder dieser kleine Beitrag hier meine dumme Unschuld beweist, hoffe ich auf Dich Erik, dass Du mit Deinen Wetteinnahmen hoffentlich meine Kaution bei der schweizer Staatsanwaltschaft hinterlegen können wirst oder Du Dich mit Traubel gegen mich verschwörst oder doch samt Eggert, Kreidler und CSM ein Ensemble Modern Solidaritätskonzert für mich veranstalten wirst…

    Gruss und eine längere Pause nun hier,
    Euer Alexander Strauch, nicht wirklich so gemein, wie ich mich hier gerne gebe. Ich bleibe brav und reserviere schon mal beim Brückenwirt!

  10. @ Alexander,

    recht host`: ich schließ auch keine DonauE-Wetten mehr ab, weil ich die sowieso gewänn, vermutlich´. Lieber komponier ich ab morgen ein Orgelstück, werde auch brav und verabschiede mich auch erstmal eine Zeit hier…. Denn in Donaueschingen wird nicht georgelt, oder?

    Wartet´s ab ….

  11. strieder sagt:

    Ich nehme etwas vom Stoiker, etwas vom Querulanten, etwas vom Frauenversteher und für nen Groschen bissel Geschnippel :P

  12. hi all,

    hier spricht euer „Chefkritiker“
    ups, jetzt ist dem eggy vor Schreck der Komponierstift aus der Hand gerutscht …[nein. gez. Eggy]

    Was das Gerede über Wahrheit und Wahrhaftigkeit betrifft, das man in früheren Kommentaren lesen musste, so empfehle ich dringend ein Update, z.B. die Lektüre des wunderbaren Heinz von Förster
    Als Einstieg: http://www.zeit.de/1998/04/Wahrheit_ist_die_Erfindung_eines_Luegners

    Die Kritik selbst macht sich dann lächerlich, wenn sie beginnt den Wahrheitsbegriff zu strapazieren – Jeder Kritiker weiß das, und er vermeidet es aus Klugheit und/oder aus dem Wissen heraus, dass „Kritik“ im ursprünglichen Wortsinn nichts anderes als „unterscheiden“, also Differenzbildung bedeutet.

    Und hier ist die Brücke zu schlagen zu den Philosophen z.B. eines radikalen Konstruktivismus, eine Brücke, die vor allem der Entwicklung der Musik neue Impulse verleihen könnte.

    Einfacher ist es natürlich, der Neuen Musik und damit jeder Entwicklung (egal, ob sie sich Avantgarde, ars nova, Komplexismus, oder wie auch immer nennt) eine Absage zu erteilen und sich ganz in das Schneckenhaus einer vermeintlich positiv besetzten „Wahrhaftigkeit“, jenem gedankengefräßigen Moral-Monstrum aus „Wahrheit“ und „Ehrlichkeit“, zurückzuziehen. Anderes braucht dann nur noch im Hinblick auf eine Glaubensfrage diskutiert zu werden.

    Und was dann immer noch nicht ins Schema passt, das kann man „editieren“. (Grüße nach Stuttgart)

    Das Gerede vom Ende von Etwas (wahlweise der Neue Musik, aller Ismen, der Geschichte) ist, um es britisch zu sagen, nicht sehr amüsant. Die betreffenden Blogger wissen wer gemeint ist.

    – wechselstrom –

  13. @ all, @ Christoph,

    ein nachdenkenswerter, guter Beitrag, der sicher auf Dauer uns allen den KOMPONIERSTIFT (auch öfter mal nicht-digital)
    wieder in die Hand drückt [gez. Erik].

    Oalso: Erst Brückenwirt-Terzett-Konzert, dann Donauinsel?

  14. Als einer, der auch das schillernden Geschäft der Kritik betreibt, möchte ich doch kurz zum Posting von wechselstrom Stellung nehmen. Ich glaube, da wird etwas verwechselt. Wahrheit und Wahrhaftigkeit sind zweierlei Dinge, und zu beiden lässt lässt sich etwas sagen.

    Dass es in Kritik – und nicht nur da – nicht um „Wahrheit“ geht, dürfte eigentlich klar sein, da muss man nicht Heinz von Förster konsultieren. Schon Pilatus hat den unsterblichen Satz gesagt: „Was ist Wahrheit?“, und im übrigen kann man beim alten Nietzsche alles Nötige dazu nachlesen. Ich empfehle „Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinn“, zu lesen auch im Internet unter http://gutenberg.spiegel.de/?id=5&xid=1940&kapitel=1#gb_found . F.N.: „Die Wahrheiten sind Illusionen, von denen man vergessen hat, daß sie welche sind.“ Alles klar?

    Das bedeutet nicht totalen Relativismus und auch keinen Freibrief für unverbindliches Talkshow-Geschwätz. Es gibt m.E. noch so etwas wie intellektuelle Redlichkeit, oder eben „Wahrhaftigkeit“, um dieses Wort hier nochmals zu benutzen. Auch wenn es vielleicht etwas altmodisch klingt – es ist kein Moralmonstrum, sondern bezeichnet schlicht und einfach eine Haltung, die es braucht, um einen Diskurs glaubwürdig ablaufen zu lassen. (Oder eine Komposition überzeugend klingen zu lassen.) Man muss es eben immer wieder versuchen. Cosa semplice, ma talvolta difficile a fare (um auf den oben paraphrasierten Eisler zurückzukommen: Er und Brecht meinten, das gelte für den Kommunismus.)

  15. @ Max Nyffeler,

    Der Verweis auf Nietzsche hilft nicht wirklich.
    Jemanden, der sich mit den Wesensmerkmale der Atome beschäftigen will, kann man auf Demokrit verweisen; womit aber gleichzeitig ausgedrückt wird, dass bei den „alten Griechen“ sowieso schon alles stehe, man sich eine weitere eigenständige Beschäftigung sparen könne, denn es sei schon alles bekannt.

    So sollte auch die prinzipielle Unmöglichkeit von „Wahrheit“ uns nicht daran hindern, den Bedingungen von Erkenntnis forschend nachzugehen. Ich will dies im Folgenden versuchen:

    „Intellektuelle Redlichkeit“, ist das eine Sonderform von „Ehrlichkeit“ – eben die intellektuelle Seite (dazu als Gegensatz die gefühlsmäßige Seite), oder ist intellektuelle Redlichkeit so etwas wie der Ausdruck eines Respekts einer Sache gegenüber, der sich dadurch auszeichnet, dass selbst eine „Abschlachtung“ (vulgo „Totalverriss“) nach den Regeln der Metzgerskunst geschieht und nicht im Blutrausch endet.

    Oder ist intellektuelle Redlichkeit der Ausschluss aller rhetorischen Tricks und Finessen.
    Ist dann die griffig-spritzig formulierte Überschrift, der Eye-Catcher etc. bereits ein Abweichen vom Redlichkeitsprinzip?

    Vielleicht ist intellektuelle Redlichkeit und somit Wahrhaftigkeit doch ein (rhetorisches?) Mittel den Diskurs (und die Musik hinterher) in den Dunstbereich des Glaubens laufen lassen:

    Ich schrieb: „Anderes braucht dann nur noch im Hinblick auf eine Glaubensfrage diskutiert zu werden.“
    Sie antworteten: “ [Wahrhaftigkeit] bezeichnet schlicht und einfach eine Haltung, die es braucht, um einen Diskurs glaubwürdig ablaufen zu lassen.“

    Im Sinn von Differenzbildung als eigentliche (einzige?) Möglichkeit des Erkennens ist zwischen unseren beiden Ansichten keine Differenz feststellbar, somit kein Zugewinn an Erkenntnis möglich.

    Grüße aus dem verschneiten Wien

    – wechselstrom –

  16. @ all, @ Max Nyffeler,
    Ob ausgerechnet ein Pilatus, der einen Jesus als Bauernopfer und aus Angst vor Volkesgebrüll kreuzigen ließ und vor Volkesmeinung ein knickte, mit seiner Frage „Was ist Wahrheit?“ da so als Vorbild dienen kann, das wage ich zu bezweifeln. Er sprach den Satz bekanntlich als Antwort auf Jesus Ausspruch, dass er auf die Welt gekommen ist, um für die Wahrheit Zeugnis ab zu legen. In diesem Kontext sollte man den Antwortsatz erstmal auch einordnen, der intellektuellen Redlichkeit wegen.

    Es gibt/gab eine Wahrheit: Nur der Mensch stellt(e) diese relativierende Frage („Was ist Wahrheit?“), begann sie zu stellen, stellt sie aber heute immer mehr, weil er diese 1. nicht fassen/erfassen kann aber leider auch 2. gar nicht mehr nach so was wie Absolutem, Idealen oder nach moralischen Aspekten beim Zusammenleben schauen/fragen WILL. So ist auch Nietzsche da für mich persönlich kein gutes Vorbild. Er wird immer noch meiner Meinung nach überstrapaziert mit seinem Gerede von der Umwertung aller Werte und seinen außermoralischen Betrachtungen.
    Man muss ihn wiederum auch im Kontext seiner Zeit sehen.

    Aber auch jenseits solchen katholischen oder moralisierenden „Geschwätzes“ oder Betrachtungsperspektive und wenn man – wie auch ich – kein „Heiliger“ ist etc. – kann man durchaus zumindest schon feststellen: selbst das Bemühen um WahrHAFTIGKEIT oder intellektuelle Redlichkeit werden leider heute tendenziell immer weniger praktiziert, ob bei Kritikern oder bei manchen Komponisten oder sonstwo. Das ist Teil und Mit-Ursache unserer Krise.

  17. querstand sagt:

    @ all: Kann mir mal jemand sagen, was „wahr“ und „-haftig“ sein soll, wer es hier ist, wenn Alle darum streiten? Wer hat sie nun gepachtet? Ich habe sie letzthin mal gehabt, nun zog sie wieder von dannen, es blieb die Illusion…

    Im Ernst: grds. wird jeder Handelnde an sich Wahrheit entdecken, so macchiavellistisch er agieren mag. Wahrheit geht immer von dem aus, der sie meint. Der andere sieht das dann auch so, in Teilen wenigstens oder ganz anders. Er betont seine Unterscheidung, sollte ehrlich seine Sicht vertreten. Vielleicht also lieber eine Diskussion um Ehrlichkeit?

    Wahrheit wird nicht besser, wenn man wahre Zitate um sich wirft. Letztlich sind auch die Illusion.

    Aber sind wir Alle so un-wahr oder un-ehrlich zueinander, dass man keinen anderen Zugang zur Frage der Kritik der Kritiker an der Neuen Musik findet? Ich sehe Kritik heute eher als Lese-tainment denn als richtiges Feld der Auseinandersetzung. Es bleibt doch eher im Thesenhaften, beim allgemeinen Geschmack des Kritikers. Für eine echte Auseinandersetzung ist das Format Zeitung heute kaum noch geeignet. Selbst in kurzer Form konnte man Personen langjährig begleiten. Aber welche sich entwickelnde Personen werden heute so noch betrachtet? Es bleibt der sehnsüchtig erheischte Nebensatz, der einen erwähnt. Nur wer ganz gross angekommen ist, bekommt im klassischen Medium der Kritik gebührend Platz. Würde Kritik neuere Verbeitungswege einschlagen, könnte sie ausführlicher sein. Nyffelers Beckmesser versucht dies ja schon immer wieder. Aber Nietzsche, etc. zu bemühen: dieser und jene Anderen mögen ja immer wieder Recht haben, wie Wörter eben auch gemeisselt sein können. Wenn ich oder jemand Anderes dessen Worte auf dasselbe unterschiedlich anwendet, bleibt nur die Ehrlichkeit. Die spreche ich hier aber keinem ab. Oder geht es Euch nur um Selbstdarstellung? Wenn dies – ja, dann ist das Auftreten hier doch auch wieder sehr ehrlich, offen oder nicht so offen.

    Also bitte mehr Konkretes! Oder ist das hier für Euch das falsche Medium? Was helfen Zitate, wenn es um Wahrheit geht. Für sie gilt: hehre Idee, aber auch: aus den Augen, aus dem Sinn…

    Prost, Mahlzeit!
    A. Strauch

  18. strieder sagt:

    Ich glaube, hier werden doch immer noch zwei Dinge in der Diskussion vermischt, nämlich: „Wahrheit“ (nach aussen) als das, was jemand über jemanden oder eine Sache sagt/behauptet, und „Wahrhaftigkeit“ (nach innen) als Privatangelegenheit.

    Meiner persönlichen Wahrh(aftigk)eit gemäss ;) ensteht Kunst aus der persönlichen Sicht und dem beschwerlichen Weg diese zu finden und unverfälscht (durch Konventionen oder „allgemeine Werte“) auszudrücken.

    Allerdings wird „Wahrhaftigkeit“ als „Wahrheit“ verwendet, wenn nun Komponisten andere Komponisten kritisieren, wie etwa Ligeti Ferneyhough kritisierte oder Ferneyhough Rihm. Ich bin doch aber so froh, das es Ligeti UND Ferneyhough UND Rihm gibt ;)

    Das gilt natürlich auch für den Kritiker, der an einem Stück dann kritisiert, es habe „keinen einzigen Dreiklang.“ So als würde man einen Erdbeerbusch kritisieren, das er kein Pflaumenbaum ist.

    Viele Grüsse!

  19. @ Erik Janson:
    Ich hatte nicht die Absicht, Pilatus als Vorbild hinzustellen. Er ist aber m.E. das Paradigma schlechthin für das relativierende, taktische Denken, das Sie sehr schön beschreiben, und insofern ist es nützlich, sich seine Haltung immer mal wieder in Erinngung zu rufen (nicht nur im Hinblick auf Musikkritik etc). Nietzsche hat das Problem aus philosophisch/psychologisch/anthropologischer Sicht beleuchtet, die ganzen postmarxistischen Neophilosophen und Dekonstruktivisten sind im Vergleich dazu imho nur noch hilflose Fußnotenproduzenten. Sein Text ist schwer auszuhalten, wie alles, was radikal zu Ende gedacht ist. Er hält uns damit den Spiegel vor; wenn man will, kann man es auch als Warnung verstehen.
    Aber das führt jetzt weg von der Musikkritik, ich möchte diese Diskussion deshalb nicht fortsetzen.
    Danke für kritische Antwort und schöne Grüße, MN

  20. querstand sagt:

    Brutalstmöglich gesagt: wir benötigen keine Diskussion um Wahrheit, Wahrhaftigkeit, Ehrlichkeit, Redlichkeit. Es liegt nicht daran, dass ich Wahrheit von Wahrhaftigkeit nicht unterscheiden könnte. Ich frage mich, warum wir überhaupt an diesem Kategorienpunkt angekommen sind.

    Im normalen Umgang untereinander, zumindest solange nicht tödlich geschossen wird, gesteht man seinem Gegenüber immer noch ein wenig Wahrheit, Wahrhaftigkeit, Ehrlichkeit und Redlichkeit zu, setzt es positiv voraus, wenn es nicht nachhaltig beeinträchtigt worden ist. Auf dieser grundvertrauenden Basis baut das Gespräch auf. Sind alle äusseren Gemeinsamkeiten abgeklopft, kommt so richtige Lagerfeuerstimmung auf, dann sagt man sich schon mal auch, was man aneinander ehrlich oder doch unglaubwürdig, also trotz anderem Statement des Gegenübers an diesem irgendwie nicht wahrhaftig fand.

    Auch wenn wir hier Alle Badgirls und Badboys mit hübschen Cowboyhüten und Winkehänden dran sind, Lagerfeuerromantik herrscht eher selten, eher fliegen hier mal angedachte Feuercokctails durch den virtuellen Raum. Warum nun so weit vom Kuscheln entfernt dieses immer wieder aufflammende Wahrheitsmäandern?

    Wie gesagt, es herrschten der gegenseitigen Verwundungen schon Viele. Dennoch hält man sein Blog-Gegenüber doch für ehrlich, wahrheitsliebend, sich selbst gegenüber wahrhaftig sich gegenüber und den Anderen genauso. Warum nun dieses Infragestellen dieser Begriffe generell im Austausch über Neue Musik und ihre Adepten, wie hier die Kritiker? Wenn Stilfragen, Methoden, Formales und weiteres nur noch mit Toleranz des Anderen beantwortet werden können, sich kaum eine Gegenmeinung lohnt, Provokation selbst anerkanntes Konzept ist, worüber soll man dann noch reden? So scheint es mir mit der Neuen Musik oder dem, was sie mal war oder noch ist oder wieder ist, je nach dem Blickwinkel, zu gehen.

    Verkürzt: Neuer Musik wird immer der Tod oder ihr Fortbestehen attestiert. Beides erscheint bei ein wenig Distanznahme zuzutreffen, also wahr zu sein, beide Positionen sind immer irgendwie wahrhaftig. Allerdings in einer Aussagequalität wie „es regnet“, und es regnet wirklich und „es scheint die Sonne“, und sie scheint. Steht man wieder näher einer der beiden Seiten, fühlt es sich dann so an:“es regnet nicht“, aber es scheint auch nicht die Sonne, genauso umgekehrt. Es herrscht grau in grau an, es ist trist, aber nicht traurig, es ist Licht, aber es leuchtet nicht.

    Um nun Energie in diese Fadheit zu pumpen, plustert man sich nicht mehr um die Musik als solches, es geht um wahrhaftig, wahr, ehrlich und redlich. In dem Grau-in-Grau gesteht man dies Alles sich selbst zu, dem Gegenüber ein wenig, möchte es ein bisschen ankratzen. Somit die Person direkt reizen, weniger ihrer Thesen. Das ist noch nicht sehr böse. Der Teufel kann aber jederzeit wieder zuschlagen, es kann dann sogar zum Kannibalismus kommen. Was hilft uns nun diese Haarspalterdebatte? Trauen wir uns doch, auch der Kritik grundsätzlich Erhlichkeit und die übrigen drei Begriffe zu, wie wir sie uns selbst zutrauen, wichtiger noch, gestehen wir diese vier Worte unseren direkten Futterneidern alias Kollegen zu. Dann käme man mal wieder weiter in den Kategorien.

    Wie gesagt, es gibt heute nur das Ende der Neuen Musik oder das Weiter wie immer. Was könnte eigentlich das Neue sein? Was sind aktuell neuere Strömungen? Wie unterscheidet sich die Musik heute von derjenigen vor zehn oder zwanzig Jahren? Das wären doch mal Fragen und Antworten. Anstattdessen wird im Badblog symptomatisch nur das Ende oder der Fortbestand, der Letztere v.a. in seiner Gefährdung, beschrieben. Was machen wir aber selbst anders, was die Kollegen, was die Alten, was die Neuen als eben noch vor zehn Jahren?

    Nono, Stockhausen, Ligeti, Cage, Kagel und viele mehr sind einfach tot. Boulez und Henze leben noch, der Erste wird wohl überhaupt keine Oper mehr zustande bringen, Henze bleibt gnadenlos dran und straft das Ende der Oper mit seiner reinen Existenz. Grisey ist tot, Murail nur eine trockene Alternative, mal sehen was Schweinitz und Stahnke da noch vollführen. Lachenmann, Ferneyhough, N.A. Huber, Spahlinger haben aufgehört zu unterrichten oder hören es bald auf, machen einfach weiter, werden immer milder. Rihm und Trojahn wären da noch die weitergelebte Postmoderne und werden – noch gar nicht so alt – auch immer weicher, gar opulenter. Deren sprühender Kollege Bose verstummte fast, der älteste und ernsthafteste Postmoderne, Hans Zender, beackert inzwischen eher plural als postirgendwas die kargen Wiesen neben Murail, Schweinitz und Stahnke. Die Meisterklassen bei Eötvös sind immer gefüllt, taugen aber mehr für Detailpraxis wie dessen oft übervolle Musik, mit Stroppa tankt man in null Komma nichts Sciarrino, Lachenmann, Elektronik wie den gesamten Spektralismus samt Ferneyhough auf einmal – die geballte Immer-Noch-Ladung der Neuen Musik.

    Jeder dieser Toten oder noch Lebenden hat nun Scharen an Anhängern, die älter oder jünger sein können und gralspachtend postmoderner oder geräuschvoller schreiben als ihre Mentoren und Vorbilder, dennoch keine Seele mehr gewonnen haben als durch die frühe Radikalität der Gestorbenen verloren gegangen sind – im doppelten Sinne dieser selbst wie der abgeschreckten Zuhörer aus den Fünfziger Jahren. Sie furchen den vorgepflügten Boden noch tiefer aus und scheinen in den Schlammtälern zu versinken.

    Zu hoffen geben indes diejenigen, welche die Methodengrenzen der Alten nicht zu ernst nehmen, virtuos ekklektisch in diesen Erdfeldern den Saum nicht schmutzig machen, selbst der grösste verwendete Dreck schillert. Jetzt wird mancher üble Gefühle bekommen. Eine dieser Gestalten ist tatsächlich meiner Meinung nach Matthias Pintscher, wie er z.B. Rihm und Lachenmann in seiner Musik mit Henze versöhnt. Das ist oft perfekter gemacht als die drei Anderen je schreiben konnten. Allerdings drängt sich der Gedanke hierbei auf, das diese Wahrheit doch mehr Illusion zu sein scheint, sich selbsteinstellendes Ausdruckspathos mit Inhaltpathos dick übermalt wird.

    Weitere Technikperfektionisten im Instrumentalen aber auch in der Verbindung dieses mit Elektronik gibt es gerade wie Sand am Meer. Die letztjährige Darmstadt-Liste las sich so. In der Grundhaltung gnadenlos postmodern, im Gegensatz zu den alten Postmodernen aber eine Beherrschung der Spieltechnikkataloge mit 0,5 in der Diplomprüfung, gepaart mit Allem, was so ein MacBook hergibt.

    Wie Erik schon bemerkte, kann man an diesen Neuen Medien auch viel zuviel Positives entdecken, die Substanz aus den Augen verlieren. Dennoch schlagen diese Leute sich immerhin nicht so sehr mit den Basics dieser Medien herum, wie es die späten 1960er und frühesten 1970er doch immer noch tun. Man schwimmt heute darin wie ein Fisch. Allerdings schadet die Frage, ob man doch auch Lungenatmung betreiben könnte nicht, wenn man all die Luftblasen dieser jungen Fischleins so sieht, diese mich oft auch nicht mal kitzeln.

    Denn es fehlt ihnen noch mehr an Wärme als je dem Serialismus angeblich mangelte. Selbst die sprödeste Musik vom Ende des 20. Jahrhunderts hat doch etwas herzerwärmendes, herziges, herzliches an sich. Da hilft die ganze Medienbrisanz, Geschwindigkeit und Virtuosität der Generation MacBook nichts. Pathos wird als das Schlimmste gesehen, was je auf Erden wandelte, derweil es zumindest der eigenen Aussagen an Pathetik nicht mangelt bzw. der Neue-Musik-Sprech bedeutsamst ausgesprochen wird, wie die Techniken dieser eben angwandt werden. Da stellt sich mir oft die Frage nach der Wahrhaftigkeit dieser Leute. Dennoch meinen sie es ernst. Ihre eigene Naivität, von manchem hier als Blenderei dargestellt, ihr pathetisches Aufrufen, so hausfraueneinfach es wirken mag, macht dies wieder sympathisch. Ich sehe in diesen Leuten immer eine tapsige SailorMoon oder einen trapsigen Pokemon, denen man die Weltrettung nicht zutraut. Dennoch gelingt es immer wieder irgendwie.

    Das bedeuetet für mich: wenn jene Leute auf schillernden Feldern unterwegs sind, zwischen den o.g. Tälern wandern, dann geben sie eine Ahnung von der Höhe und Kraft der Musik, die sie haben könnte, wenn man sie nicht immer an ihrer Technik messen würde bzw. objektive Methoden mit subjektiven Geschmack verwechselt. Dann könnte diese Generation MacBook uns bald das Fürchten und Freuen lehren.

    Ansonsten, was meine 70er Generation betrifft, denke ich an die Gleichzeitigkeit von so unterschiedlichen Kollegen wie Klaus Lang, Claus Steffen Mahnkopf und Klaus Schedl. Der Erste still, der Zweite ggf. mal selten stiller, immer wuselig und der Dritte bringt immer Alles durcheinander, schnelle und harte Töne, viel Elektronik, dennoch das Pathos der beiden Anderen.

    Wenn man den Klaus Lang mal weglässt, sieht man mit Erstaunen, wie postmodern eigentlich CSM und KS sind, wie unterschiedlich sie es zusammenhalten. CSM ist natürlich vieilmehr Purist. Sein Material ist allerdings absolut disparat, wie eine postmoderne Komposition. Er zurrt es aber so einheitlich zusammen, so dass die eigentliche Fremdheit seines Materials aufgelöst wird, als sei es durch eine Elektronikpresse gewurstet worden. KS fängt immer mit Elektronik an, wurstet auch vieles aus verschiedensten Ecken, am liebsten aus dem Hardrock – der ja auch durchaus etwas verstaubt heutzutage wirkt – , zusammen, ordnet es meist total irrational, so dass sich ein emotionales Pathos des unmittelbaren, fast chaotischen Ausdrückens gegen das Überdruck-Pathos von CSM abzeichnet.

    Interessant ist an Beiden, wie Technik als eigene Kategorie verbindend wirken soll. Die direkte Arbeit an solchen Baustellen wie Melodie und Harmonik ist ihnen fremd, es ist immer nur ein „quasi“ bzw. anderen Stilen, wie eben dem Rock/Pop abgeschaute Klarheiten, Einfachheiten. Was fehlt, und dies auch an der Generation MacBook, ist die Bearbeitung von Melos und Harmonik als eine erste Kategorie. Sie wird immer im Zitat verwendet, durch wie auch immer geartete serielle, parametrische Technik zusammengeführt, selten aus sich selbst heraus zum Mittel der Verbindung, zum Mittelpunkt der Komposition gemacht.

    Da machen und machten uns Grisey und Schweintiz gerade Wunderwelten vor. Das Problem hier ist allerdings wieder oft die Einfalt in der Harmonik, so variantenreich sie ausgearbeitet sein mag, fehlt es an der Kraft des Rhythmus, die KS und Generation MacBook an den Tag legen, das Pathos des Überdrucks. Melodie und Harmonik verleiten zu oft zum Dahinplätschern. Würde man nun mal einen Mittelweg beschreiten, nicht in den Tälern der Altvorderen-Pflugfurchen, nein, auf deren Höhen, dann könnte es mal wieder spannend werden. Im Übrigen haben die Alten uns soviel hinterlassen, wie die Parallelitäten von Henze und Stockhausen, jetzt noch extremer z.B. Klaus Lang und CSM, dass es da erstmal viel aufzuarbeiten gilt, so ehrlich und wahrhaftig sollten wir zu uns selbst und den Kollegen sein. Es geht nicht um DAS NEUE, es geht darum, das Neue erstmal zu verarbeiten. Selbst so profunde oder laute Bestandsaufnahmen wie vor knapp 10 Jahren durch CSM oder jetzt durch Kreidler konstatierten ja keinen neuen Stil, sondern eigentlich immer das Mehr an Methode oder an technischer, formaler wie stilistischer Möglichkeit als deren neue, modische, stilistische Einschränkung. Es geht also die Zeit der reinen Entdeckungen zu Ende, es geht die Neue Musik als pure Zuschreibung zu Ende. Das neugierige Entdecken der Errungenschaften hat eigentlich erst jetzt begonnen. Das ist eine Wahrheit, vielleicht für uns Alle die persönliche Wahrhaftigkeit, wenn wir mal selbstehrlich und redlich sind.

    Gruss,
    Alexander Strauch

  21. eggy sagt:

    @querstand:
    eine gar treffliche und brilliante Analyse der jetzigen Situation – sehr gut!
    Mir scheint gerade in dem von Dir beschriebenen „Irrationalen Faktor“ befindet sich das größte Potential, denn hier entzieht es sich der Zuschreibung und Kategorisierung und wird für mich am Interessantesten. Wenn dieses Irrationale sich wieder der grundsätzlichen Parameter von Musik annimmt, quasi gesättigt aus einem Jahrhundert der Erfahrungen wieder bei den „Basics“ beginnt, könnte es spannend werden, denn es ist nicht möglich, hier etwas zu wiederholen.
    Damit meine ich nicht Stilkopie oder „Back to the Roots“ wie es mancher propagiert, sondern ein Rückbesinnen auf das, was im Archaischsten Sinne „Musik“ bedeutet, und was wir in einem Zeitalter der Muzak, Begleit- und Absichtsmusik vergessen haben.
    Wenn wir in Konzerten wieder eine Intensität der Ansprache erreichen, die nicht nur die „Kenner“ erreicht, wäre schon viel gewonnen.
    Das wäre dann auch wieder eine „Entdeckung“, aber ohne das Pionier- und „Erster“-Gehabe, dass die Neue Musik im 20. Jahrhundert dominiert hat.

    Moritz Eggert

  22. querstand sagt:

    @eggy: Der Gedanke einer Schulklasse, in der die neuesten immer schreien Herr Lehrer, äh, äh, ich, ich, ich, ich, hab’s, schön laut schnippsen – zu schön. Ein Gedanke noch: Stockhausen erfand tatsächlich ständig was Neues, Cage wurde auch niemals müde. Das Gros der Neu-Rad-Erfinder stagnierte dann doch schnell, verteidigte bissige-Stuten-gleich die neue Errungenschaft, die höchstwahrscheinlich auch der leisere Schüler der Klasse zwei Sekunden zuvor kreierte. Das war’s dann meist. Selbst Nobelpreisträger, die jahrelang in die prämierte Materie Zeit investierten, überraschen mit ganz neuen Forschungsfeldern, wechseln im hohen Alter nochmals das Feld. Alte Komponisten lassen dagegen ihre Musik eher licht und plan werden wie ihr Haupthaar. Also: das Neue nicht so wichtig nehmen oder mehr Nobelpreisträgerbescheidenheit. Es ist schon merkwürdig, dass noch keiner ein Kompositionstechnik-Copyright hat eintragen lassen, wo doch versessen jedes Werk am liebsten gleich zweimal bei der GEMA angemeldet wird und zweimal uraufgeführt werden muss, etc. Also Gelassenheit, es ist ein riesiges Schlaraffenland, man muss das Futter nicht neiden. Dieses Wissen wohnt den Meisten doch sowieso inne, deshalb wohl der bisher noble Copyright-Eintragsverzicht. Vielleicht sollte man wieder mehr den Gärtner zum Vorbild nehmen, der hegt und pflegt, weniger den Designer geben. Und wem das Wort irrational stört, kann vielleicht besser leben mit: denken, viel denken, schnell schreiben, wieder denken, das Geschriebene überprüfen, verdauen, mit Freuden nochmals wiederkäuen, vergessen, neu und noch schneller ganz neu in den Rechner hacken oder zu Papier bringen – aufatmen und ein Glas Wasser, Bier, Wein, etc.

    Hätte doch Schönberg seine Neuerungen mal entspannter betrachtet, mehr Wein genossen: selbst Berg verübelte er jahrelang ihm vorgegriffene zufällige Zwölftonreihen. Das lag wohl an Schönbergs Autodidaktismus. Dieser und diese Gralshüterschaft, ein weitverbreitetes Merkmal der Komponistencharaktere des 20. Jahrhunderts. Oder sind das vorzugsweise Wiener Züge, die dann in der deutschen wie Weltmusik letzthin vorherrschten? Dieses genaue um sich schauen, dass ja niemand was Ähnliches macht oder was der Gassennachbar so verbricht? Wehe dem Gassenhauer! Dann rufe ich sofort den Fleischhauer…

    Entspannung und Genuss, und etwas Neues kommt dann von allein – zum Schluss – so sei es!

    Gruss,
    A. Strauch, nach der 1. Wurstsemmel, jetzt folgt Nutella, dann Schreiben… Kaffe um 11, Schlaf um 12.

  23. Hello all,

    ich schließe mich John Strieders Statement oben an. Wahrhaftigkeit (nach Innen, persönliche) das ist erstmal das anzustrebende Maximum. Aber wir haben uns ein bissel (ich auch) ineinander verknotet, verzwirbelt, sind vom Thema abgekommen, was aber auch spannend sein kann.

    Es ging um Musikkritik. Und dazu bin ich auch der Ansicht,
    dass da, wie überall, das Bemühen um Wahrhaftigkeit gegenüber sich selbst wichtig bleibt und hatte persönlich dargelegt, welchen Kritiker-Umgamgstypus ich pflegen würde.

    @ Max Nyffeler,
    ich hatte nicht die Absicht hier eine Basisdiskussion ab zu würgen. Nietzsche zu lesen und sich damit auseinander zu setzen ist und bleibt sicher gerade für uns Komponisten Gewinn bringend, auch heute noch – gerade bei dem Zerbröseln alter Werte und Vorstellungen, seien sie nun musikästhetischer oder kulturpolitischer Art.

    @ querstand: das mit der Schulklasse und dem SCHNIPP-SCHNIPP „ich ich, weiß mehr, Herr Lehrer“ etc. das ist doch ganz lustig.
    Nur: WER ist unser „großer Lehrer“?
    Ein Jesus, ein Nietzsche, oder Festivalkuratoren oder Komponist XY oder vielleicht sogar künftig nur noch der Computer, das Rechenprogramm, das in jedem Komponierstil auf Mausklick alles errechnen kann und somit – ob Laien oder Berufskomponisten – uns allen zu „Künstlern“ macht? …(mal bissig-ironisch gefragt) – und was uns das Denken bzw. das innere Ohr, die Vorstellungskraft mehr und mehr aushöhlt.

    UNd @alexander

    Wie gesagt, es gibt heute nur das Ende der Neuen Musik oder das Weiter wie immer. Was könnte eigentlich das Neue sein? Was sind aktuell neuere Strömungen? Wie unterscheidet sich die Musik heute von derjenigen vor zehn oder zwanzig Jahren? Das wären doch mal Fragen und Antworten. Anstattdessen wird im Badblog symptomatisch nur das Ende oder der Fortbestand, der Letztere v.a. in seiner Gefährdung, beschrieben. Was machen wir aber selbst anders, was die Kollegen, was die Alten, was die Neuen als eben noch vor zehn Jahren?

    Wenn das so einfach wäre. Denke, angesichts der drohenden Kürzungen und der allgemeinen Stimmung, die nun mal zwischen „Weiter-so-es-wird schon-gut gehen“ und einem „Es geht tendenziell den Bach runter“ oder „Weder noch“ schwankt (nun mal ganz umgangssprachlich runter gebrochen)

    Man kann durchaus einen ernsten Diskurs, in dem es auch um existentielle Dinge geht, finde ich, weiterhin sachlich und unverbissen weiter führen und dran bleiben, das sollten wir sogar weiterhin. Aber müssen wir dazu uns unbedingt nur mit der ästhetischen Frage beschäftigen wie z.B.: Was ist heute anders als vor 10/20 Jahren in der Musik (Musikästhetik)? Oder „was macht ein Johannes Kreidler revolutionäres?“ Oder: was ein Marc André o.ä.?oder…. (es ist austauschbar).

    Ist doch ganz lustig alles, was wir hier machen; auch wenn ab und zu mal Feuercocktails (oder flambierte Zuckerrohrschnäpse … ;-) ) durch die Gegend fliegen. Man hält die Krise und dieses (ratlose) „Schulklassen-“ Klima nur aus, wenn man sich selbst und andere nicht immer bierernst nimmt (pardon, dass ich was gegen Bier sagte: gemeinsamer Brückenwirtbesuch steht noch aus…?)
    wenn man aber dennoch an gewissen eigenen Prinzipien nun mal fest hält und sie immer wieder in Diskurs bringt.

    Weiterhin bleibt meine Überzeugung: es nutzt wenig, wenn wir hier nur darüber diskutieren, was es so stilistisch-ästhetisch „Neues“ gibt, was wir/einzelne anders machen musikalisch, stilistisch, ästhetisch. Denn: Die Kürzungen, die an stehen, werden davon allein nicht weniger.

    Und sie werden auch dadurch nicht weniger (im Gegenteil), wenn wir uns nicht trauen, die Strukturdebatte (mehr Solidarität mehr Transparenzen) konsequent weiter zu führen und das grundsätzliche Problem im Auge behalten, was wir tun können um die Neue Musik weiterhin vor uns selbst (und momentan relativ wenigem Publikum) und künftig (Vision) auch in der breiteren Gesellschaft legitimieren zu können.

    Ästhetischer Wandel, Wandel der Individualstile, rein kompositions- oder z.B. computertechnische Fragen o.ä.
    reicht da allein bestimmt nicht aus. ZUdem sind wir da auch – wie beim „Wahrheitsbegriffsthema“ oder bei dem Thema „Was ist Wahrhaftigkeit für jeden einzelnen“ wieder genauso schnell am Ende und drehen uns bei subjektiven Ästhetik-Fragen genauso schnell im Kreise (oder noch schneller). Da wird sich auch jeder in sein Schneckenhäuschen zurück ziehen, egal ob momentan gepuscht und „gut im Geschäft“ oder ob gerade Hungerkünstler.

    Neue, wieder wahrhaftigere (bzw. selbstkritischere) Komponier-HALTUNGEN (nicht nur bei den NIcht-Etablierten), Reform des Systems sind also, benaupte ich weiterhin, mindestens genau so wichtig, wenn nicht erstmal viel wichtiger als alles andere.

    Schönen Tag aus dem allerdings verregneten Düsseldorf

  24. eggy sagt:

    @erik

    Ästhetischer Wandel, Wandel der Individualstile, rein kompositions- oder z.B. computertechnische Fragen o.ä.
    reicht da allein bestimmt nicht aus. ZUdem sind wir da auch – wie beim “Wahrheitsbegriffsthema” oder bei dem Thema “Was ist Wahrhaftigkeit für jeden einzelnen” wieder genauso schnell am Ende und drehen uns bei subjektiven Ästhetik-Fragen genauso schnell im Kreise (oder noch schneller). Da wird sich auch jeder in sein Schneckenhäuschen zurück ziehen, egal ob momentan gepuscht und “gut im Geschäft” oder ob gerade Hungerkünstler.

    Du hast vollkommen Recht. Aber warum ist das so? Wäre es nicht so, gäbe es eben ein weitreichenderen gemeinsamen ästhetischen Diskurs (jetzt mal vom persönlichen Geschmack abgesehen, der immer individuell sein wird), einen gemeinsamen Willen etwas zu verändern, der die individuellen Differenzen transzendiert: es wäre viel gewonnen, und man könnte wieder von einer stilistischen Richtung anstatt hunderter kleiner geek-cultures sprechen, die auch noch untereinander konkurrieren und sich eifersüchtig bekriegen. Davon würden alle profitieren, denn es würde unser aller Musik wieder mehr ins Bewusstsein bringen, wenn man von außen das Gefühl bekäme, dass hier etwas wirklich Neues passiert.
    Das hat mehr mit einer Haltung (wie Du richtig bemerkst) als individuellen Techniken zu tun, die einzelne Musik muss, ja soll unterschiedlich klingen. Das meine ich mit „Wahrhaftigkeit“, und darauf könnte man sich auch als Definition einigen.
    Es muss um etwas gehen, dass mehr ist als die Suche nach dem nächsten Kompositionsauftrag oder der nächsten Bewunderung durch Fachleute. Es muss eine Agenda geben, einen Willen. Davon gibt es zu wenig. Jede Agenda erzeugt Polarisierung, und diese hat großen Effekt, so hat ein Komponist wie Wagner mit seinem Stil einfach sein eigenes und kommende Jahrhunderte „herausgefordert“ – entweder mitgerissen (Bruckner) oder interessante Gegenpositionen hervorgekitzelt (Debussy).

    Wer schwächen will, der teilt, deswegen heißt es „Teile und Herrsche“, wenn es darum geht, eine Macht klein zu halten. In dem Moment in dem wir also NICHT so handeln, wie Du es beschreibst, uns nicht ins „Schneckenhäuschen“ zurückziehen, es würde es uns alle stärker machen.
    Es ist wie bei der GEMA oder beim DKV – man ist erstaunt wie unsolidarisch es oft zugeht unter den Komponisten. Gerade wenn es brenzlig wird, zieht man sich noch mehr auf einzelne Inseln zurück, was aber auch letztlich bedeutet, dass alles noch schneller den Bach runtergeht.

    Mein Traum ist eben, dass es nicht so sein muss. Und diesen Traum muss man träumen dürfen, oder?

    Moritz Eggert

  25. @ Max Nyffeler

    Nietzsche hat „Wahrheit“ und „Erkenntnis“ in einen Topf geworfen. Warum das unterschiedliche Dinge sind, darüber geben gerade jene „postmarxistischen Neophilosophen und Dekonstruktivisten“, die gerne als (minderinteressante) Fußnotenproduzenten abgekanzelt werden, gute Gründe an.
    Ich habe deshalb auf Heinz von Foerster hingewiesen, da gerade er, als Physiker UND Philosoph, in puncto Wahrheit eine Kapazität darstellt, denn schließlich ist „richtig/falsch“ bzw. „wahr/unwahr“ die Leitdifferenz des Wissenschaftssystems selbst.

    Klar ist, dass andere Systeme sich auch gerne der Wahrheit bedienen, so z.B. das Rechtssystem – dort aber auf der Basis einer Interdependenz.
    Gerichtsgutachten werden von Wissenschaftlern erstellt.
    Spurensuche ist eine Angelegenheit von Laboren und dem dort tätigen Wissenschaftspersonal und nicht eine Angelegenheit des Richters.

    Ist also „Wahrheit“ ein Medium? – Ich denke ja!
    Ist „Geld“ oder „Macht“ ein Medium ? – aber „logisch“; überall ist es zu spüren.
    Ist „Kunst“ ein Medium? – na ja, da können berechtigte Zweifel aufkommen, das sollte man diskutieren.

    Was zeichnet aber Wahrheit, wenn es ein Medium ist, vor den anderen Medien aus:

    Ich glaube, dass gerade alles, was als „wahr“ bezeichnet wird, nur dann als wahr gelten kann, wenn es sozusagen VOLLSTÄNDIG vom Einfluss anderer Medien (wie eben Macht, Geld oder gar Kunst) befreit ist.
    „Hände weg von Eiern, sie sind dioxinhaltig!“
    diese Feststellung können wir nur dann als wahr gelten lassen, wenn wir auch sicher sind, dass die Aussage selbst frei ist von Macht- oder Geldinteressen, von Interessen bspw. der Tierschützer oder Gemüsebauern; weil sie eben nicht in der Zeitung steht, auf Grund eines Gegengeschäfts mit einer Interessensgruppe, der Politik oder wem sonst.

    Kritik kann sich auch des Mediums der Wahrheit bedienen, wenn es sich um Kritik innerhalb der Wissenschaft selbst handelt, Philosophiekritik mag ähnliche Berechtigung besitzen.

    Kunstkritik aber NICHT!
    Falls Kunst selbst ein Medium ist, (viele Argumente sprechen dafür) kann sie sich selbst gerade NICHT auf „Wahrheit“ stützen (außer der einfachen Wahrheit, dass eine Sinfonie auf Notenpapier steht), ohne sich selbst in den Orkus der zusammengesetzten Langeweile zu katapultieren.
    Denn wäre das möglich, dann könnte man Kunstwerke „errechnen“

    Kunstkritik kann das ebenfalls nicht – der letzte, der es versuchte war Herr Beckmesser (ich meine das Original aus der Oper).
    Jenseits einer einfachen Tatsachenfeststellung („das Konzert hat stattgefunden“ – „die Leute haben „buh“ gerufen“ ) kann Kunstkritik nicht mit dem Medium Wahrheit operieren.
    Die Kunstkritik weiss das seit langem. Da man das Medium Wahrheit, aber gerade wegen seiner brillanten Unabhängigkeit, die es ausstrahlt so gerne hat, möchte man ungern darauf verzichten.
    Und als Ausweg aus dieser vertrackten Situation wurde der Begriff „Wahrhaftigkeit“ erfunden. Strahlt dieses Wort doch sympathischen Selbstzweifel gepaart mit bedingungsloser Ehrlichkeit aus. Deshalb ist es auch so beliebt. – – – –
    Nämlich auch unter Komponisten.
    Und jetzt wird es problematisch:
    Es wird dadurch das „Erfolgsproblem“ (der Tenor der bad-blog-Diskussion) in den Bereich des posthumen verlagert – mir fällt dazu „virtueller Selbstmord“ ein und ich möchte gerne davon alle abhalten.

    Als Künstler sollte man nicht damit aufhören nach zündenden Ideen, irren Einfällen, irrationalen Räumen, himmelschreienden „Blödheiten“, Luftschlössern und geilen Abseitigkeiten zu suchen.
    Die Wahrheitssuche – – wääääh! – wie langweilig

    Ich liebe die „postmarxistischen Neophilosophen und Dekonstruktivisten“ auch wegen ihrer bis dato nie gelesenen Begriffsgenauigkeit und empfehle sie deshalb gerne.

    Ach, was bin ich heute wieder nett – wechselstrom liebt euch alle – echt wahr!

  26. querstand sagt:

    @ wechselstrom:
    „Als Künstler sollte man nicht damit aufhören nach zündenden Ideen, irren Einfällen, irrationalen Räumen, himmelschreienden “Blödheiten”, Luftschlössern und geilen Abseitigkeiten zu suchen.
    Die Wahrheitssuche – – wääääh! – wie langweilig“.

    Damit sagen Sie Alles! Die Wahrheit des Künstlers ist doch neben den kabbalistischen Ernsthaftigkeiten seines Materials, was dann meist in Neuer Musik als genügend und genialisch ausgestellt wird, sich und das Material so lange zu quetschen, bis es eben wahnsinnig, irrational, etc. wird. Und die Selbstehrlichkeit ist zwischen Kopf und Bauch das richtige Mass zu finden, es zu umspielen. Die Wahrheit des Kritikers wäre da auch bei aller gebotenen Objektivität seine Ich-Botschaften als solche deutlich zu klassifizieren, seine Entertainmentfunktion nicht zu übertreiben und die Macht seiner Worte, gerade in wenige Zeichen eingedampft, nicht zu unterschätzen. Allerdings muss und soll er manchmal doch das richtige Warnschild aufstellen, bevor es keiner tut. Denken wir an akademisch ausgebildete Komponisten, wären da allerdings die Lehrer auch noch viel mehr denn je gefragt: einerseits Pseudogeniales ls solches zu erkennen, dennoch besonders deas Eigene des Delinquenten herauskitzeln und nicht sich zu sehr am vermeintlichen eigenen Spiegelbild im Schüler schneichelnd zu sehen, gerade wenn dieser Dinge macht, die man an sich selbst kennt, aber unterdrückte. Da wird’s dann doppelt unwahrhaftig, wenn man seine Selbstverleugnung entdeckt und dies dann aber im Schüler überbordend lobt – der könnte was Eigenes gerade in diesem Moment dann selbst negieren…

    A. Strauch

  27. Wechselstrom is back!

    Dies mit einer Brillanz und Denkschärfe, die hier ihresgleichen sucht! Dem ist nichts hinzu zu fügen.

    Buona notte.

  28. querstand sagt:

    @ erik: Schön, dass Du Dich über Wechselstrom aka Christoph Theiler wieder freust. Prinzipiell sehe ich in seinen Beiträgen auch blitzgescheite Eloquenz. So hoffe ich hier auf einen weiteren guten Austausch. Ich hoffe allerdings auch, dass wir uns Alle hier nicht wieder in den gleichen Kreisen zuvor drehen. Jetzt ist doch eine gewisse streitbare Zärtlichkeit eingekehrt, die erstmal gar nicht so schadhaft wirkt, auch wenn natürlich Janson und Querstand Sologefahr ab und an bestand. So freue ich mich auch über Peter Köszeghy, über den Herrn Møller, Herrn Nyffeler, etc. So kommentiert es sich doch ganz gut durch die „Musick“. Ausserdem hoffe ich inständig, dass wir gegenseitig nicht die Weltverschwörung hinter jedem Statement der Hauptautoren vermuten. In diesem Sinne möchte ich meinen letzten Beitrag hier auch nicht als Angriff gegen konkrete Lehrer verstehen. Wie man an meiner Ausweitung der Kommentarzone zuvor sehen konnte, geht es mir zwar schon um Wahrhaftigkeit als solche, vermute da allerdings ein wenig eine Selbstbeschäftigung, wenn mehr Inhalt fehlt. E I N E Ausrichtung im Jetzt zu finden, das wäre doch auch mal was Schönes, und sei es eine andere Wertung des grds. Zugangs zu Komposition. Nach Komplexismus, Spektralismus, MacBookismus nun die Neue Wahrhaftigkeit? Aber im Ernst: ein differenziertes, selbstbeobachtendes Komponieren, Kritisieren, Programmieren und Dozieren wäre wirklich mal angebracht, nachdem der zur Schau getragene Hyperindividualismus von Komponisten bis jetzt auch bei uns aufkommenden Kuratoren so lange schon Urständ feierte. Das soll nicht einschränken, aber doch dieses markige „ich hab’s“ und „Erster“-Geschnippse der Klasse, ohne Lehrer(!), als über Inhalts- und Einfallsleere rettendes Prinzip ablösen. Die Neue Musik muss nicht wie eine Eiger-Nordwand-Erstbesteigung oder eine Mondlandung mehr funktionieren. Sie muss – so glaube ich „Ego-Schnippser“ – tatsächlich die Freiheit für Alle einlösen, die sie verspricht, eben in der Fähigkeit zu menschlicher Selbstbeobachtung. Unbeschadet all unserer eigenen Musik, die garantiert im Einzelfalle sehr interessant ist, würde eine Selbstbeobachtung der einen eigenen Kommentar-Idee, deren weitere Ausdifferenzierung, manchmal gut stehen. Dann bleibt garantiert der Kern, es zeigen sich aber auch die Andockstellen zu den Anderen. So seien wir ab jetzt die kommunikative Avantgarde der Musik!!!

    Gruss und in Freude, allmählich Selbstbeobachtungs-unfähig um 2:40 Uhr morgens,
    Euer Alexander

  29. @ querstand, @wechselstrom, @ eggy, @ all

    danke für Deine lieben Worte, Alexander und dass Du für den Blog „Nachtwache“ gehalten hast. Ich hab´s auch bis 1 Uhr 15 bis zum Schlummerngehen ausgehalten. Die Sonne scheint hier, knapp 20 Grad auf meinem Südbalkon und es ist trocken-kalt. Da möchte man nicht an einen „Untergang“ glauben sondern – ja, lieber auf mehr Selbstbeobachtungen/Selbstritik auf allen Seiten hoffen. Und wir alle tragen die Hoffnung in uns, dass jenes kräftige und alles aufräumende „HURZ!!!“ durch Witten, Darmstadt, Donaueschingen und auch durch die freien Szenen gehen möge: auf dass alle mehr solidarisch aber auch „unanständig“ sein dürfen oder auch „unanständig“-solidarisch. (Aber auch Hufis und Arnos Skepsis und Hurz-Altherrensketch-Titulierung kann ich ein bissel verstehen – er bedient schon die alten Klischees: „ahnungsloser Bürger trifft auf Intellekuellen, aber er treibt es eben gut auf die Spitze).

    Glauben wir also weniger an „KAMPF, den wir in uns tragen als an eine „Versöhnung am Ende der Zeiten“ (frei nach dem Hape Sketch).

    Was Deine Hoffnungen/Rest-Befürchtungen angeht, dass hier wieder das Um-Sich-Peitschen Einzug halten könnte:
    Ich denke: in Zeiten von Käsebroten und nächtlichen Zuckerrohrschnäpsen und Brückenwirtbesuchen in Spé ist die Gefahr gebannt, und wenn, dann wäre virtuelle Waatscherei dann allemal auszuhalten.

    Es bricht eine neue Zeit an; die Zeit des Sich-Zusammenraufens, aber nicht auf ästhetisch-stilistischem Gebiet, und da ist es auch nicht nötig sondern es wäre geradezu kontraproduktiv. Heißt für mich z.B. nach wie vor: „schreddern“ aber auf MEINE Art, z.B: nicht wie Kreidler oder andere.

    Alexander, Du hast hier oben das, was bisher diskutiert wurde, gut auf den Punkt gebracht, wo wir die neuen Vorreiter sein müssen: „Kommunikative Avantgarde“, der Begriff gefällt mir gut.

  30. strieder sagt:

    Ich finde, die Suche nach der eigenen „Wahrhaftigkeit“ (als Privatangelegenheit) ist keinesfalls langweilig – es sei denn, man findet sich selbst langweilig? ;) Die eigene „Wahrhaftigkeit“ ist wohl eher subversiv, alleine schon durch den Fakt ihrer Individualität gegenüber der gleichgemachten Gesellschaft, die ihre Zwänge von oben aufgedrückt bekommt und unter sich am schärfsten richtet.

    Dazu gehört auch ständig zu hinterfragen, was man macht, und ob es wirklich das ist, was man will/in einem steckt, oder ob man sich von irgendwelchen Konventionen zurecht stutzen lässt. Traue ich mich, so zu schreiben wie ich wirklich möchte? Diese „Wahrh.“ ist natürlich nicht nur reine Innenschau, sondern im Gegenteil auch die Betrachtung der von Aussen kommenden Einflüsse*, und wie sie in einem auf fruchtbaren Boden fallen oder eben nicht. Vielleicht sogar in einem ersten falschverstehen, das einem auf etwas ganz anderes bringt. (*Hiermit meine ich theoretisch alles, ein Bild, ein Stück Musik der 2. Wiener Schule, einen Technotrack, das Quietschen der Tür, ein winziges Detail eines Stückes von Xenakis, ein Wort …) Andernfalls ist die Gefahr gross, das man irgendeine gesellschaftliche „Wahrheit“ einfach übernimmt.

    Eine gesellschaftliche Wahrheit lautet etwa: „Die Dur/Moll-Tonalität ist die einzig natürliche Verbindung von Tönen und ergibt sich aus der Obertonreihe. Primitive Kulturen verwenden andere Klänge, weil sie im Gegensatz zu den West-Europäern unterentwickelt sind. Der Siegeszug der westlichen Pop-Musik ist der beste Beweis.“ [Dies ein Extrakt aus unablässig wiederholten „Wahrheiten“ aus dem „grossten deutschen“ Musikerforum sowie andern Seiten im Internet (Orte, an denen andere „Wahrheiten“ heftigst attackiert werden – s.o.), sowie Gesprächen mit Menschen aus dem Bereich Computergrafik, Softwareentwicklung, etc. im Alter 25-35.]

    Um so schwieriger, als das der gesellschaftliche Zwang als Normalität, und ein nicht-beachten einer derer Zwänge sofort als „Weigerung“ oder (noch schlimmer) als „Negierung“ angesehen wird. Doch muss einer, der keinen Alkohol trinkt, nicht gleich „Anti-Alkoholiker“ oder „Abstinenzler“ sein.

    Das soll nicht heissen, das man es nicht auch ganz anders halten und trotzem gültiges produzieren, oder Gültigkeit sowieso als nicht relevant erachten kann etc. – und so möchte ich doch nur verteidigen, es „auch“ so machen und nicht-langweilig-finden zu „dürfen“ ;)

  31. strieder sagt:

    Erik Janson schrieb: „Es bricht eine neue Zeit an; die Zeit des Sich-Zusammenraufens, aber nicht auf ästhetisch-stilistischem Gebiet, und da ist es auch nicht nötig sondern es wäre geradezu kontraproduktiv. Heißt für mich z.B. nach wie vor: ’schreddern‘ aber auf MEINE Art“

    Zwecks vollster Zustimmung zitiert! – letzten Endes stehen wir alle auf der selben Seite (so denke ich doch), und allgemein gestritten und gefeindet wird sich meistens nur um die Ästhetik – statt froh zu sein überhaupt eine zu haben ;)

  32. Um ein bisschen Pfeffer in die erst ins Philosophische abdriftende und nun beinahe feierlich gewordene Diskussion über Musikkritik zu streuen: In der Literaturkritik wird von den Rezensenten gnadenlos umgesenst, was ihnen gegen den Strich geht – wohl darum, weil ihre Kritik sonst niemand mehr liest. Bei dem inflationären Kulturgerede wird eben nur noch gehört, wer genügend Lärm macht. Entsprechend klingt es dann aber auch in den Online-Kommentaren der Leser, wo der Kritiker ebenso gnadenlos sein Fett weg kriegt. Zur Erheiterung ein aktuelles Beispiel aus „Spiegel Online“, wo ein Herr Diez das Buch eines Herrn Suter zerfetzt hat und nun selbst niedergemacht wird:

    »Nee, wat is der Diez schlau …
    Man kann den Suter ja lesen oder es auch lassen. Unerträglich bleibt dagegen die verstaubte teutonische Literaturkritik, die in romantischer Verklärung glorreicher Zeiten („Seit Thomas Mann gibt es keine gute Literatur mehr …“) an der Moderne kein gutes Haar lässt. Nun soll auch gleich noch Europe untergehen … Meine Güte! Wann hören diese Salon-Intellektuellen (Typ „Abi war ok, nur in Mathe hat’s nicht so ganz geklappt“) endlich damit auf, die Welt mit ihren sinnentleerten Pamphleten zu langweilen. Andererseits – selbst schuld. Ich muß es ja nicht lesen!«

    Der ganze Wortkrieg unter http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,742019,00.html .

    Wenn es in der Musikkritik so zugehen würde, wäre es sicher unterhaltender als jetzt, aber ob es wem nützte?

    Vielleicht sind Lesen und Diskutieren von Kritiken ohnehin Zeitverschwendung. Als Komponist würde ich vermutlich lieber komponieren anstatt mich mit solchen Diskussionen zu verzetteln. Als Kritiker muss ich leider gelegentlich lesen, was die Konkurrenz so macht. Auf die Gefahr, als Nestbeschmutzer dazustehen: Die Kritik kommt mir manchmal wie ein Karussell vor, von dem man schlecht heruntersteigen kann – sie dreht sich um sich selbst, und die Wirklichkeit ist außen vor. Also bitte, liebe Komponisten, überschätzt diese Branche nicht, was die Inhalte angeht. (Mit der Machtfunktion ist es leider eine etwas andere Sache.)

  33. @ Max Nyffeler,

    wie wahr, wir Komponisten sollten uns mehr mit dem Komponieren befassen, das fällt nur nicht immer leicht, wenn man sich über Missstände im System tendenziell immer mehr ärgert und/oder gar allmählich frustriert darüber wird.

    @

    Also bitte, liebe Komponisten, überschätzt diese Branche nicht, was die Inhalte angeht. (Mit der Machtfunktion ist es leider eine etwas andere Sache.)

    Wenn Sie dies, wo Sie sicher in der Szene drin sind, sie zumindest bestimmt gut kennen – schon bemerken mit der „Machtfunktion“, dann wird da was dran sein, und das ist ziemlich schade. Wenn wenige Musikkritiker/Musikwissenschaftler oder einflussreiche Leute aus den Akademien die vermeindlichen „Trends setzen“ „den Ton angeben“ o.ä. und das, was vielleicht wirklich spannend/frisch, zukunftsweisend ist kaum wahrgenommen wird… Dann lähmt das eine Menge Leute.

    Man wünschte diesen Leuten mit „Machtfunktion“ mehr Feingefühl und dass sie sich mal wieder daran erinnern, dass nicht Musikwissenschaft(ler) oder -kritiker die Komponisten machen sondern umgekehrt.

    Es ist zuerst der WERK da; der Komponist schreibt es um des Schaffens willen (wg. irgendeiner Eingebung, einem Gefühl von Notwendigkeit oder auch purer „Lust“ aufs Schreiben, Humor o.ä. innerer Motive). DANN erst folgt die Kritik. Umgekehrt ist es schwer vorstellbar: wo nichts ist/oder immer mehr kulturell platt gemacht/ignoriert wird, da gibt es auch (bald) nichts mehr – oder immer weniger zu schreiben…

    @ John: was Du da über Leute aus der Computer- und Softwareentwicklungsszene zwischen 25 und 35 so schreibst und beobachtest (hab ich tw. auch schon aus eigener Erfahrung mit solchen Leuten mit bekommen), das ist alarmierend aber auch irgendwie symptomatisch. Der beste Beweis für einen eigentlich unerträglichen Widerspruch: Leute, die eigentlich in einer sogenannten „ZUkunftsbranche“ (Technologieentwicklung)arbeiten und für sich oft beanspruchen die neuen Kulturtechniken für eine moderne Kultur und Kommunikation zu entwickeln.
    Dieselben Leute sind im Inneren und in Ihrem Geist nach rückwärtsgewandt, reaktionär und innovationsfeindlich.

    Genauso wie diejenigen, die vermeintlich immer so das Ideal uneingeschränkter individueller Freiheiten (Liberalismus/Neoliberalismus) verabsolutieren und auf alle Welt übertragen wollen und damit nicht merken, dass sie damit neue Unfreiheiten (Komsumzwang, neue Abhängigkeiten von der Ökonomie/ von der Position des/der „Stärkeren“) für alle schaffen (ob nun gewollt oder ungewollt).

  34. @ Erik Janson:
    Vielleicht kennen Sie das Buch von George Steiner, „Von realer Gegenwart“ (englisches Original: „Real Presence“); darin wird genau das, was Sie beklagen, ausführlich dargestellt: Die wachsende Dominanz der Sekundärdenker, (der Erklärer, Kritiker und Deuter) gegenüber der primären künstlerischen Äußerung. Am Anfang, so Steiner, war eben „das Wort“, d.h. der Geist, und nicht das Darumherumgerede. Ich kann das Buch nur allen empfehlen, die sich Gedanken machen über das, was künstlerische Arbeit, Kreativität etc. genannt wird.
    Dass ein Kunstwerk in einen gesellschaftlichen Funktions- und Machtzusammenhang hineinkommen muss, um wahrgenommen zu werden, ist andererseits eine Tatsache, die man nicht wegdiskutieren kann. Die Kritiker spielen eine sekundäre Rolle in diesem Apparat – sie liefern bloß das Schmiermittel, damit er besser läuft. Die wichtigen Akteure, d.h. diejenigen, die den Apparat überhaupt in Bewegung setzen und steuern, sind die Veranstalter und nebst ihnen die Verleger, CD-Produzenten, Geldverteiler in Gremien, Juroren etc. (oft in Personalunion, denn der Neue-Musik-Betrieb ist klein). Sie schaffen die Fakten und bestimmen, wer Aufträge bekommt und wer aufgeführt wird und wer nicht. Die Kritiker können nur a posteriori darüber reden und auf diese Weise vielleicht die Meinungen beeinflussen. An das dachte ich, als ich schrieb, man sollte sie in ihrer Bedeutung nicht überschätzen.

  35. Danke für die aufmunternden Worte an Erik und querstand.

    muss allerdings sagen, dass ein Forum, das Kritik an den Forumbetreibern „editiert“, redigiert oder zensiert (jeder möge sich das passende Wort heraussuchen) nicht sehr attraktiv ist.
    So ist zu befürchten, dass jede Kritik an den Zuständen in dem Augenblick „editiert“ wird, in dem (sei es im Vordergrund oder im Hintergrund) Betreiber des Blogs involviert sind.
    (kleiner Hinweis: Festival „Zukunftsmusik“: Die internationale Ausschreibung (inzwischen aus dem Netz genommen) sucht „junge Künstler, die …“ Die Hälfte der Ausgewählten war über 50, ausgewählt von einer hochkarätigen Jury, darunter, und auch unter den Ausgewählten die üblichen Verdächtigen)
    Als journalistische Begleitung erschien der Artikel im bad blog mit der Überschrift: „Die Zukunft beginnt – heute!“
    wie wahr!

    Deshalb heute, für sicher lange Zeit, das letzte Posting von mir:

    Literaturkritik hat es insofern einfacher, da sie Sprache mit Sprache beschreibt. Eigentlich müsste dann in der Musikkritik die Musik mit Musik beschrieben werden.
    Warum das nicht so ist, darüber könnte man wieder ins Philosophische „abdriften“.

    Lassen wir das.

    Ich verweise auf das Buch „Ästhetik der Kritik“ (Ed. Voldemeer Zürich, Springer Wien)
    und zitiere einige Auszüge aus dem darin enthaltenen Artikel von Martin Seel:

    „Gestalten der Kritik“
    Sechs Figuren

    1. Der Richter
    Er urteilt im Namen von Gesetzen oder Grundsätzen. Die Basis seiner Wertungen ist ein Allgemeines, um das er Weiß oder zu wissen glaubt.

    2. Der Advokat
    Der Advokat ist Befürworter einer Sache oder Partei. Er vertritt partikulare oder allgemeine Interessen großer oder geringer Reichweite.

    3. Der Ermittler
    Er will herausfinden, wie es wirklich war. In der Rolle des Kritikers arbeitet er nicht im Auftrag Dritter, sondern auf eigene Rechnung.

    4. Der Therapeut
    Er möchte den Frieden wiederherstellen. Er will Spannungen nicht erzeugen, sondern beseitigen oder doch mildern. Seine Kritik ist konstruktiv gerade dort, wo sie destruktiv verfährt. Ihre Basis ist der Glaube, dass die Benennung von Krisen zu ihrer Überwindung führt.

    5. Der Enthusiast
    …gibt seiner Leidenschaft Ausdruck. Er ist immer mit heißem Herzen dabei. Grundlagen seiner Voten ist eine Affinität, die er bereits hat – eine Leidenschaft für künstlerische oder politische, soziale, ästhetische oder theoretische Bewegungen, als deren Teil er sich erfährt und weiterhin erfahren möchte.

    6. Der Opportunist
    Er sucht die Anlässe seiner Interventionen nicht, er findet sie.Er lässt sich von unverhofften Gegebenheiten zu seiner Kritik bestimmen. Er ist auf Opportunitäten aus, auf Gelegenheiten, die ihm zufallen. […] Karl Heinz Bohrer hat einmal von dem „Unbekannten“ als einer weithin missachteten kulturellen Norm gesprochen; allein dieser Norm ist der Opportunist verpflichtet.

    So weit aus dem Buch „Ästhetik der Kritik“ – vom Titel her bereits anregend.

    Zu Schluss, zwischen Tür und Angel noch der Witz zum Sonntag (kürzlich in Wien auf der U-Bahn-Wand gelesen):

    Eine Zigarette verkürzt ihr Leben um 8 Minuten, ein Tag Arbeit verkürzt ihr Leben um 8 Stunden.

    Herzlichst
    – wechselstrom –

  36. eggy sagt:

    Ich kopiere hier mal typische Regeln aus einer beliebigen Internetseite, wie sie auch hier in diesem Blog (kein Forum) gelten:

    „Beiträge mit folgenden Inhalten werden bei Uns nicht geduldet und sofort entfernt:

    – pornografische Inhalte bzw. Links die zu pornografischen Inhalten führen
    – illegale und/oder rassistische Inhalte und Aufforderungen zu diesen Handlungen
    – verleumderische oder belästigende Inhalte
    – Software oder Dienste für den Vertrieb unerwünschter E-Mail-Nachrichten (Spam)
    – Links auf Seiten, die eine Vergütung für das Aufrufen deiner Seite zahlen (Referer-ID’s, etc…)
    – Inhalte die gegen geltendes deutsches Recht verstoßen
    – Kommerzielle und/oder reine Werbepostings
    – beleidigende Beiträge gegen Mitglieder und/oder die Crew

    Das ist überall Usus und verhindert ganz gewiss auch keine sachliche Diskussion, Inhalte auf die dies nicht zutrifft, werden natürlich nicht angerührt, auch keine Kritik an den ominösen „Zuständen“, die ist hier tausend Mal nachzulesen, auch in den gesammelten Postings von wechselstrom, die weiterhin online sind.

    Bisher war es nur ein einziges Mal nötig, auf diese Benimmregeln hinzuweisen, es würde mich freuen, wenn dies auch in Zukunft so bleibt, danke.

  37. lieber eggy,

    Das letzte „Editing“ von Herrn Hahn hat er selbst wie folgt begründet:

    „editiert, da leider nicht auf den Beitrag bezogen, PH“
    ? ? ? ?
    ? ? ? ?
    ? ? ? ?

    das vorhergehende Editing von Hahn hatte als Begründung:
    „danach geht es leider falsch weiter, daher gelöscht. bitte stellen sie ihre vermutungen über menschen privat an“.

    Was Herr Hahn gelöscht hat waren die Inhalte, wie sie auf der WDR-Homepage zur Person von Herrn Hahn stehen, und die von mir zitiert wurden.

    ? ? ? ?
    ? ? ? ?
    ? ? ? ?

    Möglicherweise fühlt sich Herr Hahn ja jetzt auch wieder belästigt oder beleidigt – das würde einen Therapeuten benötigen, der ich nicht sein kann und auch nicht sein will.

    Grüße aus dem Labor

    – wechselstrom –

  38. querstand sagt:

    liebe „liebste“ leut‘: bitte all die fragen, warum was wie „editiert“ wurde, v.a. all die älteren beiträge betreffend, doch direkt mit den entspr. stellen klären o. foren aufsuchen, die sich speziell mit pressefragen beschäftigen, ggf. grundrechtsklage oder sonstige rechtswege. ich frage mich, warum selbst die heftigsten kritiker, die nicht über verborgene emailadressen oder umlenkseiten hier auftraten, niemals richtig editiert werden mussten. schrieben wir leserbriefe, wäre das hier alles grds. moderiert, würden wir uns sowieso mehr o. minder einfügen in die netiquette des seiteninhabers. als hier mein seitenhieb: dann solle man es hier auch tun, gerade nachdem man selbst seit beginn hier einiges beobachten konnte an kunstgorillas, etc. so weiss man was geht, was nicht… einziger weiterer vorschlag zu den o.g.: man könnte hier eine jammerseite einrichten, wo man als leser dann im bedarfsfalle entspr. kommentare und dialoge wiederfindet. aber jedes und alles was mit kritik zu tun hat, um wieder detailgetreu die alte sosse aufzuwärmen, das geht mir am [selbsteditiert] vorbei. allmählich fühl‘ ich mich [selbsteditiert]. so – sonst habe ich selbsteditierungen selten nötig, denn meinerseits versuche ich den freiraum haareng auszureizen, aber nicht zu überschreiten. das hat ja auch einen reiz, wie eine 12-tonreihe aus gumminärchen z.b. als kommentierer fordere ich hiermit die nmz auf, hier für mehr beruhigung zu sorgen…

    lg, [selbsteditiert] strauch