Zum Berliner Orchesterstreik

Bekanntlich streiken die Berliner Opernorchester aktuell. Sie fordern die Anpassung der Gehälter an das Niveau ihrer Kollegen im restlichen Bundesgebiet. Im Zuge des Streiks begannen Aufführungen verspätet oder mussten nach der Pause – wegen Orchesterabwesenheit – vom Klavierkorrepetitor begleitet werden.

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Heute ist ein guter Artikel dazu erschienen. Die Autorin berichtet von Leserbriefen, die von Seiten der streikenden Musiker in die Redaktion eingingen. „Ich erwarte von einer Feuilletonseite, dass sie die Kulturschaffenden unterstützt!“, so eine Musikerin.

Die Autorin trocken: „[Es stimmt] […], dass ein Feuilleton auch Interessen von Künstlern vertreten soll. Allerdings nicht nur die von angestellten Musikern. Wir verweisen also darauf, dass die allermeisten Opernmitarbeiter – von Freien nicht zu reden – viel weniger verdienen, Tänzer am Staatsballett gut die Hälfe von Musikern der Staatskapelle.“

Dem stimme ich zu.

Allerdings liegt angesichts dieser Situation (Festangestellte Opernorchestermusiker vs. Freie Musiker) die Wahrheit – ich weiß: selten, dass man ausgerechnet von mir so etwas hört – ausnahmsweise mal in der Mitte.

In der Tat ist die Situation vieler fähiger freier Künstler in Berlin (egal ob freier Klangkünstler, freier Bühnenbildner oder freier Synchronsprecher) verheerend – im Gegensatz zu der finanziellen Situation der festangestellten Orchestermusiker.

Aber es dürfte ebenso verheerend sein, spielte man die einen gegen die anderen aus. Wiederum wäre es für unsere Kulturszene typisch, diesen Schritt der Selbstzerfleischung voranzutreiben! Und das ist es, was die Politik (weil sie leider immer noch größtenteils aus ehemaligen Juristen oder BWLern, man könnte auch sagen: hundsbekloppten Kapitalisten besteht – selten ist mal eine aktive Pianistin unter ihnen…) gerne sieht: die Kulturschaffenden fressen sich gegenseitig auf. Die, die ohnehin relativ luxuriös verdienen, ziehen sich durch Streik den Unmut des Publikums zu. Die Folge: ihre Arbeitgeber drohen mit dem Herankarren von ausländischen Musikern, die „gerne“ (und sogar gut!) für viel weniger spielen würden. Ja, prima, jetzt ist der Volltrotteltotalkapitalismus auch im Orchestergraben angekommen! Das Äquivalent zum Outsourcing ist das Orchestergrabeninsourcing.

Und die, die in der freien Szene ums Überleben kämpfen, bekommen weiterhin nie die Chance, sich politisch fortissimo Gehör zu verschaffen, sich kollektiv zu Wort zu melden. Einzelkämpfer auf verlorenem Posten eben. Die Angst geht um in der freien Szene in Berlin! Bloß nicht aufmucken. Denn sonst ist beispielsweise der nächste Hauptstadtkulturfondsantrag, den man fristgerecht und hart erarbeitet einreichte, schwuppdiwupp im Müllkorb.

Dabei ist der Kampf der streikenden Orchestermusiker wichtig. Sie sollen weiterhin (vergleichsweise!) gut verdienen. Aber die freie Szene muss gestärkt werden! Neulich kam mir und einer befreundeten Politikerin der Gedanke, einen „Kulturgroschen für die freie Szene“ in Berlin einführen zu wollen. Jede Institution gibt jede Saison 1% ihres Etats an die freie Szene ab. Natürlich wurde gleich der Taschenrechner gezückt…

Das kann der Weg aber nicht sein. Die institutionell gebundenen Musiker sollen weiterhin „gut“ verdienen („gut“ in Anführungszeichen, weil ja klar ist, dass jeder kleine Unwichtig-Manager am Potsdamer Platz mehr verdient als der Solo-Cellist). Niemand möge etwas abgeben müssen. So wird Kultur langsam eingeschmolzen. Die Mittel müssen aus anderen Töpfen kommen! Und alle mögen davon etwas haben. (Naiv? Ja, ich weiß.)

Wir Kulturschaffenden dürfen nicht selbst zu gläubigen Kapitalisten werden, deren Hirne nur nach dem System „Ein bißchen weniger bei den anderen, dafür für mich mehr!“ funktionieren.

Arno Lücker wurde 1979 in Braunschweig geboren. Seit 2003 lebt er in Berlin. Dort arbeitet er als Moderator und Dramaturg. Er ist Künstlerischer Leiter der Astronomie-Musik-Reihe "Himmlische Partituren" im Zeiss-Großplanetarium Berlin, arbeitete für das Konzerthaus Berlin, das Brucknerhaus Linz und viele andere, schreibt Programmtexte für zahlreiche Orchester (Wiener Philharmoniker, New York Philharmonic), macht Konzerteinführungen in der Elbphilharmonie Hamburg, der Kölner Philharmonie und anderswo. Außerdem ist er Bad-Blog-Autor der ersten Stunde und arbeitet als Kurator für die Musikstreaming-App IDAGIO.

2 Antworten

  1. Arno, zwecks Komponieren etc. und Durch-Taten-Sprechen und aus Zeitmangel hatte ich mir hier eigentlich selbst „verordnet“, zu schweigen.

    Aber bei einem solchen Beitrag muss ich mal meinen Prinzipien „untreu“ werden.

    EINFACH KLASSE, was Du schreibst! Wünschte, es gäbe hier noch mehr so denkende und engagierte, mutige (Gast)blogger. Kann zu Deinem Beitrag nur sagen: richtig. Spricht mir aus der Seele: Landauf landab wird nun auf subtilste und diverseste Arten versucht, die Künstler, die es sowieso schwer haben, gegeneinander aus zu spielen: noch (fix) angestellte Orchestermusiker gegen Freischaffende oder nur temporär Angestellte, Etablierte
    oder auch Komponisten. Angesichts der Geldknappheiten für Kultur und Bildung (vor allem in den Kommunen kommt da noch was auf uns zu, vor allem wenn 2020 das sog. „Schuldenmachverbot“ für die Länder kommt…{d.h. für die Kultur und Bildung und Bürger darf man dann keine Schulden mehr machen: für die BANKEN und den Geldmarkt schon…jederzeit, wenn das Casino wieder ins Stocken gerät…) ist das für die Politik und Wirtschaft der bequemste weg, das Problem auf die Art zu „lösen“, dass dann einige verbittern, andere aufgeben, wieder andere isoliert werden. BZw. dass dann Leute nach dem Schema denken, das Du, Arno oben skizziert hast: „Ein bissel weniger für DIE, aber für mich soll alles beim Alten bleiben“… Bzw. „Es ist ja alles in Ordnung in unserem System, da es MIR noch gut geht…“

    Aber dies wird hoffentlich nicht auf gehen. Es merken immer mehr Menschen, was ab geht.

  2. peh sagt:

    Mal so ne blöde Ethnologen-Frage von nem Wessi, der noch nie in Berlin gelebt hat: Was ist denn in Berlin die „freie Szene“? Wo und wie kooperiert sie mit Institutionen? Oder ist die Institution in Berlin vielleicht auch eine Voraussetzung für manche Musiker, sich andernorts frei zu betätigen? Ernsthaftes Interesse bekundet
    Patrick