donaubad 8 – stimmungsmusik und eine falschmeldung

der tag hattte eine ansteigende kurve gezeigt. nach simons remix kam eine konzert für bassetthorn und orchester von marco stroppa. binnen einer zehntelsekunde war eine klangwelt da, eine mozartaura und stroppa spielte raffiniert mit unterblasenen tönen, aquarellfiguren, deren strukturen eletrkonisch vergrößert wurden. mal jemand, der mit seinem material arbeitet, statt es abzufeiern mit großem formbewusstsein. mein zweites lieblingsstück dieses jahr.

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nachmittags gabs dann wie üblich pressekonferenz. eine lobhudelei und ein furchtbar besserwisserischer bernfried pröve, der den donaueschinger einreden wollte, sie müssten ihren saal mal endlich an die pariser standards angleichen. autsch. dabei ist der strawinsky-saal wirklich sehr gelungen, nächstes jahr wird rebecca saunders ein stück dafür schreiben, das könnt schön werden. überhaupt erstaunlich, dass eine kleine gemeinde wie donaueschingen, wo in der donauhalle sonst viehverstiegerungen stattfinden – viehiade, wie man hier sagt – so in eine kulturhalle investiert, die einmal im jahr in den fokus der aufmerksamkeit rückt.

neben all der lobhudelei durfte dann die frage nicht fehlen, wie das denn nun aussieht, 25 prozent kürzung! für swr 2. das programm, das so tolle radioübertragungen von den donaueschinger musiktagen macht. kaputtsparen nennen die in ihrem deutsch dann allen ernstes programmentwicklung. herr weiss (?) wellenchef von swr 2 holte dann wortreich aus und erzählte mir, dass diese anpassungen notwendig seien und dass es doch anderen so viel schlechter ginge und eigentlich doch alles noch ein paradies ist. als ob das ein grund wäre: weil die anderen schon erstickt sind, würgen wir unsere redakteure doch auch mal ein bisschen, sie atmen ja noch.

ach ja, und der gender-beauftragte im publikum fragte noch mal nach, was denn da dahinterstecke, dass am gestrigen samstag zwölf männer die musik von acht männern zu gehör gebracht hat und ob es keine komponierenden frauen in diesem land gebe. herr köhler versprach, im nächsten jahr gäbe es auch frauen.

dann gings ab ins abschlusskonzert. ich fragte noch vorher einen potenziellen mitfahrer, ob ich schon mal einen shuttleservice bestellen sollte für den letzten zug gen köln. nein, winkte der erfahrene redakteur ab. es war ja auch erst 17 uhr. aber wenn in donaueschingen auf etwas verlass ist, dann darauf, dass das abschlusskonzert aus allen nähten platzt und weit über zwei stunden dauert.

erst einmal also ein halbstündiger james saunders, eine tolle klangtapete, klang an den besten stellen ein bisschen wie mark andre, allerdings ohne jegliches formgefühl, weswegen man auch weiterhin lieber mark andre hört als james saunders. jaja, entwicklung, höhepunkt, das sind worte aus dem 19.jahrhundert. aber langeweile ist auch keine lösung. akustischer hirnschirmschoner.

pascal dusapin hat ein streichquartett, DAS streichquartett, ins orchester gesetzt und um die vielen noten noch mehr noten drumrum geschrieben und das ergab alles in allem den ungutesten debussy, den ich je gehört habe. ein kollege monierte per sms aus der ferne, ich nehme an, er hatte meinen platz am radio eingenommen, die buhs seien nicht laut genug gewesen. sie waren immerhin laut genug, um wolfgang rihm, der dafür wieder auf seinem platz saß, zu einem ostentativen bravo zu verleiten.

pause.

nach mehr als einer stunde und noch eine weitere zu gehen. wyschnegradsky klavierstücke. sechs im zwölfteltonabstand verstimmte klaviere. für meine frage, ob es in donauschingen keine klavierstimmer gebe hat kollege g. mir eine vier minus erteilt, nur, weil sonntag ist, aber ohne humor wäre das ja nicht zu ertragen. diese musik klingt verstimmt und weil sie keine ander substanz hat als ihre verstimmtheit, ist es tierisch langweilig, da zu zu hören. (und jüngere kollegen wie ein herr p. aus b. kriegen das mit einem ringmodulator auch so hin und müssen das dann nciht mal ultrachromatik nennen.)

die haas-bearbeitung hatte dann alles, was so spektrale musik kann. heulende hörner, geile steigerungen – und wie haas kurz vor schluss das monster losgelassen hat, da wäre auch ein roland emmerich im karree gesprungen vor freude. aber zwischendrin dieses beständigen tremoli und dieses rumgedängele auf einem akkord… ach ne.

19:17 ende. ein haufen kölner spurtet zum bahnhof. in der regionalbahn verteilt sich die gruppe, ich will den beitrag hier schnell noch losschicken. das war mein donaueschingen 2010. und wer sich die mühe machen möchte und die dpa wegen falscher berichterstattung verklagen will – siehe den hinweis von leopold hurt unter dem vergangenen beitrag – dem sei versichert: der haas hat allen gefallen. es gab ein einhelliges bravogebrüll. und schon allein damit die von der dpa richtig ärger kriegen für diese ärgerliche falschmeldung stimme ich in den chor mit ein: schön war’s, freunde. danke. und bis zum nächsten jahr.

Musikjournalist, Dramaturg