Klimarettung in Sao Paulo Teil 5: Der Prophet im fremden Land

Ok, es ist jetzt also offiziell.
Die deutschen Kritiker des Amazonasprojektes stehen da wie begossene Pudel, denn 190 Millionen Brasilianer und 200 Millionen Rinder können geschmacklich nicht irren. Oder doch?
Beginnen wir mit den Tatsachen: der Amazonas – Abend mit den drei Opern von Klaus Schedl, Tato Taborda und Ludger Brümmer ist hier ein großer Erfolg. Kein Wort in der Presse von verschwendeten Geldern, kein Wort von mißlungener Ästhetik, kein Wort von „zu viele Köche verderben den Brei“. Stattdessen ziemlich einhellige Begeisterung für das Projekt als Ganzes. Hierbei ist zu bedenken, dass auch brasilianische Gelder in diesem Projekt stecken, aber das wird hier durchweg positiv bewertet.
Das Publikum bleibt gesammelt die kompletten 4 Stunden des Abends da und lauscht hochaufmerksam. Am Ende des Abends erheben sich hunderte von Menschen und geben uns Standing Ovations, was einerseits dem ZKM-Teil aber auch dem Abend als Ganzes gilt. In der Presse spricht man davon, wie wichtig der Abend sei, dass er ein absolutes Muss ist, dass ihn jeder Mensch in Sao Paulo sehen sollte. Die Organisatoren des SESC (eine Art ehemaliger staatlicher Arbeiterwohlfahrtsorganisation, die sich inzwischen zur nationalen Kulturorganisation entwickelt hat) sind begeistert, und wollen in Zukunft nur noch „schwierige, komplizierte Opern“ produzieren, weil ihnen diese Kunstform so gut gefällt.
Insgesamt wird der Abend tatsächlich komplett diametral zur deutschen Rezeption wahrgenommen. Das heißt, dass das Publikum am meisten mit dem im deutschen Feuilleton eher gelobten ersten Teil von Klaus Schedl Probleme hat. Man liebt den zweiten Teil von Tato Taborda, obwohl dieser auf die Menschen hier eigentlich so wirken müsste, als ob Amerikaner in München ein Simulation der Alpenwelt aufführten. Gänzlich begeistert sind die Brasilianier schließlich vom ZKM-Teil. Die Technik beeindruckt, die Musik gefällt, und man ist ob der Absicht, vor allem Inhalte mit klaren Emotionen zu zeigen, hellauf begeistert.
Kurzum: gegensätzlicher könnte das europäische und das südamerikanische Publikum nicht sein.

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Vorsicht – manch ein Leser dieser Zeilen mag sich denken: „Ach, die sind halt ästhetisch noch nicht so weit wie wir und können Kunst nicht so gut beurteilen“, aber das ist dann tatsächliche europäische Kulturarroganz. Brasilien mag weit weg von Europa sein, aber es ist keineswegs ein zurückgebliebenes sondern äußerst modernes Land mit einer lebendigen und modernen Kunstszene. Unser Publikum hier in Sao Paulo ist weder dumpf noch borniert, tatsächlich handelt es sich um ein ganz ähnliches Publikum wie in München, das heißt es sind auch Kunstliebhaber und Kenner, vielleicht mehr davon als „normales“ Publikum, genau wie in München.
Natürlich heißt das jetzt weder, dass die Brasilianer recht noch dass die Deutschen unrecht haben. Aber es ist dennoch sehr interessant, diese andere Sichtweise zu erleben, gerade uns Deutschen, die wir immer gerne etwas selbstzufrieden im eigenen Kultursäftchen köcheln, tut das ganz gut.

Es gibt schon einige konkrete Dinge, an denen diese unterschiedliche Rezeption festzumachen ist. Englisch wird hier zum Beispiel von kaum jemandem gesprochen, daher wirken große Teile von Klaus Schedls und Roland Quitts Stück (komplett in altertümlichen und keineswegs leichtem Englisch) auf die meisten hier wie ein Buch mit sieben Siegeln. Tato Taborda wiederum erlebt hier als bekannter brasilianischer Komponist eine Art Heimspiel. Und der ZKM-Teil wird durch die Live-Übersetzung des Konferenzteils sehr verändert -zum Beispiel wird die fehlende Personenregie hier nicht so deutlich und man konzentriert sich eher auf die Inhalte. Und diese kommen den Brasilianern keineswegs belehrend oder überflüssig vor – in Brasilien wird zum Beispiel Brecht äußerst geliebt und auch ganz authentisch „episch“ inszeniert, das heißt Inhalte kommen vor Ästhetik.

Deutschland ist auch in Brasilien beliebt – was zuerst einmal an den vielen deutschen Einwanderern von früher liegt, die kulturelle Spuren hinterlassen haben, aber auch an deutschen Autos und einem generellen Interesse an deutscher Kultur. Wenn Deutsche hier also an einem solchen Pojekt beteiligt sind, wird dies nicht als aufdringlich oder herablassend empfunden, ganz im Gegenteil.

All diese Dinge mögen Teilaspekte einer veränderten Bewertung des Projektes sein. Wichtig für uns ist also einfach zu erkennen, dass sich Wahrheit in der Kunst nicht allein nach der vorherrschenden Mode einer landesspezifischen Ästhetik richtet (wir kennen meist nur unsere eigene), sondern dass sie sich aus mehreren Wahrheiten zusammensetzt. Die brasilianische Sichtweise ist hier sicherlich nicht die einzig richtige (und natürlich ist sie wie überall nicht einheitlich, sondern individuell ausdifferenziert), aber sie ist ein genauso gleichwertiger Teil der Wahrheit wie die deutsche Sichtweise. Und das mag vor allem bei einem Stück zu denken geben, dass sich mit einem akut brasilianischen Thema auseindersetzt, also hier in Brasilien noch wesentlich aktueller ist als in Europa. Kann man den Brasilianern dann also tatsächlich Naivität und Dummheit vorwerfen?

Leider sind die beiden Personen, die sich am meisten über diesen Erfolg freuen würde, Peter Weibel und Peter Ruzicka, aus Krankheitsgründen verhindert.

Moritz Eggert

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