Bräsige Neue-Musik-Szene

Am vergangenen Wochenende fand in der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ Berlin ein Symposium mit dem Titel „Soziotop Neue Musik“ statt.

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Leider war ich an diesem Wochenende nicht in Berlin und konnte daher nicht dabei sein. Mein Kollege Peter Uehling aber hat einen ausführlichen Bericht für die Berliner Zeitung verfasst.

Seinen Artikel halte ich für diskussionswürdig, da Uehling nicht einfach nur zusammenfasst, wie die einzelnen Referate sich dem Thema näherten, sondern seine eigene Sicht deutlich auf den Punkt bringt. Dazu sei bemerkt, dass sich Uehlings (wie ich meine: berechtigte) Szene-Skepsis vor allem auf die Erfahrungen im Rahmen der Berliner Festivals „Ultraschall“ und „MaerzMusik“ bezieht. Davon hat er in den vergangenen Jahren immer wieder berichtet, wie im Archiv der Berliner Zeitung schön nachzulesen ist (hier die Uehling-Artikel über die „Ultraschall“-Festivals der vergangenen Jahre – und hier die zur „MaerzMusik“).

In seiner Einleitung zu dem heute erschienenen Artikel schreibt Uehling:

Fällig war dieses Symposium längst. Wer Konzerte der neuen Musik besucht, ständig dieselben Gesichter sieht, die freundlich-rege Kommunikation des Milieus beobachtet und das freundlich-lasche Gewährenlassen im Ästhetischen, der fragt sich schon, wie die innere Verfassung dieser Szene ihre künstlerischen Horizonte bestimmt. Etwa so: Ist für den künstlerisch schmalen Ertrag der Festivals in den letzten Jahren ein nicht mehr von Konkurrenz, sondern von Freundschaftlichkeit geprägtes Miteinander verantwortlich? Entsteht diese Freundschaftlichkeit durch das Gefühl, einer Schicksalsgemeinschaft anzugehören von Menschen, deren Erzeugnisse keinen Menschen „draußen“ interessieren, und der man daher die Subventionen beschränkt?

Was meint ihr?

Kann ein solches Symposium zu einer Selbstreflexion der Szene beitragen?

Ist das, was Uehling über die Szene schreibt, nur (schon selbst wieder altbekannte) Lästerei?

Arno Lücker wurde 1979 in Braunschweig geboren. Seit 2003 lebt er in Berlin. Dort arbeitet er als Moderator und Dramaturg. Er ist Künstlerischer Leiter der Astronomie-Musik-Reihe "Himmlische Partituren" im Zeiss-Großplanetarium Berlin, arbeitete für das Konzerthaus Berlin, das Brucknerhaus Linz und viele andere, schreibt Programmtexte für zahlreiche Orchester (Wiener Philharmoniker, New York Philharmonic), macht Konzerteinführungen in der Elbphilharmonie Hamburg, der Kölner Philharmonie und anderswo. Außerdem ist er Bad-Blog-Autor der ersten Stunde und arbeitet als Kurator für die Musikstreaming-App IDAGIO.

5 Antworten

  1. Uehling hat durchaus recht – allerdings würde seine Kritik auch auf andere Szenen zutreffen: wenn ich in der selben Stadt stets in Vernissagen und Kunstveranstaltungen gehe, werde ich auch irgendwann immer die selben Gesichter sehen. Jede Zusammenkunft von Menschen mit ähnlichen Interessen schafft eine eigene Szene, das ist eine relativ banale Erkenntnis.

    Aber dennoch: Sein Unbehagen kann ich absolut nachvollziehen – denn nur die Dinge, die über den Rand der Szene herüberschwappen sind von Relevanz: das „bräsige“ Rumwurschteln im eigenen Saft tut keiner Szene gut (und Szenen lösen sich aus gutem Grund auch immer wieder mal auf oder wandeln sich grundlegend).

    Es wurde von vielen Kommentatoren in diesem Blog beschrieben: richtig spannend wird es eigentlich erst dann, wenn „andere“ Musik auf ein Nicht-Szenepublikum trifft. Erst dann entsteht ein echter Dialog (Szene-Dialoge sind in Wirklichkeit Monologe).

    Vermittlung ist ein schrecklicher Begriff und ich verwende ihn ungern, aber: Das Streben aus dem eigenen kleinen Umfeld herauszutreten müsste oberste Priorität haben. Wenn diese Priorität nicht zu spüren ist, läuft sich auch eine Förderung tot – man gießt ein Bonsaibäumchen, das nie mehr wächst und auch nicht wachsen will.

  2. Bevor man Uehling Recht zuspricht, ist es notwendig, seine Artikel einer Analyse zu unterziehen:
    Sie zeichnen sich weniger durch Sachkenntnis oder Tatsachenfeststellung aus, sondern durch virtuose Anwendung rhetorischer Mittel.

    Ich mache es kurz und empfehle das Studium von A. Schopenhauer: „Die Kunst, Recht zu behalten“
    Online unter:
    http://gutenberg.spiegel.de/?id=19&autorid=531&autor_vorname=+Arthur&autor_nachname=Schopenhauer&cHash=b31bbae2c6
    oder:
    http://www.rhetorik-netz.de/rhetorik/schopenh.htm

    Kunstgriff Nr.4 ist ein erster Ansatz …

    Einen unterhaltsamen Sonntag wünscht

    – wechselstrom –

  3. querstand sagt:

    Eigentlich wurde im letzten Jahr hier im Blog jeder Vor- und Nachteil einer abgeschlossenen freundlich und zugleich harschen „Neue Musik Szene“ besprochen. So kommt einem Uehlings Artikelsammlung ein wenig als Wein in neuen Kelchen vor. Daß „Szenen“ immer abgeschlossen sind, wenn sie eine gewisse lokale Grösse nicht überschreiten, ist auch klar: selbst Abo-Publikum in 2000 Menschen fassenden Sälen kennt sich bereits über Jahrzehnte und z.T. mehrere Generationen.

    Nachdem Uehling den alten Begriff „Fortschritt“ in eine Nostalgietüte packt und gleichzeitig für die jetzige Neue Musik Szene ganz weit oben in einem Regal verstaut, kommt es einem vor, als ob mit Saariho und Ades doch latent Allheilmittel gefunden seien, denen man sich resignativ hingeben soll, wenn die Szene Neue Musik in den nächsten fünf Jahren noch Relevanz haben soll.

    Ich denke, daß sie gerade wegen all der so Unwort gescholtenen Vermittlungsversuche und Netzwerke doch noch ihren Platz finden wird, daß sie sich trotz all der verknöcherten Strukturen öffnet, daß eben trotz der verbalen Schärfe auch ein Mahnkopf nicht mehr das Ultimo an Avantgarde darstellen wird, daß Fortschritt gerade eine Wegschritt von dem Begriff „Fortschritt“ auch sein kann. Denn so aufgeklärt sich der Fortschritt gab, so sehr war er doch auch gleichzeitig wieder unaufgeklärter Mythos, selbst wenn er die Kritik in und an sich zu seinem Hauptregulativ erhob.

    Ich sagte letztens hier ja schon einmal, daß sich der Begriff der Neuen Musik höchstwahrscheinlich vielmehr beziehen läßt, als es das Verständnis der Szene zuläßt, denn Hauptteile der Neuen Musik durchziehen alle Strömungen der letzten fünfzig Jahre, durchaus im Bereich des Populären.

    Vielleicht sollte man gerade auf diese Universalbedeutung der Neuen Musik immer wieder hinweisen, so wie selbst in klammen Zeiten selbst Grundlagenforschung immer wichtig bleibt, vielleicht mit weniger Geld sogar effizienter ist als zu Zeiten der Mondfahrten.

    Und so vernetzt sich doch Vieles jetzt im Bereich, was zuvor ein insuläres Dasein fristete, auch gerade wegen des öffentlichen Sparens der letzten Jahre. Daß allerdings nun heute wirklich bedrohliche selbstausbeuterische Grenzen erreicht worden sind, wo dann aller Vernetzung zum Trotz einfach sinnvoll Musik nicht mehr möglich ist, wird uns dann gleich als Bräsigkeit dargestellt. Das mag ggf. auf „fette“ Rundfunkproduktionen zutreffen, wo sich Redakteure als Programmmacher selbst feiern und man sich gerade auf dieser Ebene mit all den Verlegern, Akademikern und PR-Damen- und Herren zwischen Siemens-Musikpreisverleihung, Witten und Salzburg Plus (wie es auch immer heissen mag) immer wieder gegenseitig Gute Nacht sagt, man immer die gleichen Szenewichtigkeiten erblickt. Vielleicht werden die meisten grösseren Festivals mit ihren Empfängen gerade für die Herrschaften ausgerichtet.

    Was aber die eigentliche Arbeit durch KomponistInnen, MusikerInnen und interessierte HörerInnen betrifft, schalten diese Herrschaften ab oder schauen Leute wie ein Herr Uehling auch nicht hin, weil er eben nur noch diese o.g. Personen vor Augen hat, gerade seine Kritiken an Märzmusik und Ultraschall lassen dies vermuten.

    Der Szenesolipsismus ist also nicht an der Neuen Musik an sich anzusiedeln, sondern in dem ewig gleichen lokalen aber auch sehr wohl nationalen und europäischen Wanderzirkus mit der Herumreichung der ewig gleichen SchreiberInnen, sei es Mahnkopf, sei es Poppe, sei es Widmann, seien es selbst Ades und Saariaho. Nur dass selbst jene KollegInnen dann eigentlich gar nicht so sehr für die Neue Musik der Jetztzeit an sich stehen, sondern eben die reinen Projektionsfläche der Neue Musik Vorstellungen der wandernden Zirkusdirektoren sind, denen und deren Entourage das vielleicht auch jetzt schon allmählich etwas fad vorkommt.

    Lustig ist für mich dabei, und für Euch vielleicht etwas unverständlich, wie gerade die Ohrenmenschen des Radios auf ihr eigenes Sehen hereinstolpern und dies für Neue Musik Hören halten. So verkauft sich irgendein sichtbarer Aktionismus ihnen als Fortschritt, was den Bestand der Wanderclowns absichert. Dass es aber v.a. um Hinhören, jenseits von Gänsehaut der Lautstärke oder der ewigen Längen geht, daß heute mehr denn je die Frage interessieren könnte, wie denn die erzeugten Töne den Menschen, vielleicht durch die Verwechslung Oberton/Kombinationston anregen könnten, dass Dissonanz immer noch als Phänomen schriller Höhe und Lautstärke als kreisender leiser Grundfrequenzen aufgefasst wird, darin herrscht das Potenzial für wirklich Neues jenseits von Papiertechnikvervollkommnung, Elektronik oder postmoderner Stilbrillianz.

    In der aber immer noch darin beschränkten Blindheit der Tragödie des wirklichen Hinhörenkönnens liegt die Krux der ach so fortschrittsfreien, aber gerade nach richtigem Fortschritt heischenden und zwecks Mangel dessen diesen simulierenden angeblichen Szene, die doch nur ein Wanderzirkus leicht privilegierter mittlerer Einkommen ist.
    Aus der Ohrenanstalt,

    Euer querstand alias Alexander Strauch

  4. Elf Aquitaine sagt:

    Ich möchte eine SWR2 Sendung als Diskussions-Beitrag zum Thema beisteuern. Mit solch einer Qualität der Komposition, Interpretation, Analyse und Auseinandersetzung wird Neue Musik immer ein interessiertes Publikum finden.

    Da mache ich mir überhaupt keine Sorgen.

    Der Ball liegt also im Feld der Komponisten

    http://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/jetztmusik/-/id=659442/nid=659442/did=6379018/8lyh4k/index.html

    Mit freundlichen Grüßen
    Elf Aquitaine

  5. @Elf Aquitaine

    Wo der Ball genau liegt, bzw in welchem Feld er sich genau bewegt ist, das wissen wir seit der Heisenberg´schen Unschärferelation, nicht so leicht auszumachen.

    Die anderen Felder, in denen der Ball (mit mehr oder minder großen Wahrscheinlichkeiten) herumschwirrt sind:

    Veranstalter: ein neues Werk 200 mal gespielt – ist das heute noch realistisch?

    Musiker: ein neues Werk ins Repertoire genommen und weitergetragen – kommt immer seltener vor.

    Tonträger-Markt: Lässt sich da noch was holen auf dem freien Markt oder treiben die Überangebote und Kostenlos-Downloads (Zimmermann findet sich auch bei Youtube) die Verdienstchancen gegen Null?

    Länder und Gemeinden: Wie kunstfreundlich sind Politiker wirklich oder sprechen sie hinter vorgehaltener Hand sowieso das Gleiche, wie am Stammtisch.

    Medien: Siegfried Palm war in den 70er Jahren in eine der ersten Talk-Shows eingeladen – was spielte er dort live auf dem Cello? – richtig: einen Teil von B.A.Zimmermanns Cello-Sonate!
    Und heute?

    Komponisten: Das letzte Eigentor war die GEMA-Auflös-Diskussion, die vom Zaun gebrochen wurde.
    Mannschaftsgeist allgemein unterentwickelt.

    Beste Grüße aus dem Labor

    – wechselstrom –