Warten auf Weibel (Abenteuer im ZKM, Teil 2)

Nach dem Studium des 100-seitigen hochdetaillierten Probenplanes für die nächsten Tage stelle ich fest, dass heute erst einmal Textproben, Textproben und noch einmal Textproben angesagt sind.
Nun gibt es hier schon ein gewisses Problem – es soll hier ja eine „Amazonas“-Konferenz dargestellt werden, und zwar nicht so wischi-wuschi, wie wir Künstler es gerne machen, sondern richtig fundiert und so, mit Fakten so hart wie ein 10-Minuten-Ei.

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Hierzu hat ein Team um Julia Gerlach und Peter Weibel tatsächlich Fachkräfte befragt: Ökonomen, Politiker, Wissenschaftler und Schamanen der Yanomami. Und daraus ein dickes Textkonglomerat erstellt. Und dies auf unsere Rollen verteilt: der Komponist und Performer Christian Kesten spielt den „Ökonom“, der Schauspieler und Regisseur Jochen Strodthoff gibt den „Politiker“, die Sängerin Mafalda de Lemnos spielt die Wissenschaftlerin und yours truly gibt den Gandalf aus dem Dschungel.

Die Idee dabei ist, dass jede dieser Rollen ihre echten Argumente vorbringt, und zwar in Form einer offenen Konferenz, vor einem computeranimierten Tisch mit einer Art Mega-Powerpointpräsentation. Der „griechische Chor“ (unter anderem starbesetzt mit Künstlern wie Katia Guedes und Phil Minton) reagiert dann auf Zeilen wie

„Klimamodelle zeigen, dass sich die Zugbahn der großen Tiefdruckgebiete, der Stürme über dem Nordatlantik ändert, wenn die Amazonaszirkulation gestört wid“

mit einem kurzen Song:

„Der Amazonas ist die Klimaanlage der Welt. Der Amazonas ist die Waschküche der Welt. Der Amazonas ist eine einzigartige Wind-Wasser-Wolken-Wald-Maschine. Yeah!“.

Yeah.

Bei den Proben hört sich das ungefähr so an, zumindest bis unsere liebe Assistentin Julia Gottschalk durch einen wichtigen Anruf gestört wird, zu sehen auf diesem Video, click it an

Im ZKM gibt es dutzende von Probenräumen. In jedem dieser Probenräume gibt es ein spezielles drahtloses Telefon, mit dem zum Beispiel A, der in Probenraum B probt, C anrufen kann, der in Probenraum D probt. Man lernt schnell, dass aus diesem Grund immer irgendwo im ZKM ein Telefon klingelt.

Eine weitere Tatsache die man lernt ist, dass Peter Weibel ein vielbeschäftigter und wichtiger Mann ist. Eigentlich hätte er ja an diesem Morgen mit uns proben sollen (immerhin ist er Regisseur), aber er kann nicht, da er wegen eines Förderungstermins fürs ZKM nach Bonn muss.
„Vielleicht kommt er am Nachmittag wieder“.
Am Nachmittag finden wir uns im Medientheater ein, dort soll Peter Weibel mit uns und dem digitalen Tisch proben. Weder funktioniert der digitale Tisch, noch ist Peter Weibel da. Als ob er es geahnt hätte.
Am Abend eine weitere Textprobe – immerhin ist es uns inzwischen in gemeinsamer Arbeit mit unserer charmanten Dramaturgin Julia Gerlach gelungen, den Text auf eine bewältigbare Länge zu kürzen, nämlich auf ungefähr die Hälfte. „Peter Weibel stösst vielleicht dazu.“. Wir warten. Kurz darauf ein Anruf bei Peter Weibel – „Nein, er hat sich verschätzt, er schafft es heute leider nicht mehr“. Wir arbeiten auch so, sehr intensiv.

Ein bißchen Sorgen macht uns momentan die Musik – Ludger Brümmer hat etwas sehr Interessantes versucht, nämlich die komplette Auflösung der Einheit von Wörtern, Tönen oder Silben. Wir sind uns aber noch nicht so ganz sicher, wie das klingen wird.
Hier ein Beispiel:

effcfdf

Wem es gelingt, mir diese Zeile überzeugend performt als .mp3 zu schicken, wird nicht nur hier im Blog veröffentlicht werden, sondern bekommt auch noch eine Freikarte fürs nächste ADEvantgarde-Festival.
Versprochen!

Euer
Moritz Eggert

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1 Antwort

  1. Stefan sagt:

    Große Tonsatzkunst, in der Tat.